David Zimmermann: Psychosoziale Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 10.04.2026
David Zimmermann: Psychosoziale Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen. Erkennen, verstehen, Beziehung gestalten. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 190 Seiten. ISBN 978-3-17-045328-9. 32,00 EUR.
Thema
Kinder und Jugendliche mit erheblichen Problemen im Erleben und Verhalten gelten als größte Herausforderung in Erziehungs‑ und Bildungsinstitutionen. Die hoch belastete innere Welt der jungen Menschen, traumatische Beziehungserfahrungen und sozialer Kontext stehen dabei in einem Wechselspiel und definieren die psychosozialen Beeinträchtigungen. Aus einer psychoanalytisch-pädagogischen Perspektive beschreibt das Buch Bedingungsfelder von erschwerter Entwicklung, Herausforderungen und Chancen pädagogischer Beziehungsarbeit und die erforderliche spezifische Professionalität.
Autor
Prof. Dr. David Zimmermann leitet die Abteilung „Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen“ am Institut für Rehabilitaionswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Aufbau und Inhalt
Im ersten Kapitel Disziplinäre Perspektiven auf psychosoziale Beeinträchtigungen legt David Zimmermann wichtig Grundlagen und verdeutlicht die hinter dem Buch stehende Haltung, indem er die Frage aufwirft, wer hier eigentlich gestört sei. Sind es die Kinder und Jugendlichen oder ist es vielleicht doch das System beziehungsweise die Gesellschaft, die keine Antwort auf die Nöte der jungen Menschen wissen? Klar wird: Einfache Antworten und Lösungen gibt es im Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten nicht. Deshalb steht in diesem ersten Kapitel auch eine multiperspektivische Herangehensweise auf dem Programm, die durcah Betrachtung verschiedener Ebenen wie Bindungs‑ und Traumatheorie aber auch der Beschäftigung mit der Subjektlogik als „Scharnierbegriff“, wie der Autor sie nennt. Gemeint ist mit diesem in der Fachwelt noch gar nicht so verbreiteten Begriff, dass „Erleben und Verhalten (…) vor dem Hintergrund des inneren Erlebens einer Person und spezifisch damit verbundenen Affekte[n] sinnvoll“ (S. 52) erscheint.
Trianguläre generative Beziehungen und Gruppendynamik bei psychosozialen Beeinträchtigungen ist das zweite Kapitel überschrieben. Was zunächst sperrig klingt, wird auf den nächsten Seiten erklärt. Deutlich wird, dass Beziehungen in pädagogischen aber auch außerschulischen Kontexten nicht ausschließlich durch das Hier und Jetzt geprägt sind, sondern auch immer von Vergangenem beeinflusst wird. Die jungen Menschen können in der Gegenwart also „Erfahrungen [sammeln], die wichtig potentiell [sic!] hilfreich, aber ebenso belastend für ihre Entwicklung sein können“ (S. 56). Um das näher auszuführen, werden die im ersten Kapitel eingeführten theoretischen Überlegungen herangezogen.
Um Professionalität und Professionalisierung geht es im vierten Kapitel. Ein wichtiger Schritt dazu ist die permanente Selbstreflexion: Was macht das Verhalten des Kindes oder Jugendlichen mit mir als Fachkraft und warum könnte das so sein? Ebenso große Bedeutung hat aber auch der Wunsch nach Fallverstehen. Nur mit viel Wissen über die Biografie des jungen Menschen können sich Fachkräfte auf den Weg machen, eine Idee zu den Ursprüngen des herausfordernden Verhaltens zu machen. Das ist dabei nicht als Entschuldigung für alles zu verstehen, sondern als wichtiger Zugang, um Ideen zum eigenen Handeln aber auch vielleicht den eigenen Grenzen zu entwickeln.
Im Kapitel Psycho‑ und soziodynamische Perspektiven auf Förderkonzepte geht es zum Beispiel um Kontrolle von und den Umgang mit Störungen sowie den Verlust des Sinns von Verhalten. Dabei wirft David Zimmermann einen Blick in die Schulen und diskutiert die Frage, wieso Lehrer:innen häufig versuchen, problematisches Verhalten quasi umzuerziehen und mit vor allem kognitiv orientierten Interventionen zu händeln. Wäre es eine Erklärung, dass die „Vorstellung, Verhalten gezielt steuern und kontrollieren zu können (…), als Versuch, mit dieser Verunsicherung umzugehen“ (S. 114) verstanden werden könnte?
Einen speziellen Blick auf das System Schule wirft das Abschlusskapitel Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen und Unterricht, denn über spezielle Unterrichtsformen für für Schüler:innen mit psychosozialen Beeinträchtigungen gibt es kaum Veröffentlichungen. Besonders die Frage der emotionalen Bedeutung von Unterrichtsgegenständen und Sozialformen des Lernens muss als stark vernachlässigtes Thema des schulischen Förderschwerpunkts der emotionalen und sozialen Entwicklung gelten, weshalb David Zimmermann hier Ideen eines subjektorientierten Unterrichts unter besonderer Beachtung psychoanalytisch-pädagogischer Perspektiven einführt und erklärt, dass Lernen unter psychosozialen Belastungen nur sehr eingeschränkt im üblichen Rahmen möglich ist.
Diskussion
Das Buch möchte Forscher:innen, Dozent:innen und Studierende in den Hochschulen ebenso wie pädagogische Fachkräfte erreichen, die den subjektiven Sinn hinter dem – bisweilen hochproblematischen – Verhalten psychosozial beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher zu entdecken und vor allem verstehen wollen und es schaffen, die Unsicherheit in der pädagogischen Beziehung aushalten. Es ist gleichzeitig und überaus engagierter Appell, in Lehre und in der Forschung die Selbstreflexion als Paradigma der Disziplin und zugleich der Arbeit mit hoch belasteten Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen, wie es David Zimmermann in seinem Vorwort formuliert. Diesem Anspruch wird das Buch vollumfänglich gerecht, auch wenn es optisch aufgrund der nicht vorhandenen grafischen Elemente auf den ersten Blick nicht so ansprechend wirkt. Der Inhalt aus großem Fachwissen und einer klaren Haltung sorgt aber letztlich dafür, dass dieses Buch ein Gewinn ist – auch wenn es mit seiner kompakten Form natürlich keine Gesamtdarstellung des Themas bieten kann. Das muss aber auch gar nicht sein. Es reicht, um Leser:innen Grundlagen zu vermitteln und sie im besten Falle für die Erweiterung des Blicks zu sensibilisieren. Und damit ist ein großer Schritt getan.
Fazit
Ein Plädoyer für eine offene Haltung mit Neugier auf dem Wunsch, den subjektiven Sinn hinter Verhalten zu verstehen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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