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Janina Kitzerow-Cleven, Tobias Schuwerk et al. (Hrsg.): Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes- und Jugendalter

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 23.12.2025

Cover Janina Kitzerow-Cleven, Tobias Schuwerk et al. (Hrsg.): Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes- und Jugendalter ISBN 978-3-17-042359-6

Janina Kitzerow-Cleven, Tobias Schuwerk, Tina In-Albon, Hanna Christiansen, Christina Schwenck (Hrsg.): Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes- und Jugendalter. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 182 Seiten. ISBN 978-3-17-042359-6. 32,00 EUR.
Reihe: Klinische Psychologie und Psychotherapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Verhaltenstherapeutische Interventionsansätze.

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Thema

Autistische Menschen zeigen eine große Vielfalt an Stärken, Herausforderungen und Begleiterkrankungen, was die Diagnostik, Förderung und Therapie komplex und anspruchsvoll macht. Dieses Buch gibt einen Überblick über Erscheinungsbilder, Entwicklungsverläufe, Ätiologie und rechtliche Rahmenbedingungen. Neben evidenzbasierten, individuell anpassbaren Therapie- und Förderansätzen kommen auch autistische Erfahrungsexpert:nnen zu Wort.

Autor:in

Dr. Janina Kitzerow-Cleven ist als Psychologin im Bereich Autismus klinisch und wissenschaftlich am Josefinum in Augsburg sowie am Universitätsklinikum Frankfurt tätig. Prof. Dr. Tobias Schuwerk ist psychologischer Psychotherapeut an der LMU München und forscht zur Entwicklungs- und klinischen Psychologie des Kindes- und Jugendalters mit Schwerpunkt Autismus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in neun thematische Blöcke sowie ein Literatur- und Stichwortverzeichnis. Im ersten Kapitel „Erscheinungsbild, Entwicklungspsychopathologie und Klassifikation“ werden zunächst Grundlagen gelegt, wozu eine umfangreiche Definition des Begriffs Neurodiversität gehört, die unter dem Leitgedanken steht: „Der Begriff Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt neurologischer Funktionen und erkennt an, dass es keine einheitliche ‚normale‘ Gehirnfunktion und damit einhergehendes Erleben und Verhalten gibt“ (S. 17). Im weiteren Verlauf stellt der/die Autor:in dar, welche Abgrenzung zwischen den einzelnen Begriffen ‚Frühkindlicher Autismus‘, ‚Asperger-Syndrom‘ und ‚Autismus-Spektrum-Störung‘ zu ziehen ist, aber auch welche Zusammenhänge es gibt. Ein weiterer Teil, von einem jungen Mann mit Asperger-Syndrom aus seinem eigenen Erleben angereichert, setzt sich mit Spezialinteressen, restriktiven und repetitiven Verhaltensweisen auseinander. Damit gehen häufig Über- und Unterempfindlichkeiten verschiedener oder aller Sinneswahrnehmungen einher. Wie sich das Störungsbild vom Kleinkind- über das Schulalter und die Jugend weiterentwickelt, spielt in diesem Kapitel ebenfalls eine rolle. Auch hier kommen wieder Expert:innen in eigener Sache zu Wort. So berichtet zum Beispiel die Mutter eines kleinen Mädchens mit frühkindlichem Autismus von dessen Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion. Ein weiterer Schwerpunkt sind die diagnostischen Kriterien, wobei sowohl die ICD-10 als auch die ICD-11 und das DSM Berücksichtigung finden.

Im Kapitel 2 werden Epidemiologie, Verlauf und Folgen in den Blick genommen. Dabei wird gleich ein überraschender Fakt deutlich: Es gibt in Deutschland keine flächendeckende Studie über die Häufigkeit von Störungen aus dem Autismus-Spektrum. Lediglich internationale Studien geben einen Hinweis darauf, dass etwa jedes 100. Neugeborene Kinder dem Spektrum zuzuordnen sind. Welche Folgen junge Menschen erleben, wird anhand von Aussagen von Betroffenen dargestellt. Aufgrund ihres „anders Seins“ erfahren Kinder und Jugendliche häufig soziale Ausgrenzung und Ablehnung, was sich enorm auf die psychische Gesundheit auswirken kann. Wichtig sind daher Komorbidität und Differenzialdiagnosen, die im dritten Kapitel thematisiert werden. Unter die komorbiden Störungen oder Krankheiten können zum Beispiel Lern- oder Sprachstörungen, Zwangsstörungen, Oppositionelles Verhalten, Epilepsie doer Ernährungsprobleme sowie vieles mehr fallen. Differenzialdiagnosen, die aufgrund ähnlicher Symptomatiken zu den Auffälligkeiten des Autismus-Spektrums in Betracht gezogen werden müssen, sind zum Beispiel Sprachentwicklungsverzögerungen oder -störungen, Intelligenzminderung bzw. Globale Entwicklungsverzögerungen sowie ADHS, die Störung des Sozialverhaltens oder Angststörungen. Deshalb sind kompetente Diagnostiker:innen besonders wichtig. Wie diese bei der Erstellung ihrer Diagnose vorgehen, wird im fünften Kapitel „Diagnostik und Indikation“ beschrieben, während das sechste Kapitel „Störungstheorien und -modelle“ näher beleuchtet. Hier wird schnell deutlich, dass es keine einfache Erklärung für die Entstehung einer Autismus-Spektrum-Störung gibt. So spielen biologische Faktoren wie die Genetik oder Umweltfaktoren eine Rolle. Auch zur Erblichkeit des Autismus-Spektrums gibt es keine einheitliche Erklärung, diese kann variieren in Abhängigkeit von Population und Umweltbedingungen. Aber auch dazu gibt es eine große Menge von Erklärungsansätzen aus medizinischer und psychologischer Sicht, so dass es sehr anspruchsvoll ist, „alle Komponenten und Aspekte dieses äußerst heterogenen Phänomens zu erfassen und zu verstehen“ (S. 97).

„Autismus-Therapie, Psychotherapie und allgemeine Fördermöglichkeiten“ ist das sechste Kapitel überschrieben, das unter anderem autismusspezifische Interventionen im Vorschulalter, die Arbeit mit autistischen Menschen mit Intelligenzminderung, aber auch schwierige Therapiesituationen beschreibt. Kapitel über die Psychotherapieforschung und rechtliche Aspekte runden das Buch inhaltlich ab. Zum Ende gibt der/die Autor:in noch eine klare Stellungnahme ab: Um Menschen aus dem Autismus-Spektrum das zu geben, was sie benötigen, bedarf es eines gesellschaftlichen Paradigmenwechsels.

Diskussion

Sehr praxisnah und kompetent, dazu eine lesefreundliche Visualisierung der Inhalte: Mit diesen Zutaten schaffen es Janina Kitzerow-Cleven und Tobias Schuwerk, Fachkräfte und alle, die mit autistischen Kindern und Jugendlichen arbeiten, zu ermutigen, diesem facettenreichen Thema mit Offenheit zu begegnen. Sie nehmen mit einer klaren Haltung und viel Authentizität die Leser:innen mit in eine Welt, die Menschen ohne Neurodivergenz nur mit viel Wissen und Empathie verstehen können. Dass sie dabei auf Erfahrungen von Menschen aus dem Autismus-Spektrum zurückgreifen, macht das Buch besonders wertvoll und lesenswert.

Fazit

In kompakter Form vermittelt dieses Buch viel Wissen und verbindet es mit einer großen Vielzahl an Praxisbeispielen. Damit ist es nicht nur für Fachkräfte ein großer Fundus, sondern auch für Interessierte, die mehr über das Autismus-Spektrum im Kinder- und Jugendalter erfahren wollen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 201 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245