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Anne Piezunka, Annedore Prengel et al.: Qualität pädagogischer Beziehungen reflektieren

Rezensiert von Doreen Biester, 04.02.2026

Anne Piezunka, Annedore Prengel, Manuela Diers, Jenniger Lambrecht: Qualität pädagogischer Beziehungen reflektieren. 50 Karten mit Denkfragen für die Praxis. Inklusive digitaler Version. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2025.
Mit 24-seitigem Booklet, Kartenformat 9,8 x 14,3 cm. EAN 401-917220077-0.

Thema

Das Kartenset samt Begleitheft adressiert das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch einer wertschätzenden pädagogischen Beziehung und den Belastungen des Alltags. Da Stress und Fachkräftemangel in der Praxis immer wieder zu Grenzüberschreitungen führen, ordnet sich das Set in die aktuellen Diskurse um Kinderschutz und Kinderrechte ein. Als niederschwelliges Tool mit Reflexionsfragen ermöglicht es Einzelpersonen, Teams oder auch dem direkten Dialog mit Kindern eine tiefgehende Analyse eigener Interaktionsmuster. Qualität wird hier nicht über Standards definiert, sondern als Ausdruck einer ethischen Grundhaltung verstanden, die auf Anerkennung und Stärkenorientierung basiert. Die thematische Ausrichtung spricht ein breites Feld pädagogischer Fachkräfte an und bietet spezifische Anknüpfungspunkte für die Schule, die Kindertagesbetreuung, die offene Kinder- und Jugendarbeit und ist ebenso für Studierende und angehenden Fachkräften nützlich in der Reflexion der eigenen Kommunikationsfähigkeiten.

Autor:in oder Herausgeber:in

Prof. Dr. Anne Piezunka lehrt als Professorin für Gender, Diversity und Inklusion an der HSAP Berlin und forscht an der Goethe-Universität Frankfurt zur Qualitätsentwicklung inklusiver Bildungssysteme. Ihre wissenschaftliche Expertise liegt in der empirischen Analyse von Bewertungsprozessen im Schulwesen sowie in der ethischen Fundierung pädagogischer Beziehungen (u.a. Reckahner Reflexionen).

Dr. Manuela Diers ist Lehrerin an der IGS Peine sowie Dozentin und Koordinatorin der „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen. Ihre Expertise umfasst Demokratiepädagogik, Resilienzförderung und inklusive Fachdidaktik an der Schnittstelle von pädagogischer Forschung und Schulpraxis.

Prof. Dr. Jennifer Lambrecht ist Professorin für Kindheitspädagogik und Qualitätsentwicklung in Bildungseinrichtungen an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte sowie in der inklusiven Qualitätsentwicklung in frühkindlichen und schulischen Kontexten. Als Mitentwicklerin der „Reckahner Reflexionen“ verbindet sie die ethische Fundierung pädagogischer Beziehungen mit der empirischen Analyse von Interaktions- und Bildungsprozessen in Kita und Schule.

Prof. Dr. Annedore Prengel ist Erziehungswissenschaftlerin und Professorin im Ruhestand der Universität Potsdam; von 2013 bis 2022 war sie Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im Juni 2025 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihr langjähriges wissenschaftliches Wirken ausgezeichnet. Prengel zählt zu den zentralen Theoretikerinnen der „Pädagogik der Vielfalt“ und hat damit die moderne Inklusions- und Heterogenitätsforschung wesentlich geprägt. Darüber hinaus war sie maßgeblich an der Entwicklung der „Reckahner Reflexionen“ beteiligt.

Entstehungshintergrund

Die Grundlage für dieses Kartenset und die dazugehörigen Denkfragen bilden die „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen. Aus diesen zehn Leitlinien wurden die Fragestellungen konkretisiert, wobei die Autorinnen selbst maßgeblich an der Entwicklung der „Reckahner Reflexionen“ beteiligt waren. Um den inhaltlichen Bezug zu den Denkfragen unmittelbar herzustellen, bietet das Werk eine kurze und übersichtliche Darstellung der zehn Leitlinien als theoretisches Fundament.

Aufbau

Das Kartenset besteht formal aus 50 Karten, einem Begleitheft sowie einer digitalen PDF-Version. Die Karten gliedern sich in vier farblich sortierte Kategorien: Ich-Fragen (15), Du-Fragen (8), Wir-Fragen (14) und Sachfragen (13). Diese Gestaltung sorgt für eine schnelle Orientierung und macht den thematischen Schwerpunkt sofort erkennbar. Geliefert wird das Set in einem hochwertigen, stabilen Karton. Das Begleitheft bietet eine strukturierte Einführung: Es beginnt mit einer Definition der Ziele und einer theoretischen Einführung in die Qualität pädagogischer Beziehungen sowie die „Reckahner Reflexionen“. Daran schließt sich der methodische Teil an, der die Funktionsweise des Sets und die zugrunde liegenden Arbeitsprinzipien erläutert. Den Abschluss bilden spezifische Abschnitte zu verschiedenen pädagogischen Handlungsfeldern (wie Schule, Kita oder Jugendarbeit), die als flexible Orientierungshilfe für die praktische Anwendung dienen.

Inhalt

Das Kartenset zielt darauf ab, pädagogisches Fachpersonal bei der Reflexion ihrer Interaktionsmuster zu unterstützen, um ein respektvolles Miteinander und eine fehlerfreundliche Kommunikation in der Praxis zu fördern. Als zentraler theoretischer Anker fungieren dabei die „Reckahner Reflexionen“. Das Begleitheft legt dar, dass eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Beziehungsqualität notwendig ist, um Grenzüberschreitungen präventiv zu begegnen. Ein wesentlicher inhaltlicher Aspekt ist dabei die Erkenntnis, dass die Wahrnehmung pädagogischer Situationen stark von den individuellen biografischen Erfahrungen der Beteiligten sowie der konkreten Handlungsabfolge geprägt ist. Das Set nutzt hierfür spezifische Denkfragen in vier Kategorien: Während die Ich-Fragen die eigene Biografie und professionelle Haltung fokussieren, zielen die Du-Fragen auf die unmittelbare Interaktion und das Feedback zwischen Fachkräften ab. Die Wir-Fragen regen zur Reflexion der Teamkultur an, während die Sachfragen Wissen zu Kinderrechten und institutionellen Rahmenbedingungen abfragen. Zur praktischen Orientierung stellt das Begleitheft „Muster der Anerkennung" den „Mustern der Missachtung“ gegenüber. Während Anerkennung durch aktives Konfliktmanagement, Humor und die Förderung von Selbstständigkeit charakterisiert wird, definieren sich Missachtungsmuster durch verletzendes Verhalten wie Sarkasmus oder das Ignorieren von Signalen. Die im Set enthaltenen Denkfragen (Ich, Du, Wir, Sach) dienen als Werkzeug, um diese theoretischen Konzepte auf die eigene Arbeit zu übertragen. Das Begleitheft betont dabei methodische Prinzipien wie Freiwilligkeit, Nichtbewertung und Vertraulichkeit, um einen geschützten Reflexionsraum zu gewährleisten, in dem Fachkräfte auch sensible berufliche Erfahrungen, etwa anhand von Fallbeispielen, ohne die eigene Involviertheit analysieren können.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt des Begleitheftes liegt zudem auf der Anwendung in spezifischen Handlungsfeldern. So thematisiert das Set für den Bereich der Kindertagesbetreuung das Spannungsfeld zwischen dem Partizipationsrecht der Kinder und der elterlichen sowie institutionellen Fürsorgepflicht, das besonders unter Stress zu kritischen Interaktionsmomenten führen kann. Für den Bereich der Schule wird die Bedeutung einer gemeinsamen ethischen Basis in multiprofessionellen Teams hervorgehoben. In Feldern mit geringerer Beziehungsprüfung, wie der offenen Kinder- und Jugendarbeit, wird die Notwendigkeit beleuchtet, trotz mangelnder Kontinuität kurzfristig vertrauensvolle Strukturen aufzubauen. Das Begleitheft verdeutlicht so, dass professionelle Qualität nicht durch starre Standards, sondern durch eine reflektierte, ethisch begründete Haltung entsteht.

Diskussion

Die Praxistauglichkeit des Kartensets ist als sehr gut einzustufen und begeistert. Durch das handliche Format und die klare Sprache, die auf verschachtelte Fachterminologie verzichtet, bietet es vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Es fungiert gleichermaßen als impulsgebendes Werkzeug im Alltag, dient der gezielten Fallarbeit oder als Basis für Fortbildungen. Damit spricht es Fachkräfte über alle pädagogischen Berufsfelder hinweg an. Besonders hervorzuheben ist die Flexibilität des Materials: Das Set eröffnet verschiedene Reflexionsebenen und ermöglicht sowohl den kurzen, spontanen Austausch als auch tiefgehende Prozesse in Einzel-, Partner- oder Teamarbeit. Das Begleitheft unterstützt diesen Prozess durch praxisnahe Anregungen zur Gestaltung der Settings. Das Verhältnis zwischen fachlichem Anspruch und Anwendbarkeit im stressigen Berufsalltag ist äußerst gelungen. Obwohl das Begleitheft keine tiefgehende wissenschaftliche Abhandlung darstellt, fasst es den theoretischen Hintergrund und die ethische Begründung so prägnant zusammen, dass das Material auch unter Zeitdruck und hoher Arbeitsbelastung effektiv nutzbar bleibt. Methodisch überzeugt das Set durch die konsequente Fokussierung auf Kinderschutz und Kinderrechte. Trotz des sehr kompakten Formats werden wesentliche Werte klar auf den Punkt gebracht. Ein besonderer Vorzug liegt in der Einbeziehung partizipativer Ansätze: Die einfühlsam formulierten Denkfragen erweisen sich als wertvolles Instrument, um nicht nur die eigene Haltung kritisch zu hinterfragen, sondern auch um den aktiven Dialog mit Kindern und Jugendlichen zu fördern.

Fazit

Das auf den „Reckahner Reflexionen“ basierende Kartenset bietet ein wissenschaftlich fundiertes und zugleich praxistaugliches Medium zur Reflexion der pädagogischen Beziehungen. Anhand der klaren Fragestellungen können Fachkräfte ihre Handlungs- und Haltungsperspektiven prüfen und die Interaktionsqualität gezielt weiterentwickeln. Es dient als leicht anwendbares Werkzeug für den Alltag, um Kinderschutz und eine wertschätzende Kommunikation als festen Bestandteil des pädagogischen Alltags zu festigen.

Rezension von
Doreen Biester
Erzieherin, Fachberatung, Fortbildnerin
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Es gibt 1 Rezension von Doreen Biester.

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ISSN 2190-9245