Magdalena Eckes: Erkenntnistheoretische Grundlagen kunstpädagogischer Praxis
Rezensiert von Svenja Rehse, 31.12.2025
Magdalena Eckes: Erkenntnistheoretische Grundlagen kunstpädagogischer Praxis. Eine Erzählung über Mythen, Metaphern und weniger gute Ideen. wbv (Bielefeld) 2025. 131 Seiten. ISBN 978-3-7639-7817-5. 24,90 EUR.
Thema
Das Buch „Erkenntnistheoretische Grundlagen kunstpädagogischer Praxis“ von Magdalena Eckes bietet einen wissenschaftlich fundierten Überblick über erkenntnistheoretische Prozesse. Diese werden im Spektrum historischer und moderner theoretischer Konzepte und in ihrer wechselseitigen Bedingtheit präsentiert, auf ihre Aktualität und gesellschaftliche Wirkung hin befragt. Relevanz und Einfluss, z.B. sich entwickelnde und fortschreibende Machtstrukturen, werden reflektiert.
Fokus und Ziel der Publikation sind erkenntnistheoretische Besonderheiten für die Kunstpädagogik, die bereits in der Art der Wahrnehmung, Erkenntnisgenerierung und Interpretation differenzierte Möglichkeiten der Weltaneignung bieten.
Erkenntnistheoretische Positionen werden auf den ersten 50 Seiten diskutiert und beziehen sich zunächst nicht spezifisch auf das Feld der Kunstpädagogik. Magdalena Eckes führt durch Begriffe wie Bildlichkeit, Objektivität, situiertes Wissen, Macht der Bilder etc. und fächert davon ausgehend die erkenntnistheoretische Problematik der Kunstpädagogik auf.
LeserInnen werden mit kleinen Impulsen geleitet (Umfang der Abschnitte je zwei bis drei Seiten). So wird der Zugang zu spezifisch kunstpädagogischen Ausprägungen der Erkenntnistheorie erarbeitet. Methodisch-didaktische Herausforderungen epistemologischer Prozesse können auf dieser Basis kritisch reflektiert und eingeordnet werden. Angesichts der heutigen Bilderflut seien diese theoretischen Er-Kenntnisse ein notwendiges Werkzeug, um erkenntnistheoretische Kompetenzen auszubilden und kunstpädagogisch-didaktisch nutzbar zu machen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Prof.in Dr. Magdalena Eckes (*1982) hat Staatexamina in den Fächern Kunst, Philosophie und Physik abgelegt, 2014 über Wahrnehmung und Interferenz in der Philosophie promoviert und in verschiedenen hochschulischen Positionen bis zur Professur mit Lehrstuhl für Kunstpädagogik gearbeitet. In der Habilitationsschrift forscht Magdalena Eckes über die Bedeutung konstruktivistischer Theorien für die Bildbetrachtung. Prof.in Dr. Magdalena Eckes war von 2018 bis 2022 an der AKB Stuttgart im Fachbereich Kunstdidaktik und Bildungswissenschaften tätig. Sie lehrt seitdem als Professorin für Kunstpädagogik an der Universität Siegen.
Entstehungshintergrund
Magdalena Eckes verknüpft in ihrer kunstdidaktischen Lehre und Forschung die Orientierung an konkreter künstlerischer Praxis und deren Besonderheiten mit künstlerischer Epistemologie. Hierzu befragt sie historische, soziale und kulturelle Kontexte zu Wissenserwerb und Gültigkeit von Wissen in der Tradition der Erkenntnistheorie. Das reflexive Befragen eigener und fremder theoretischer Modelle sowie deren Anwendung in der Lehr-Lern-Praxis ist Gegenstand ihrer Untersuchungen. Sie lotet Individualisierung und Differenzbildung, Theorie-Praxis-Bezüge in der Kunstpädagogik und Grenzen von Text gegenüber Bildlichkeit und Gestaltungsräumen der RezipientInnen aus. Uneinigkeit in Diskursen der Kunstpädagogik sowie traditionelle, sprachfokussierte philosophische Definitionen von Erkenntnis und Wissen nimmt Magdalena Eckes zum Anlass, diese Gebiete näher zu bestimmen. Intention ihrer Forschung ist die Erschließung erkenntnistheoretischer Grundlagen und deren Aufbereitung für die kunstpädagogische Praxis.
Aufbau
Die Publikation, ein schmaler Band, etwas größer als DIN A 5, bietet auf 123 Seiten 45 kleine Kapitel mit umfangreichen Quellenverweisen und Fußnoten, die sich wie folgt aneinanderreihen und durch die kurzen Abschnitte von jeweils zwei bis drei Seiten den engmaschigen Erzählfaden bilden. Weiterhin beinhaltet das Buch vier Abbildungen, fünf Seiten Literatur- und eine halbe Seite Abbildungsverzeichnis.
Inhalt
Die Annäherung an und Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit Erkenntnistheorie und deren Besonderheit hinsichtlich Sinns und Nutzen für Anwendungspraxis in der Kunstpädagogik erfolgt über 50 Seiten und bereitet die folgende Debatte um Möglichkeiten und Grenzen einer Objektivierung in Bildrezeption und in kunstpädagogischen Kontexten vor.
Magdalena Eckes wählt eine erweiterte Herleitung und bietet grundlegende philosophisch-epistemologische Ansätze zum Thema Erkenntnis in kunstpädagogischen Situationen. Es werden vielfältige Facetten über die Entstehung von Erkenntnis unter Bezugnahme auf die Kunstpädagogik vorgestellt. Davon ausgehend erörtert sie, was sich von Lernenden im Kontext kunstpädagogischer Situationen erkennen lässt, wie sich erkenntnistheoretische Praktiken theoretisch verorten, abgrenzen, fassen und formulieren lassen, denn in der Kunstpädagogik gebe es hierzu keine einheitliche Position.
Die Autorin greift neben historischen auch aktuelle theoretische und diskursive Entwicklungen auf, die Erkenntnis nicht ausschließlich über traditionelle, sprachfokussierte philosophische Wissensdefinitionen erfassen.
Sie bezieht sich insbesondere auf den radikalen Konstruktivismus und zeigt anhand einer Referenz dessen erkenntnistheoretischen Wert für die Kunst auf. Mehrfach stellt sie persönliche biografische Bezüge her um ihren Gedankengang und theoretische Aha-Erlebnisse damit zu illustrieren und zu fundieren.
Davon ausgehend untersucht Magdalena Eckes, wie im Umgang (durch Betrachten und Wahrnehmen) mit Kunst z.B. körperliche, ästhetische, situative, performative oder symbolische Aspekte von Erkenntnis entstehen und entsprechend didaktisch einsetzbar sind.
Das Zentrum ihrer Publikation bilden die Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen Konzepten und die Reflexion des aktuellen kunstpädagogischen Diskurses. Erkenntnis und Strukturbildung werden in ihrer Prozesshaftigkeit, Subjektivität und Grad der Reflexion als aktive kognitive, aber auch emotionale Verarbeitung und Verankerung beschrieben. Hier werden z.B. theoretische Bezüge zu V.C. Aldrichs Theorie des „triadischen Sehens“ hergestellt und das Modell der Perceptbildung von Maria und Gunter Otto kritisch diskutiert. Diese dienen als Beispiele, um die Komplexität und Schwierigkeit, Wissen und Kategorien zu bilden, zu erläutern. Situiertes Wissen, vermeintliche Objektivität, gesellschaftliche Tradierung und Wertebildung versus Subjektivität, Lösung/Öffnung und Weiterentwicklung festgelegter und dadurch eingeschränkter Erkenntnisse weiterzuentwickeln („interesseloses Wohlgefallen“), das Thema kunstpädagogisch zu verorten, werden als theoretische Konzepte eingebracht und miteinander in Beziehung gesetzt. „Wahrheiten“, Objektivität und Strukturbildung werden so als Momentaufnahmen diskutiert und in ihrem Erkenntnisgehalt in Bezug auf modernere konstruktivistische Traditionen kritisch reflektiert und implizite Konsequenzen hin ausgelotet. Die Tauglichkeit und Wirksamkeit erkenntnistheoretischer Zugänge in kunstpädagogischen Praxisfeldern werden untersucht. Dadurch werden neue Perspektiven möglich. Kunstpädagogische Lernräume können mit diesem Ansatz neu definiert, Lehr-Lern-Szenarien entsprechend aktualisiert sowie inszeniert werden.
Insbesondere die Andersartigkeit der Kunstpädagogik hinsichtlich Erkenntnisgewinnung, Entdeckungszusammenhang und vorerlerntem/erworbenem Wissen wird bezüglich der Wahrheit und eines situierten Wissens und Anschauungen zu einer mächtigen Gegenposition.
Das Höhlengleichnis mit seinen verschiedenen Lesarten dient Magdalena Eckes als klassisches und zugleich überzeitliches Beispiel der Erkenntnisgewinnung und der methodisch-didaktischen Verantwortung. Die heutige Fülle („Bilderflut“) und Macht sprachlicher Bilder, der „Bilder der Väter Mütter“ werden beschrieben unter der Prämisse, mit gewachsenen historisch-kulturellen Gegebenheiten objektive Positionen halten zu können. Auch das triadische Sehen (V.C. Aldrich) und die Perceptbildung (Gunter und Maria Otto) dienen Magdalena Eckes als Aspekte, um den kunstpädagogischen Fokus zu konkretisieren und zu differenzieren. Angemessenheit der Erkenntnisgewinnung, die Anpassung i.S. einer Öffnung theoretisch und traditionell unterlegter Konsequenzen und Reflexion ermöglichen Befreiungen. Doch auch die Kunstpädagogik unterliegt einem stetigen Wandel und entsprechenden Herausforderungen. Erkenntniskompetenzen als Fähigkeit, Bilderfluten zu entschlüsseln und zwischen subjektiver und objektiver Nutzung eine Position im Kontext der epistemologischen Ansätze fortzuschreiben, sind der Beitrag, den diese Publikation liefern möchte. Didaktisch-methodische Szenarien werden diesbezüglich durchgespielt und theoretisch verortet: Muster, Symbole, Metaphern, Kategorien der Erkenntnisbildung werden anhand nicht-begrifflicher Dimensionen untersucht, hier am Begriff der Schönheit. Sinnliche Gegebenheiten, ästhetische Kategorien und allgemeinere Zusammenhänge bergen laut Magdalena Eckes die Gefahr der Stereotypenbildung und führen folglich zu einer Verfestigung mit Allgemeingültigkeitscharakter. Hier wird das Problem impliziter Stereotypenbildung verdeutlicht, das u.U. in der Sozialisation allein durch die Häufigkeit des Auftretens „der immer gleichen“ implizit als solches erlernt wird. Dazu dienen auch Magdalena Eckes Ausführungen zu Abbildung 4 (S. 97), ein Schaubild aus dem Anhang von KUNST, von Hubert Sowa als eine, wenngleich nicht hinreichende Möglichkeit der Veranschaulichung abstrakter Ideen der Kunst- und Kulturgeschichte benannt. Die Konfrontation mit anderen, fremden Bild- oder Kunstformen führe dann möglicherweise zu Blindheit einer Mustererkennung und mangelnder Erkenntnismöglichkeit. Auch an diesem Beispiel ist die Universalität gängiger und „gültiger“ Muster, Symbole und Kategorien infrage gestellt. Bildvorräte und ihre Wertigkeit seien daher kontinuierlich zu reflektieren und zu aktualisieren.
Im Kapitel „Die Probleme in konkreter kunstdidaktischer Praxis“ werden relevante Facetten diskutiert. Es gehe in der Bildbetrachtung um Vielfalt, Verschränkung und Gleichzeitigkeit. Identität, Bild, Religion und Bildung zeigen parallele Diskussionsstränge, die die Disparität der Kunstdebatte im Spektrum von Vielfalt, Verschränkung und Gleichzeitigkeit belegen. Magdalena Eckes nennt hier den Kunsttheoretiker und Künstler W. Kentrigde und dessen Thesen für differenzierte Kunst-Interpretation: Illusion, Gleichzeitigkeit, der Mensch als Akteur des Verstehens, mit dem Potenzial, Erkenntnismöglichkeiten selbst zu verhandeln. Insbesondere Gegenentwürfen der kunstpädagogischen Erkenntnis widmet sie ein Kapitel, das neue Perspektiven und Potenziale versammelt. Erkenntnismomente kunstpraktischen Handelns ergänzen, individualisieren und erweitern andere Formen der Erkenntnis, sie setzen sich auch anderen Formen der Erkenntnis entgegen. Diese vielfältigen Aspekte in der Kunst(-betrachtung) und deren Bedeutung für die Kunstpädagogik untersucht Magdalena Eckes hinsichtlich der Charakterisierung von Erkenntnismomenten des kunstpraktischen Handelns, für kunstpädagogische Situationen und für die kunstpädagogische Debatte.
Diskussion
Das Titelbild der Publikation von Magdalena Eckes bietet bereits ein anschauliches Beispiel für die Thematik des Buches. Sehen, Er-Kennen, Deutung und Interpretation werden zu einer Herausforderung und Aufgabe, deren Prozess im Buch auf wissenschaftlichem Niveau durchgeführt wird. Kurze Kapitel, kleinschrittig strukturierte Argumentation, Vielfalt theoretischer Ansätze und Betrachtungsweisen des Erkenntnisgewinns, Auslotung und Abgrenzung erkenntnistheoretischer Praktiken hin zu kunstpädagogischen Besonderheiten – LeserInnen werden Schritt für Schritt durch diese Analyse geführt. Diese Kleinschrittigkeit trägt zu einer differenzierten Erkenntnis bei: der Gedankengang Magdalena Eckes kann dadurch in seiner Vielschichtigkeit und philosophischen Perspektive ganzheitlich erlebt werden. Struktur und Ordnung der Gliederung eröffnen philosophisch-erkenntnistheoretische Bühnen und zeigen Bezüge von Zeit (historische Entwicklungen) und gesellschaftlichen Realitäten (Sachlogik, Bilderflut) und die Komplexität, aber auch Begrenztheit der behandelten Theorien (Macht der Bilder/der Bildsprache, situiertes Wissen). Die vorgestellten, fundamentalen Ansätze werden ergänzt durch eingängige, teils biografisch gefärbte Passagen der Autorin, in denen beispielhaft auf nachvollziehbares Alltagsleben und -handeln heruntergebrochen und dadurch zu Verständnis beitragen wird. Das mag LeserInnen zunächst irritieren, aber in der Gänze zu einem konkreten, kunstpädagogischen Verständnis und ganzheitlich angelegtem Erkenntnisgewinn führen.
Verwiesen wird in der Publikation immer wieder auf die kunstpädagogische Praxis und die noch zu definierende Überwindung rein sprachlicher Verortung. Historische, soziale und kulturelle Kontexte als Referenzmodelle für Wissenserwerb, aber auch die Gültigkeit von Wissen in der Tradition der Erkenntnistheorie dienen zunächst als solide Grundlage der Diskussion, werden aber mit aktuellen Zugängen in Form von konstruktivistischen Ansätzen und Aneignungsprozessen kritisch erweitert. Durchgängig werden wissenschaftliche Quellen herangezogen. Umfangreiche Fußnoten geben den LeserInnen Impulse zu vertiefter Auseinandersetzung und erweitern so indirekt an die Diskussion.
Magdalena Eckes erweist sich in dieser Publikation als erfahrene Didaktikerin und führt stringent durch die Thematik. Notwendige erkenntnistheoretische führen folgerichtig zum Kernthema Kunstpädagogik in seinen Besonderheiten und Möglichkeiten. Kunstpädagogische Praxis profitiert von Magdalena Eckes philosophischen Reflexionen. Zahlreiche wissenschaftliche Verweise veranschaulichen die Diskussion. Die Publikation von Magdalena Eckes kann dazu beitragen, die Kunst- und Weltsicht zu öffnen.
Fazit
Eine Publikation für wissenschaftlich interessierte LeserInnen, die sich mit epistemologisch akzentuierten Begrifflichkeiten auseinandersetzen und die wechselseitigen Bezüge der Erkenntnistheorie im Kontext und Spannungsfeld von Philosophie und Pädagogik verorten wollen. Der Fokus, den Magdalena Eckes mit dem besonderen Erkenntnispotenzial von Kunstpädagogik setzt, bietet ein Forschungsfeld, das durch die Kapitelgestaltung kleinschrittig strukturierte Annäherung bietet. Komplexe theoretische Konstrukte zeigen durch anschauliche Beispiele Potenzial für Neuverknüpfung jenseits etablierter Begriffe und didaktischer Routinen, die Autorin eröffnet damit Perspektiven auf künstlerisches Lernen, Lernräume und Lehr-Lern-Interaktion.
Rezension von
Svenja Rehse
M.A., Dozentin Pädagogik (Fach-/Hochschulen) und Kunsttherapie
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