Axel Benning, Marcell Saß: Hochschullehre grenzenlos?
Rezensiert von Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann, 30.01.2026
Axel Benning, Marcell Saß: Hochschullehre grenzenlos? Ein Modell integrierter Lehre. wbv (Bielefeld) 2025. 99 Seiten. ISBN 978-3-7639-7767-3. 39,90 EUR.
Thema
Dieses Buch widmet sich der Frage, wie Hochschullehre unter den Bedingungen gesellschaftlicher Transformation – insbesondere der Digitalisierung – neu gedacht werden kann. Ausgehend von einem interdisziplinären Projekt zeigen ein Jurist und ein Theologe, wie Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam Fragestellungen der Mensch-Technik-Interaktion bearbeiten. Im Mittelpunkt steht eine fallbasierte Lehrkonzeption, die ethische, technische, juristische und anthropologische Perspektiven systematisch miteinander verknüpft. Auf dieser Grundlage wird „Integrierte Lehre“ als hochschul- und disziplinübergreifender Ansatz vorgestellt, der neue didaktische Wege eröffnet und Studierende auf komplexe Zukunftsfragen vorbereitet.
Autoren
Prof. Dr. Axel Benning ist Professor für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Bielefeld. Er forscht zu Themen wie Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Studiengänge, Entwicklung juristischer Software sowie die Souveränität in digitalisierten Lebenswelten. Prof. Dr. Marcell Saß hat eine Professur für Praktische Theologie an der Philipps-Universität in Marburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Religionspädagogik und Liturgik, Theorie und Praxis religiöser Bildung und religiöse Kommunikation. Das Buch ist im Kontext des BMBF-geförderten Projekts zu „Souveränität in Digitalisierten Lebenswelten“ entstanden.
Aufbau
Auf 99 Seiten steht in drei Kapiteln das innovative, interdisziplinäre Lehrprojekt im Mittelpunkt:
- Goodbye Gutenberg
- Impulse für eine „grenzenlose“ Hochschullehre
- Integrierte Lehre in der Praxis
Einleitung, Ausblick und Ermutigung rahmen den Inhalt.
Inhalt
Wie können verschiedene Disziplinen zusammenarbeiten, um innovative Lösungen für essenzielle gesellschaftliche Herausforderungen zu finden? Benning, Jurist, und Saß, Theologe, machen es mit ihrem Projekt zur integrierten Forschung vor und wollen damit nicht nur den wissenschaftlichen Austausch fördern, sondern auch die Lehre in den Fokus rücken. Drei Fachkulturen – Jura, Technik und Theologie – trafen in dem Projekt aufeinander und boten den Studierenden eine intensive Auseinandersetzung mit den anderen und sich selbst. Mittelpunkt war eine (fiktive) Fallstudie zur Konzeption eines Roboters, der ältere, alleinlebende Menschen, unterstützt. Offenheit und die Bereitschaft der mitwirkenden Disziplinen, sich hier ziel- und lösungsorientiert auf Augenhöhe zu treffen, waren dabei wesentliche Elemente. Deutlich wird: Integrierte Lehre erfordert ein kontinuierliches Aushandeln von Sprache, Methode, Herangehensweise und Didaktik.
Im ersten Kapitel setzen die Autoren den konzeptionellen Rahmen der integrierten Forschung. Ziel dieses Ansatzes ist es, in den beteiligten Disziplinen einen neuen Modus des gemeinsamen Forschens und Lernens zu etablieren. Die geteilte Disziplinarität will helfen, komplexe Transformationsprozesse nicht nur additiv, sondern in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Zugleich ordnen Benning und Saß diesen Ansatz explizit in den Kontext von Hochschullehre ein und skizzieren bestehende trans- und interdisziplinäre Initiativen an ihren Hochschulstandorten, etwa „VIVA“ oder „Computer meets Recht“ in Bielefeld sowie „Marburg Skills“ bzw. „Marburg Transversal Teaching“ in Marburg. Der Abschnitt wird eingebettet in eine grundsätzliche Betrachtung vom Wandel zum digitalen Zeitalter. Eine wichtige Erkenntnis war dabei, das monodisziplinäre Ansätze die Wissenschaft und die Gesellschaft langfristig nicht weiterbringen werden. Einzelne, hochspezialisierte Disziplinen alleine sind kaum mehr in der Lage, komplexe Herausforderungen sinnvoll zu verstehen, zu bearbeiten oder Lösungen zu entwickeln. Integrierte Forschung kann hier eine mögliche Antwort sein. Hierbei sind auch Hochschulen im Wandel: von früheren Ordinarienuniversitäten zu heute international geprägten, interdisziplinären und digitaler Hochschullandschaft, die ihre zentrale Rolle der Wissensproduktion und des kritischen Denkens bewahren wollen
Das zweite Kapitel ist vergleichsweise knapp gehalten und fungiert als theoretisch-didaktische Brücke. Hier werden Grenzüberschreitungen in der Lehre konzeptionell reflektiert und u.a. mit der Lehrkräftebildung, Ansätzen des New Public Management, dem Diskurs um Future Skills sowie einem erweiterten Bildungsverständnis in Beziehung gesetzt. Integrierte Lehre wird dabei weniger als methodisches Set denn als bildungstheoretische Haltung verstanden. Sie bezieht heterogene Bildungsbiografien der Studierenden ein, fördert transgressive Skills in Anlehnung an Watkins und nimmt den Titel des Buches auf, in dem grenzenlos als grenzüberwindend zwischen den Disziplinen verstanden wird.
Im dritten Kapitel werden die Projekterfahrungen systematisch auf die Lehre übertragen. Thematisch adressiert werden Selbstbild, Menschen- und Gesellschaftsverständnis, demokratische Steuerung IT-gestützter Veränderungsprozesse sowie der Umgang mit personenbezogenen Daten. Benning und Saß stellen dabei die Entwicklung von Future Skills in den Mittelpunkt. Future Skills werden als Fähigkeit verstanden, fachliche Wirklichkeitskonstruktionen zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Eine exemplarische Lehrveranstaltung zum Thema „Entwicklung eines Vertrauen und Sympathie schaffenden sozialen Roboters“ veranschaulicht dies sehr gut. Projektrahmen und Aufgabenstellungen finden sich im Anhang. Zitate der Studierenden eröffnen Einblicke in Lernprozesse, Irritationen und Perspektivwechsel.
Diskussion
An diesem Buch gefällt mir besonders, dass die Autoren ihre Ideen, Umsetzungen und auch ihre Unsicherheiten im Hinblick auf integrierte Lehre teilen. Es ist kein Rezeptbuch zum Nachmachen, sondern eher ein Erfahrungsbericht und Impulsgeber. Gerade dieser Charakter macht ihn für Hochschullehrende anschlussfähig, die eigene inter- oder transdisziplinäre Lehrformate entwickeln möchten. Positiv hervorzuheben ist die konsequente Verbindung von gesellschaftlichen Zukunftsfragen mit hochschuldidaktischen Überlegungen. Gleichzeitig bleibt der Band bewusst auf der Ebene von Plausibilität, Reflexion und subjektiven Erfahrungen. Eine systematische empirische Evaluation der Lernergebnisse steht nicht im Fokus – was aus Sicht einer kritisch-analytischen Rezension als Grenze, aus didaktischer Perspektive jedoch auch als bewusste Setzung verstanden werden kann. Auch organisatorische Fragen wie zeitliche Schnittmengen zwischen drei Lehrplänen zu finden und Ideen zur curricularen Einbindung müssen noch gestellt werden.
Fazit
Dieses Buch ist wichtig für alle, die Hochschullehre nicht als disziplinär abgeschlossene Wissensvermittlung, sondern als offenen, dialogischen und gesellschaftlich verantwortlichen Bildungsprozess verstehen. Es richtet sich insbesondere an Hochschullehrende, Hochschuldidaktikerinnen sowie Akteurinnen der Lehrentwicklung, die bereit sind, fachliche Gewissheiten zu hinterfragen und Studierenden Lernräume für Perspektivwechsel zu eröffnen. Hochschullehre grenzenlos? liefert dafür keine einfachen Lösungen, aber Denkanstöße.
Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Hannover Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales
Mailformular
Es gibt 88 Rezensionen von Nina Fleischmann.





