Konrad Bundschuh: Perspektiven der Heilpädagogik
Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 17.12.2025
Konrad Bundschuh: Perspektiven der Heilpädagogik. Eine Auseinandersetzung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft. BHP Berufs- und Fachverbands GmbH 2025. 264 Seiten. ISBN 978-3-942484-54-1. D: 23,00 EUR, A: 23,70 EUR.
Thema
Die zu besprechende Publikation widmet sich der Heilpädagogik „von den Ursprüngen bis hin zu den Entwicklungen und Herausforderungen der Gegenwart und (möglichen) Zukunft“ (Klappentext).
Autor
Konrad Bundschuh ist emeritierter Professor. Er forschte und lehrte zuletzt zur Pädagogik bei geistiger Behinderung und zu derselben bei Verhaltensstörungen an der Fakultät für Psychologie und Pädagogik am Department Pädagogik und Rehabilitation der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Entstehungshintergrund
Konrad Bundschuh legt eine überarbeitete und erweiterte Version seiner Einführung in die allgemeine Heilpädagogik vor, welche 2010 im Kohlhammer Verlag erschienen ist, Für die Entstehung dieser Veröffentlichung macht Konrad Bundschuh, wie er es auf Seite 10 schreibt, die Impulse und Fragen von Studierenden verantwortlich, die für ihn immer anregend waren.
Aufbau
- Problemaufriss unter besonderer Berücksichtigung aktueller Herausforderungen in den heil- und sonderpädagogischen sowie lerntherapeutischen Arbeitsfeldern
- Heil- und Sonderpädagogik zwischen Grundlegung und Kritik
- Heil- und Sonderpädagogik in der modernen Leistungsgesellschaft – Krise und Chance
- Integration als Herausforderung und als ungelöstes Problem
- Analyse heilpädagogischer Beziehungen aus pädagogisch-psychologischer Perspektive – historische und aktuelle Aspekte
- Grundlegende anthropologische und ethische Aspekte der Heilpädagogik
- Pädagogische Grundüberlegungen im Rahmen heilpädagogischer Fragestellungen
- Bedeutung des Konstruktivismus für die Heil- und Sonderpädagogik sowie Lerntherapie
- Bedürfnisorientierung – mehr als eine Utopie
- Vergessene Vulnerabilität – Anthropologie der Verletzbarkeit und Aufgabe für zukünftiges Handeln
- Grundlegende Prinzipien heil- und sonderpädagogischen sowie lerntherapeutischen Wahrnehmens, Verstehens und Handelns im Kontext Orientierung am Kind
- Ausblick: Herausforderungen und Konsequenzen für die Heil- und Sonderpädagogik sowie Lerntherapie unter den Aspekten Begegnung und Beziehungsgestaltung
Inhalt
Um das heutige Wirken auf dem Feld der Heilpädagogik einordnen zu können ist es wichtig sich mit der Geschichte des Faches auseinanderzusetzen. Und – für das Fach – ist diese Geschichte nicht durchweg schlimm, auch wenn 1770 die Gründung einer Schule für Gehörlose beispielhaft für die institutionalisierte Betreuung von Behinderungserfahrenen diente. So lesen wir auf Seite 84, dass bei allen nicht zu euphemisierenden Problemen, „man im Hinblick auf das Arbeitsfeld Heil- und Sonderpädagogik resümieren (kann – CR), dass sich […] vieles bewegt und verändert hat – überwiegend zum Positiven hin.“
Schlimm an dieser Geschichte war aber „die Ermordung behinderter und psychisch kranker Menschen während der Hitlerzeit“ (S. 35). Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Bildungsrecht für alle behinderungserfahrenen Kinder beansprucht, was schließlich in die Integration mündete.
Die Grundlagen bildet die Diskussion zu den unterschiedlichen Begrifflichkeiten in der Heil- und Sonderpädagogik, als da wären:
- die Sonderpädagogik
- die Heilpädagogik
- die Behindertenpädagogik
- die Rehabilitationspädagogik
Für das Verständnis der Heilpädagogik ist die Kenntnis des Lebens und des Werkes der Klassikerinnen und Klassiker der Heilpädagogik wichtig. Hierbei befasst der Autor sich mit:
- Johann Heinrich Pestalozzi
- Jan Daniel Georgens und Heinrich Marianus Deinhardt
- Maria Montessori
- Heinrich Hanselmann
- Paul Moor
- Emil E. Kobi
Mit was für Krisen und Umbrüchen muss sich die Heil- und Sonderpädagogik befassen? Eine Krise, die seit den 1960er und 1970er Jahren besteht, ist die Klassifizierung, die institutionell gegeben sind. Diese Krise führt zu einer Umorientierung hin zu einer subjektorientierten Betrachtung von behinderungserfahrenen Menschen, die dann auch für die Integration dienlich ist.
Für die Forschung ist der Blick auf die Nachbardisziplinen – als da wären beispielsweise Theologie, Rechtswissenschaften, Psychologie – unerlässlich und, wie Bundschuh es nennt, eine Herausforderung.
Fehlen darf in einer derartigen Publikation dann auch nicht die Diskussion des Themas Integration. Diese Diskussion nimmt ihren Anfang bei den historischen Aspekten. „Normalisierung und Entwicklung der Integrationsbewegung werden […] unter Berücksichtigung internationaler Diskussionen thematisiert“ (S. 93).
Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage nach der Separation in sonderpädagogische Institutionen und der Integration bis hin zur Inklusion.
Für die Heilpädagogik ist das Thema Beziehung von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So fordern dialogisches Leben, heilpädagogische Haltung und Partnerschaft zum Befassen mit dem Thema Beziehung heraus. Heilpädagogische Beziehungen können auch verhindert werden.
Anthropologische Themen spielen schon immer eine Rolle in der Heilpädagogik. Ethische Fragestellungen allerdings werden erst seit den 1990er Jahren in der Heil- und Sonderpädagogik behandelt. Der Grund hierfür liegt maßgeblich in der Debatte um den australischen Bioethiker Peter Singer.
Notwendig ist es dem Autor das Verhältnis von Allgemeinpädagogik und Heil- und Sonderpädagogik zu hinterfragen. Diese Überlegungen sind für die Erziehung des behinderungserfahrenen Kindes zu nutzen, denn es ist die Aufgabe der Heil- und Sonderpädagogik, erzieherisches Handeln, welches die präsente Situation verbessert, anzustoßen. Dies geschieht über die Aspekte Verstehen, Grenzerfahrung und Scheitern.
Der Radikale Konstruktivismus befasst sich mit einem Menschenbild, „aus dem sich Konsequenzen für die Heil- und Sonderpädagogik und die Lerntherapie ableiten lassen“ (S. 196). Dieser Radikale Konstruktivismus fragt nach dem Verhältnis von erkennendem Subjekt und Objekt zueinander und er fragt nach der Entstehung von Wissen.
Für das heil- und sonderpädagogische Tun ist es wichtig und notwendig, bedürfnisorientiert zu verfahren, d.h. die Bedürfnisse der Behinderungserfahrenen zu ermitteln und zu befriedigen. Hierbei stehen die eigenen Bedürfnisse der heil- und sonderpädagogisch Agierenden nicht im Fokus. Letztere sind unbedingt zu vernachlässigen. Aus diesem Grund fragt Bundschuh danach, ob die Bedürfnisse von behinderungserfahrenen Kindern überhaupt ergründet werden können oder die eigenen Bedürfnisse und Emotionen der professionell Tätigen dem Ganzen im Wege stehen. Das Ziel ist die Orientierung am behinderungserfahrenen Menschen.
Die Vulnerabilität, die Verletzbarkeit des Menschen, ist spätestens seit der Coronapandemie zu Beginn des dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts in den Fokus der Heilpädagogik geraten. Normalbiografien können sich in Bruchbiografien wandeln, wie Bundschuh es auf Seite 230 nennt. Es ist dringend erforderlich, dass sich die Heilpädagogik mit diesen biografischen Brüchen auseinandersetzt.
Für das heilpädagogische Handeln gilt es, sich an den 10 grundlegenden Prinzipien, quasi den 10 Geboten heil-, sonderpädagogischen und lerntherapeutischen Wahrnehmens, Verstehens und Handelns mit Blick auf das behinderungserfahrene Kind, zu orientieren. Hier gilt es, die Stärken, die Kompetenzen, die Ressourcen zu betrachten und zu beachten.
Am Ende seiner Ausführungen weist Konrad Bundschuh auf die Veränderungen hin, die die Heilpädagogik vor neue Herausforderungen stellt. Diese Veränderungen zeigen sich beispielsweise in der technischen Erziehung, z.B. durch TV, Videospiele, Playstation u.ä. Zukünftig „müssen heilpädagogische Theorie und Praxis ein neues Aufgabenverständnis und Selbstverständnis aus diesen Herausforderungen gesellschaftlicher Umbruchsituationen ableiten“ (S. 243).
Diskussion
Die Lernfragen, die sich am Ende eines jeden Kapitels befinden, sind eine gute Überprüfung des zuvor Gelesenen. Ebenso dienen diese Lernfragen zur Vertiefung des behandelten Themas. Darüber hinaus können über die Lernfragen z.B. für Lerngruppen oder in der Lehre Diskussionen angeregt werden.
Es ist sehr schön, dass Konrad Bundschuhs Ausführungen aktuelle Ereignisse enthalten, wie die Coronapandemie, die in der Ausgabe von 2010 ja noch nicht vorgelegen hat.
Fazit
Mit dieser Publikation hat der Autor ein hervorragendes Lehr- und Lernwerk produziert. Es ist ihm gelungen die Anregungen der Studierenden, wie er anfangs betont, verständlich umzusetzen.
Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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