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Hartmut Wild, Ekkehard Rosch: Sozialpsychologie für die Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. PhD. Dr. rer. medic. Wolfram Schulze, 26.01.2026

Cover Hartmut Wild, Ekkehard Rosch: Sozialpsychologie für die Soziale Arbeit ISBN 978-3-7560-0177-4

Hartmut Wild, Ekkehard Rosch: Sozialpsychologie für die Soziale Arbeit. Mit Fallbeispielen aus der Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2025. 347 Seiten. ISBN 978-3-7560-0177-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Studienkurs Soziale Arbeit.

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Thema

Die Herren Wild und Rosch titulieren ihr Buch Sozialpsychologie für die Soziale Arbeit. Damit weisen sie klar die inhaltliche Richtung. Aus der Vielzahl sozialpsychologischer Erkenntnisse werden umfassend Beträge, die für die Soziale Arbeit relevant sind, extrahiert und transferiert. Zur Veranschaulichung greifen die Autoren auf Beispiele aus der sozialarbeiterischen Praxis zurück. Dies stützt ihr Anliegen, Studierende der Sozialen Arbeit sowie ausgebildete Sozialarbeitende in deren professioneller Entwicklung zu fördern und wissenschaftliche Erkenntnisse der Sozialpsychologie für die Sozialer Arbeit nutzbar zu machen.

Autoren

Prof. Dr. phil. Hartmut Wild ist staatlich anerkannter, promovierter Sozialarbeiter (B.A., MA.) sowie Beratungswissenschaftler (M.Sc.). Er lehrt als Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach und führt ein eigenes Institut für Personzentrierte Soziale Arbeit in Gera.

Prof. Dr. phil. Ekkehard Rosch ist Diplom-Soziologe mit Schwerpunkt Sozialpsychologie. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung als Hochschullehrer und Forscher zu Themen der Sozialpsychologie, Rehabilitation von Menschen mit Beeinträchtigung, Förderdiagnostik und Inklusion.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Kontext kollegialer Zusammenarbeit der Autoren an der Dualen Hochschule Gera Eisenach entstanden. Es führt ihre Erfahrungen aus Lehre, Forschungen und Praxis Sozialer Arbeit in Kenntnis und Anwendung sozialpsychologischer Wissensstände zusammen.

Aufbau

Nach den Grundlagen der Sozialpsychologie folgen die zentralen Kapitel über soziale Bedürfnisse und soziale Motive, anwendungsorientierte Sozialpsychologie, Bindung und Beziehung, Inklusion mit den Schwerpunkten Schule und Migration sowie Fallbeispiele aus der Praxis der Sozialen Arbeit. Es gibt 21 Unterpunkte, die wiederum noch einmal um ein oder zwei Ebenen untergliedert sind. Das Inhaltverzeichnis liefert somit einen detaillierten Überblick und ermöglicht das gezielte Nachschlagen von interessierenden Ausführungen. Darüber hinaus dient ein Stichwortverzeichnis zum schnellen Auffinden von spezifischen Themen. Dies ist ob des Umfangs des Fachbuches von ca. 340 Seiten ein zusätzlicher Mehrwert.

Merkkästen, Zusammenfassungen und eingefügte Beispiele erleichtern, die Inhalte zu erfassen.

Inhalt

Das Fachbuch beginnt mit der Einordnung der Sozialpsychologie in den Kanon der Wissenschaften und dem Aufzeigen von Verbindungen zur Soziale Arbeit (z.B. Marienthal-Studie). Um Sozialpsychologie zu verstehen als auch deren Untersuchungen interpretieren zu können, wird im weiteren Verlauf neben Untersuchungsinhalten ein Schwerpunkt auf deren Methodik gelegt. Schnittpunkte zur Forschungsmethodik (z.B. Formen von Interviews) als auch Forschungsansätzen (z.B. Verbindung qualitativer und quantitativer Forschung) in der Sozialen Arbeit treten hervor.

Bei der Vorstellung zahlreicher Studien sind die im Mittelpunkt, die individuelles Verhalten in Bezug zu Einflüssen anderer Personen oder Personengruppen setzen. Wie verändert sich Wahrnehmung und Verhalten unter sozialen Einfluss? Welche Bedeutung hat dies und welche Konsequenzen für sozialarbeiterisches Handeln lassen sich ableiten? Aber auch Fragen nach der Wahrnehmung von Personen und deren Beurteilung werden beantwortet. Der Fokus liegt auf der sozialen Sozialpsychologie. In der Folge ist die Auseinandersetzung mit Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung konsequent. Daran schließen sich Antworten auf unterschiedliche Fragen nach sozialen Bedürfnissen und sozialen Motiven (z.B. nach Hilfe und Macht) an.

Nahezu ein Drittel des Buches ist der anwendungsorientierten sozialen Sozialpsychologie gewidmet. Dazu zählen z.B. Sucht, Bindung und Beziehung. Sozialarbeiterischen Bezüge kommen verstärkt zur Geltung und werden in einem Beispielteil finalisiert.

Diskussion

Ausgangsbasis für die Soziale Arbeit ist, dass der Mensch als soziales Wesen verstanden wird. Er lebt in sozialen Bezügen, die ihn formen und die er formt. Das Fachbuch veranschaulicht durch detaillierte Erläuterungen von einschlägigen Studien der Sozialpsychologie, welche Einflüsse und Dynamiken sich feststellen lassen. Dies bietet Verständnis und Begründungszusammenhänge für wissenschaftsbasiertes sozialarbeiterisches Handeln. Hierzu zählen exemplarisch Wahrnehmungsexperimente wie das zum autokinetischen Effekt von Sherif und abgeleitete Theorien zu sozialen Vergleichsprozessen, die individuelle Wahrnehmungen verändern können (beispielsweise Shifting Baselines). Das explizite Eingehen auf Forschungsmethodik erleichtert das Erfassen der zahlreichen Studien. Die aufgeführten Studien sind ältere und neuere Untersuchungen zur Personenwahrnehmungen bis hin zu Diskriminierungen. So zum Beispiel das Experiment von Duncen (1976) über falsche Vorannahmen zu Hautfarben, Opfern und Tätern sowie von Gärtner (2010) zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung durch gezieltes Wissen und gemeinsame, begleitete Erlebnisse. Aktuell relevant sind sie alle.

Zentrales Anliegen Sozialer Arbeit ist die Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe und der Einsatz für die Achtung der Menschenrechte. Die Autoren präsentieren dazu umfängliches Hintergrundwissen und Begründungen. Sie führen soziale Bedürfnisse und soziale Motive aber auch Konfliktdynamiken, die zum Teil zu Lasten einzelner Personen(-gruppen) gehen, aus. Hierzu zählen Untersuchungen zu (Nicht-) Hilfeleistungen wie dem Mord an Catherine Genovese 1964 und die Reziprozitätsnorm (Hartung 2010). Klassiker wie das Ferienlager-Feldexperiment von Robberts Cave und das Stanford-Prison-Experiment finden Raum.

Handlungsfelder Sozialer Arbeit werden exemplarisch aufgegriffen. Anhand des Rattenexperiments zum Thema Sucht wird aufgeschlüsselt, welche sozialpsychologischen Aspekte für die Arbeit in der Suchthilfe relevant sind. Weiter wird auf den Umgang mit Diagnosen und der jeweiligen Wirkung eingegangen, was für alle Handlungsfelder klinischer Sozialarbeit relevant ist.

Auf den spezifischen Hintergrund der Autoren ist zurückzuführen, dass Schule und Migrationshilfe umfänglicher sozialpsychologische Erkenntnisse gewidmet sind. Dazu zählen Erkenntnisse zu inklusiver Schulbildung sowie Willkommenskultur als Integrationsangebot für Migranten. Hier greift auch das Anliegen der Autoren, amerikanische Individuums-orientierte Sozialpsychologie mehr hin zu sozialen Problemlagen und dem Umgang damit zu entwickeln.

Versteht man Soziale Arbeit als personenbezogene Dienstleistung, werden Bindung und Beziehung besonders bedeutsam. Das zeigen die Autoren aus unterschiedliche Perspektiven empirisch fundiert auf (z.B. Hawthorne-Studie zu Bedeutung inoffizieller Beziehungen am Arbeitsplatz sowie Kennzeichen für bindungsförderliche Beziehungsgestaltung in der Kinder- und Jugendhilfe).

Gruppendynamiken werden in vielen Abschnitten des vorgestellten Buches, gerade bei konflikthaftem Geschehen, aufgegriffen. Sie bilden eine wichtige Basis für Gruppenarbeit in der Sozialen Arbeit. Eine konkrete Anleitung zur sozialpädagogischen Gruppenarbeit ist dabei nicht Anliegen des Buches ist.

Konkrete Beispiele runden die Ausführungen ab. Sie zeigen, zum Teil stichpunktartig und dadurch leider manchmal etwas verkürzt, die vorangegangen sozialpsychologischen Erkenntnisse in der Anwendung am sozialarbeiterischen Fallgeschehen auf. Darüber hinaus regen die Fallbeispiele zum Transfer bezüglich Fallkonstellationen aus der eigenen Praxis an.

Das Fachbuch führt Klassiker der sozialpsychologischen Forschung als auch neuere Studien umfassend aus. Dabei stellt sich vereinzelt die Frage der Verwendung weiterer, neuerer Studien. So wird z.B. auf grundlegende Relevanzen für die Klinische Sozialarbeit eingegangen. Neue Forschungen z.B. zu Gemeinschaft und Gesundheit, die auch unter Gesichtspunkten der Teilhabe interessant sind, werden nicht aufgegriffen. Digitale Interaktion und ihre Auswirkungen kommen marginal zur Sprache (z.B. Follower im Kontext von sozialer Einflussnahme). Hier wären weitere Bezugnahmen wünschenswert. Es ist auf einen Band 2 zu hoffen.

Insgesamt werden die Autoren ihrem Anspruch, Sozialpsychologie für die Soziale Arbeit nutzbar zu machen, tiefgründig und umfänglich gerecht.

Fazit

Mit dem vorliegenden Fachbruch gelingt den Autoren die gewünschte Stärkung der Profession Sozialer Arbeit. Besonders die empirischen Fundierung und der kundige Zuschnitt der Inhalte für Sozialarbeitende tragen dazu bei. Der Vorzug des Buches liegt im Verweben von Theorie und Praxis der (sozialen) Sozialpsychologie mit Sozialer Arbeit, ohne ein wirres Knäul zu schaffen, vielmehr hin zu einem zugänglichen, bunten, klar strukturierten und anregenden Teppich der (Selbst-) Erkenntnis.

Rezension von
Prof. PhD. Dr. rer. medic. Wolfram Schulze
Case Manager-Ausbilder (DGCC), Supervisor/Coach (DGSv), Mitherausgeber Zeitschrift Suizidprophylaxe u.a.m.
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Es gibt 1 Rezension von Wolfram Schulze.

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ISSN 2190-9245