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Eva Maria Schmitt: Leitlinien zum Umgang mit Verwirrten

Cover Eva Maria Schmitt: Leitlinien zum Umgang mit Verwirrten. Schwierigen Situationen sicher begegnen. Vincentz Verlag (Hannover) 1999. 64 Seiten. ISBN 978-3-87870-612-0. 12,80 EUR.
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Einführung in das Thema

"Verwirrtheit" ist eine Verhaltensbeschreibung in der Altenhilfe, bei der es im Grunde erst einmal nicht um Ursachen geht, sondern darum, wie das Verhalten der betroffenen alten Menschen auf das Gegenüber wirkt: Die Reaktionen der Patienten sind nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, und man ist unsicher, wie man damit umgehen soll; man ist selber "verwirrt". Verwirrtheit wird häufig – vor allem von Nicht-Fachkräften – gleichgesetzt mit Demenz als primär hirnorganischer Störung bzw. mit gerontopsychiatrischer Erkrankung allgemein.

Es besteht eine relativ große Hilflosigkeit bei denen, die tagtäglich mit diesen "Verwirrten" zu tun haben, seien es Angehörige oder Pflegepersonal. Präzise Angaben, wie damit umzugehen ist, wie es z. B. Vorgaben für die Behandlung von Dekubitus gibt (Pflegestandards), können nicht gemacht werden. Und so fehlen geeignete Instrumente, die Sicherheit geben könnten für das eigene Handeln.

Hintergrund und Vorgeschichte

In Berlin werden in der ambulanten Altenpflege für die Grundpflege und für hauswirtschaftliche Hilfen "Hauspflegerinnen" eingesetzt, die für die Probleme, die im Umfang mit psychisch beeinträchtigen alten Menschen nicht ausgebildet wurden, aber häufig solchen Patienten in ihrem Arbeitsalltag begegnen. Zwar hatten viele Hauspflegerinnen Kurse über psychische Erkrankungen im Alter besucht, waren aber kaum in der Lage, den Transfer in konkrete Situationen zu leisten. Zudem gibt es wenig relevante Literatur, auf welche zurückgegriffen werden könnte.

Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales finanzierte daher ein Projekt an der Diakoniestation Britz-Bückow mit u. a. dem Ziel, heraus zu arbeiten, welche Form der Unterstützung diese Hauspflegerinnen für den Umgang mit Verwirrten brauchen.

Das Ergebnis bestand aus den hier vorliegenden "Leitlinien" als bewährte Verhaltensvorschläge für den Umgang mit typischen Situationen, wie sie nicht nur in der ambulanten, sondern auch in der stationären Altenpflege häufig auftreten.

Die Tatsache, dass Hauspflegerinnen Hilfskräfte ohne fachliche (alten)pflegerische Ausbildung sind, führte zu dem Entschluss, sich in einer leicht verständlichen Sprache auf konkrete Verhaltensweisen zu beziehen.

Dr. Jan Wojnar, Hamburg, verfasste den theoretischen Teil, in dem auch auf rechtliche Probleme eingegangen wird und fügte eine kurze Literaturliste bei.

Inhalt und Gliederung

In der Einleitung wird die Problematik beschrieben, der in der ambulanten Altenpflege Tätige im Umgang mit "psychisch kranke(n) ältere(n) Erwachsene(n)" (S.7) begegnen. Es wird angeregt, die Leitlinien zur Erstellung der Pflegepläne heran zu ziehen; wenn auch nicht alle möglicherweise angebrachte Verhaltenseisen hier erfasst sind, können die Vorschläge aber evtl. dazu führen, die eigenen bewährten Lösungen in ähnlicher Form schriftlich zu diskutieren und zu fixieren.

Es wird – aufgrund der im Projekt gemachten Erfahrungen – angeraten, vor Ort Fachärzte zu Fallberatungen bzw. –Besprechungen ein zu laden, da dies effizienter ist als eine dezentrale, eher theoretische Fortbildung.

Der Beitrag von Dr. Wojnar wird als Vorlage für Fortbildungen empfohlen.

Ferner wird angegeben, auch andere Berufsgruppen hätten von den für Hauspflegerinnen konzipierten Leitlinien profitiert.

Schließlich wird begründet, warum nur die weibliche Form ("Patientin") gewählt wurde.

Im ersten Teil "Psychische Beeinträchtigungen im Alter" referiert Jan Wojnar die Problematik in der Gerontopsychiatrie, zwischen normalen physiologischen, altersbedingten und krankhaften Symptomen zu unterscheiden sowie zu erkennen, ob möglicherweise iatrogene Störungen vorliegen, und er verweist auf die häufig bestehende Multimorbidität mit den damit verbundenen Beeinträchtigungen im körperlichen Bereich.

In den folgenden Abschnitten werden alternsbedingte Einschränkungen mit ihrem Einfluss auf die psychische Gesundheit beschrieben; Ausführungen zu den häufigsten psychischen Störungen im Alter: Delir, Demenz, Depression und Wahnerkrankungen ergänzen diesen Teil.

Schließlich wird die rechtliche Problematik ärztlicher Maßnahmen vor dem Hintergrund des Artikels 2 Absatz 2 des Grundgesetzes, insbesondere in Bezug auf die Verabreichung von Medikamenten, dargelegt.

Der Beitrag schließt mit einer kurzen Literaturliste.

Der zweite Teil beinhaltet die "Leitlinien" und fängt mit der Empfehlung an, die Anregungen mit eigenen Erfahrungen zu ergänzen und evtl. zu verändern. Es folgen die allgemeine Ziele der Maßnahmen sowie allgemeine Hinweise zum Umgang mit Verwirrten.

Unter dem Oberbegriff "Verwirrtes Verhalten" wird nun konkretes Verhalten von Patientinnen benannt (z. B. Orientierungslosigkeit, plötzliches Vergessen, Situationen verkennen) und daneben werden "mögliche Reaktionen" beschrieben. Es folgen "Wahnvorstellungen" (Akustische/optische Wahrnehmungen, Vergiftigungsängste) und "Depressive Verstimmungen" (z. B. Appetitlosigkeit, antriebslos sein, Schlafstörungen, Jammern), wobei nach dem gleichen Muster verfahren wird: Konkretes Verhalten wird geschildert und daneben empfohlen, wie darauf reagiert werden soll. Dabei werden auch Anregungen zur Reflexion auf das eigene Verhalten gegeben und das Hinterfragen aufgrund des vorhandenen Wissens über zugrunde liegende Krankheitsbilder formuliert. Den letzten Abschnitt bilden "Allgemeine schwierige Situationen" (z. B. Beschuldigungen, gegen einander ausspielen, Verlangsamung, Suchtprobleme). Die Verhaltensempfehlungen sind in der direkten Ansprache ("Suchen Sie mit der Patientin Stammplätze für wichtige Dinge.") formuliert.

Zielgruppen

In der Pflege psychisch beeinträchtigter älterer Menschen Tätige; insbesondere jene ohne fachspezifische Ausbildung.

Einschätzung

Das Buch zerfällt in zwei Teile: das sehr wissenschaftlich formulierte Kapitel von Jan Wojnar und die sehr konkreten, aus der Praxis heraus formulierten, leicht verständlichen Empfehlungen anhand genau definierter Situations- und Verhaltensbeschreibungen der Leitlinien.

Der erste Teil ist für die gedachte Zielgruppe des Buches nicht einfach zu verstehen und wohl im Grunde hauptsächlich an Fortbildner/innen gerichtet. Bei der Literaturliste fällt auf, dass der überwiegende Teil der 11 genannten Bücher vor allem für Fachärzte geeignet ist; auf die Praxis gerichtete Bücher, wie etwa von Erich Grond (z. B. Die Pflege verwirrter alter Menschen), Zgola (Etwas tun!), Kipp/Jüngling (Verstehender Umgang mit alten Menschen) fehlen leider.

Beim zweiten Teil fällt angenehm auf, dass immer wieder auf die Notwendigkeit des Dokumentierens hingewiesen wird – ein durchgängig schwacher Punkt im (alten)pflegerischen Bereich. Wichtig ist auch die wiederholt ausgesprochene Empfehlung, gemeinsam mit der Patientin etwas zu tun. ("Bringen Sie Uhren und Kalender gemeinsam mit der Patientin auf den aktuellen Stand.")

Die Problemsituationen und das Verhalten der Betroffenen sind klar beschrieben; die Verhaltensempfehlungen sehr einfühlsam und gut nachvollziehbar für die Zielgruppe der Pflegenden formuliert.

In der Einleitung werden verschiedene Berufsgruppen genannt, die neben den Hauspflegerinnen von den Leitlinien profitiert haben; es muss angemerkt werden, dass Altenpfleger/innen dort nicht aufgeführt werden, es sei denn, sie würden unter "andere Fachleute" fallen....

Die Spiralbindung ermöglicht ein leichtes Mitnehmen und Nachschlagen; ein Einband würde bei häufiger Nutzung vor Ort (und dafür ist das Buch ausdrücklich gedacht) sehr schnell beschädigt werden.

Fazit

In der Einleitung wird die Hoffnung ausgesprochen, die Leitlinien mögen für viele ein Handwerkszeug werden, mit dem viele Situationen im Umgang mit psychisch beeinträchtigten alten Menschen leichter zu bewältigen seien.

Der theoretische Teil, in dem Hintergrundwissen zu den Krankheitsbildern und den Symptomen vermittelt wird, ist eher für Fortbildner/-innen geeignet; in der Literaturliste fehlen allerdings Praxis orientierte Bücher.

Der praktische Teil, in dem sehr viele Problemsituationen konkret und wieder erkennbar beschrieben werden, beschreibt nachvollziehbare, im Laufe eines vom Senat für Gesundheit und Soziales in Berlin finanzierten Projektes erprobte, empfohlene Reaktionen auf das problematische Verhalten psychisch gestörter alter Menschen. Es wird betont, dass diese Empfehlungen evtl. modifiziert werden sollten und nicht als das allein richtige Verhalten gelten können. Der häufige Hinweis auf die notwendige Dokumentation belegt die Praxisnähe der Empfehlungen.

Es wird angeregt, in der gleichen Art selbst nach Lösungen für den Umgang mit verwirrten alten Menschen zu suchen und Lösungen in die Pflegepläne auf zu nehmen.

Die praktische Spiralbindung erleichtert die Nutzung "vor Ort" und erleichtert es, in solchen Situationen hier Rat zu suchen.

Es ist davon aus zu gehen, dass die in der Einleitung sehr realistisch formulierte Hoffnung mit ihrer Einschränkung ("leichter zu bewältigen") erfüllt werden kann und dass die Hilflosigkeit vieler Pflegender und Betreuer verringert werden könnte.


Rezensentin
Kinie Hoogers
Diplom-Pädagogin
Fortbildungen in der Altenpflege, Gerontologische und altenpflegerische Forschung


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Zitiervorschlag
Kinie Hoogers. Rezension vom 01.01.2001 zu: Eva Maria Schmitt: Leitlinien zum Umgang mit Verwirrten. Schwierigen Situationen sicher begegnen. Vincentz Verlag (Hannover) 1999. ISBN 978-3-87870-612-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/34.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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