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Bernd Streich: Stadtplanung in der Wissensgesellschaft. Ein Handbuch

Cover Bernd Streich: Stadtplanung in der Wissensgesellschaft. Ein Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 657 Seiten. ISBN 978-3-531-14569-3. 49,90 EUR.
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Das Thema

Wer plant die Planung? Diese Frage liegt spätestens seit dem gleichnamigen Aufsatz von Lucius Burckhardt aus dem Jahr 1974 auf dem Tisch. Eine klare Antwort gibt es darauf nicht. Das kann auch nicht verwundern, denn Stadtplanung ist ein Komplex - als Ganzes nicht zu überschauen, in Teilen nicht zu durchschauen. Ein sowohl vollständiges als auch handhabbares Handbuch der Stadtplanung ist deshalb kaum vorstellbar, jedenfalls liegt bislang kein solches vor. Mit seinem Werk kommt Bernd Streich dem aber schon recht nahe. Der Titel "Stadtplanung in der Wissensgesellschaft" gibt allerdings aus zwei Gründen zu denken: Zum einen ist "Wissensgesellschaft" nur ein Etikett von vielen, die gegenwärtig als sinnfällige Kürzel für Gesellschaftsdiagnosen aller Art verbreitet werden; dass gerade dieses Bestand haben wird, ist alles andere als ausgemacht. Zum anderen kommt "Wissensgesellschaft" im Buch eigentlich nur als Technik oder Technologie vor. So heißt es im Vorwort: "Konzeption und inhaltliche Ausrichtung des Buches wurden nachhaltig beeinflusst durch Arbeiten und Forschungen auf Gebieten wie digitale Flächennutzungs- und Bebauungsplanung, Steuerung und Assistierung von Planungsprozessen durch digitale Netztechnologien, Auswirkungen der Wissensgesellschaft auf die Raum- und Stadtplanung, experimentelles Planen und Entwerfen in Stadtplanung und Architektur, aber auch durch die Frage der Machtausübung im Zusammenhang mit digitalen Wissensspeichern." Der Anteil des Buches, der auf diese Aspekte wie auch das Thema "Wissensgesellschaft" insgesamt tatsächlich entfällt, ist aber deutlich geringer, als es anklingen mag.

Der Autor

Dr. Bernd Streich ist Professor für computergestützte Planungs- und Entwurfsmethoden in Raumplanung und Architektur an der TU Kaiserslautern.

Hintergrund des Buches

Ein spezieller Anlass für die Publikation scheint nicht gegeben. Es ist eine systematisierte Zusammenstellung von Themen der Beschäftigung des Autors. Das Buch, so heisst es im Vorwort, "basiert auf Ergebnissen der Lehr- und Forschungstätigkeit an den Universitäten Kaiserslautern und Bonn vor dem Hintergrund der sich konkretisierenden Konturen der Wissens- und Informationsgesellschaft" (9).

Aufbau und Inhalt

Zwischen Einleitung und Quellenverzeichnis ist der Band in elf Kapitel untergliedert, die hier jeweils skizziert seien:

  1. In Kapitel 1 ("Begriffe und Systematik der Stadtplanung") sind alle wesentlichen Grundlagen enthalten, versammelt auch aus an Stadtplanung angrenzenden Bereichen. Die Darstellung ist angemessen breit, profund, stellenweise (selbst)kritisch und insofern auch für thematische Neulinge als Einführung geeignet.
  2. Kapitel 2 ("Städtebauliche Planungstheorie") bietet ebenfalls einen recht breiten Überblick, auch was die verwendeten Quellen angeht. Zu Recht entsteht bei der Lektüre der Eindruck einer Vielfalt, die durchaus auch als Beliebigkeit verstanden werden kann. Dass es wegen der vielen Perspektiven und unterschiedlichen Prioritäten in der Planungspraxis regelmässig zu Unstimmigkeiten kommt, wird plastisch zum Ausdruck gebracht.  
  3. In Kapitel 3 ("Institutionelle Grundlagen der Stadtplanung") finden nicht nur relevante Institutionen Erwähnung, es werden auch verschiedene Gesetze aus dem Bau- und Planungsrecht vorgestellt und eingeordnet. Die Ausführungen zum Thema Partizipation in Planungsprozessen lassen allerdings einschlägige Quellen vermissen und sind überwiegend auf Computereinsatzmöglichkeiten abgestellt.     
  4. Kapitel 4 ("Methoden der Stadtplanung") beinhaltet einen gerafften Überblick über eine ganze Reihe von Methoden. Auf lediglich zwei Seiten wird dabei das Methodenspektrum des qualitativen Paradigmas abgehandelt. Methoden aus dem Bereich des quantitativen Paradigmas werden auf 18 Seiten ausgebreitet. Dazu kommen 15 Seiten Ausführungen zum Computereinsatz bei der Praktizierung von Planungsmethoden. Und "wegen der besonderen Bedeutung statistischer Methoden für die Raumplanung werden diese in einem Exkurs am Ende dieses Kapitels noch etwas ausführlicher dargestellt" (166), nämlich auf 14 Seiten. So kommt insbesondere in diesem Kapitel ein technokratischer Hang zum Ausdruck, auch was das zugrundeliegende Verständnis von Wissensgesellschaft angeht.
  5. In Kapitel 5 ("Städtebauliche Strukturplanung") werden Grundbegriffe des Städtebaus vorgestellt, welche unerlässlich sind, um entsprechende Ideen und Planungen nachvollziehen zu können. Auch hier spielen Möglichkeiten des Einsatzes von EDV zum Zwecke von Simulation und Visualisierung eine Rolle.
  6. Kapitel 6 ("Städtebauliche Gestaltungsplanung") gewährt einen Einblick in die Gedanken- und Wertewelt von Architektur und Städtebau, die nicht selten ein wenig fremd und wegen geschmacklicher Orientierungen der Willkür verdächtigt scheint. Dem wird jedoch recht anschaulich und nachvollziehbar begegnet.
  7. In Kapitel 7 ("Bauleitplanung") findet sich zwar ein mit "Computereinsatz in der Bauleitplanung" überschriebener Abschnitt, in der Hauptsache werden aber Grundbegriffe, Rechtsgrundlagen, Kennziffern und Verfahrensabläufe dieses stark formalisierten Bereiches der Stadtplanung erläutert.
  8. Kapitel 8 ("Stadterneuerung") liegt ein Verständnis von Stadterneuerung zugrunde, das  über städtebauliche Sanierungsmassnahmen weit hinausreicht und Bestandsentwicklung überhaupt bedeutet, denn mit Thomas Sieverts wird die Einschätzung geteilt, dass "die Städte des Jahres 2030 schon heute zu 85% gebaut sind" (411). Entsprechend breit ist der dargestellte thematische Kanon, inklusive eines Exkurses zum Thema Dorferneuerung.  
  9. In Kapitel 9 ("Stadtentwicklung") wird Stadtentwicklung als "eine weitere wichtige, herausragende Teildomäne der Stadtplanung" (465) verstanden, eine keineswegs unumstrittene Sichtweise. Jedenfalls werden wesentliche theoretische Grundlagen, Konzepte und Begriffe aufgeführt und durch Benennung von Gegenpositionen und unterschiedlichen Auffassungen diskutiert. Die Darstellung ist aktuell und reicht über den unvermeidlichen Aspekt nachhaltiger Entwicklung hinaus bis zu den Themen Stadtschrumpfung und Stadtregion. Auch hier ist ein Abschnitt "Stadtentwicklungsplanung und Computereinsatz" enthalten, die Ausführungen im übrigen lassen allerdings deutlich werden, dass dies in den Bereich technischer Hilfsmittel fällt und nicht von Entscheidungsrelevanz ist.
  10. Kapitel 10 ("Internationale Bezüge der Stadtplanung") enthält knappe Übersichten zu den Planungssystemen und damit zusammenhängende Besonderheiten in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, den USA, Südafrika und Südkorea.
  11. In Kapitel 11 ("Utopisches Denken in der Stadtplanung") wird ein interessanter Überblick gegeben, nicht zuletzt auch über Ansprüche von und Ansprüche an Stadtplanung. Dabei entsteht der merkwürdig widersprüchliche Eindruck, wie wenig einerseits überhaupt realisiert und wie viel andererseits doch gebaute Wirklichkeit wurde - mit oder ohne vorgängige Utopie.      

Mit etwa 40 Seiten ist das Quellenverzeichnis sehr umfangreich. Dazu gibt es "Die 11 wichtigsten Buchempfehlungen" sowie "Die 6 wichtigsten Internetempfehlungen (Portale zu weiteren Links)", über die die Meinungen allerdings weit auseinandergehen dürften. Ansonsten mag zwar in dem umfangreichen Quellenverzeichnis die eine oder andere Literaturangabe vermisst werden, insgesamt wird aber ein immenser Fundus aufgeführt.

Erwähnt werden muss außerdem die dem Buch beiliegende DVD. Sie enthält eine Simulation als Film, vertiefendes Material in Form verschiedener Texte unterschiedlicher AutorInnen, teilweise dem Internet entnommen. Außerdem finden sich screenshots als Quellenbeleg, wohl vor dem Hintergrund, dass Halbwertzeiten im Internet besonders kurz sind und Quellen von dort einer besonderen Legitimation zu bedürfen scheinen.

Überdies wurde parallel zu dieser Publikation eine Website eingerichtet (www.urban-is.de). Das dortige Angebot besteht derzeit aus kurzen Übersichten zu den Inhalten der einzelnen Kapitel des Buches, einigen Veröffentlichungen des Autors zum download sowie einer größeren Zahl von links zu anderen Websites. Dieser Internetauftritt soll, so die erklärte Absicht, regelmäßig aktualisiert werden.

Zielgruppen

Laut Waschzettel ist das Buch gerichtet an "Studierende, Dozierende und Forschende der 

  • Stadtplanung
  • Geografie
  • Soziologie
  • Politikwissenschaft
  • Architektur

sowie an alle im Bereich Stadtplanung Tätigen". Empfehlenswert ist es aber auch darüber hinaus.

Fazit

Es gibt im Zusammenhang mit Stadtplanung wenige anzusprechende Themen, die im vorliegenden Band nicht angesprochen werden. Dazu gehört allerdings das mittlerweile etablierte Feld der sozialen Stadt(teil)entwicklung, und das ist tatsächlich eine Lücke. Dass unter dem Stichwort Wissensgesellschaft so gut wie ausschließlich Computeranwendungsmöglichkeiten Erwähnung finden, ist letztlich eher unbedeutend. Denn unabhängig von technologischen Entwicklungen und daraus erwachsenden stadtplanerischen Anwendungsmöglichkeiten dürfte der Inhalt des Buches ansonsten von dauerhaftem Bestand sein. Wer einen kompakten Überblick über den Komplex Stadtplanung sucht, ist mit diesem Buch alles in allem ganz gut beraten.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Wüst
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Zitiervorschlag
Thomas Wüst. Rezension vom 04.04.2006 zu: Bernd Streich: Stadtplanung in der Wissensgesellschaft. Ein Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14569-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3406.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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