Manuel Clemens: Das Dilemma der Unmittelbarkeit
Rezensiert von Peter Flick, 13.07.2026
Manuel Clemens: Das Dilemma der Unmittelbarkeit. Zm autoritären und anti-autoritären Charakter bei Lessing, Adorno und Foucault. transcript (Bielefeld) 2025. 329 Seiten. ISBN 978-3-8376-7780-5. D: 50,00 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 61,00 sFr.
Reihe: Edition Kulturwissenschaft - 312.
Thema
Der Autor versteht unter dem Begriff des „Unmittelbaren“ Wünsche und Bedürfnisse, die als „unruhige Quelle von Lust und Unlust“ Prozesse der Aufklärung ebenso vorantreiben wie verhindern. Der unterschiedliche Umgang mit ihnen führt in einer liberalen Kultur zu einem Konflikt zwischen „autoritärem“ und „anti-autoritären Charakter“.
In drei zentralen Kapiteln zu Lessing, Adorno und Foucault untersuchtdie Arbeit Konfliktmuster, die über das Gelingen und Scheitern von Aufklärung entscheiden.
- Der erste Teil des Buchs befasst sich mit Lessings Aufklärungsdrama „Nathan der Weise“ (1779). In einer von Pierre Bourdieu inspirierten literatursoziologischen Interpretation will der Autor an der Figur Nathans und der anderen Protagonisten die Möglichkeiten und Grenzen einer auf Besitz und Bildung fixierten Aufklärung aufzeigen.
- Im zweiten und dritten Teil überprüft der Autor, was das Begriffsbesteck einer Theoriedes „autoritären Charakters“ (Adorno) und einer postmodernen „Hermeneutik des Subjekt“ (Foucault) dazu beitragen kann, den Grundkonflikt der Moderne zwischen „autoritärem“ und „antiautoritärem Charakter“ besser zu verstehen.
- Die „Schlussbetrachtung“ formuliert eine Zeitdiagnose zur „unmittelbaren Gegenwart“.
Autor
Manuel Clemens, geb. 1976, studierte Kulturwissenschaften und Philosophie in Frankfurt (Oder) und Paris. Nach seiner Dissertation an der Yale University zum Bildungsbegriff unterrichtete er Kulturwissenschaften an der Universität Vechta. Zuletzt erschienen: M. Clemens (u.a.): Die Wiederkehr des autoritären Charakters. Transatlantische Perspektiven, Springer: Wiesbaden 2022.
Aufbau und Inhalt
Vorwort
Als ein Motiv für seine Studie gibt der Autor sein „Unbehagen in den Jahren vor Trump“ (9) an. Es entzündete sich an progressiven Kreisen, „die wenig über die Teile der Gesellschaft sagen können, die sie überhaupt nicht erreichen (..) und die sie schnell als >rassistisch< oder >sexistisch< brandmarken“ (9 f.). Es fehle diesem Milieu „eine gewisse analytische Empathie für diejenigen, die sich außerhalb eines liberalen Konsenses befinden – Menschen also, (…) die weder ästhetische noch kosmopolitische Ambiguitätserfahrungen brauchen und die auch sonst nicht zu Nachdenklichkeit neigen“ (10). Zum eigenen methodischen Ansatz heißt es nur lapidar, er sei „unhistorisch“ (11). Theorien und literarische Texte betrachtet er ungeachtet der Gattungsunterschiede als „Versatzstücke“, die ihm dazu dienten, „in unterschiedlichen Epochen unterschiedliche Unmittelbarkeiten der autoritären und antiautoritären Charaktere herauszustellen und in Beziehung zu setzen.“ (11).
Einleitung
In den Abschnitten „Im Griff des Unmittelbaren“ (15 ff.) und „Dilemma der Unmittelbarkeit“ (24 ff.) geht es um literarischer Figuren, die eine unterschiedliche „Aufgeschlossenheit“ gegenüber Werten der Aufklärung, wie Freiheit und Selbstbestimmung, ausdrücken. Heinrich Manns „Untertan“ steht für den Typus des „Autoritären“, der „nach oben buckelt und nach unten tritt“, Wolfgang Koeppens Figur Judejahn aus seinem Roman „Tod in Rom“ für das Abdriften in eine „ressentimentgeladene Kritik“ (33), die die Zukunft in einer besseren Vergangenheit sucht. Den Gegentypus des „Antiautoritären“ verkörpert die Protagonistin in Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“ mit ihrer befreienden „Reaktion auf die männliche Dominanz“ (33). Die Beispiele zielen auf unterschiedliche „Empfindungswelten“ und Positionen im „Feld der Aufklärung“, die vom Autor dichotomisch als „autoritär“ (im Sinne von gegenaufklärerisch) und „antiautoritär“ (im Sinne von „emanzipatorisch“) definiert werden, wobei die liberale Kultur der Aufklärung dem Geist eines anti-autoritären Nonkonformismus' entspricht.
Teil I: Protagonisten und Nebendarsteller (Lessing)
Clemens interpretiert Lessings „Nathan der Weise“ (1779) als „gruppendynamisches Bühnenspiel“, indem er eine vernachlässigte Randfigur, Daja, die bigotte Dienstmagd Nathans, ins Zentrum rückt. Im Verhältnis Nathans wie das der anderen Protagonisten werde indes deutlich, dass sie nie wie andere eine Chance bekommt, durch „Furcht und Mitleid“ zu einem „besseren Menschen“ zu werden.
Kapitel 1 („Nathan der Weise“, 69 ff.) erklärt das Gespräch Nathans mit Daja im ersten Auftritt zur Schlüsselszene des ganzen Stücks. Nathan ignoriere in seinem Gespräch mit Daja die Ängste einer von einem „christlichen Gewissen“ geplagten „einfachen Seele“. Stattdessen versuche er Daja durch Geschenke und gute Worte zu „bestechen“ und so ruhigzustellen. Nathans Anweisung an Daja, über das Familiengeheimnis zu schweigen (Nathan adoptierte eine christliche Waise, nachdem ein christlicher Pogrom die eigene Familie auslöschte), wird vom Autor als bevormundende Geste interpretiert, die Daja das Wort abschneidet. Nathan wende „sich gegen ihre Tugendhaftigkeit und beschwert ihr Leben“ (71). Diese mangelnde Empathie Nathans und das fundamentale Unverständnis der anderen Protagonisten des Stücks, heißt es weiter, würden die anfangs noch moralisch gefestigte Daja in eine Verbitterung treiben, die dann zu Denunziation Nathans führe. Zwar beteuert der Autor, ihm ginge es nicht darum, „Dajas Verhalten zu verteidigen, zumal ihre spätere Intrige Nathans Tod in Kauf nehmen wird.“ (71). Entscheidend sei es jedoch, die sozialen „Hürden zu analysieren, die Daja im Weg stehen.“ (vgl.71). Ihr werde nicht zugehört, sie erfahre kein Entgegenkommen für ihre Bedürfnisse und Sorgen, „ihre unmittelbaren Gefühle von Lust und Unlust.“(71).
In Kapitel 2 („Lessings Kategorien der Unmittelbarkeit“) dekonstruiert Lessings Kategorien „Furcht und Mitleid“ nach Bourdieu'schen Maßstäben als Ausdrucksformen eines bürgerlichen „Kultur-Habitus“ (118 ff.). Während den andern Figuren des Dramas durch die Empathie und die kluge Gesprächsführung Nathans die Möglichkeit eröffnet wird, ihre Emotionen auszudrücken, könne Daja ihr „Mitleidsempfinden“ genauso wenig wie ihr „Lustempfinden“ ausbauen“ (134), was in den Augen von Clemens nicht nur ihre emotionale Verhärtung erklärt, sondern auch die „Abwärtsspirale“, in die Daja gerate. So kommt es, dass für sie „Nathans Tod die einzige Exit-Strategie zu sein scheint.“ (134).
Manuel Clemens würdigt die Figur des Nathan ausdrücklich als gelungene Darstellung eines kommunikativ geschickten „Vermittlers“, etwa beim klugen Umgang mit der Feindschaft des Tempelherrn und den Gefühlen seiner Tochter. Aber was Daja angeht, versagt er. Als Vertreter einer liberalen „kosmopolitischen Lebensform“ (118) zeige Lessings Nathan die ambivalenten Reaktionen eines liberalen Aufklärers gegenüber einem autoritären Charakter.
Teil II: Inkunabeln der Wiederaufklärung (Frankfurter Schule)
So wirft der auf schuldlose Weise schuldig gewordener Charakter Dajas für Manuel Clemens einen Schatten auf das folgende bürgerliche Zeitalter und das „extreme“ 20. Jahrhundert. Daja erscheint dem Autor als „Vorform des autoritären Charakters“, der in den folgenden Jahrhunderten die politische Bühne der Gesellschaft betritt.
Kapitel 1 beginnt mit einem kritischen Kommentar zu Karl Marx' scharfsinniger Zeitdiagnose „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852). In dem von Marx beschriebenen orientierungslos-apolitischen Kleinbürgertum, das aufgrund seiner Bestechlichkeit zum Spielball populistischer Strategien wird, erkennt der Autor sein eigenes Bild frustrierter kleinbürgerlicher „Unmittelbarkeitshoffnungen“ (Clemens) wieder. Doch Marx und eine von ihm beeinflusste Linke werden auch kritisiert. Sie hätten dem von den Liberalen enttäuschten Kleinbürgertum kein überzeugendes politisches Angebot unterbreitet und Marx habe sich dann auch durch seine Arbeit an seinem Hauptwerk „Das Kapital“ „noch schneller in ein Reich jenseits von Erfahrung, Anschauung und Unmittelbarkeit“ (154) begeben.
Die Kritik des Autors an der marxistischen Tradition und ihrer Neigung zu sozialtheoretischen, von der lebensweltlichen „Unmittelbarkeit“ absehenden Abstraktionen wird auf Horkheimer und Adorno als Vertreter einer „Frankfurter Schule“ ausgedehnt.
Im Mittelpunkt von Kapitel 2 stehen dabei nicht etwa Adornos im Exil entstandene „Studien zum autoritären Charakter“ oder Erich Fromms frühen Pionierarbeit zur Sozialpsychologie der Mittelklasse am Frankfurter Institut für Sozialforschung, sondern Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Großessay zur „Dialektik der Aufklärung“ (1944), die der Autor als „Inkunabeln“ (Ursprünge) einer kulturellen Selbstbeschreibung des autoritären Charakters liest. Wo Horkheimer und Adorno die berühmten Episoden aus Homers „Odyssee“ als listige Selbstbehauptung einer instrumentellen Vernunft und damit als >Urgeschichte bürgerlicher Subjektivität< interpretieren, hält Clemens Odysseus für „gar nicht so listig und modern, wie er von den Frankfurtern positioniert wird.“ (171). Denn schließlich sei er „nur deshalb erfolgreich“, weil ein „Götterrat, ihm die Rückkehr nach Ithaka“ (171) ermögliche und insbesondere Athene ihre schützende Hand über ihn hält.
Die „Dialektik der Aufklärung“ beachte nicht die Verletzung vormoderner und nichtbürgerlicher Lebensformen, die erst die „Rachevorstellungen und Ressentiments“ der Betrogenen hervorrufen. Die autoritären Charaktere im Zeitalter des Totalitarismus seien doch die bekannten Ressentimentgestalten, „wie sie bereits bei Daja und dem Kyklopen in Erscheinung getreten sind.“ (178).
Kapitel 3 zum „Fortleben des autoritären Charakters in der Nachkriegszeit“ (190 ff.) streift nur kurz Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ (1949). Statt auf Adornos empirisch Darstellung unterschiedlicher Typen des „autoritären Charakters“ einzugehen, konzentriert sich die Darstellung auf kulturdiagnostische Texte Horkheimers und Adornos zu einem „gespaltenen Bewusstsein“ in der westdeutschen Nachkriegszeit (208 ff.), die sich ihnen als Mischung aus Verdrängung und Anpassung an die Sachgesetzlichkeiten der moderne Marktgesellschaft präsentierte.
An einem Wendepunkt der Nachkriegsgeschichte werde der Negativismus der „Frankfurter Schule“ gegenüber der aus der USA importierten Massenkultur durch eine liberale Sicht überwunden. „Industrie und Massen“ würden „nicht mehr nur ein aus Hollywood oder Washington kommender Betrug, sondern auch (als) Vorbild der neuen demokratischen Kultur“ (216) angesehen.
Teil III: Unmittelbarkeit mit Ostung (Foucault)
Vor dem Hintergrund des Epochenumbruchs der 1960er/70er Jahre erscheint Foucaults Werk als weitere Befreiung von den kulturpessimistisch getönten „Dystopien“ der „Frankfurter Schule“. Foucaults „Unmittelbarkeit im Antiautoritären“ (255) habe den sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre neuen Schwung verliehen. Unter dem Titel „Unmittelbarkeit mit Ostung“ geht der Autor in zwei Unterkapiteln auf unterschiedliche Perspektiven Foucaults ein:
- Das Kapitel „äußeres Bild von der Mitte“ (217 ff.) beschreibt die Mitte der Gesellschaft aus der distanzierten Sicht des Außenseiters. In „Wahnsinn und Gesellschaft“ identifiziere sich Foucault mit dieser Perspektive und schärfe so in der Auseinandersetzung mit Denis Diderots Dialog „Rameaus Neffe“ den machtkritischen Blick auf die Normen der bürgerlichen Mitte. Die Memoiren der intergeschlechtlichen Herculine Barbin (1838–1868) bewertet Foucault als frühe Kritik am Konzept einer einzig „wahren“ geschlechtlichen Identität.
- Im Unterkapitel zum „inneren Bild von der Mitte“ (255 ff.) wechselt die Perspektive in die Innensicht. In „Überwachen und Strafen“ (1975) mache Foucault die Strukturen einer Disziplinargesellschaft durchsichtig, die als „panoptische Macht“ einer Überwachung bis in die letzten Winkel der Gesellschaft hinein wirksam ist.
Schlussbetrachtung: Die ›unmittelbare‹ Gegenwart
Das Kapitel folgt der kultursoziologischen Diagnose von Andreas Reckwitz („Das Ende der Illusionen: Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“, 2019) und ergänzt sie durch zwei Thesen:
- Eine „Überdynamisierung“ des kulturellen Kapitalismus erzeuge „Enttäuschungsspiralen“ (278), daneben aber auch einen „emotionalen Stau“ (287 ff.), der beim „autoritären Charakter“ zur „Verdrängung der rebellischen Lust durch Unterordnung“ (288) führt. Der Triebstau bei Einzelnen wie Gruppen der „Autoritären“ äußert sich als Groll, der sich sein Ventil im „Hass auf freiheitsliebende Außenseiter“ (289) oder hypermoderne Lebensformen sucht.
- Gegen die Ressentiments des „autoritären Charakters“ hilft nur ein therapeutischer Diskurs. Ein „populistischer Turn“, so der Vorschlag des Autors, soll den belehrenden Ton vermeiden, der „den autoritären Charakter zum Schweigen verdammt und ihm die Legitimität abspricht“. (289). Es bräuchte einen „Dialog zwischen Liberalen, Konservativen und Anti-Liberalen“ (290) und „große Erzählungen“, die illiberale Emotionen bearbeiten und sich so, in der Diktion des Autors, „durch die unterschiedlichen politischen Unmittelbarkeiten winden.“ (291). Dieser Weg sei „viel effektiver als Faktenchecks, die schnell vergessen sind“ (291).
Diskussion
Unterschätzt Manuel Clemens in seiner Lessing-Interpretation nicht das Rationale im scheinbar Irrationalen „gefühlter Werte“? Das Gefühl, das sich auf ein „christliches Gewissen“ beruft, kann auch falsch sein und auf abstoßende Weise egozentrischen Interessen folgen, wie Lessing an der Figur der Daja zeigen wollte. Angesichts der lauten „Revolte vorn rechts“ stellt sich im Anschluss daran noch eine ganz andere soziologische Frage: Sind Trump und Weidel wirklich bloße Wiedergänger eines „autoritären Charakters“, wie Manuel Clemens diagnostiziert? Dazu zwei Gegenthesen:
- Der libertäre Autoritarismus der Gegenwart, der längst die Mitte liberaler Gesellschaften erreicht hat, ist etwas signifikant anderes als das, was wir als „konservative Revolten“ aus der Geschichte kennen. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben inihrer Studie „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ (2022) zeigen, dass Radikalkonservative heute bei aller Autoritätssehnsucht freiheitlichen und hedonistischen Werten folgen. Es erscheint wenig plausibel, angesichts dieses rechten Nonkonformismus' weiterhin von einem „autoritären Charakter“ alten Schlags zu sprechen.
- Wer im Blick auf den Rechtspopulismus einen „Dialog mit dem Gegner“ (294) und ein therapeutisches „Durcharbeiten der Ressentiments“ (297 ff.) vorschlägt, übersieht die zynische Strategie einer libertären Oberschicht, die für die Verschlechterung der sozialen Lage die „liberalen Eliten“ und „die Fremden“ verantwortlich macht (vgl. Heinrich Geiselberger, „Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt“ (2026).
Fazit
Mit seinem Buch will der Autor den leiblich und emotional verankerten Respekt vor dem Anderen stärker ins Zentrum ethischer Reflexionen rücken. Die These des Autors vom Fortleben des „autoritären Charakters“ in der Gegenwart bleibt indes in der soziologischen Fachliteratur ebenso umstritten wie die These seiner Aufklärungskritik, dass Gefühle im moralisierenden Diskurs der Gegenwart zu schnell übergangen und für „falsch“ erklärt werden.
Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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