Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Cornelia Schweppe (Hrsg.): Machtmissbrauch an Hochschulen

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 31.12.2025

Cover Cornelia Schweppe (Hrsg.): Machtmissbrauch an Hochschulen ISBN 978-3-7639-7879-3

Cornelia Schweppe (Hrsg.): Machtmissbrauch an Hochschulen. Analysen und Perspektiven. wbv (Bielefeld) 2025. 112 Seiten. ISBN 978-3-7639-7879-3. 39,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Machtmissbrauch an deutschen Hochschulen (Befristungen, Vergabe und Verlängerung von Stellen, Verteilung von Ressourcen u.a.) gehen zu Lasten der nachwachsenden Generation. Die Folgen, komplexen Ursachen und Initiativen zu ihrer Bekämpfung werden vorgestellt.

Herausgeberin und Mitarbeiter

Die Herausgeberin Cornelia Schweppe ist Professorin i.R. an der Universität Mainz. Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Transnationalität, Migration, Alter, Armut. Karina Gabriel-Busse ist Juniorprofessorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Mainz, Schwerpunkte Unterrichtsforschung und Professionalität. Anna Hofmeister ist Masterstudentin Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Pädagogik des Kindes- und Jugendalters. Sophia Hohmann arbeitet in der Hochschulverwaltung und im Netzwerk ‚Machtmissbrauch in der Wissenschaft e.V.‘ Charlotte von Knobelsdorff ist Leiterin von Unify (Unit für Family, Diversity and Equity) an der Universität Heidelberg. Daniel Leising ist Professor für Diagnostik und Intervention an der psychologischen Fakultät der Universität Dresden. Hannah Schade ist Sozialpsychologin und Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund. Constantin Wagner ist Juniorprofessor für Erziehungswissenshaft an der Universität Mainz. Martina Winkler ist Professorin für osteuropäische Geschichte an der Universität Kiel, Schwerpunkte Imperial-, Raum- und Kindheitsgeschichte. Miriam Wolf ist Erziehungswissenschaftlerin.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund ist ein Machtmissbrauch an Hochschulen, dessen strukturelle, institutionelle und persönliche Gründe. Vereinzelte Hinweise gibt es bereits in den 50er Jahren. Im Gefolge der Gender- und Rassismusdebatten ist die Aufmerksamkeit und Sensibilität verstärkt worden, insbesondere was die Taktiken der Verschleierung und begünstigende strukturelle Faktoren anbetrifft. Zunehmend werden aber auch Initiativen zur Prävention und Bekämpfung entwickelt; diese anzuregen und zu unterstützen ist das Anliegen der Autoren.

Aufbau

Nach einer Einleitung folgen die Kapitel I. Machmissbrauch an Hochschulen: Systemimmanent verankert, systemimmanent verdeckt. II. Machmissbrauch an Hochschulen begegnen.

Inhalt

Cornelia Schweppe: Einleitung. 

Die Machtfülle von Professoren und deren Missbrauch bei inzwischen bekannt gewordenen Fällen ist Anlass zu dieser Veröffentlichung. Außer Persönlichkeitsstörungen (Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie) begünstigen auch institutionelle Voraussetzungen (z.B. fehlende Kontrolle) und systembedingt befristete Arbeitsverhältnisse den Missbrauch von Studenten, Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Aufmerksamkeit für das Problem durch Herstellung von Öffentlichkeit und Aufklärung soll die Opfer unterstützen und präventiv für institutionelle Veränderungen eingesetzt werden, um zukünftigem Missbrauch vorzubeugen.

Machtmissbrauch an Hochschulen: Systemimmanent verankert, systemimmanent verdeckt

Daniel Leising, Martina Winkler, Hannah Schade: Macht und Machtmissbrauch in der Wissenschaft

Missbrauch setzt Macht voraus, die in unterschiedlichen Formen im Hochschulkontext missbraucht werden kann. Das Thema ist wichtig, selbst wenn die bisherigen Untersuchungen noch nicht ausreichend repräsentativ sind. Persönlichkeitsmerkmale als auch Organisationsstrukturen (fehlende Kontrolle und Sanktionen) begünstigen ein Fehlverhalten. Präventiv kann ein kritischer Blick auf die Auswahl von Führungspersonen bei Berufungen, der Aufbau unterstützender Organisationsstrukturen für die Betroffenen (Reduktion von Machtgefälle, Kontrolle und Hilfsangebote) und die Herstellung von Öffentlichkeit wirksam sein.

Sophia Hohmann: Die Vielfalt von Machtmissbrauch in der Wissenschaft

Die Vielfalt des Machtmissbrauchs wird an Beispielen von Betroffenen und deren individuelle Folgen aufgezeigt; hilfreich sind für diese eine individuelle und soziale, d.h. auch institutionelle Unterstützung. Vorbeugend hingegen sind Maßnahmen, die die Probleme, gestützt auf wissenschaftliche Untersuchungen, öffentlich machen und zu einer wirksamen Veränderung der begünstigenden Strukturen beitragen.

II. Machtmissbrauch an Hochschulen begegnen.

Martina Winkler: Stellschrauben im Kampf gegen Machtmissbrauch – was können wir tun? 

So komplex das Thema ist, so schwierig ist es, Lösungen zu finden, aufgrund von unterschiedlichen Arbeitsbedingungen, Schwierigkeiten, an verlässliche Daten zu kommen und der Komplexität der Zuständigkeiten. Folgende Möglichkeiten stehen den Hochschulen zur Verfügung:

  1. Die Machtstrukturen untersuchen und flachere Hierarchien (Departmentsystem) etablieren, Entflechtung der Machtkonzentration von Betreuungsverhältnissen und Abschaffung von prekären Arbeitsverhältnissen (Arbeitnehmer:innenrechte und Mitbestimmung).
  2. Beschwerdestrukturen und transparente Beschwerdewege, z.B. Kontakt-/​Beschwerdestellen und Beratung.
  3. Veränderungen in Gestalt von Workshops, Podiumsdiskussionen und Informationsveranstaltungen. Bei Berufungen eine stärker inhaltliche Auseinandersetzung mit der konkreten Forschung der Bewerber:innen, Wertschätzung von qualitativer Lehre und Engagement in der akademischen Selbstverwaltung.

Miriam Wolf: Machtmissbrauch an Hochschulen: Veränderungsvorschläge einer Betroffenen

Vorgeschlagen werden verbesserte Zugangsmöglichkeiten zu Informationen über Beratungs- und Beschwerdemöglichkeiten, Schutzstrukturen, geeignete Ansprechpartner und insgesamt ein Problembewusstsein und eine proaktive Einstellung.

Charlotte von Knobelsdorff: GUIDE – ein Verfahren zum Umgang mit Konflikten und Fehlverhalten an der Universität Heidelberg

GUIDE ist eine Initiative der Universität Heidelberg zur Prävention und Bewältigung von Konflikten. Mitglieder sind Studierende, Mitarbeiter und Führungskräfte. GUIDE ist eine zentrale Anlaufstelle für systematische Dokumentation, datenschutzkonforme Kommunikation und Zugang zu Beratungsstellen. Das Ziel ist eine Professionalisierung der Verfahren: Eine zentrale Anlaufstelle, vertrauliche Konfliktanlaufstellen, offizielle Beschwerdestellen und eine Schiedskommission (unabhängige Ombudsstelle). Schnittstellen zu externen Anbietern (Vereine, Verbände, Polizei) sind geplant.

Cornelia Schweppe, Katrin Gabriel-Busse, Constantin Wagner, Anna Hofmeister: Machtmissbrauch begegnen: Schutzkonzepte an universitären Instituten

Schutzkonzepte beinhalten, Personen, die in Interaktions- und Abhängigkeitsverhältnissen leben, lernen und arbeiten, zu unterstützen und zu schützen, indem z.B. Risiken auf der Organisationsebene erkannt und identifiziert werden. Das setzt einen stetigen Reflexionsprozess mit Blick auf die spezifischen Gegebenheiten voraus unter Beteiligung aller Akteur:innengruppen. Befragungen ergaben folgende Leitlinien: Stärkung der Aufmerksamkeit, Schutz der Privatsphäre, Wahrung der Grenzen des Arbeitsprofils und einer guten wissenschaftlichen Praxis, zudem Unabhängigkeit der Meinungsbildung und -äußerung. Herausforderungen zeigen sich bei der Etablierung von Schutzkonzepten in einer hierarchisch strukturierten Organisation. Instituten haben zwar nur einen geringen Einfluss, aber auch ein gewisses Potenzial an passgenauen Maßnahmen durch die Alltagsnähe.

Diskussion

Die zahlreichen Literaturangaben dienen als Belege für die Thesen und Analysen der Autor:innen und geben dem Leser Hinweise, aus welchen Quellen diese gewonnen wurden, allerdings mit der Einschränkung, dass repräsentative Untersuchungen und damit verlässliche Daten für den Umfang des Machtmissbrauchs noch fehlen. Das ist zur Klarstellung wichtig.

Dieses Buch wendet sich vor allem an Hochschulangehörige und beschreibt die jetzt bereits bekannten vielfältigen Facetten eines Machtmissbrauchs an den Hochschulen, den Handlungsbedarf und bereits bestehende und noch zu verbessernde Möglichkeiten, Veränderungen in die Wege zu leiten. Es wendet sich insofern an alle Hochschulangehörigen: Professoren, Studenten und Verwaltung. Nicht erwähnt wurde allerdings, dass auch unter den ‚Machthabenden‘ nach meiner Erfahrung viele sind, die ihre Macht nicht missbraucht haben, sondern sich konstruktiv für gute Arbeitsbedingungen, Förderung und verbesserte Lehre eingesetzt haben und auch kontinuierlich daran arbeiten. Notwendig scheint ein Aufklärungsprozess mit verlässlichen Daten zum Umfang der Probleme zu sein. Das ist eine Aufgabe nicht nur der Betroffenen und ihrer Unterstützer, sondern aller Hochschulangehörigen.

Außer der Hilfe für die von Machtmissbrauch Betroffenen, wollen die Autoren eine öffentliche Diskussion und ein Problembewusstsein schaffen als Voraussetzung für eine grundlegende Veränderung. Dass die Probleme komplexer sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen, und die Möglichkeiten der Verschleierung ebenfalls, macht es nicht leichter. Aber ist das nicht eine genuine Aufgabe der Wissenschaft, komplexe Probleme anzugehen und Lösungen zu suchen? Das ist schließlich auch das Ziel der Autoren: Ursachen zu festzustellen und zu benennen, strukturelle Veränderungen in die Wege zu leiten und alle Mitglieder der Hochschulen an diesem notwendigen Prozess zu beteiligen. Der kann allerdings nicht nur von Innen geleistet werden, sondern muss, was eklatante Rechtsverstöße anbetrifft, auch von außen unterstützt werden.

Der relativ schmale Band (insgesamt 112 Seiten) gibt dazu (s.a. die Heidelberger Initiative) praktische und konkrete Hinweise und Anstöße zum Nachdenken, nicht nur wie vor Missbrauch geschützt werden kann, sondern auch wie und wann Macht konstruktiv zur Begrenzung von Missbrauch eingesetzt werden kann.

Fazit

Lesenswert für alle im Hochschulbereich Tätigen und ein Anstoß Nachdenken und konstruktiven Engagement.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
Mailformular

Es gibt 135 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245