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Sebastian Huhnholz: Der andere Ökonom

Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Herrmann-Pillath, 26.06.2026

Cover Sebastian Huhnholz: Der andere Ökonom ISBN 978-3-428-19415-5

Sebastian Huhnholz:Der andere Ökonom. Max Webers Spätwerk und die fiskalische Verfassung einer neuen deutschen Demokratie. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2025. 777 Seiten. ISBN 978-3-428-19415-5. D: 79,90 EUR, A: 102,70 EUR.

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Thema

Das nicht nur inhaltlich, sondern auch buchstäblich gewichtige Buch (777 Seiten) behandelt das wissenschaftliche Schaffen und das politische Engagement Max Webers in der letzten Dekade seines Lebens, mit Rückblicken auf sein Schaffen in früheren Phasen, soweit dies für ein Verständnis seiner späteren Positionen wichtig ist. Es geht aber weit über eine reine Darstellung hinaus und eröffnet drei Perspektiven:

  • Die erste stellt eine systematische Beziehung zwischen den wissenschaftlichen und den politischen Texten Webers her und arbeitet ein Leitmotiv heraus: Nämlich die fiskalische Neuordnung des Nachkriegs-Deutschland. Dieses Leitmotiv bietet einen neuen Zugang zu Webers Werk, oft als Kontrapunkt zur bisherigen Rezeptionsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, als Weber erst zu einer Schlüsselfigur der modernen Sozialwissenschaft konstruiert wurde, freilich auf der prekären Grundlage unzulänglicher Kompilationen seines fragmentierten und unvollendeten Schrifttums.
  • Die zweite Lesart des Buches ist, das Schaffen Max Webers selbst als Spiegel der geistigen und politischen Umbrüche dieser Zeit zu betrachten, was sich durch die Methode des Autors ergibt, die Aktivitäten Webers detailliert historisch zu kontextualisieren (S. 197ff). Diese Perspektive wird außerdem in der Figur des „rezipierten Weber“ doppelt gebrochen, nämlich der Kontextualisierung seiner Rezeption in der Geschichte der Bundesrepublik, mit einer Fülle von speziellen Themen wie die Rolle Carl Schmitts oder zur Frankfurter Schule.
  • Der dritte Zugang zum Buch begreift Weber als Theoretiker, dessen Ansatz unvollendet geblieben ist: Weber wurde 1920 jäh aus dem Leben gerissen, der größte Teil der später in „Wirtschaft und Gesellschaft“ publizierten Texte wurde ediert und arrangiert, mit erheblichen Folgen für die Rezeption. Die Rekonstruktion der Dynamik von Webers hektischer und intensiver Schreibtätigkeit vor 1920 legt spezifische theoretische Interessen offen, die heute hochrelevant sind. Dabei geht es im Kern um die Frage der fiskalischen Verfassung, durch welche die Beziehung zwischen Wirtschaft und Politik bzw. Staat institutionalisiert wird. Zugespitzt formuliert: Die fiskalische Verfassung definiert erst, was in einer Gesellschaft als „Wirtschaft“ performativ realisiert wird („Am Anfang war eben immer: Die Politik.“ S. 231; 284 ff.).

Autor

Sebastian Huhnholz ist Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt auf politischer Theorie und Ideengeschichte und verfügt außerdem über eine solide geschichtswissenschaftliche Kompetenz. Er vertritt zur Zeit der Abfassung dieser Rezension die Professur für Politische Theorie und Rechtstheorie am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.

Entstehungshintergrund

Der Autor hat sich in den vergangenen Jahren als Experte für fiskalische Dimension moderner Staatlichkeit profiliert, einschließlich von Beiträgen zur öffentlichen Debatte über die bundesdeutsche Finanzpolitik. Dies spiegelt sich im Buch wider, indem immer wieder schlaglichtartige Bezüge zur Gegenwart hergestellt werden. Der Autor vertritt ausdrücklich die Auffassung, dass Max Webers Beiträge zur Finanzpolitik seiner Zeit methodisch und theoretisch über den heutigen Stand nicht nur der politischen, sondern auch der wissenschaftlichen Diskussion hinausgehen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Hauptteile.

  • Der erste Teil entwickelt in drei umfänglichen Kapiteln die Vorgehensweise des Buches, zunächst durch die Akzentuierung des fiskalischen Themas als ein politologisches, dann die Einordnung in die Weber-Forschung, und schließlich die Darstellung der historischen Situation nach Kriegsende, in der Fragen der Staatsfinanzierung schicksalhaft wurden.
  • Der zweite Teil arbeitet Webers Position und Methode systematisch heraus; ein wichtiges Resultat ist, dass diese durch Webers Sicht auf den unvollendeten und konfliktreichen Übergang zum Kapitalismus noch in seiner Zeit geprägt wurden.
  • Der dritte Teil kontextualisiert die Ergebnisse des zweiten Teils in der historischen Situation und den seinerzeitigen Debatten und politischen Auseinandersetzungen.
  • Der vierte Teil diskutiert die Weber-Rezeption in der „Bonner Republik“ nach dem Zweiten Weltkrieg und schließt das Buch mit einer Schlussbetrachtung ab.

Inhalt

Es ist unmöglich, den reichen Inhalt des Buches in einer Rezension angemessen zu würdigen. Ich beginne mit dem inspirierenden Titel (der Rezensent ist Ökonom). Weber als „anderen Ökonomen“ einzuführen, ist ungemein instruktiv. Erstens, er verweist auf den Umstand, dass Weber nicht, wie seit Parsons Usurpation der ersten englischen Übersetzung mit dem völlig irreführenden Titel „The Theory of Social and Economic Organization“ allgemein anerkannt, „Soziologe“ war, sondern Nationalökonom (und Jurist, und Historiker, und…), und in dieser Weise auch von allen Zeitgenossen wahrgenommen wurde (S. 34; 99; 380). Insofern ist Weber „der andere Ökonom“, weil er vom anglophonen ökonomischen Mainstream und seinen deutschen Jüngern geschichtsvergessen aus der Ideengeschichte der Wirtschaftswissenschaft verbannt wurde. Er ist außerdem der „andere Ökonom“. weil er eine vom heutigen Mainstream, aber auch vielen heterodoxen Strömungen verschiedene Wirtschaftswissenschaft begründet hätte, als „Sozialökonomik“ provisorisch tituliert (S. 276 ff.). Wie Huhnholz zeigt, wäre es aber falsch, „sozial“ im heutigen Sinne zu verstehen. Webers Ansatz postulierte, dass die Wirtschaft ein Reflex der politischen Herrschaftsform ist. Das entspricht ansatzweise der Position des deutschen Ordoliberalismus, der sich, wie Eucken, immer mit Weber auseinandergesetzt hatte, unterscheidet sich aber in der ungleich differenzierteren Betrachtung der Formen der Herrschaft bzw. der Institutionalisierung des Staates, und nicht nur auf die „Veranstaltung“ der Marktwirtschaft durch den Staat. Deswegen, so zeigt Huhnholz im Detail auf, hat Weber die fiskalische Organisation des Staates in das Zentrum seiner Forschung ebenso wie seines Aktivismus gerückt. Dieses originäre Forschungsinteresse ist in der späteren Forschung, gleichermaßen in der Wirtschaftswissenschaft wie in der Politologie und Soziologie, marginalisiert worden.

Der „andere Ökonom“ ist nun gerade deshalb hochrelevant, weil er seine Theorien in engster persönlicher Auseinandersetzung mit der Politik seiner Zeit entwickelt hatte. Der allseits kolportierte Standard der „Werturteilsfreiheit“ ist vom politischen Aktivisten Weber keineswegs gelebt worden. Seine wissenschaftliche Arbeit war zunehmend von der intellektuellen Verantwortung geprägt, eine Nachkriegsordnung für Deutschland zu definieren und aufzustellen. Warum waren aber fiskalische Fragen so zentral? Huhnholz zeigt in großer historischer Tiefenschärfe auf, dass es vor allem um die Auseinandersetzung mit dem „Modell Preußen“ geht (S. 37ff; 75ff; 323 ff.). Ich verwende den Begriff hier, den Huhnholz so nicht verwendet, weil er genau die gegenwärtige Relevanz zeigt: Ein System, in dem der Staat vornehmlich durch eigene wirtschaftliche Aktivitäten (wie Staatsbetriebe, Forstwirtschaft usw.) finanziert wurde und die der politischen Herrschaft unterliegende Sozialstruktur durch eine Fülle fiskalischer Privilegien stabilisiert wurde. Dieses System galt es zu ersetzen durch einen strikt steuerfinanzierten Zentralstaat (Huhnholz zeigt, dass Weber wenig Sinn für die Finanzierung durch Schulden hatte, etwa mit Blick auf Frankreich, S. 640), dessen Aufgaben von einem rationalen Verwaltungsstab ohne eigenständigen Zugriff auf die Verwaltungsmittel durchgeführt werden. Die Einrichtung eines solchen Systems sah Weber als eine, wenn nicht die politische Aufgabe seiner Zeit, die nichts anderes als eine Demontage des Modells Preußen bedeutete.

Wie Huhnholz erläutert, gab es in Webers politischem Aktivismus eine zweite Front, nämlich den Sozialismus in der Gestalt der Fülle assoziierter politischer Alternativen (zentrale Planwirtschaft, munizipaler Sozialismus etc.), die auch von der Idee einer Fortführung kriegswirtschaftlicher Planungsmodelle inspiriert waren (S. 469 ff.). Weber argumentierte bereits strikt ökonomisch, ähnlich den späteren (neo)liberalen Ökonomen, und zeigte auf, warum eine solche Wirtschaft keine Wirtschaftsrechnung zulässt und daher nicht ausreichend leistungsfähig ist, um den Staat zu finanzieren (S. 60). Rationaler Staat und rationeller Kapitalismus bedingen sich also gegenseitig, und das Scharnier ist das steuerbasierte Fiskalsystem.

Daraus leitet sich dann ein weiteres großes Thema des Buches ab: Wie hielt es Weber mit der Demokratie? Wie gesagt, war Weber ungleich konkreter als die späteren Ordoliberale, denn er entwarf ein spezielles Modell des Steuerstaates, in dem die Budgethoheit beim Parlament liegt. Das Parlament ist der Ort der Demokratie; und es gibt keine eigenständige Zugriffsmöglichkeit auf Ressourcen seitens der Amtsträger im Staat (S. 159; 494). Huhnholz diskutiert ausführlich die vielen Missverständnisse über Webers politische Ideen, die sich um die Konzepte des Führertums und des Charismas ranken (S. 505). Weber sah deren Rolle im Kontext des politischen Wettbewerbes um das Parlament, und gerade nicht im Bezug auf eigenständige Führungsrolle der zentralisierten Exekutive, konkret etwa in Form einer außerordentlichen Zugriffsmöglichkeit auf das Budget.

Insofern ist ein wichtiges Ergebnis des Buches von hoher heutiger Relevanz, dass Weber, das Konzept der „Demokratie“ nicht als eine Art Universalformel behandelte, sondern nur durch konkrete institutionelle Arrangements unter konkreten historischen Bedingungen realisiert sieht (S. 486). In deren Mittelpunkt steht die Frage, wie in den beiden Bereichen der Wirtschaft und der Politik einerseits Rationalisierung nachhaltig erreichbar ist, und gleichzeitig die beiden Bereiche funktional strikt separiert bleiben, und jeweils durch Wettbewerb reguliert sind (S. 47). Insofern ist der politische Wettbewerb um das Parlament der Hebel, der ein „stahlhartes Gehäuse“ von rationalem Staat und rationalem Kapitalismus aufzwingt, und genau an dieser Stelle dem Charisma eine Schlüsselrolle zuweist. (S. 674).

Diskussion

Eine Vorbedingung der Arbeit an diesem Buch war die Fertigstellung der grandiosen Gesamtausgabe des Weberschen Werkes. Insofern hat die Kritik an der früheren Weber-Rezeption eine beunruhigende Relevanz für die weitere wissenschaftliche Debatte über Max Weber (S. 175; 384 ff.): Ich entsinne mich, zur Zeit des großen Weber-Jubiläums gelesen zu haben, dass nur wenige Exemplare der Gesamtausgabe in die USA ausgeliefert wurden (an zweiter Stelle nach Deutschland lag Japan). Sicherlich geht es vielen Nicht-Weber-ExpertInnen wie mir ähnlich, dass sie bei gelegentlichen Verweisen auf Max Weber naiv auf die Studienausgabe zurückgegriffen haben, die sie vielleicht zu Studienzeiten angeschafft hatten. Ein Buch wie das jetzt rezensierte zeigt überdeutlich, dass dies nicht mehr zulässig ist. Es hat die gewaltige Fülle des Materials thematisch geordnet und auf eine bestimmte Fragestellung hin selektiert und interpretiert. Nur solche Beiträge können Weber heute produktiv wirken lassen. Wenn dies freilich nur in Nischenbereichen der deutschen Diskussion geschieht, bleibt die internationale Weber-Rezeption in Fehlwahrnehmungen und Vorurteilen verhaftet. Ein Beispiel, das Huhnholz weidlich zerpflückt, ist die häufige Reduktion Webers auf die Protestantismus These und die Lebensführung des Kapitalismus (S. 230 f.). Insofern ist eine englischsprachige Folgepublikation unbedingt erforderlich.

Webers Schaffen vor seinem Tode als „Spätwerk“ zu bezeichnen, halte ich für unglücklich und verletzt auch die methodologischen Prämissen des Autors, die seinerzeitige Positionalität zu rekonstruieren. Denn der Terminus suggeriert eine Art von „Reife“ oder „altersweiser Reflektion“, die ja gerade nicht vorlag – Weber wurde mitten aus einer Phase herausgerissen, in der sich zentrale Gedanken erst formierten, die er zwar schon früher verfolgt hatte, die aber nun erst systematisiert wurden und vor allem auch zur Praxis in Bezug gesetzt wurden. Wir müssen uns also fragen: Wie könnten alle diese Ansätze fortgeführt werden? Wie hätte Weber sie in ein genuines „Spätwerk“ ausbuchstabiert? Es geht nicht um ein „Spätwerk“, denn das „späte“ ist eine rein arithmetische Klassifizierung der Jahre kurz vor seinem völlig unerwarteten Tode. Webers Witwe Marianne, Johannes Winkelmann, die anglophone Rezeption, all deren herausgeberische Bemühungen waren offenbar Quellen von Fehldeutungen seines eigenen wissenschaftlichen Anliegens. Huhnholz bezeichnet sich nicht selbst als „Weberianer“, dennoch hat er ein klares weberianisches Forschungsprogramm zur Beziehung zwischen politischen Systemen und Wirtschaft umrissen, das gerade heute verdient, ernst genommen und verfolgt zu werden, beispielsweise mit Blick auf die Karriere des Konzepts „Staatskapitalismus“.

Der Umfang des Buches und die Vielzahl der Themen, die sich manchmal überschneiden, dürften die heutige Rezeption erschweren. Das gilt auch für den Stil, der sprachgewaltig und engagiert ist, sich aber manchmal überschlägt mit Bandwurmsätzen und der Überdehnung der Möglichkeiten des Deutschen, neue Worte durch Zusammensetzung zu konstruieren (Beispiele: „Staatsbürgerschaftsverkaufspraktiken“, S. 22; „marktbasierte Staatspartneragenturen“, S. 40; „Fiskalsouveränitätskomplexe“, S. 119; „Leitungs‑ und Zuständigkeitseinteilungsstrukturen“, S. 246; … usw.). Das zwingt oft zum wiederholten Lesen dementsprechend dicht komprimierter Äußerungen. Bedauerlich ist, dass das Buch lediglich ein Personenregister aufweist, kein Sachregister. Die Orientierung in seiner reichen intellektuellen Landschaft wird so erschwert.

Fazit

Sebastian Huhnholz hat mit seinem Buch einen Meilenstein gesetzt, und zwar gleichermaßen für die Weber-Exegese wie auch hinsichtlich der gesellschaftstheoretischen Implikationen des Weberschen Werkes, wenn es „nach der Gesamtausgabe“ richtig gelesen würde. Huhnholz zeigt eine profunde Kenntnis der historischen Verhältnisse und des Weberschen Werkes, das diese widerspiegelt, ebenso wie der Rezeptionsgeschichte zu Webers Lebzeiten bis in die Bonner Republik. Es trägt dazu bei, dem auf dem ersten Blick speziellen Themen der Steuern und der fiskalischen Organisation den Platz zu geben, den es verdient: nämlich als analytischen Kristallisationskern der Beziehungen zwischen Herrschaft und Wirtschaft. Das Buch als Beitrag zur Weber-Exegese zu deuten, griffe viel zu kurz: Es hat weitreichende Relevanz für die eine, heute noch unterentwickelte, integrative Theorie der Wirtschaft und Gesellschaft.

Rezension von
Prof. Dr. Carsten Herrmann-Pillath
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt
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Es gibt 3 Rezensionen von Carsten Herrmann-Pillath.

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ISSN 2190-9245