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Gerhard W. Lauth, Matthias Grünke et al. (Hrsg.): Interventionen bei Lernstörungen

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 08.12.2025

Cover Gerhard W. Lauth, Matthias Grünke et al. (Hrsg.): Interventionen bei Lernstörungen ISBN 978-3-8017-3270-7

Gerhard W. Lauth, Matthias Grünke, Joachim C. Brunstein (Hrsg.): Interventionen bei Lernstörungen. Förderung, Training und Therapie in der Praxis. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2025. 3., überarbeitete Auflage. 718 Seiten. ISBN 978-3-8017-3270-7. D: 54,95 EUR, A: 56,50 EUR, CH: 69,27 sFr.

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Thema

Dieses Buch widmet sich Lernstörungen in der Schule und geeigneten Interventionen. In der Neuauflage werden die wichtigsten Lernstörungen, spezifische Fördermaßnahmen und übergeordnete, wirksame Methoden praxisnah vorgestellt. Die Kapitel enthalten Hinweise zur Zusammenarbeit mit Eltern und Schule sowie aktuelle Erkenntnisse zur Effektivität und organisatorischen Umsetzung der Interventionen. Ein Anhang bietet Leitfäden zur Verhaltensdiagnostik und einen Überblick über relevante Testverfahren. Dieses Buch richtet sich an Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen, Lerntrainer:innen, Lehrkräfte, Lerntherapeut:innen und Studierende.

Herausgeber

Prof. Dr. Gerhard W. Lauth, war von 1992 bis1997 Professor für Entwicklungsförderung und Rehabilitation an der Universität Dortmund und anschließend Professor für Psychologie und Psychotherapie an der Universität zu Köln. Seit 2014 ist er emeritiert und als Psychotherapeut in Klinischer Praxis sowie in Weiterbildung tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Elterntraining; Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen; Aufmerksamkeitsdefizit-/​Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen; Lernstörungen; Verhaltenstherapie bei expansiven Störungen. Prof. Dr. Matthias Grünke war nach seiner Habilitation an der Universität zu Köln von 2005 bis 2007 Professor für Sonderpädagogik an der Universität Oldenburg. Seitdem ist er Professor für Sonderpädagogik an der Universität zu Köln. Sein Arbeitsschwerpunkt sind effektive Fördermethoden für Kinder und Jugendliche mit gravierenden Lernschwierigkeiten. Prof. Dr. Joachim C. Brunstein, war von 1998 bis 2004 Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Potsdam, ab 2004 an der Universität Gießen. 2023 wurde er emeritiert. Seine Arbeitsschwerpunkte: selbstgesteuertes, kooperatives und tutorielles Lernen; Training von Lese- und Schreibkompetenzen; schulische Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten.

Aufbau und Inhalt

Rund 700 Seiten warten auf die Leser:innen, die sich in drei Haupteile gliedern:

Während es in Teil 1 Lernstörungen im Überblick: Arten, Klassifikation, Konzepte um Grundlagenwissen über die wichtigsten Lernstörungen geht, beschreibt Teil 2 Interventionen: Inhalte, Ziele, Vorgehensweisen, Handlungsschritte, die für die Förderung spezifischer Lernleistungen einzusetzen sind. Dargestellt wird dabei zunächst, wie sich die betreffenden Schwierigkeiten symptomatisch äußern, wie verbreitet sie sind, nach welchen Kriterien und mit welchen Verfahren sie diagnostisch abgeklärt werden, wie sie entstehen und welche Ansätze für Prävention und Intervention zur Verfügung stehen. So geht es zum Beispiel ausführlich um die Frage, wie grundlegende und fortgeschrittene Leistungen in den drei schulischen Kernbereichen Lesen, Schreiben und Rechnen aufgebaut werden. In den Kapiteln zu den Grundlagen des Lernens geht es um die Förderung der Lernmotivation, die Schulung von Denk- und Gedächtnisleistungen, den Aufbau sprachlicher Kompetenzen, die Einübung strategiegeleiteten Lernens und die Förderung der Unterrichtsbeteiligung. Mit der Ausgestaltung des Förderunterrichts und mit dem Einsatz PC-gestützter Übungsprogramme beschäftigen sich zwei weitere Beiträge. Die beiden abschließenden Kapitel arbeiten heraus, wie der Erfolg einer Intervention im Einzelfall zu prüfen ist und welche Faktoren für erfolgreiches Intervenieren ausschlaggebend sind.

In Teil 3 Interventionsverfahren: Steckbriefe für Techniken, Umsetzungen und Methoden der Lernförderun geht es um Standardmethoden, die sich in der Förderung, im Training und in der Therapie von Schüler:innen mit verschiedenartigsten Lernproblemen als nützlich erwiesen haben. Hier steht zum Beispiel im Fokus, welche Verfahren für die Ausbildung von förderlichem Lernverhalten eingesetzt werden können. Hierzu gehören auch passende Instruktionsverfahren, bis hin zur Selbstinstruktion durch die Schüler:innen selbst sowie das gemeinsame Lernen mit Gleichaltrigen und unter Einbezug der Eltern. All diesen Methoden gemein ist eine ohne großen Aufwand mögliche Integration in den Alltag. Außerdem wird der Frage nachgegangen, wie Interventionsansätze in der schulischen Lernumgebung verankert werden können. In zwei Kapiteln werden Anleitungen zur Ausgestaltung kritischer Übergänge von der Kita in die Schule und von der schulischen zur beruflichen Bildung gegeben. Alle Teilkapitel sind so ausgelegt, dass sie knapp und bündig über die Ziele, den Hintergrund und das konkrete Vorgehen informieren. Am Anfang steht jeweils eine Art Checkliste, die wesentliche Merkmale des Verfahrens herausstellt. Am Ende folgt eine Übersicht als Orientierungshilfe für die Planung der Umsetzung. Eine umfassende Anleitung zur schrittweisen Umsetzung der vorgestellten Interventionen bildet jedoch das Herzstück der jeweiligen Kapitel.

Um potenziellen Leser:innen einen Einblick in das Buch zu geben, sollen an dieser Stelle aus den jeweiligen Teilen ein Kapitel genauer betrachtet werden. Aus dem ersten Teil bietet sich dafür das Kapitel 1.2 Inhaltliche Klassifikation: Welche Lernstörungen gibt es? an, das eine Grundlage für das weitere Verstehen legt. Nach den gängigen Diagnosemanualen dürfen Lernstörungen nur dann diagnostiziert werden, wenn gravierende Rückstände in mindestens einem von drei schulischen Inhaltsbereichen festgestellt werden beziehungsweise im Sinne des DSM-V mindestens ein Symptom aus einer Liste von sechs: die Beeinträchtigungen beim Lesen, beim schriftlichen Ausdruck und beim Rechnen. Etwas anderes sieht es in der ICD-10 aus, nach der im deutschsprachigen Raum diagnostiziert wird, die Lernstörungen als „umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ subsumiert. Hier gib es die Lese- und Rechtschreibstörung (F 81.0), die durch eine niedrige Lesegeschwindigkeit und Defizite im Leseverständnis sowie Fehler beim Vorlesen und Wiedererkennung von Wörtern geprägt ist. Die isolierte Rechtschreibstörung (F 81.1) ist gekennzeichnet durch Fehler beim Buchstabieren und Schreiben, während die Rechenstörung (F 81.2) gekennzeichnet ist durch: fehlendes Verständnis der Rechenoperationen, mangelndes Verständnis mathematischer Ausdrücke, das Nichterkennen numerischer Symbole und das Nicht-Lernen des kleinen Einmaleins. Weitere Diagnosen sind: die Kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten (F 81.3), bei der Symptome der vorherigen Diagnoseschlüssel gemeinsam auftreten; Sonstige Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten (F 81.6), bei der eine entwicklungsbedingte expressive Schreibstörung vorliegt sowie die eher allgemein gehaltene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten nicht näher bezeichnet (F 81.9). Hierunter fallen nicht näher bezeichnete Lernbehinderungen, Lernstörungen oder Störungen des Wissenserwerbs. Im ICD-11, das aktuell nur selten angewendet wird, ändert sich daran einiges. So kann danach auch eine Lesestörung isoliert diagnostiziert werden.

Aus dem zweiten Teil sei ein Blick auf Kapitel 17 Grundfertigkeiten des Rechnens vermitteln geworfen, das von Jürgen Wilbert verfasst wurde. Deutlich wird, dass viele Kinder in den ersten Jahren vor allem der Erwerb von mathematischem Faktenwissen sowie das Lösen von Textaufgaben schwerfällt. Das liegt häufig daran, dass das Arbeitsgedächtnis vergleichsweise geringe Kapazitäten hat, die Verarbeitung phonologischer Informationen beeinträchtig ist oder die nonverbale Problemlösefähigkeit unzureichend ausgebildet ist. Die im Kapitel dargestellte Methode eignet sich für Kinder, die entweder beim Addieren und Subtrahieren bis 20 deutlich zu lange auf der Stufe des Abzählens stecken bleiben oder die über keine effektiven Strategien verfügen, Ergebnisse von Rechenoperationen schnell und zuverlässig abrufen zu können aus dem Gedächtnis. Wichtig ist es, durch Leistungstests, Beobachtungen, Arbeitsproben und Gespräche mit allen Beteiligten ein auf den Einzelfall angepasstes Förderziel zu ermitteln. Wichtig ist eine dichte zeitliche Staffelung der Einheiten wie zum Beispiel drei wöchentliche Sitzungen von je 25 Minuten Dauer innerhalb von 16 Wochen, wobei die Termine inhaltlich aufeinander aufbauen. Diese Sitzungen gliedern sich in eine kurze Aufwärmphase, eine fünf- bis zehnminütige Phase der Strategie-Instruktion sowie eine der Sitzung entsprechende ganz kurze Übung, bevor die zweite Hälfte mit einem Block computergestütztes Üben und einer Prüfung des Lernerfolgs startet. Dies auf direkten Instruktionen fußende Vorgehensweise ist gut evaluiert, wobei klar benannt wird: „Keine Methode ist bei allen Kindern erfolgreich“ (S. 277).

Zum Schluss sei aus dem dritten Teil ein Blick auf das Kapitel 43 Den Übergang von der Kindertagesstätte in die Grundschule erleichtern geworfen. Andreas Beelmann und Constance Köring erläutern diesen wichtigen Übergang im Hinblick auf abzusehende Beeinträchtigungen in der Schule wegen mangelnder Schulreife, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisproblemen, Rückständen in der Sprachentwicklung sowie unzureichenden Vorläuferfertigkeiten, die in den Kapiteln 9 und 16 näher betrachtet werden. Wichtig in solchen Fällen ist, die Eltern in die Förderung aktiv miteinzubeziehen und eine Regelmäßigkeit zu gewährleisten, die sich im besten Fall über einen längeren, eventuell sogar mehrjährigen Zeitraum erstreckt. Die Wirksamkeit hängt dabei vom Erfolgskriterium ab, sodass schwach positive bis mittelstarke Effekte sowohl iom Bereich der Schullaufbahn als auch im Bereich der sozial-emotionalen Entwicklung nachgewiesen werden konnten. Wirklich bedeutende Effekte erbrachten Elterntrainings, bei denen konkretes Erziehungsverhalten eingeübt wurde. So ist es wichtig, die Lernbedingungen des Kindes zu erfassen und daran angepasst Maßnahmen zur Veränderung der häuslichen Lernbedingungen zu entwickeln. Das kann zum Beispiel die Alltagsorganisation betreffen, aber auch die äußere Lernumgebung sowie entwicklungsförderliches Elternverhalten. Darunter fallen zum Beispiel regelmäßiges Vorlesen und Erzählen von Geschichten oder auch das gemeinsame Spielen oder Sprechen über die Erlebnisse des Tages.

Diskussion

Der Vorteil ist auch in dieser dritten Auflage – die erste erschien vor über 20 Jahren – klar ersichtlich: Mit einer einheitlichen Gliederung gelingt eine anschauliche und umfassende Darstellung, wie die Interventionen geplant und durchgeführt werden. Die Kapitel enthalten Hinweise zur Zusammenarbeit mit den Eltern und der Schule sowie aktuelle Erkenntnisse zur Effektivität der Interventionen und ihrer organisatorischen Umsetzung. Zudem wird bei jeder Intervention das diagnostische Vorgehen skizziert. Der Anhang enthält Leitfäden zur Verhaltensdiagnostik und Verhaltensbeobachtung. Außerdem wird ein aktualisierter Überblick über die einschlägigen Testverfahren gegeben. Insofern gelingt neben der Vermittlung von wichtigem Wissen auch ein überzeugender Praxistransfer, sodass dieses Buch allen Fachkräften, die mit dem Thema Lernstörungen konfrontiert sind, ein hervorragender Begleiter werden dürfte.

Fazit

Anschaulich, ausführlich und praxisnah erfahren die Leser:innen alles Wichtige zum Thema Lernstörungen und möglichen Interventionen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 201 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245