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Mareike Beer: Inklusion im Berufseinstieg

Rezensiert von Dr. Antje Ginnold, 16.04.2026

Cover Mareike Beer: Inklusion im Berufseinstieg ISBN 978-3-7639-7749-9

Mareike Beer: Inklusion im Berufseinstieg. Gatekeeping am Übergang Schule-Berufsausbildung aus Sicht von Auszubildenden mit Lernbeeinträchtigungen. wbv (Bielefeld) 2025. 514 Seiten. ISBN 978-3-7639-7749-9. 69,90 EUR.
Reihe: Teilhabe an Beruf und Arbeit - 7.

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Thema

Wie finden Jugendliche einen passenden Beruf für sich? Der Berufsorientierungsprozess und der Übergang von der Schule in das Ausbildungssystem (erste Schwelle) stellen die meisten jungen Menschen vor Herausforderungen. Jugendliche mit (Lern-)Beeinträchtigung scheinen im Vergleich zu Jugendlichen ohne Beeinträchtigung vor zusätzlichen Hürden zu stehen. Sie sehen sich mit anderen Förderstrukturen und Selektionsmechanismen konfrontiert. Die Feststellung des Reha-Status und Förderbedarfs durch die (Reha-)Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit ist das zentrale Zugangskriterium zum nachschulischen, beruflichen Fördersystem für diese Zielgruppe. Grundsätzlich können Jugendliche mit (Lern-)Beeinträchtigung eine berufliche Qualifizierung auch in Betrieben durchlaufen, mit oder ohne zusätzliche/r Unterstützung. Häufig absolvieren sie jedoch im Anschluss an die Schule (Förderschule oder allgemeine Schule) eine staatlich geförderte Berufsvorbereitung und Berufsausbildung als Maßnahmekette, zumeist in außerbetrieblichen Einrichtungen. Es gibt bereits einiges an Forschung zum Übergang Schule – Beruf von Jugendlichen mit Beeinträchtigung: u.a. zu den Übergangsverläufen, den Bewältigungsstrategien der Jugendlichen oder der Sicht einzelner Gatekeeper auf den Übergangsprozess. Mareike Beer richtet in ihrer Forschungsarbeit nun den Blick auf die subjektive Sicht der betroffenen Jugendlichen mit Lernbeeinträchtigung, die sich als Auszubildende in einer außerbetrieblichen Ausbildung (kooperatives Modell) befinden. Diese setzen sich retrospektiv mit ihrem Berufsorientierungs‑ und Übergangsprozess und der Unterstützung durch die verschiedenen Akteure (Gatekeeper) auseinander. Damit rückt die Einschätzung der Nutzer:innen zu den staatlich geförderten Maßnahmen der Berufsvorbereitung und ‑ausbildung sowie zu den formellen und informellen Unterstützungsangeboten im Übergang Schule – Berufsvorbereitung in den Fokus.

Autor:in

Dr. Mareike Beer studierte Erziehungswissenschaften und Literaturwissenschaft an der Universität Osnabrück. Ihre Schwerpunkte liegen in der Berufspädagogik, Inklusionspädagogik und Erwachsenenbildung sowie in der Benachteiligtenförderung und beruflichen Rehabilitation.

Zunächst war sie in unterschiedlichen Maßnahmen zur Berufsorientierung und zur Eingliederung in den Ausbildungs‑ und Arbeitsmarkt bei verschiedenen Bildungsträgern tätig. Außerdem arbeitete sie als Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte und Bildungsplanerin im Regionalen Bildungsbüro im Kreis Warendorf in Nordrhein-Westfalen. Von 2018 bis 2024 war Mareike Beer wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Berufs‑ und Wirtschaftspädagogik am Lehrstuhl von Prof. Dr. Dietmar Frommberger an der Universität Osnabrück und promovierte dort 2024. Seit 2024 leitet sie die Volkshochschule in Warendorf.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Veröffentlichung wurde von Mareike Beer als Dissertation unter dem Titel „Berufliche Rehabilitation und inklusive Ausbildung. Gatekeepingprozesse am Übergang Schule-Berufsausbildung aus Sicht von Auszubildenden mit Lernbeeinträchtigungen“ an der Universität Osnabrück eingereicht. Sie wurde nun im Rahmen der Buchreihe „Teilhabe an Beruf und Arbeit“ veröffentlicht. Dank einer Förderung steht die Publikation neben einer Druckfassung auch als freies E-Book zur Verfügung unter: https://www.wbv.de/shop/openaccess-direct/I77505 [Datum des Zugriffs: 31.03.2026].

Aufbau und Inhalt

Mareike Beer gliedert ihre Monografie in drei große Teile: Forschungsgegenstand, Methodik und Ergebnisse, wobei der erste Teil mit 254 Seiten den größten Raum einnimmt. Die beiden anderen Teile fallen mit 53 bzw. 111 Seiten deutlich kleiner aus. Komplett umfasst die Veröffentlichung 514 Seiten. Die drei großen Teile werden durch insgesamt acht Kapitel und jeweilige Unterkapitel inhaltlich strukturiert. An den Beginn ihres Buches stellt die Autorin eine Danksagung, ein Verzeichnis der Abkürzungen, das Vorwort der Herausgeber der Buchreihe und eine Einleitung. Am Schluss des Buches finden sich Verzeichnisse der Abbildungen und Tabellen sowie das 63-seitige Literaturverzeichnis.

In Teil I beschäftigt sich Mareike Beer mit dem Forschungsgegenstand. Im Kapitel 1 gibt sie eine thematische Einführung in den Übergang Schule – Beruf von jungen Menschen mit Lernbeeinträchtigung (S. 27–133). Zunächst werden wichtige Begriffe, Konzepte und Diskurse bezüglich Inklusion sowie Lernbeeinträchtigungen und deren mögliche Ursachen und Risikofaktoren ausführlich referiert. Mareike Beer hält fest, dass es in den Fachwissenschaften kein allgemeines oder klar definiertes Verständnis gibt, weder von Inklusion noch von Lernbeeinträchtigung (S. 38 und S. 95). Anschließend widmet sie sich dem Übergang Schule – berufliche Bildung dieser Zielgruppe. Sie beschreibt u.a. verschiedene theoretische Ansätze zu Berufswahlprozessen, die sich überwiegend nicht speziell auf ihre gewählte Zielgruppe beziehen, aber dennoch interessante Impulse für die Einordnung der Forschungsergebnisse liefern (S. 100–188). Außerdem setzt sich die Autorin mit der Bedeutung der dualen (betrieblichen) Ausbildung, des Berufskonzepts und von Employability sowie den Chancen auf Inklusion und Teilhabe im Kontext des Übergangs von der Schule in den Beruf der Zielgruppe auseinander (S. 118–133).

Im Kapitel 2 stellt Mareike Beer die strukturellen Rahmenbedingungen des Übergangs an der ersten Schwelle von der Schule in die Berufsvorbereitung und Ausbildung vor. Insbesondere geht es hier um den Eintritt in die Förderstrukturen sowie um die etablierten Maßnahmen und neuen Angebote der Bundesagentur für Arbeit für benachteiligte und (lern-)beeinträchtigte Jugendliche (S. 135–212). Neben rechtlichen Rahmenbedingungen, Zugangsvoraussetzungen und konzeptionellen Gestaltungen erhält man auch statistisches Datenmaterial zu ausgewählten Nutzungszahlen der verschiedenen Maßnahmen. Ein besonderes Augenmerk legt Mareike Beer auf die verschiedenen Möglichkeiten der Berufsausbildung (von der regulären, betrieblichen Ausbildung bis hin zur behindertenspezifischen Reha-Ausbildung, u.a. auch theoriereduziert, in speziellen, außerbetrieblichen Einrichtungen) und der unterschiedlich intensiven Unterstützung, die dort jeweils geleistet werden kann.

Nachfolgend beschreibt Mareike Beer im Kapitel 3 den theoretischen Bezugsrahmen ihrer empirischen Untersuchung: Gatekeeping und Gatekeeper in der Statuspassage Schule – Berufsvorbereitung – Berufsausbildung (S. 213–238). Gatekeeper gelten als „Tor‑ oder Statuswächter“, die Zugänge überwachen, ermöglichen und unterstützen oder verschließen (S. 215 f.). Ihr Einfluss wird in der Forschung als bedeutsam für das Gelingen des Übergangs bzw. der Statuspassage eingeschätzt (S. 218). Mareike Beer folgt dabei den Konzepten von Behrens und Rabe-Kleberg (1993, zit. nach Beer 2025, S. 221) und kategorisiert die relevanten Gatekeeper im Übergang Schule – Beruf bei Jugendlichen mit Lernbeeinträchtigung in vier Untergruppen (S. 221–238):

  • professionelle Expert:innen (Berufspsychologischer Service der Bundesagentur für Arbeit, der die Gutachten zu den Jugendlichen erstellt, welche als wesentliche Grundlage für die Entscheidung über den Reha-Status und den weiteren Förderweg gelten),
  • Vertreter:innen und Repräsentant:innen von Institutionen (Reha-Berufsberater:innen der Bundesagentur für Arbeit, pädagogische Fachkräfte der berufsvorbereitenden Maßnahmen sowie Lehrkräfte der abgebenden Schulen),
  • Vorgesetzte und Kolleg:innen (z.B. im Betrieb) sowie
  • Primärgruppen (Eltern, Verwandte, Peers).

Diese Kategorien bilden die Grundlage für die Datenerhebung, ‑auswertung und ‑einordnung (vgl. Kapitel 5, 6, 7 in Teil II und III).

Im Kapitel 4, dem letzten des ersten Teils, zeichnet Mareike Beer den Forschungsstand nach (S. 239–279). Zu Beginn stellt sie die für ihr Forschungsvorhaben als relevant eingestuften Studien und Forschungsergebnisse nach Autor:innen und Jahr, Schlagworten, Forschungsdesign sowie Ergebnissen tabellarisch zusammen (S. 243–251). Sie ordnet die Studien vier Schwerpunkten zu: der schulpädagogischen Sicht auf Lernbeeinträchtigungen und Biografien der Schüler:innen, dem Übergang Schule – Berufsausbildung von benachteiligten Jugendlichen, den Gatekeepingprozessen am Übergang Schule – Beruf sowie dem internationalen Diskurs von qualitativen Forschungsvorhaben mit Menschen mit Lernbeeinträchtigungen und Behinderungen. Nachfolgend analysiert sie den Forschungsstand ausführlicher und fasst ihn zusammen. Aufgrund bestehender Forschungsergebnisse und der herausgearbeiteten Forschungslücke bezogen auf die subjektiven Einschätzungen der betroffenen Jugendlichen will Mareike Beer in ihrer Dissertation die folgende Fragestellung untersuchen:

„Wie bewerten Auszubildende mit Lernbeeinträchtigungen die Beratung und Begleitung durch die unterschiedlichen Gatekeeper am Übergang von der Schule in die Berufsvorbereitung und Berufsausbildung?“ (S. 277)

Es folgt die Überleitung zu Teil II, der sich der methodischen und methodologischen Anlage der eigenen empirischen Untersuchung widmet (Kapitel 5, S. 281–334). Zunächst begründet Mareike Beer ihre Auswahl einer retrospektiven, qualitativen Studie. Von Oktober 2021 bis März 2022 führte sie problemzentrierte Interviews mit Auszubildenden durch. Es handelte sich dabei um ein selektives Sampling (S. 296–303): Die 18 Jugendlichen mit Lernbeeinträchtigung (17 bis 23 Jahre alt), davon drei weibliche, befanden sich in einer behindertenspezifischen Reha-Ausbildung (außerbetriebliche Berufsausbildung in kooperativer Form). Der fachpraktische Teil der Ausbildung (zwei bis drei Tage pro Woche) fand in einem Betrieb des ersten Arbeitsmarktes statt. Hinzu kamen Berufsschultage und meist ein Tag bei dem Bildungsträger. Die Auszubildenden hatten zuvor alle eine berufsvorbereitende Maßnahme bei einem Bildungsträger durchlaufen und dort ihren Kooperationsbetrieb für die Ausbildung durch Praktika gefunden. Die Befragten befanden sich in unterschiedlichen Erstausbildungen und Berufen: regulären zwei‑ oder dreijährigen Vollausbildungen, aber auch in vielen theoriereduzierten Ausbildungen (13 der 18 Befragten), jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Ausbildung. Alle Auszubildenden hatten einen Reha-Status, der hauptsächlich auf einer zugeschriebenen Lernbeeinträchtigung beruhte. Der Zugang zu den Befragten erfolgte über die verschiedenen Bildungsträger sowie ein Berufskolleg, wo die Auszubildenden ihren Berufsschulteil absolvierten. Regional begrenzte Mareike Beer die Befragungen auf Nordrhein-Westfalen (als bevölkerungsreichstes Bundesland) und dort auf Bildungsträger in der Region Münsterland und Ostwestfalen-Lippe mit eher ländlicher Struktur, aber wirtschaftlich gut aufgestellt (S. 301).

Die Autorin fügt hier bereits kurze, deskriptive, anonymisierte Falldarstellungen aller interviewten Auszubildenden ein (S. 317–326) und gibt damit einen Einblick in ihre unterschiedlichen Übergangsverläufe.

Die Interviews wertete Mareike Beer mit der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse und unter Nutzung der Software MAXQDA aus. Sie macht ihren Forschungsprozess transparent und stellt ihr Vorgehen inklusive exemplarischer Beispiele für die Codierung vor (S. 326–334).

Im Teil III präsentiert Mareike Beer nun die Ergebnisse ihrer empirischen Untersuchung, ordnet diese ein und leitet daraus Empfehlungen für eine zu verändernde Praxis ab. Im Kapitel 6 (S. 337–402) wertet sie entsprechend der oben genannten Gatekeeper-Kategorien aus, wie die Auszubildenden die Handlungen der jeweiligen Akteure einschätzen. Es geht sowohl um den Einfluss der Gatekeeper auf den Berufsorientierungsprozess als auch um die Bewertung ihrer Unterstützung im institutionalisierten Übergang. Anhand zahlreicher Interviewsequenzen werden die subjektiven Bewertungen der Befragten und die Interpretationen der Autorin nachvollziehbar, ebenso in Bezug auf bereits dargestellte Forschungsergebnisse und Bezugstheorien. Hier folgt eine kleine Auswahl wichtiger Ergebnisse:

Der Berufspsychologische Service der Bundesagentur für Arbeit wurde in der Rückschau durch die Auszubildenden eher neutral bewertet oder nicht mehr so genau erinnert (S. 338–344). Es blieb allerdings meist unklar, ob den Jugendlichen die zentrale Rolle des dort erstellten Gutachtens (als wichtige Grundlage der Entscheidung der Reha-Berufsberatung für den Zugang zum Fördersystem) nicht bekannt oder nicht bewusst war. Einige Auszubildende benannten, dass sie den Grund und Sinn der Begutachtung nicht kannten bzw. verstanden, sich dem aber dennoch fügten und mitwirkten (S. 343).

Die Lehrkräfte der abgebenden Schulen gelten in der Forschung als Schlüsselpersonen für die Berufsorientierung der Jugendlichen, wurden aber von den Auszubildenden in den Interviews nicht als solche benannt (S. 344). Einige Befragte berichteten positiv von einer gewissen Lenkung und z.T. großem Engagement ihrer Lehrkräfte (oder Schulleitungen) für das „Unterkommen“ in einer anschließenden berufsvorbereitenden Maßnahme (S. 347).

Die Reha-Berufsberater:innen der Bundesagentur für Arbeit sind formal die zentralen Gatekeeper in diesem Prozess, da sie über den Reha-Status und den Zugang zu den verschiedenen staatlich geförderten Berufsvorbereitungs‑ und Ausbildungsmaßnahmen entscheiden (S. 348–366). Die Befragten erlebten ein starkes Machtgefälle in der Beratung sowie eine starke Lenkung, die sowohl als negative Fremdbestimmung, aber auch von einigen als positive Orientierungshilfe empfunden wurde. Die eigentlich vorhandenen, verschiedenen Wahlmöglichkeiten wurden von den Berater:innen meist nicht thematisiert. Ein direkter Einstieg in die Ausbildung oder gar eine betriebliche Ausbildung waren kein Thema oder wurden seitens der Reha-Berufsberatung gegenüber den Jugendlichen abgelehnt, falls sie den Wunsch danach äußerten. Begründet wurde es meist mit dem Mangel an individueller Berufsorientierung oder Ausbildungsreife, mit der drohenden Überforderung bzw. dem möglichen Scheitern aufgrund der bekannten Lernbeeinträchtigungen aufseiten der Jugendlichen sowie mit der fehlenden Passung mit den Anforderungen der Betriebe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Eine berufsvorbereitende Maßnahme wurde immer als notwendiger Teil der Maßnahmekette gesetzt, um danach den Zugang zu einer geförderten Ausbildung zu erhalten. Sie wurde von den Befragten deshalb in Kauf genommen, um ihr Ziel („eine Ausbildung“) zu erreichen (vgl. ebd).

Die Betrachtung der pädagogischen Fachkräfte in den berufsvorbereitenden Maßnahmen erfolgte eher in Bezug auf ihren Einfluss auf die berufliche Orientierung der Jugendlichen und bei der Suche nach Praktikums‑ und Kooperationsbetrieben (S. 366 ff.). In ihrer Rolle als Gatekeeper wurden sie weniger wahrgenommen. Die Befragten schrieben ihnen eine wichtige und als unterstützend wahrgenommene Rolle und Lotsenfunktion zu (S. 367, 377). Sie wurde zudem deutlich positiver und im Vergleich zur Reha-Berufsberatung „nicht als lenkend-bevormundend“ erlebt (S. 367). Die Berufswahl der Zielgruppe war und ist jedoch generell durch das Angebot der Berufsfelder beim Bildungsträger eingeschränkt (vgl. beispielhaft die Übersicht S. 368–369) und kann ggf. durch Betriebspraktika um andere Bereiche erweitert werden. Für die Jugendlichen besteht jedoch meist keine freie Wahl des Trägers für die Berufsvorbereitung (und damit der Auswahl vorhandener Berufsfelder), sondern sie werden regional von der Reha-Berufsberatung zugewiesen (S. 370).

Betriebliche Akteure in den Praktikums‑ und Kooperationsbetrieben hatten bei den Befragten einen hohen Stellenwert, weil sie in ihren Augen wichtige Gatekeeper für das Erreichen der angestrebten (kooperativen, außerbetrieblichen) Ausbildung waren. Zudem erhielten die Jugendlichen von ihnen Anerkennung und Bestätigung ihrer Kompetenzen und Arbeitsleistung (S. 387).

Die Eltern wurden in den Interviews ebenfalls als wichtige Akteure bei der Berufswahl beschrieben, weil sie sowohl über Zugänge zu Bildungsangeboten mitentschieden als auch bei der Berufswahl eine Rolle spielten (S. 388). Insbesondere die männlichen Jugendlichen benannten ihre Väter als wichtige Orientierung für konkrete Berufsfelder (S. 390 f.). Es fällt auf, dass bei etlichen Befragten und ihren Eltern der Status „Auszubildende:r“ wichtiger war als der Beruf, den sie erlernten (S. 390). Die Peers spielten bei den Befragten dagegen kaum oder keine wichtige Rolle (S. 395 ff.). Sonstige, andere Akteure waren im Einzelfall relevant, etwa Fachkräfte aus der Jugendhilfe, gesetzliche Betreuer:innen oder Trainer:innen aus dem Sportverein (S. 397 ff.).

Mareike Beer erfragte auch die Eigeninitiative der Jugendlichen, sich überhaupt und ggf. schon während der Schulzeit um eine betriebliche Ausbildung zu bemühen, und zeigte auf, was diese beeinflusste oder behinderte (S. 378 ff. und 384). Die „antizipierte Chancenlosigkeit“ wurde von unterschiedlichen Akteuren als Begründung benannt, insbesondere jedoch von den befragten Jugendlichen selbst (vgl. z.B. S. 382). Zudem bestand aus Sicht der Befragten auch keine große Notwendigkeit, sich eigenständig um eine betriebliche Ausbildung zu bemühen, da ihnen ein organisierter, institutioneller Weg mit relativ sicherer Perspektive (zunächst eine geförderte Berufsvorbereitung und danach eine geförderte Ausbildung) vonseiten der Schule und der Reha-Berufsberatung aufgezeigt wurde (S. 383).

Auffallend ist, dass die Befragten den professionellen Akteuren (Berufspsychologischer Service und Reha-Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit, Schule, Fachkräfte bei den Bildungsträgern) eine hohe fachliche Kompetenz zuschrieben und damit deren starke Lenkung für sich legitimierten und akzeptierten. So sagte einer der Befragten über das Reha-Verfahren: „am Ende hab ich dann gesagt, ja, irgendwie, die kennen sich aus, die müssen das irgendwie wissen“ (S. 343). Ein anderer meinte, bezogen auf die Lehrkräfte: „[…] dann haben die halt gesagt, was dann am besten wär so […]“ (S. 344).

Im Kapitel 7 fasst Mareike Beer ihre Forschungsergebnisse sehr kompakt und prägnant entsprechend den Gatekeeper-Kategorien und bezogen auf den Berufsorientierungsprozess der Zielgruppe zusammen (S. 405–419). Ein Ergebnis hebt die Autorin besonders hervor, weil es sie erstaunte: die Befragten zeigten eine hohe Bildungsorientierung und Motivation. Viele wollten ein weiteres Ausbildungsjahr anhängen, um den nächst höheren Abschluss zu erreichen (etwa nach einer theoriereduzierten Ausbildung den einer Vollausbildung). Andere wollten eine zweite Ausbildung anschließen, um breiter aufgestellt zu sein oder um nun den ursprünglichen Traumberuf zu verfolgen (S. 416 ff.).

Anschließend reflektiert die Autorin in einem Unterkapitel ihren Forschungsprozess und benennt auch Limitationen ihrer Untersuchung (S. 419–426).

Im letzten Kapitel 8 zieht Mareike Beer ein Fazit und gibt Handlungsempfehlungen für notwendige Veränderungen, bezogen auf die verschiedenen Bereiche und Akteure aus der (pädagogischen) Praxis und Beratung, des Arbeitsmarktes, des Bildungsmanagements und der Politik (S. 427–448).Die Jugendlichen ordneten die Eltern und Betriebe als wichtige Gatekeeper und positiv motivierend ein. Dagegen wurden die Lehrkräfte (der Sekundarstufe I und der Berufsschule), der Berufspsychologische Service und die Reha-Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit sowie die Peers als weniger relevant wahrgenommen. Die institutionellen Repräsentant:innen und Expert:innen wurden zudem mehr mit der Institutionalisierung des Lebenslaufes verknüpft. Die Fachkräfte in der Berufsvorbereitung wurden insgesamt als eher hilfreich und unterstützend eingeschätzt (S. 429). Mareike Beer hält zudem fest: Die Berufswahl der Jugendlichen ist erheblich eingeschränkt. „Sie müssen sich mit dem begnügen, was sie nach Ansicht der institutionellen Gatekeeper bewältigen können. […] Die Berufswahl muss demnach als Zuweisungsprozess und Fremdpositionierung bezeichnet werden […].“ (S. 428) „Was als Orientierung betitelt ist, wird eher zur Lenkung und Engführung.“ (ebd.)

In den von der Autorin formulierten Handlungsempfehlungen wird sehr deutlich, wie komplex das Feld des Übergangs Schule – Beruf ist und wie viel Veränderungsbedarf noch immer besteht. Einige Kritikpunkte sind seit über 25 Jahren bekannt und benannt.

Diskussion

Das hier rezensierte Buch ist eine Dissertation und damit typisch für die Erziehungswissenschaften in der Gestaltung: sehr umfangreich und mit den notwendigen Bestandteilen einer Dissertation – etwa den ausführlichen, vorbereitenden Kapiteln zu den begrifflichen und theoretischen Grundlagen, zum Forschungsstand sowie zur Herleitung, Begründung und Skizzierung des Forschungsdesigns. Die Kapitel zu Inklusion und Lernbeeinträchtigung sind sehr ausführlich und manchmal geht der rote Faden beim Lesen etwas verloren. Es stellt sich die Frage, ob sie in dem Umfang und der Breite für den Forschungsgegenstand benötigt werden. Im Vergleich dazu kommen die sehr spannende Befragung der Auszubildenden und deren Auswertung deshalb ein wenig zu kurz. Man hätte als Leser:in gerne mehr erfahren und erahnt das Potenzial, das in den Interviews noch verborgen liegt. Beispielsweise wäre ein erneuter Analyseschritt mit Blick auf die dargestellten Berufswahltheorien interessant gewesen, was aber explizit nicht der Fokus von Mareike Beer war. Auch hier setzt eine Dissertation den limitierenden Rahmen, was mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen untersucht und ausgewertet werden kann.

Den Haupttitel des vorliegenden Buches empfinde ich als etwas irreführend. Es fehlt meines Erachtens das Fragezeichen nach „Inklusion im Berufseinstieg“. Zudem geht es in der Arbeit um die 1. Schwelle, also den Übergang von der Schule in die Berufsvorbereitung und Berufsausbildung, und nicht um den Einstieg in eine Arbeitstätigkeit nach einer Ausbildung (2. Schwelle), was man vermuten könnte. Der Untertitel beschreibt dagegen sehr präzise, was man als Leser:in erwarten kann. Außerdem fehlen meiner Meinung nach sowohl in der fachtheoretischen Diskussion im Kapitel 1 als auch bei den vorgestellten Maßnahmen und Rahmenbedingungen im Kapitel 2 einige Konzepte, Erfahrungen und Forschungsergebnisse zur beruflichen Inklusion, Unterstützten Beschäftigung und betrieblichen Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung. Unklar ist, warum die etablierte Maßnahme Unterstützte Beschäftigung (als berufliche Qualifizierung unterhalb einer Ausbildung), das Budget für Ausbildung, die Integrationsfachdienste (z.T. ebenfalls beratend im Übergang Schule – Beruf tätig) und das Persönliche Budget (als Möglichkeit einer alternativen Finanzierungsform beruflicher Qualifizierung) hier fehlen. Werkstätten für behinderte Menschen werden dagegen erwähnt. Vielleicht trägt eine gewisse Unschärfe in der begrifflichen Eingrenzung der Zielgruppe dazu bei (Lernbeeinträchtigung, Lernschwierigkeiten, Behinderung, Benachteiligung). Zudem findet im Übergang Schule – Beruf eine Neufeststellung des Förderstatus und ‑bedarfes fest, was auch zu „Umetikettierungen“ von vormals lernbeeinträchtigt zu geistig beeinträchtigt führen kann und anschließend in andere Fördersystematiken mündet.

Mareike Beer ordnet die außerbetriebliche Ausbildung im kooperativen Modell der inklusiven Ausbildung zu, aus deren Teilnehmer:innen sie ihre Interviewten rekrutiert. Das kann man nachvollziehen, da der fachpraktische Teil der Ausbildung in einem realen Betrieb des ersten Arbeitsmarktes stattfindet (zwei bis drei Tage in der Woche) und nicht in einer separaten Lehrwerkstatt des Bildungsträgers (wie bei dem integrativen Modell). Ich würde dies jedoch hinterfragen, weil selbst die befragten Jugendlichen diese Ausbildungsform als Abweichung von der Norm wahrnahmen und beschrieben (S. 430). Außerdem erreicht nur ein Teil aller Jugendlichen mit einem Reha-Status diese Ausbildungsform. Viele von ihnen absolvieren außerbetriebliche Ausbildungen im integrativen Modell (eine etwas irreführende Bezeichnung seitens der Bundesagentur für Arbeit), also ausschließlich bei einem Bildungsträger, wobei konkrete Vergleichszahlen nur schwer zu finden sind (vgl. z.B. S. 178, 182, 185, 211).

Hieran schließt sich die Kritik zur befragten Zielgruppe an und die damit verbundene Limitation der Untersuchungsergebnisse. Erst nach fast 300 Seiten wird allmählich deutlich, welches die konkrete Zielgruppe der Untersuchung ist: Jugendliche mit Reha-Status (aufgrund einer zugeschriebenen Lernbeeinträchtigung), die eine außerbetriebliche Ausbildung im kooperativen Modell in einer Region in Nordrhein-Westfalen absolvieren. Der Zugang zu den Interviewten erfolgte durch die Bildungsträger und die Berufsschule, sodass selbst die Autorin von einer gewissen positiven Auswahl ausgeht (S. 421). Zudem wäre es äußerst interessant gewesen, auch Auszubildende aus den anderen, komplett betrieblichen Ausbildungsvarianten (regulär und mit den verschiedenen Graden der ambulanten Unterstützung) zu interviewen, wie sie die Autorin im Kapitel 2 vorstellt. Dann hätte man erkunden können, was bei diesen Jugendlichen anders gelaufen ist, welche Gatekeeper mit welchen Handlungen einen Beitrag zum Erreichen dieser inklusiven Ausbildungsformen geleistet haben und wie die Jugendlichen diese in der Rückschau bewerteten. Es hätte die Erkenntnisse zur Inklusion im Berufseinstieg wahrscheinlich vertieft und auf eine breitere Basis gestellt. Auch das Verhältnis von 15 männlich und drei weiblich gelesenen Interviewten ist deutlich verzerrter als in der Realität bei dieser Zielgruppe. So bleiben die Einschätzungen der jungen Frauen zum Thema unterrepräsentiert und lassen einige Lücken hinsichtlich geschlechtsspezifischer Problematiken offen.

Insgesamt kann man trotz der geäußerten Kritikpunkte festhalten, dass die Arbeit von Mareike Beer wertvolle und spannende Einblicke in die Sicht der Auszubildenden mit Lernbeeinträchtigung liefert, wie sie ihren Berufsorientierungs‑ und Übergangsprozess erlebten und die Unterstützung der unterschiedlichen Akteure bewerteten. Es bietet sich die Chance, mithilfe dieses Buches tief in die Materie des Übergangs Schule – Beruf einzutauchen. Ob Interessierte jedoch ohne größeres Vorwissen die Komplexität, Differenziertheit und Feinheiten sofort nachvollziehen können, ist unklar oder zumindest herausfordernd. Besonders positiv hervorzuheben sind die vielen, dokumentierten Interviewsequenzen, die auch weitere Material‑ und Interpretationsdurchläufe mit einem anderen Fokus als bei der Autorin ermöglichen – etwa in Seminaren mit Studierenden oder in der Fortbildung von Fachkräften.

Ebenfalls sehr zu empfehlen ist das letzte Kapitel, in dem Mareike Beer die ganze Komplexität der Übergangssituation prägnant darstellt sowie die zahlreichen Veränderungsbedarfe und Kritikpunkte, insbesondere bezogen auf die institutionellen Akteure, deutlich benennt. Auffallend ist, dass es nach wie vor sehr viele Hürden, Begrenzungen, Hindernisse, systembedingte Förderlogiken und ‑praktiken gibt. Es ist höchst fraglich, die als individuelle Beeinträchtigung gelabelten Schwierigkeiten der Jugendlichen als hinreichende Begründung für die Zuweisung zu speziellen Maßnahmen zu betrachten. Zudem übergibt das Fördersystem Schule die Jugendlichen mit Lernbeeinträchtigung direkt an und in das Fördersystem der Bundesagentur für Arbeit. Das Prinzip „Versorgen“ und „Unterbringen“ scheint noch immer ein wichtiges und leitendes Ziel zu sein. Die Förderlogik wirkt stärker als die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf. Die Betroffenen kommen in dem Prozess nach wie vor zu wenig zu Wort, werden zu wenig ernst genommen und in die Eigenverantwortung genommen und dabei unterstützt. Jugendliche mit Lernbeeinträchtigung hören häufig, was sie nicht oder noch nicht können, dass ihre Kompetenzen nicht für eine reguläre Ausbildung im Betrieb reichen und dass sie professionelle Unterstützung benötigen, die sie aber häufig nur in exkludierenden Strukturen in ausreichendem Maße erhalten. Wie sollen sie in diesem Setting Eigenaktivität und Zutrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln? Zudem scheint der sichere, institutionell gelenkte Weg in außerbetriebliche Maßnahmen die Eigeninitiative auszubremsen.

Und genau an dieser Stelle leistet die Forschungsarbeit von Mareike Beer, trotz der beschriebenen Einschränkungen, einen wichtigen Beitrag: zur Reflexion bei den relevanten Akteuren und für Ansatzpunkte konkreter, sinnvoller Veränderungen, die sich auch aus den subjektiven Einschätzungen der Nutzer:innen und eigentlichen Adressat:innen der Angebote im Übergang Schule-Beruf ableiten lassen.

Fazit

Mareike Beer widmet sich mit ihrer Forschungsarbeit dem Übergang Schule – Beruf von Jugendlichen mit Lernbeeinträchtigung. Sie lenkt den Blick auf die Sicht der betroffenen Auszubildenden, die in Interviews rückblickend die Handlungen der relevanten Gatekeeper für ihren Berufsorientierungs‑ und Übergangsprozess bewerten. Die Komplexität und bestehende, strukturelle Schwierigkeiten und Veränderungsbedarfe werden herausgearbeitet und kritisch reflektiert.

Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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ISSN 2190-9245