Arlie Russell Hochschild: Geraubter Stolz
Rezensiert von Ronny Noak, 24.08.2026
Arlie Russell Hochschild: Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten. Hamburger Edition (Hamburg) 2025. 360 Seiten. ISBN 978-3-86854-875-4. D: 30,00 EUR, A: 30,80 EUR.
Thema
Transformationsprozess ist sicherlich eines der Schlagworte in den letzten Jahren. Nicht zuletzt entsteht aktuell in Halle ein Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Aber wie wirkt sich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation gerade in den betroffenen kleinteiligen Regionen aus? Der Frage nach Veränderung und welche Auswirkungen dies auf die Gesellschaft in einer amerikanischen Kleinstadt hat, geht Arlie Russell Hochschild in ihrer Studie „Geraubter Stolz“ nach.
Autorin
Arlie Russel Hochschild ist emeritierte Professorin für Soziologie an der University of California, Berkeley. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Arbeits‑ und Lebenswelten, Geschichte und Gegenwart der Rechten in den USA und die Situation von Frauen – vor allem im Arbeitskontext.
Entstehungshintergrund
Dem Buch „Geraubter Stolz“ geht bereits eine ähnlich gelagerte Studie der Autorin voraus. In „Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“ (Campus-Verlag, 2017, ISBN 978-3-593-50766-8) war Arlie Russel Hochschild bereits tiefer in eine amerikanische Region eingetaucht. Wie sie selbst schreibt hatte sie sich darin „an die Bayous und in die Umgebung der petrochemischen Industrieanlagen im Süden Louisianas begeben und mir die Zeit genommen, Menschen auf der konservativen Seite jener Kluft kennenzulernen.“(S. 13) Es ist für das Verständnis der nun vorliegenden Studie nicht notwendig „Fremd in ihrem Land“ zu kennen. Der Rezensent hatte zuvor auch keinen Einblick in dieses Werk. Es kann aber helfen Zusammenhänge und methodische Vorgehensweise besser zu verstehen. Hochschild kommt an mehreren Stellen auf die erste Studie zurück, erklärt aber immer auch die Zusammenhänge und vergleicht Analogien und Differenzen. Es ist also gewinnbringend, aber nicht Voraussetzung sich mit der ersten Publikation befasst zu haben.
Aufbau
Der Band ist drei Teile gegliedert. Der erste Teil ist überschrieben mit „Der Protestmarsch“. Darin nimmt uns die Autorin mit ins tiefste Kentucky und führt ein, warum sie sich gerade mit dieser Region beschäftigt. Einer der Auslöser ist ein geplanter Protestmarsch weißer Supranationalisten, der unter anderem durch das eher beschauliche Städtchen Pikeville geht. Dabei lernen wir erste Personen kennen, mit denen die Autorin in Interviews gesprochen hat. Im zweiten Abschnitt mit dem Titel „Gesichter in der Menge“ wird diese Methode fortgesetzt. Der Leser bzw. die Leserin erfährt noch etwas mehr über die historischen und politischen Hintergründe und wird mitgenommen auf einen Tiefenbohrung in den Osten. Der letzte Abschnitt trägt den Titel „Donnergrollen“. Hier erfahren wir mehr über die Auswirkungen des geplanten Marsches und wie es gelingen kann, das gespaltene Amerika im Kleinen wieder zu einen.
Inhalt
Neben den drei großen Abschnitten ist das Buch jeweils noch einmal in kürzere Kapitel eingeteilt. Diese orientieren sich zu einem großen Anteil an Personen mit denen Hochschild gesprochen hat. Dafür bereiste sie die Gegend und führte seit 2017 Interviews.
Zum Verständnis ist es wichtig zu wissen – und dies macht die Autorin an vielen Stellen deutlich – in welchem Umbruch sich die Region um Pikeville, Kentucky befindet. Es ist eine ehemalige Bergbauregion, die die Abkehr vom Tagebau nicht wirklich lehrbuchhaft gemeistert hat. Das hat vor allem zu Abwanderung, schlechter Gesundheitsversorgung, Drogenmissbrauch und Armut geführt. Zudem hatte es den Nebeneffekt, dass der US-Kongresswahlbezirk mit dem höchsten Anteil an weißer Bevölkerung (Non-Hispanic White) traditionell der 5. Kongresswahlbezirk von Kentucky (KY-05) ist. In diesem ländlichen und geprägten Distrikt in den Appalachen liegt der Anteil der weißen Bevölkerung bei über 94 %. Und genau in diese Region begibt sich die Autorin. Sie spricht aber nicht etwa mit den Personen, bei denen es naheliegend wäre – also männliche Weiße aus der Mittelschicht. Sondern mit den „Außenseitern“. Da sei genannt Dr. Seyd Badruddjas, der Imam der örtlichen Moschee oder Dr. Budgy, der Leiter des Islamic Center of East Kentucky. Anliegen ihrer Interviews mit ihnen war „die Demonstration und mein Interesse am Politikwechsel der Gegend“ (S. 84). Genauer geht es also darum zu erfahren, wie Kentucky zu einem Unterstützerstaat für Trump werden konnte.
Dabei taucht die Autorin aber auch ab in die weniger beachteten gesellschaftlichen Gegenden. Sie spricht sowohl mit einem Gefängnisinsassen als auch mit einem ehemaligen Drogenabhängigen, dem es ein Herzensanliegen geworden ist, weitere Süchtige zu unterstützen und beim Weg aus der Abhängigkeit zu begleiten. Hier lassen sich individuelle Motive, die aber Ausdruck in der gesamten Region finden, wiederfinden. Als leitende These hat die Autorin dabei das sogenannte „Stolzparadox“ (u.a. S. 33) eingeführt. Laut der Autorin herrscht kurz gesagt in der Gegend – aber in Abstrichen auch in Amerika allgemein – das Paradox vor, dass man für Erfolge und Misserfolge weniger Umstände, Gelegenheiten oder Zufälle verantwortlich macht, sondern dies in einem individuellen Kontext immer der eigenen Anstrengung zuschreibt. Diese Ansichten sind in republikanischen Staaten, wie Kentucky, stärker ausgeprägt als in demokratischen. Letzteren geht es aber wirtschaftlich besser, was das Stolzparadox noch verstärkt und auf die eigene Missleistung zurückführt.
Damit sind nicht nur Personen in diesem Paradox gefangen, sondern ganze Gesellschaften. Dies wird in den Interviews auch immer wieder deutlich, indem darauf hingewiesen wird, dass es in der eigenen Verantwortung liege, was zu erreichen ist. Dabei wird aber auch gezeigt, dass gerade Pikeville abhängig vom Bergbau war und nach dessen Versiegen keine erfolgreiche Transformation gelang.
Wie kann man nun aber diesem Stolzparadox entkommen? Auch darüber verliert Hochschild am Ende einige Worte. Ihre Lösung liegt in der Schaffung von „Empathiebrücken“ (S. 253). Mit diesen könnte es gelingen die politische Kluft in Amerika zu überbrücken. Dabei ist notwendig die Scham des eigenen (Miss)Erfolges – ein zweiter zentraler Begriff der Arbeit – zu überbrücken. „[A]ufsteigen, zurückgeben und die Hand ausstrecken“ oder „einen Tiefpunkt zu erreichen, aufzustehen und die Hand auszustrecken“ (S. 255) sind mögliche biografische Verläufe, die es ermöglichen wieder zueinander zu finden. Für beide Motive lassen sich Beispiele im Buch finden.
Diskussion
Hochschilds besondere Stärke liegt in der Verbindung von sozialhistorischer Analyse und eindringlicher Porträtierung ihrer Gesprächspartner*innen. Hervorzuheben ist die Stärke der Differenzierung. Sie geht mit dem gleichen Erkenntnisinteresse sowohl an die Mehrheitsgesellschaft als auch an eher marginalisierte Positionen heran. So gelingt es auf der einen Seite die Anhänger der amerikanischen Rechten nicht voreilig als politisch fehlgeleitet oder indoktriniert abzutun. Es wird versucht, deren Erfahrungen vor dem Bild des ökonomischem und gesellschaftlichem Wandels ernst zu nehmen und die daraus entstehenden Gefühle von Verlust, Kränkung und Entfremdung nachzuvollziehen. Gerade diese Perspektive macht „Geraubter Stolz“ zu einem wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Rechtspopulismus. Zugleich birgt der stark empathische Zugang eine gewisse Gefahr: Die Konzentration auf individuelle Lebensgeschichten kann strukturelle Faktoren und politische Verantwortlichkeiten teilweise in den Hintergrund treten lassen.
Dennoch überzeugt Hochschild gerade dort, wo sie die Grenzen klassischer politischer Milieuanalysen überschreitet. Sie macht sichtbar, dass politische Einstellungen nicht allein aus materiellen Interessen entstehen, sondern ebenso aus Erfahrungen von Anerkennung, Zugehörigkeit und sozialem Status – somit aus Stolz und Scham. Der besondere Wert des Buches liegt deshalb weniger in einer abschließenden Erklärung des Aufstiegs des Rechtspopulismus. Das versucht der Band aber auch gar nicht zu leisten. Vielmehr ist er als eine Aufforderung zu verstehen, dessen gesellschaftliche Voraussetzungen genauer zu betrachten. „Geraubter Stolz“ liefert damit keine einfache Antwort auf die Frage, warum Menschen populistische Politik unterstützen, eröffnet aber einen differenzierten Zugang zu den emotionalen und sozialen Mechanismen, die hinter dieser Entwicklung stehen.
Fazit
Hochschild zeigt eindrucksvoll, wie eng wirtschaftlicher Niedergang, soziale Entwurzelung und politische Radikalisierung miteinander verbunden sein können. Dabei gelingt es ihr, die Vielfalt der Gesellschaft anhand ihrer Protagonisten ernst zu nehmen, ohne deren politische Überzeugungen unkritisch zu übernehmen. „Geraubter Stolz“ ist deshalb eine lesenswerte Studie über die Frage, was Menschen an ihre Heimat bindet und wie sie trotz verschiedenster politischer Einstellungen miteinander leben aber auch Konflikte austragen.
Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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