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Peter Zentel, Vera Munde et al. (Hrsg.): Komplexe Behinderungen - internationale Perspektiven

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. (FH) Mathias Stübinger, 05.03.2026

Cover Peter Zentel, Vera Munde et al. (Hrsg.): Komplexe Behinderungen - internationale Perspektiven ISBN 978-3-7639-7859-5

Peter Zentel, Vera Munde, Caren Keeley, Deborah Luise Lutz (Hrsg.): Komplexe Behinderungen - internationale Perspektiven. wbv (Bielefeld) 2025. 419 Seiten. ISBN 978-3-7639-7859-5. 39,90 EUR.
Reihe: Impulse: schwere und mehrfache Behinderung.

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Thema

Menschen mit geistiger, schwerer und schwer-mehrfacher Behinderung zu charakterisieren oder zu definieren, ist sicherlich schwierig. Die im fachwissenschaftlichen Diskurs mittlerweile etablierte Bezeichnung „Komplexe Behinderung“ für diesen Personenkreis ist laut Barbara Fornefeld nicht als Beschreibung einer medizinischen oder defizitären Eigenschaft der Behinderung zu verstehen, sondern als ein sozialer und existenzieller Hinweis auf die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung. Sie hebt insbesondere hervor, dass die Herausforderungen der Menschen nicht allein in der Beeinträchtigung liegen. Vielmehr liegen sie in der Interaktion zwischen individuellen Merkmalen und einer oft nicht barrierefreien Umwelt (in Anlehnung an Fornefeld 2016: 225).

Neben einer geistigen Behinderung zeigt der Personenkreis verschiedene weitere Merkmale – die aber nicht alle gleichermaßen zutreffen müssen – wie z.B. (vgl. hierzu https://www.lebenshilfe.de/informieren/familie/menschen-mit-komplexen-behinderungen?srsltid=AfmBOoq_Jo7rXbMCTT0p6qGf9m8zggKiAqM1afPnb-B1DK4sN2Y5XHyW)

  1. zusätzliche Lebenserschwernisse durch gesundheitliche Belastungen)
  2. lebenslanger Unterstützungsbedarf (auch bei den vitalen Grundbedürfnissen)
  3. permanenter Anpassungsbedarf der Umgebung oder der Person selbst
  4. Unterstützung in der Kommunikation
  5. Bedarf an Einzelzuwendung (und damit eine Abhängigkeit von anderen Personen)
  6. ständige Erfahrungen des Scheiterns aufgrund des Abbruchs von sozialen Beziehungen über die gesamte Lebensspanne hinweg (beispielsweise durch wechselnde Unterstützerinnen und Unterstützer)
  7. besondere Betroffenheit von sozialer Ausgrenzung, strukturellem Ausschluss bzw. Exklusion, Sonderbehandlungen oder fehlender Sichtbarkeit innerhalb der Gesellschaft

Im Rahmen der im wbv-Verlag seit 2011 erscheinenden Schriftenreihe Impulse: Schwere und mehrfache Behinderung widmen sich wechselnde Autorinnen und Autoren den besonderen Lebenssituationen und Bedarfen und Bedürfnissen von Menschen mit komplexer Behinderung.

Die Notwendigkeit, diesem Personenkreis eine eigene Reihe zu widmen, ergibt sich – so die Verlagsbeschreibung zum Band 1: Schwere und mehrfache Behinderung – interdisziplinär aus der Tatsache, „dass Menschen mit besonderen Beeinträchtigungen und hohem Unterstützungsbedarf in allen Lebensbereichen sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft und Politik – trotz mancher Lippenbekenntnisse – am Rande stehen“ (https://www.wbv.de/shop/detail/0d034043924637f38c3fbd53476841f2).

Bisher sind in der Reihe erschienen:

Im vorliegenden Band 5: Komplexe Behinderungen – Internationale Perspektiven ergänzen die Herausgebenden die fachliche Auseinandersetzung des vielschichtigen Themenspektrums um einen internationalen Blick auf Wissenschaft, Forschung, die Menschen und die Praxis (S. 11). Nachdem es weltweit vergleichbare Herausforderungen gibt, sollen mit dem Sammelband internationale Diskurse und Entwicklungen für Menschen mit komplexen Behinderungen sichtbar und zugänglich gemacht werden (S. 11 und Klappentext).

Herausgebende

Im Buch finden sich keine Angaben zu den Herausgebenden. Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Fachbeiträge sind lediglich namentlich benannt und mit Ort und Land ihrer aktuellen Tätigkeit verknüpft. Nur auf dem Titelblatt ist die Verbindung zur Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. erkennbar.

Dr. Peter Zentel hat seit 2020 den Lehrstuhl für geistige Entwicklung an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne.

Dr. Vera Munde ist seit 2021 Professorin für Theorien und Methoden der Heilpädagogik/inklusiven Pädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Dr. Caren Keeley arbeitet als Akademische Rätin am Lehrstuhl „Pädagogik und Rehabilitation bei Menschen mit geistiger und komplexer Behinderung“, Department Heilpädagogik, Humanwissenschaftliche Fakultät an der Universität zu Köln.

Dr. Deborah Luise Lutz ist seit 2023 Professorin für Heilpädagogik/​Inclusive Education an der Katholischen Hochschule Freiburg.

Die vier Herausgebenden forschen und publizieren langjährig zum Themenspektrum Menschen mit Behinderungen, wie den jeweiligen Publikationslisten zu entnehmen ist.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort zur gesamten Reihe skizzieren die genannten vier Herausgebenden in der Einleitung zum Sammelband Zielperspektive, Aufbau und inhaltliche Schwerpunkte der 21 Beiträge auf den folgenden knapp 400 Seiten.

Gegliedert sind die verschiedenen Texte in vier Schwerpunkte/​Perspektiven (vgl. S. 13 ff.):

  • Die Person verstehen
  • Die Person in ihrem Umfeld verstehen
  • Möglichkeiten zur Verständigung
  • Mit der Welt im Austausch sein

Der Band schließt mit einem zukunftsorientierten Forschungsansatz, der als strukturelle Grundlage für weitere Arbeiten vorgeschlagen wird (S. 15).

Perspektive I: Die Person verstehen

Aly Waninge und Dinette van Timmeren (Groningen, Niederlande) beschreiben in ihrem Text „Körperliche Gesundheit von Menschen mit Behinderung“ den aktuellen Forschungsstand zu körperlicher Gesundheit bei Menschen mit komplexer Behinderung. Die beiden Autorinnen analysieren u.a. die Häufigkeit von Multikomorbiditäten, stellen zielgerichtete Diagnoseinstrumente vor und skizzieren, wie gesundheitliche Herausforderungen der Adressatinnen und Adressaten nachvollziehbar und systematisch erfasst werden können.

Im Zusammenhang mit den dargestellten Studien wird als Fazit herausgearbeitet, dass die Kenntnis der beschriebenen Prävalenzen und Zusammenhänge zwischen körperlichen Gesundheitszuständen nicht nur der Sensibilisierung von Fachkräften und Betreuungspersonen dienen kann, sondern ggf. auch einen Beitrag zur präventiven Gesundheitsförderung leisten würde (S. 36 f.).

Das Kapitel „Schmerzerfassung bei Menschen mit komplexen Behinderungen“ von Michel Belot (Lannemezan, Frankreich) ist den besonderen Herausforderungen der Schmerzerfassung bei Menschen mit komplexer Behinderung gewidmet und betont entsprechend die Notwendigkeit einer differenzierten, mehrdimensionalen, interdisziplinären Herangehensweise.

Im Beitrag steht die am Hôpital Marin de Hendaye Assistance Publique-Hôpitaux de Paris entwickelte Skala zur Schmerzerfassung bei Jugendlichen und Erwachsenen im Mittelpunkt. Mit Hilfe des validierten Instrumentes der so genannten EDAAP-Skala können sowohl somatische, psychomotorische als auch emotionale Indikatoren der Schmerzwahrnehmung erfasst werden.

Dadurch wird ein umfassender Blick auf vielfältige Ausdrucksformen von Schmerz ermöglicht, die bei Menschen mit vielfach ja teilweise erheblich eingeschränkten kommunikativen Kompetenzen oft nicht direkt erkennbar sind. Betont wird die entscheidende Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Pflegekräften, Therapeutinnen und Therapeuten, Ärztinnen und Ärzten sowie natürlich den unmittelbaren Bezugspersonen der Betroffenen.

Zusätzlich zu den Hinweisen zur Diagnostik sind im zweiten inhaltlichen Kapitel des Sammelbandes medikamentöse Strategien zur Schmerzbewältigung beschrieben, die im Kontext einer ganzheitlichen – und eben interdisziplinären – Versorgung sinnvoll eingesetzt werden können.

Hervorgehoben wird durch Michel Belot, dass die Begleitung von Menschen mit komplexer Behinderung generell die Fähigkeit zur einfühlsamen Beobachtung, zur Reflexion von Handlungen und zur Kreativität bedarf sowie ein tiefes Verständnis, Vertrauen und Einfühlungsvermögen in die individuelle Lebenssituation der Betroffenen erfordert, denn „Wenn auf diese Weise Schmerz anerkannt wird, wird auch die Person anerkannt“ (S. 52).

Im dritten Kapitel „Gemeinsam bewegen: motorische Aktivierung von Menschen mit komplexen Behinderungen“ skizzieren Annette van der Putten und Aly Waninge (Groningen, Niederlande) vertiefend und anhand eines Fallballspiels die Bedeutung der motorischen Aktivierung von Menschen mit schweren und schwersten Behinderungen. Geschildert werden motorische Potenziale von Menschen mit komplexen Behinderungen, aber auch die damit verbundenen Herausforderungen für Betroffene und ihre Unterstützungspersonen.

Neben der Darstellung empirischer Daten zum Umfang und zur Qualität motorischer Aktivität formulieren die Autorinnen kompakt einige konkrete und praxisrelevante Handlungsempfehlungen. Sie zeigen auf, wie Erkenntnisse aus der Forschung gezielt in die pädagogische Praxis integriert werden können – insbesondere durch die systematische Einbindung motorischer Aktivitäten und Anregungen in individuelle Hilfepläne, Teilhabepläne und daraus resultierende Unterstützungsleistungen.

Juliane Dind (Fribourg, Schweiz) wählt als Thema ihres Beitrages „Die Entwicklung der Selbstwahrnehmung von Menschen mit komplexen Behinderungen“. Die Entwicklung der Selbstwahrnehmung erscheint der Autorin dabei unter drei Aspekten interessant: pädagogisch, wissenschaftlich und methodisch.

Die Verfasserin umschreibt zunächst den theoretischen Rahmen ihrer Ausführungen und präsentiert dabei aktuelle (Forschungs-)Erkenntnisse bzw. ein (selbstentwickeltes) Modell zur Entwicklung der Selbstwahrnehmung von Menschen mit komplexen Behinderungen.

Kurz aufgegriffen sind Rückschlüsse aus dem Beobachtungsmodell für die pädagogische Praxis, z.B. dass in allen Lehrplänen für Schülerinnen und Schüler mit komplexen Behinderungen die Entwicklung der Selbstwahrnehmung aufgegriffen werden sollte, dass Fachkräfte regelmäßig die Förderaktivitäten der Zielgruppe beobachten, beschreiben und bewerten sollten und dass dies die Grundlage der Formulierung von Förderzielen sein sollte (S. 97).

Ein weiterer Beitrag aus der Schweiz bildet das letzte Thema der ersten Perspektive des Sammelbandes. Geneviève Petitpierre greift die Bedeutung des Geruchssinns für Menschen mit komplexen Behinderungen und ihre Lebensqualität auf.

Der Geruchssinn – so die Autorin – „ist ein wichtiger Sinn, der dem Menschen Informationen über sich selbst, andere Menschen und bestimmte Merkmale seiner Umgebung liefert“ (S. 103).

Entsprechend wird u.a. ein Überblick zur Bedeutung von Gerüchen, der Wechselwirkung von Gerüchen und dem olfaktorischen System, den Quellen von Gerüchen oder der Entwicklung des Geruchssinns gegeben oder die Bedeutung von Gerüchen im Leben von Menschen mit komplexen Behinderungen gegeben.

Perspektive II: Die Person in ihrem Umfeld verstehen

Elsbeth Clark, David Hanes, Joanna Hope und Melanie Nind (Southampton, UK) eröffnen als Autorenteam den zweiten Abschnitt des vorliegenden Buches. Thematischer Schwerpunkt des Beitrages ist die Förderung der Zugehörigkeit von Menschen mit komplexen Behinderungen.

Das Autorenteam definiert zunächst Zugehörigkeit und verwandte Konzepte und analysiert – wenn auch sehr kompakt – kulturelle und soziale Prozesse sowie unterschiedliche Lebenswelten und Lebensumgebungen der Zielgruppe.

Schlussfolgernd weisen sie darauf hin, dass traditionelle Konzepte von Autonomie und Abhängigkeit der Menschen mit Behinderung nicht nur auf Selbstbestimmung abzielen müssten, sondern vielmehr darauf achten sollten, dass sich Menschen zu anderen zugehörig fühlen, dass sie in Verbindung zu anderen stehen und etwas zur Interaktion beitragen können (S. 128).

Michael L. Wehmeyer (Lawrence, USA) thematisiert im folgenden Kapitel auch gleich das Konstrukt Selbstbestimmung und Menschen mit komplexen Behinderungen. Der Verfasser stellt die Frage, was wir über die Selbstbestimmung von Menschen mit komplexen Behinderungen überhaupt wissen und glauben.

Nachvollziehbar sind die Einblicke in potentielle Ursachen dafür, warum Menschen mit schweren und schwersten Behinderungen häufig von konkreten Perspektiven der Selbstbestimmung ausgeschlossen sind, obwohl dies natürlich auch für diesen Personenkreis eine wichtige Perspektive ist.

Neben einer kurzen Definition des Verständnisses von Selbstbestimmung beschreibt Michael L. Wehmeyer Methoden, Strategien und Praktiken zur Entscheidungsfindung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Er bilanziert, dass es unzählige Möglichkeiten gibt, wie wir Menschen mit komplexen Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen können, und dass es eine moralische und ethische Verpflichtung ist, das auch zu tun (S. 154).

Ein weiterer Text von Joanne Watson (Melbourne, Australien) setzt am Thema Selbstbestimmung an und beschreibt die „Unterstützende Entscheidungsfindung für Menschen mit komplexen Behinderungen“. Die Autorin diskutiert fundamentale Fragestellungen zu den oft inflationär genutzten Begriffen der Autonomie und Selbstbestimmung.

Schwerpunkt des Kapitels ist das von Joanne Watson selbst entwickelte Praxismodell zur Unterstützung der Entscheidungsfindung der Zielgruppe. Insbesondere basiert das Modell auf den Annahmen, dass die Tatsache anerkannt werden muss, dass Kommunikation eine universelle Fähigkeit ist und dass es der Kooperation und Zusammenarbeit ebenso bedarf wie z.B. der Koordination und Individualisierung von Unterstützungsangeboten.

„Menschen mit komplexen Behinderungen und ihre Familien“ sind das Thema des Beitrages von Jorien Luijkx und Kasper Kruithof (Groningen und Amsterdam/​Niederlande). Aufgegriffen werden u.a. die Rollen und Funktionen unterschiedlicher Familienmitglieder wie der Eltern oder der Geschwister sowie die Chancen und Herausforderungen, die sich in einem Familiensystem für die Beteiligten – z.B. auf die Lebensqualität – ergeben.

Folgerichtig ist aufgezeigt, dass nicht nur die Menschen mit Behinderung selbst Hilfebedarfe aufweisen, sondern dass auch das gesamte System Familie eine wirksame Unterstützung wie Erholungsbetreuung, finanzielle Unterstützung oder die Zusammenarbeit mit Fachkräften benötigt.

Suzanne Jansen (Groningen Niederlande) beschließt den zweiten Themenblock mit ihrem Beitrag Gemeinsame Verantwortung: Zusammenarbeit mit Eltern bei der Unterstützung mit komplexen Behinderungen. Neben aktuellen Forschungsergebnissen zu den Anforderungen, die Eltern an eine Zusammenarbeit mit Fachkräften richten, thematisiert die Autorin z. B. die zentrale Rolle der Kommunikation mit den Eltern.

Wichtig ist verständlicherweise, dass Eltern ernst genommen werden und bei medizinischen Entscheidungen und der grundlegenden Gestaltung und Umsetzung von Förderangeboten ihrer Kinder aktiv mit einbezogen werden (vgl. S. 210 f.).

Perspektive III: Möglichkeiten zur Verständigung

Kommunikation und Interaktion bilden eine zentrale Grundlage im Kontext der Ausgestaltung der diagnostischen und pädagogischen Möglichkeiten zur Unterstützung, Förderung und Entwicklung von Menschen mit Behinderung.

Diesen Aspekt greift zunächst Juliet Golbart (Manchester, UK) in ihrem Beitrag „Kommunikation bei Kindern und Erwachsenen mit komplexen Behinderungen“ auf. „Kernaussage dieses Beitrages ist: Jeder Mensch kann kommunizieren“ (S. 232).

Die Autorin beschreibt u.a. ein weites Verständnis von Kommunikation und rückt die frühkindliche Kommunikationsentwicklung und die Kommunikationsentwicklung in inklusiven Schulklassen in den Fokus. Neben der Vorstellung verschiedener Beurteilungssysteme zur Erfassung kommunikativer Kompetenzen bei Lernenden werden verschiedene evidenzbasierte Ansätze zur praktischen Intervention in inklusiven Klassen skizziert (vgl. hierzu S. 217 ff.).

Auch Anne-Marie Martin (Cork, Irland) stellt in ihrem Text „Grundlagen der Kommunikation“ zentrale Kernaspekte und fundamentale Ansätze im Kontext der Kommunikation von und mit Menschen mit komplexen Behinderungen in den Mittelpunkt.

Beschrieben wird anhand der von der Autorin entwickelten Theorie „Reconciling Communication Repertoire“ wie sowohl Menschen mit komplexen Behinderungen als auch ihre Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner miteinander kommunizieren können, wenn sie entsprechende Fähigkeiten zur Kommunikation entwickeln, ihre Selbstwahrnehmung weiterentwickeln und ein optimales Umfeld für Kommunikation finden (vgl. S. 248).

Ines Van keer, Ann Dhondt und (Leuven, Belgien) legen in ihrem Beitrag „Die Entwicklung junger Kinder mit komplexen Behinderungen“ den Schwerpunkt auf den Personenkreis der Kinder mit schweren und schwersten Handicaps.

Verständlicherweise betonen die Autorinnen die entscheidende Bedeutung eines tiefen Verständnisses für entwicklungspsychologische Prozesse für die optimale bedarfsorientierte Förderung im Kleinkindalter als Basis für das lebenslange Lernen, die umfassende Teilhabe und Inklusion an allen gesellschaftlichen Lebensbereichen.

Herausfordernd hierbei ist die Tatsache, dass es aktuell noch wenig Forschungsdaten zum Personenkreis gibt. Dies versuchen die Autorinnen damit zu kompensieren, dass sie eigene Forschungsdaten und Erkenntnisse als Impulse für die Weiterentwicklung von Forschung und Praxis bereitstellen.

Sara Nijs (Leuven, Belgien) überschreibt ihren Beitrag mit Peer-Interaktionen bei Menschen mit komplexen Behinderungen, denn gerade aufgrund der Komplexität ihrer Behinderungen können die Betroffenen in Umfang und Art ihrer sozialen Interaktionen ja erhebliche Einschränkungen erfahren (S. 279).

Ausgehend von einer theoretischen Fundierung skizziert Sara Nijs wie Interaktionen zwischen gleichaltrigen Menschen mit komplexer Behinderung grundlegend gestaltet sind, welchen Einflussfaktoren auf die Peer-Interaktion wirken können und welche Ansätze es für die Praxis gibt, um Peer-Interaktionen bei Menschen mit Behinderung zielgerichtet unterstützt und gefördert werden können.

Sheridan Forster‘s (Melbourne, Australien) Kapitel „Zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Menschen mit komplexen Behinderungen und ihren Kommunikationspartner:innen“ bildet den Abschluss des dritten Abschnitts des Sammelbandes.

Ausgehend von der nachvollziehbaren Beschreibung, dass sich die Kommunikation für und mit Menschen mit Behinderung vielleicht am besten als tiefgreifend oder auch tiefgründig beschreiben lässt (S. 293), untersucht die Autorin – im Kontext verschiedener Theorien der Kommunikation und im Hinblick auf die gegebene Heterogenität des Personenkreises – Möglichkeiten zur Verbesserung der Kommunikation und Interaktion mit den Adressatinnen und Adressaten.

Sheridan Forster stellt den aktuellen Forschungsstand dar, thematisiert den Aspekt der Diagnostik und beschließt ihre Ausführungen mit konkreten praxisrelevanten Maßnahmen und Interventionsmöglichkeiten.

Perspektive IV: Mit der Welt im Austausch sein

Der letzte Abschnitt des Buches beginnt mit dem Beitrag von Callista Kahonde, Chantal Samuels und Judith Mckenzie (Stellenbosch und Kapstadt, Südafrika) zum Thema „Eine Situationsanalyse von Menschen mit komplexen Behinderungen in Südafrika“.

Die Ausführungen der Autorinnen zeigen eindrücklich auf, dass insbesondere Kinder – bedingt durch Armut, unzureichende Unterstützungsstrukturen oder mangelhafte Dienstleistungsangebote und erzwungene Migration – in besonderem Maße benachteiligt sind.

Somit „besteht ein dringender Bedarf an der Optimierung der Dienstleistungen im Gesundheitswesen, um die Bedürfnisse von Menschen mit komplexen Behinderungen und ähnlichen Kontexten zu berücksichtigen“ (S. 329).

Christine Bigby (Melbourne, Australien) beschreibt die Förderung der Einbindung im alltäglichen Leben und in der Gemeinschaft im Kontext ihrer Heimat Australien und verdeutlicht dabei, warum eben gerade dieses Einbezogensein wichtig für die Zielgruppe ist.

Nachdem viele Menschen mit komplexen Behinderungen in besonderen Wohnformen leben (müssen), bleibt vor allen Dingen die selbstbestimmte Wahl von Wohnraum, der Mitbewohnerinnen und Mitbewohner und der Anbieter sozialer Dienstleistungen stark begrenzt.

Als zentralen Ansatz, die Lebensqualität und Inklusion der Menschen zu verbessern, diskutiert Christine Bigby das Konzept der „Aktiven Unterstützung“, das den jeweiligen Personen in der Praxis u.a. verstärkte Einbindung in sinnvolle Aktivitäten und soziale Interaktion, eine bessere Unterstützung durch Fachkräfte oder verbesserte Fähigkeiten und persönliche Entwicklungsperspektiven ermöglichen soll.

Jean Ware (Bangor, Wales, UK) widmet sich dem Thema Schule und Menschen mit komplexen Behinderungen“. Ausgehend von einer Analyse der historischen Entwicklungen werden aktuelle Herausforderungen der inklusiven schulischen Bildung thematisiert.

Es geht dabei – so Jean Ware – um deutlich mehr als die reine Wissensvermittlung. Vielmehr betont die Autorin die zentrale Bedeutung von sozialer Integration und kommunikativer Teilhabe als zentrale Bildungsziele.

Wieder erfolgt – wie in nahezu allen Beiträgen – ein Blick auf den praktischen Handlungsvollzug. Dies erfolgt anhand der schulischen Praxis in Wales und einer kritischen Analyse von Lehrplänen und Bewertungskonzepten sowie innovativer Ansätze wie der „Routes for Learning“.

Annet ten Brug, Gemma Testerink und Annette van der Putten (Groningen, Niederlande) beschreiben in ihrem kurzen Text „Anwendung und Nutzen von Snoezelen für Menschen mit komplexen Behinderungen“ eine sehr häufig eingesetzte, vielfach sehr wirksame und dabei erheblich unterschiedlich genutzte Methode der zielgerichteten Förderung, Betreuung und Begleitung.

Das Autorenteam Ralph Dane Marquez Herbuela, Tomonori Karita, Akihiro Toya, Junya Takasuka und Jun Konno (Matsuyama, Japan) widmet sich im letzten themenbasierten Beitrag der vierten Perspektive dem Themenspektrum: „Ausdrucksmöglichkeiten entdecken: Auf maschinellem Lernen basierende Bewegungsklassifizierung von Kindern mit komplexen Behinderungen“.

Nachdem die Betroffenen oft schwere neuromotorische und kognitive Beeinträchtigungen aufweisen und in ihren Kommunikationsfähigkeiten stark eingeschränkt sind, ist es ihnen häufig erschwert, soziale Hinweise sowie gesprochene, verbale oder symbolische Sprache zu verstehen (S. 389).

Die Studie der Forschenden aus Japan untersucht die Chancen und Begrenzungen bei Kindern mit komplexen Behinderungen mittels maschinellen Lernens subtile Ausdrucksformen und Bewegungsmuster präzise zu erkennen, um gezielte, individuelle Unterstützung und verbesserte Interaktionsmöglichkeiten zu fördern.

Den Abschluss des Sammelbandes bildet das zusammenfassende und ausblickende Kapitel von Bea Maes (Leuven, Belgien) mit der Überschrift „Entwicklung einer Forschungsagenda für Menschen mit komplexen Behinderungen und ihr Unterstützungsumfeld: Was, warum und wie?“. Ungeachtet der Tatsache, dass schon seit Langem über Personen mit hohem Unterstützungsbedarf geforscht wird, braucht es weitere interdisziplinäre und partizipative Forschungsansätze, die praxisnahes Erfahrungswissen – von Expertinnen und Experten gleichermaßen wie von den Betroffenen – einbeziehen und dem hohen, lebenslangen Unterstützungsbedarf der Zielgruppe gerecht werden.

Diskussion

Ein häufiges Problem bei Sammelbänden ist die ungleiche Qualität der Beiträge, eine unterschiedliche Nutzung zentraler Begrifflichkeiten oder eine erkennbar variierende fachliche Tiefe und methodische Ausrichtung der einzelnen Beiträge. Nicht selten entstehen so eher Aufsatzsammlungen mit mehr oder weniger lesenswerten Beiträgen und weniger ein zielführendes Fachbuch.

Den Herausgebern des fünften Bandes der Schriftenreihe „Impulse: Schwere und mehrfache Behinderung“ ist es demgegenüber sehr gut gelungen, die einzelnen Beiträge aufeinander abzustimmen und in der Anordnung der Themen – mit wenigen Ausnahmen – zielführend aufeinander abzustimmen und miteinander zu verbinden. Dass sich einige definitorische Verweisungen (z.B. zu den Grundlagen der Kommunikation) ein wenig wiederholen geht sicher in Ordnung.

Entsprechend wirkt das vorliegende Buch eben gerade nicht wie eine Zusammenstellung einzelner Beiträge, sondern wie ein einheitlich strukturiertes Werk, das eine klare thematische Zielperspektive, einen fließend wirkenden sprachlichen Stil aufweist und dabei wissenschaftlich stets fundiert bleibt. Dies ist umso beachtlicher, da es sich um eine Sammlung von Beiträgen internationaler Autorinnen und Autoren handelt. Die redaktionellen Mühen der Herausgebenden lassen sich hier nur erahnen. Die sorgfältige Übersetzungsarbeit der Beteiligten ist äußerst positiv hervorzuheben.

Das Buch liefert – wie schon die früheren vier Bände der Schriftenreihe – eine gute wissenschaftliche Fundierung der einzelnen Texte. Ermöglicht wird ein Blick auf relevante und entsprechend aktuelle Forschungsergebnisse sowie auch zahlreiche praxisnahe Impulse, wie die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit komplexen Behinderungen konkret umgesetzt werden kann.

Sicher sind die Handlungsempfehlungen für die Praxis – im Kontext der Struktur dieses umfangreichen Buches – knapp ausgeführt und bedürfen einer vertiefenden Auseinandersetzung. Gerade hier fehlen dann doch ein wenig die genaueren Angaben zu den Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge – auch, wenn interessierten Leserinnen und Lesern über die Literaturlisten am Ende jedes Beitrages ermöglicht wird, sich selbstständig zu informieren und zu vertiefen.

Die internationale Perspektive ist bei den einzelnen Beiträgen sicherlich erkennbar. Erstaunlicherweise könnte nahezu jeder Text aber auch in einem anderen Land verortet sein, was sicher zeigt, dass die Herausforderungen und Problemstellungen, die sich im Zusammenhang mit der professionellen Betreuung und Begleitung von Menschen mit komplexen Behinderungen ergeben, weltweit durchaus sehr vergleichbar sind.

Aufgrund der hohen redaktionellen Güte, der gelungenen Integration vielschichtiger interdisziplinärer Ansätze in ein einheitliches Gesamtkonzept und eines sehr lesbaren Textes der vorliegende Einzelband in jedem Fall ein empfehlenswerter Beitrag zur zielgerichteten Arbeit mit Menschen mit schweren und schwersten Behinderungsformen.

Der gesamten Schriftenreihe ist auf diesem Niveau eine weitere Fortsetzung zu wünschen.

Fazit

Der Einzelband überzeugt durch hohe fachliche Qualität, eine gelungene Verbindung unterschiedlicher Perspektiven und erkennbare praxisnahe Bezüge – ein empfehlenswerter Beitrag zum Diskurs um Menschen mit komplexen Behinderungen. Er richtet sich an professionelle Akteure der Behinderten und Forschende, die sich mit Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung befassen.

Literatur

Fornefeld, Barbara (2016): Bildung bei komplexen Beeinträchtigungen. in Dederich, Markus; Beck, Iris; Antor, Georg; Bleidick, Ulrich (Hrsg.), Handlexikon der Behindertenpädagogik – Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis (3., erweiterte und überarbeitete Auflage, S. 222–226). Kohlhammer Verlag Stuttgart.

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. (FH) Mathias Stübinger
Diplom-Sozialpädagoge (FH) Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung.
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Es gibt 36 Rezensionen von Mathias Stübinger.

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ISSN 2190-9245