Rieke Hoffer, Klaus Fröhlich-Gildhoff et al.: Herausforderndes Verhalten
Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 13.02.2026
Rieke Hoffer, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Regina Rein, Katharina Braner: Herausforderndes Verhalten von älteren Kindern und Jugendlichen professionell bewältigen. Curriculum für die Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte in Schule, Hort, Ganztagsbetreuung und Jugendhilfe.
FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre
(Freiburg) 2025.
200 Seiten.
ISBN 978-3-949777-09-7.
D: 35,00 EUR,
A: 36,00 EUR.
Reihe: Materialien zur Frühpädagogik - 30.
Thema
Das mit diesem Buch vorgelegte Curriculum dient als Arbeitsgrundlage für die Weiterqualifikation pädagogischer Fachkräfte/Fachkräfteteams zum Umgang mit herausfordernd erlebtem Verhalten von älteren Kindern und Jugendlichen in Schule, Hort, Ganztagsbetreuung und Jugendhilfe.
Entstehungshintergrund
Der Ordner ist als 30. Band in der Reihe „Materialien zur Frühpädagogik“ erschienen. In dieser Reihe werden Forschungsarbeiten und auch Arbeitsmaterialien aus dem Bereich Bildung und Erziehung der Kindheit unter der Koordination von Prof.in Dr.in Maike Rönnau-Böse im Eigenverlag FEL veröffentlicht. FEL steht für Forschung-Entwicklung-Lehre. Der FEL Verlag ist der Eigenverlag der Ev. Hochschule Freiburg.
Aufbau und Inhalt
Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.
Das Curriculum ist im DIN-A4-Format erschienen und hat einen Umfang von 199 Seiten, die sich in zwei Teile gliedern. Ergänzt werden die Ausführungen durch Abbildungen. Teil I (S. 7–34) enthält drei Kapitel und Teil II (S. 35–199) schließt sich als Praxisteil mit vier Bausteinen an.
Am oberen Seitenrand sind die jeweilige Kapitelüberschrift und die Seitenzahl abgedruckt. Der Band ist mit einer praktischen Ringbindung ausgestattet. Dieses Format erlaubt es, die Seiten ganzseitig aufzuschlagen. Das Manual zur Gruppendurchführung umfasst vier Bausteine. Die dafür notwendigen Materialien können im Internet heruntergeladen werden. Der Link befindet sich im Praxisteil des Buches. Umrahmte Textboxen heben sich vom Fließtext ab und fassen wesentliche Inhalte zusammen.
Wie der Titel schon sagt, sind die Zielgruppe des Curriculums Mitarbeitende, die mit älteren Kindern und Jugendlichen in Schule, Hort, Ganztagsbetreuung und Jugendhilfe arbeiten. Klassifiziert werden zwei Konzepte: das Konzept der Entwicklungsaufgaben und das Konzept der psychischen Grundbedürfnisse als universalistische Perspektive nach Grawe, der aus Metaanalysen weltweiter Studien vier psychische Grundbedürfnisse extrahierte. Diese wurden durch Fröhlich-Gildhoff durch ein fünftes Grundbedürfnis ergänzt.
In Bezug auf das Konzept der Entwicklungsaufgaben finden sich auf den Seiten 16 und 17 drei Kategorien: Kindheit und Vorschulalter (3–6 J.), Kindheit und Schulalter (7–12 J.) und Jugendalter (13 bis 20J.). Erläutert werden die jeweiligen Entwicklungsaufgaben sowohl kultur‑ und schichtspezifisch, als auch bezogen auf den angloamerikanischen und westeuropäischen Raum.
Beim Verstehen des Verhaltens von Kindern und Jugendlichen, das als herausfordernd erlebt wird, gibt das Konzept der Grundbedürfnisse eine gute Orientierung (s. auch zweiter Baustein). Auch wird festgestellt: Das als herausfordernd erlebte Verhalten ist als Protest gegen die Verletzung der seelischen Gesundheit zu verstehen.
„Theoretische und empirische Grundlagen“ - so der Titel des ersten Teils. Er beginnt im ersten Kapitel mit der Einleitung, die die Hintergründe und den Forschungsgegenstand beinhaltet. Daran schließen sich Erläuterungen zur Ausgangslage des Projekts und des Kompetenzmodells an. Dieses Kapitel hält entwicklungspsychologische Hinweise zu den Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen, die in der pädagogischen Arbeit erreicht werden sollen, bereit.
Das zweite Kapitel „Aufbau des Curriculums“ umfasst drei Unterkapitel: die zentralen Bausteine des Curriculums, den inhaltlichen Aufbau der Bausteine und den strukturellen Aufbau der Bausteine.
Im dritten Kapitel finden sich Hinweise zur Handhabung und Umsetzung und vertiefend Möglichkeiten zur Verwendung des Curriculums sowie Voraussetzungen für die erfolgreiche Durchführung der Weiterbildung.
Am Ende des Theorieteils findet sich ein Literaturverzeichnis.
Die Bausteine im zweiten Praxisteil des Curriculums folgen stets dem gleichen formalen Aufbau. Es gibt grob zwei Bereiche:
- das Material für Referent:innen und 2. das Arbeitsmaterial für die teilnehmenden pädagogischen Fachkräfte.
Für die Referent:innen liegen Präsentationsfolien in PowerPoint Format vor, für die Arbeit der Fachkräfte sind passende Informationen und Arbeitsblätter vorhanden.
Auch der Aufbau von Lehr‑ und Arbeitsmaterialien ist mit folgenden acht Punkten gleich aufgebaut:
- allgemeine Ziele des Bausteins,
- Kompetenzen,
- Ablaufplan,
- Methoden und Instruktionen zu einer möglichen Form der Durchführung,
- Medien und Materialien für die Durchführung der Einheit,
- Literaturempfehlungen,
- Powerpoint Folien und 8. Arbeitsmaterial.
Zu Beginn eines jeden Bausteins wird in einer Übersicht ein geschätzter Zeitraum für die Bearbeitung des gesamten Bausteins vorgegeben. An dieser Stelle findet sich auch ein Überblick über die Inhalte und die Struktur des Bausteins und dessen Gliederung.
Die benötigten Power-Point-Folien sind im Arbeitsbuch enthalten. Diese liegen sowohl in gedruckter Form als auch in digitaler Form vor. Im Arbeitsmaterial finden sich die Aufgaben‑ und Übungsblätter für die Fortbildung und zur Vertiefung (wenn gewünscht).
Das vorliegende Arbeitsbuch beinhaltet theoretische und empirische Grundlagen zum aktuellen Forschungsstand, zur Entwicklung dieses Curriculums und zur Bedeutung der kompetenzorientierten Gestaltung der Weiterbildung. Dabei werden die zentralen Bestandteile des Curriculums, der inhaltliche und strukturelle Aufbau der einzelnen Bausteine sowie wichtige Hinweise zur Handhabung und Umsetzung dargelegt.
Im anschließenden Praxisteil werden die vier Bausteine des Curriculums nacheinander beschrieben. Alle Bausteine (Einführung und Beobachten – Analysieren und Verstehen – Planen und Handeln – Evaluieren und Überprüfen) beinhalten konkrete Instruktionen, Materialien und Kopiervorlagen. Die Titel der Bausteine bilden den Kreislauf professionellen Handelns ab.
Das wesentliche Ziel der Weiterbildung besteht darin, die Kompetenzen der Fachkräfte derart zu erweitern, dass diese am Ende selbständig in der Lage sind, den Kreislauf des professionellen Handelns zu durchlaufen. Den Entwicklern des Curriculums ist es darüber hinaus notwendig, dass die weiterbildende Person in der Lage ist, nicht nur zu erklären, wie es gemacht werden soll, sondern auch die geforderten Transferleistungen selbst erbringen und so als Modell dienen.
Neben der o.g. gleichen Struktur eines jeden Bausteins werden Erklärungen zum Einstieg gegeben. Diese sind sehr gut strukturiert und übersichtlich formatiert. Hier wird noch einmal auf den Unterschied von Wissen „Kennen“ und Fertigkeiten „Können“ unter dem Punkt „Kompetenzen“ hingewiesen. Lernen soll nicht nur theoretisch stattfinden, sondern auch in praktischen Situationen (Übungen/Beispiele) angewandt werden. „Dadurch soll die Auseinandersetzung mit intuitiv geprägten Wissens‑ und Erfahrungsbeständen reflektiert und die Entwicklung professioneller Begegnungsformen fortgesetzt werden“ (S. 14).
Diskussion
Das hier vorgelegte Curriculum ist für die Praxis geschrieben. Schon das Format mit einer Ringbindung ist praxistauglich, da das Buch einfach aufgeschlagen werden kann, was das Kopieren von Inhalten vereinfacht. Der Fließtext hat eine lesbare Schriftgröße, Zwischenüberschriften, Textboxen und Abbildungen veranschaulichen und lockern den Fließtext auf.
Auch die inhaltlichen Ausführungen zielen auf die einfache Umsetzung in die Praxis ab: So spiegeln die Titel der Bausteine den Kreislauf professionellen Handelns wider. Die in der Fortbildung verwendeten Folien und die benötigten Arbeitsblätter sind im Buch abgedruckt, zudem können sie über einen Link heruntergeladen werden.
Grundlage sind zwei Konzepte: das Konzept der Entwicklungsaufgaben und das Konzept der psychischen Grundbedürfnisse als universalistische Perspektive nach Grawe, der aus Metaanalysen weltweiter Studien vier psychische Grundbedürfnisse extrahierte, Fröhlich-Gildhoff hat ein fünftes Grundbedürfnis ergänzt.
Sie bilden die Basis, Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen zu verstehen, besonders bei Verhaltensweisen, die als herausfordernd erlebt werden. Analog zum systemischen Verstehen, das jedes Verhalten einen subjektiven Sinn hat, eröffnen sich Möglichkeiten, das gezeigt Verhalten anders einzuordnen und auf dieser Grundlage zu verstehen und Lösungsmöglichkeiten abzuleiten.
Das als herausfordernd erlebte Verhalten des Kindes wird als Protest gegen die Verletzung der seelischen Gesundheit verstanden. Wenn z.B. das Bindungsbedürfnis nicht gestillt wird und ein Kind häufig Quatsch macht, geht es nicht – wie vordergründig angenommen – darum Aufmerksamkeit zu erzielen, sondern der subjektive Sinn ist Verzweiflung und das Kind sucht nach Sicherheit in Beziehungen. Eine professionelle Reaktion berücksichtigt dieses Bedürfnis nach Beziehungssicherheit. Ein Kind ist auf Erwachsene angewiesen, die die Not sehen, die Signale wahrnehmen und verstehen. Reflexe im Sinne einer „Abkürzungspädagogik“, die sofort nach dem Wahrnehmen der Situation mit Konsequenzen reagiert, sind nicht zielführend, sie sind zu kurz gedacht.
Verstehen ist die Grundbedingung für eine unterstützende Begegnung und für Veränderungsmöglichkeiten. Überdies sind Professionelle aufgefordert ihr eigenes Wertesystem selbst zu reflektieren. „Dies ist einerseits herausfordernd und anspruchsvoll und macht andererseits die professionelle Tätigkeit spannend“ (S. 21).
Mit dem Ziel der Nachhaltigkeit gelten folgende Elemente:
- Teilnehmen sollten möglichst das ganze pädagogische Team und die Einrichtungsleitung.
- Bewährt hat sich, die vier Bausteine im Rahmen möglichst ganztägiger Fortbildungstage durchzuführen.
- Die Fortbildung sollte in einem regelmäßigen Rhythmus von etwa 8–10 Wochen und somit möglichst innerhalb eines Jahres stattfinden.
Dieses Vorgehen konnte in Forschungsprojekten erfolgreich evaluiert werden. Diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen kann ich aus meiner professionellen Praxis vollumfänglich bestätigen, denn sie deckt sich mit der von mir entwickelten Struktur der Fortbildungsbausteine zum Thema Autismus Spektrum (www.abc-autismus.de).
Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass das System geschult werden muss, nicht nur einzelne Mitarbeitende, die dann oft in der Praxis auf Hemmnisse treffen z.B. durch kritische Kolleg:innen oder Leitungskräfte.
Zudem braucht es eine gute Basis, die Inhalte fortlaufend reflektiert und in der Praxis anwendet, damit die Umsetzung in den beruflichen Alltag nachhaltig gelingt und nicht nach kurzer Zeit verpufft. Auch dieser Forderung stimme ich zu: eine nachhaltige Fortbildung braucht einen ausreichenden zeitlichen Umfang. Veränderungen können sich nur nachhaltig verfestigen, wenn die Begleitung über einen längeren Zeitraum stattfindet: Das von mir entwickelte Curriculum setzt sich aus vier aufeinander aufgebauten Modulen zusammen, die sukzessive gebucht werden können. Nach einem gemeinsamen Einstieg sollte – wie auch in dem hier vorgestellten Curriculum empfohlen – die Möglichkeit bestehen, das Team weiter zu begleiten und an konkreten Fallvignetten Theorie und Praxis zu reflektieren. Auch die konzeptionelle Verankerung des Konzeptes und das Einbeziehen der Leitungsebene sind zentrale Entwicklungsschritte.
Das mit diesem Buch vorgelegte Curriculum mit einem großen Fundus an Materialien dient als Arbeitsgrundlage für die Weiterqualifikation pädagogischer Fachkräfte/Fachkräfteteams zum Umgang mit herausfordernd erlebtem Verhalten. Verstehen ist die Grundbedingung für eine unterstützende Begegnung und für Veränderungsmöglichkeiten. Es braucht eine gute Basis durch einen ausreichend zeitlichen Umfang für die Fortbildung, durch die Möglichkeit, Inhalte fortlaufend zu reflektieren und in der Praxis anzuwenden, es braucht die Verankerung im Konzept und das Einbeziehen von Mitarbeitenden und Leitungsebene. Das sind Bausteine, mit denen die Umsetzung in den beruflichen Alltag erfolgreich und nachhaltig gelingt und Gelerntes nicht nach kurzer Zeit verpufft.
Fazit
Das mit diesem Buch vorgelegte Curriculum mit einem großen Fundus an Materialien dient als Arbeitsgrundlage für die Weiterqualifikation pädagogischer Fachkräfte/Fachkräfteteams zum Umgang mit herausfordernd erlebtem Verhalten. Verstehen ist die Grundbedingung für eine unterstützende Begegnung und für Veränderungsmöglichkeiten.
Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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