Lutz Karnauchow, Petra Thees: Alt, fit, selbstbestimmt
Rezensiert von Dr. Thomas Mader, 19.03.2026
Lutz Karnauchow, Petra Thees: Alt, fit, selbstbestimmt. Warum wir Alter ganz neu denken müssen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 242 Seiten. ISBN 978-3-17-045381-4. 27,00 EUR.
Thema
„Alt, fit, selbstbestimmt“ bricht mit den gängigen Vorurteilen darüber, wie die Begleitung von Alterungsprozessen in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft gestaltet werden muss. Auf Basis eines grundlegend neu definierten Pflegeverständnisses werden innovative Ansätze wie das Konzept ‚Coaching statt Pflege‘ vorgestellt. Zudem zeigt das Buch konkrete Gestaltungsoptionen für die moderne Altenpflege auf, die sich an den bewährten Praxiskonzepten des Unternehmens domino-world orientieren.
Autor:in oder Herausgeber:in
Lutz Karnauchow, Jahrgang 1953, gründet domino-world 1982 nach dem Psychologiestudium an der FU Berlin. Parallel führt er fünf Jahre lang eine eigene Praxis für systemische Familientherapie und Gesundheitspsychotherapie. 2020 übergibt er sein Vorstandsamt bei domino-world an Dr. Petra Thees und wird Vorstand der gemeinnützigen domino-coaching Stiftung. Thees und Karnauchow sind verheiratet und leben in der Nähe von Berlin.
Dr. Petra Thees ist 1963 in Bergen/Rügen geboren und hat 1988 in Linguistik promoviert. Seit 1992 arbeitet sie für domino-world und führt seit 2020 die Geschäfte als Vorstand
Entstehungshintergrund
Die Lutz Karnauchow und Dr. Petra Thees verstehen ihr Werk als einen „Aufruf zum Umdenken“ und damit als Blaupause für einen Paradigmenwechsel für die Ausrichtung von Pflege im Umgang mit älteren Menschen. Das Buch ist deshalb in erster Linie als Aufklärung, Inspiration und Aufruf zur Aktivierung zu verstehen, um auf Basis positiver Altersbilder Konzepte neu zu denken, die Entwicklung hochaltriger Menschen zu fördern und die sie begleitenden Mitarbeitenden zu entwickeln.
Aufbau
Das Buch ist in neun Hauptkapitel gegliedert. In den Kapiteln 1 bis 4 werden die Grundlagen für die Definition von Alter, den Status quo der Pflege in Deutschland, sowie eine Neubewertung des Alters und die Bedeutung von Reha-Maßnahmen behandelt. In Kapitel 5 wird das Unternehmen domino-world und dessen Entstehungsgeschichte dargestellt. Die Kapitel 6 bis 8 stellen das Konzept „domino-coaching“ und zentrale Herausforderungen bei dessen Implementierung vor. Kapitel 9 schließt mit einem Call-to-Action für die Übertragung des Konzepts (Kapitel 7) auf das eigene Unternehmen.
Inhalt
„Alt, fit, selbstbestimmt“ postuliert einen radikalen Paradigmenwechsel in der stationären und ambulanten Altenhilfe, indem es das herkömmliche, defizitorientierte Pflegeverständnis zugunsten einer rehabilitativen Ausrichtung verwirft. Die zentrale These des Buches besteht darin, dass eine rein versorgungsorientierte Pflege die Abhängigkeit der Betroffenen ungewollt verfestigt, während der innovative Ansatz „Coaching statt Pflege“ darauf abzielt, Seniorinnen und Senioren als eigenverantwortliche Akteure ihrer eigenen Lebensgestaltung zu begreifen. Dieser methodische Kern beruht auf einer systematischen Neudefinition der pflegerischen Beziehung, in der die Pflegekraft als professioneller Coach agiert, um die verbliebenen Ressourcen der Menschen gezielt zu reaktivieren.
Die methodische Umsetzung dieses Coaching-Ansatzes stützt sich auf eine dreisäulige Struktur, die mit einer detaillierten ressourcenorientierten Potenzialanalyse beginnt, gefolgt von einer partizipativen Zielvereinbarung und schließlich durch gezielte Trainings‑ sowie Motivationsinterventionen im Alltag realisiert wird. Dabei greift das Konzept konsequent die Logiken des PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act) auf, erweitert diese jedoch um eine spezifisch rehabilitative Komponente: Der kontinuierliche Verbesserungsprozess wird hierbei direkt an den individuellen Genesungsfortschritten und dem Autonomiegrad des Bewohners gemessen. Zudem weist die Implementierung des Ansatzes deutliche handlungspraktische Parallelen zum Change-Management-Modell nach John P. Kotter auf. Insbesondere die Etablierung einer neuen Vision, die Überwindung von Widerständen gegen den kulturellen Wandel in der Pflege und die Sicherung kurzfristiger Erfolge durch messbare Rehabilitationsergebnisse spiegeln die Phasen eines tiefgreifenden organisationalen Transformationsprozesses wider.
Diskussion
In der fachlichen Diskussion wirft dieser Ansatz essenzielle Fragen zur Zukunftsfähigkeit des deutschen Pflegesystems auf. Es ist festzustellen, dass die Transformation von einer rein kompensatorischen hin zu einer aktivierenden Pflege eine erhebliche Umstellung der Unternehmenskultur sowie eine spezifische Qualifizierung des Personals erfordert. Während Kritiker potenziell die zeitlichen Ressourcen im Pflegealltag anführen, argumentiert das Werk schlüssig, dass der initiale Mehraufwand durch Coaching langfristig zu einer Reduktion des Pflegeaufwands führt. Die ökonomischen Vorteile, insbesondere die Stabilisierung der Pflegegrade und die Steigerung der Arbeitgeberattraktivität durch ein aufgewertetes Berufsbild, stehen dabei in einer produktiven Wechselwirkung mit dem ethischen Anspruch an die Selbstbestimmung im Alter. Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen, derartige Konzepte in die starren Vergütungsstrukturen der Pflegeversicherung zu integrieren, die bisher primär für Defizite und weniger für die Wiederherstellung von Selbstständigkeit entlohnen.
Positiv hervorzuheben ist weiterhin die gelungene Zugänglichkeit des Buches sowohl für Laien als auch für das interessierte Fachpublikum. Einzig das Fehlen von Arbeitshilfen zur Unterstützung erster Umsetzungsschritte und das Fehlen einer betriebswirtschaftlichen Einordnung des vorgestellten Konzepts hätten das ansonsten gelungene Werk gänzlich abrunden können.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass „Alt, fit, selbstbestimmt“ ein richtungsweisendes Plädoyer für eine evidenzbasierte und am Klienten orientierte Altenhilfe darstellt. Das Buch bietet für das Fachpublikum nicht nur theoretische Impulse, sondern durch den Rückgriff auf die Praxiskonzepte von domino-world eine relativ konkrete Roadmap für die Umsetzung moderner Versorgungsformen. Der Mehrwert des Werkes liegt in der Verbindung von betriebswirtschaftlicher Rationalität mit einer tiefgreifenden humanistischen Grundhaltung. Es liefert damit eine fundierte Antwort auf die drängenden Fragen des demografischen Wandels und stellt unter Beweis, dass professionelle Pflege weit über die reine Grundversorgung hinausgehen kann und muss, um den Ansprüchen einer modernen Gesellschaft gerecht zu werden.
Fazit
„Alt, fit, selbstbestimmt“ stellt ein innovatives Plädoyer für eine rehabilitativ ausgerichtete Altenhilfe dar, die durch das Konzept Coaching statt Pflege die Autonomie älterer Menschen fördert. Es verbindet betriebswirtschaftliche Rationalität mit einer humanistischen Grundhaltung und bietet dem Fachpublikum eine konkrete Roadmap für moderne Versorgungsformen. Trotz kleinerer Lücken bei den Arbeitshilfen liefert das Werk eine fundierte Antwort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels.
Rezension von
Dr. Thomas Mader
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