Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Lutz Jäncke: Mann und Frau - ein Auslaufmodell?

Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 02.06.2026

Cover Lutz Jäncke: Mann und Frau - ein Auslaufmodell? ISBN 978-3-456-86410-5

Lutz Jäncke: Mann und Frau - ein Auslaufmodell? Warum sie sich ähnlicher sind, als wir vermuten, und wo der wahre Unterschied liegt. Hogrefe AG (Bern) 2025. 264 Seiten. ISBN 978-3-456-86410-5. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 37,90 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema und Entstehenshintergrund

Die Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau steht seit Jahrzehnten im Fokus (pseudo-)psychologischer Betrachtungen. Aber wieso erhält der Unterschied zwischen den Geschlechtern derart viel Aufmerksamkeit? Ist der Unterschied wirklich so groß? Wieso werden Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern viel seltener betrachtet? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wie lassen sich die aktuell hohen Zahlen Zugehöriger der LGBTQA+-Community erklären? Und: Steuern wir auf ein Unisex-Wesen zu? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Lutz Jäncke in seinem 2025 bei Hogrefe erschienenen Buch.

Autor

Lutz Jäncke, Prof. em. Dr. rer. nat. Dr. h. c., ist Neurowissenschaftler und Psychologe. In über 500 wissenschaftlichen Publikationen beschäftigte er sich mit dem menschlichen Gehirn, u.a. in Bezug auf Lernfähigkeit, Individualität und Unvernunft. Jäncke ist emeritierter Lehrstuhlinhaber für Neuropsychologie an der Universität Zürich.

Aufbau und Inhalt

Die Monographie ist in zwölf Kapitel mit Unterkapiteln gegliedert. Im Folgenden stelle ich die für mich interessantesten und wichtigsten Inhalte der Kapitel dar.

1. Von Jägern und Sammlerinnen

Jäncke setzt sich in diesem ersten Kapitel mit der Jäger-Sammler*innen-Hypothese auseinander. Diese besagt, dass Männer und Frauen in der Steinzeit spezifische Rollen einnahmen, mit denen bestimmte Eigenschaften einhergingen. Männern werden Mut, Aggressivität und Risikobereitschaft zugeschrieben, während Frauen als emotionaler, gruppenfähiger und kommunikativer gelten. Tatsächlich sind archäologische Funde aus der Steinzeit (Gräber, Skelette, Grabbeigaben) bislang jedoch vor allem Gegenstand unserer Interpretation. Mit der Entwicklung der Schrift wurden Geschlechterrollen nachvollziehbarer. Dabei wird sichtbar, dass sie besonders in der Antike eine zentrale Rolle einnahmen. Männern wurde ein Leben als Krieger, Jäger und Führer zugeschrieben, während Frauen mit der Rolle der Mutter und Hausfrau in Verbindung gebracht wurden.

2. Mann vs. Frau – der biologische Unterschied

Wer gilt biologisch gesehen als Frau, und wer als Mann? Lutz Jäncke arbeitet im zweiten Kapitel zunächst die genetischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern heraus. So verfügen Frauen über zwei X-Chromosomen, Männer über die Kombination XY.

Intersexualität tritt dagegen dann auf, „wenn Genetik, Anatomie oder Hormone keine klare Zuordnung zu männlich und weiblich erlauben“ (S. 42). Dies betrifft laut Jäncke 0,02 % bis 1,7 % der Bevölkerung. Andere Definitionen – die etwa das Krankheitsbild Polyzystisches Ovar-Syndrom (PCOS) einbeziehen – sprechen von bis zu 12 % der Bevölkerung. Der Begriff „Transsexualität“ ist mittlerweile weniger gebräuchlich und wird zunehmend durch „Transgender“ ersetzt.

3. Über die psychische (Un-)Ähnlichkeit von Männern und Frauen

Wie „ähnlich“ oder „unähnlich“ sind sich die Geschlechter wirklich? Sind sich Mann und Frau tatsächlich so unähnlich, wie oft – gerade in populärwissenschaftlicher Literatur – behauptet wird? Lutz Jäncke arbeitet heraus, dass für viele psychische Funktionen keine nennenswerten Geschlechterunterschiede existieren und die in der genannten Literatur oft „aufgebauschten“ Unterschiede eher unbedeutend sind. Ausnahmen bilden einige motorische Fähigkeiten sowie Einstellungen zum Sexualverhalten.

4. Weibliches und männliches Gehirn

Das menschliche Gehirn ist beeindruckend komplex. Das erklärt sich einerseits durch seine Größe: Das menschliche Gehirn ist unter den Primaten – bezogen auf die Körpergröße – das größte Gehirn und verfügt über etwa 90 Milliarden Nervenzellen. Andererseits ist es plastisch, d.h., es kann nach dem Motto „if you don’t use it, you will lose it“ (S. 81) ähnlich wie ein Muskel trainiert werden. Es wird durch Erfahrungen massiv beeinflusst und befindet sich bis etwa zum 20. Lebensjahr im Reifeprozess. Das Gehirn von Frauen ist etwas kleiner, verfügt dafür jedoch über eine dichtere Anordnung der Nervenzellen.

5. Feuernde Neurone

Lutz Jäncke arbeitet in diesem Kapitel heraus, dass die Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron die Hirnaktivierungen und damit unser Denken und Handeln erheblich beeinflussen. Dennoch spielen individuelle Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen, insgesamt eine deutlich größere Rolle als diese Hormone.

6. Das Geschlechtsgleichheits-Paradox

Auf modernen Online-Plattformen sind Frauen weitaus seltener sichtbar vertreten als Männer. Aber auch die Art und Weise der Darstellung sowie die Inhalte variieren zwischen den Geschlechtern. Frauen haben vor allem dann Erfolg, wenn sie einem standardisierten Schönheitsideal entsprechen und inhaltlich auf Mode, Ernährung und Beauty setzen. „Warum sind wir in der heutigen Zeit immer noch den Geschlechtsstereotypen verfallen?“ (S. 117), fragt Lutz Jäncke und weist darauf hin, dass die Ergebnisse insgesamt darauf hindeuten, „dass die Geschlechtsunterschiede in Ländern mit besseren Lebensbedingungen eher größer als kleiner sind“ (S. 122). Jäncke führt den Begriff des „Gleichheitstabus“ ein. Demnach definieren sich Geschlechter sehr stark über ihre Ungleichheit.

Weshalb bei der Studien‑ und Berufswahl weiterhin auf Stereotype zurückgegriffen wird, erklärt Jäncke wie folgt: „Da man seine Begabungen nicht kennt, wählt man das, was einem die gesellschaftlichen Vorstellungen vorgaukeln“ (S. 125). Erwartungseffekte und sich selbst erfüllende Prophezeiungen spielen hierbei ebenfalls eine große Rolle.

7. Der interpretierende Mensch

Wie wir als Menschen die Welt sehen, ist das Ergebnis unserer Interpretation. Obwohl beispielsweise nachweislich viele Tore im Fußball zufallsabhängig sind und Zufall insgesamt ein entscheidender Faktor im Fußball ist, werden gefallene Tore von Expert*innen oft lang und breit erklärt. „Offenbar wollen wir den Zufall eliminiert und erklärt haben“ (S. 140). Lutz Jäncke arbeitet unser großes Bedürfnis nach Kontrolle, Erklärungen, Halt, Sicherheit und Ordnung heraus.

Im zweiten Teil dieses Kapitels betont Jäncke die Anpassungs‑ und Lernfähigkeit des Gehirns – auch im Vergleich zu anderen Lebewesen: „Wir können alles lernen, mag es auch noch so abgefahren oder abstrus sein. Wir müssen uns nur an diese Aspekte gewöhnen“ (S. 151). Dies wird u.a. anhand der vielen verschiedenen Kulturen sichtbar, die der Mensch hervorgebracht hat. Nach Jäncke kann sich unser Gehirn so gut wie alles vorstellen und einbilden – auch in Bezug auf Geschlechtervorstellungen und ‑bilder. Dies bewertet er nicht als pathologisch, sondern als vollkommen normal.

8. Ich fühle etwas, was du nicht fühlst

Im achten Kapitel verbindet Lutz Jäncke Geschlechtsidentität und Hirnaktivitäten. Der Autor arbeitet die zentrale Bedeutung subjektiver Gefühle für das menschliche Empfinden und Wahrnehmen heraus. Anschließend geht er auf die Geschlechtsidentität ein, die eng mit subjektiven Gefühlen verbunden ist, und erklärt den Begriff der kognitiven Dissonanz. Diese tritt auf, wenn Handlungen, Entscheidungen und Informationen nicht zu den eigenen Gefühlen, Werten und Überzeugungen passen. Solche Dissonanzen versucht das Gehirn zu vermeiden, indem es (unbewusst) nach Informationen sucht und diese entsprechend bestehender Überzeugungen interpretiert.

In Bezug auf Transgender-Personen haben Studien herausgefunden, „dass bestimmte Gehirnbereiche von Transgender-Personen strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Geschlecht aufweisen, mit dem sie sich identifizieren“ (S. 178). Gelegentlich kommt es zudem zu Phantomeffekten, bei denen Trans-Männer über das Gefühl berichten, über männliche Genitalien zu verfügen. Bei Trans-Frauen ist es möglich, dass diese keine Empfindungen in ihren männlichen Genitalien verspüren.

Jäncke zieht zur Erklärung dieser Phänomene die Body Integrity Identity Disorder heran – eine seltene Erkrankung, bei der Betroffene den Wunsch verspüren, gesunde Körperteile amputieren zu lassen. Sie könne möglicherweise am Rande als Modell für Transgender-Phänomene herangezogen werden.

9. Über den biologischen Sinn des Lebens und seine Folgen

Zweck der zwei biologischen Geschlechter ist offensichtlich die Fortpflanzung, um die sich alles in diesem Kapitel dreht. Damit Paarungspartner zusammenfinden, sind allerdings Werben und Umwerben, ein gewisses Maß an Vertrauen und Bindung zwischen zwei Lebewesen sowie Anziehungskraft und Trieb notwendig. Unter „Trieb“ versteht Lutz Jäncke eine „angeborene, innere Antriebskraft, die das Verhalten von Tieren (einschließlich des Menschen) kontrolliert“ (S. 191).

10. Gegenwart und Zukunft

Als einzig wirklich relevante Unterschiede zwischen den Geschlechtern benennt Lutz Jäncke körperliche Unterschiede, die möglicherweise dazu führen können, dass Frauen die Ausübung bestimmter Berufe schwerer fallen könnte. Dabei verweist der Autor jedoch auch auf technische Neuerungen, die diesen Unterschied künftig wiederum irrelevant machen könnten. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden aktuell vielmehr durch subjektive Sichtweisen konstruiert.

Für die Zukunft spielt Jäncke gedanklich das Szenario durch, inwiefern eine Gesellschaft existieren könnte, in der Fortpflanzung und Lust systematisch voneinander getrennt sind oder sogar gar keine Geschlechteridentität existiert. Abschließend geht er noch auf Homosexualität ein, die besonders häufig im Tierreich vorkommt und u.a. damit erklärt wird, dass „der Verzicht auf eigene Kinder die Pflege und Aufzucht der Nachkommen der eigenen Sippe verbessert“ (S. 226). Jäncke stellt zudem fest, dass sich immer mehr Menschen der LGBTQA+-Community zuordnen – in der Generation Z in den USA laut den von ihm angeführten Zahlen bis zu 22,3 %.

11. Thesen dieses Buches

Jäncke benennt auf drei Seiten die 21 Thesen, auf denen sein Buch beruht.

12. Anhang – Gene, Gonaden, Hormone: ein genauerer Blick

Im Anhang werden einige Chromosomvariationen, anatomische Varianten, die Häufigkeit von Intersex-Varianten und weitere für das Verständnis des Buches wichtige Punkte ausgeführt und geklärt.

Diskussion

Das Buch liest sich insgesamt flüssig. Fachtermini werden erklärt, und der Autor nutzt nachvollziehbare Beispiele sowie Anekdoten aus dem eigenen Alltag und bekannten Filmen. Vereinzelt finden sich zudem Abbildungen und Tabellen. Die Sprache ist humorvoll und sehr locker gehalten – für meinen Geschmack hätte das Buch stellenweise auch in einem nüchterneren Ton geschrieben sein können. Teilweise fiel es schwer, innerhalb der einzelnen Kapitel einen klaren roten Faden zu erkennen.

Insgesamt hätte ich mir zudem einen stärkeren Fokus auf neurowissenschaftliche Aspekte sowie ausführlichere Inhalte zu Transgender gewünscht. Die stichwortartigen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels erleichtern jedoch die Orientierung. Besonders interessant fand ich die Ausführungen zur Homosexualität. Diese haben mir gezeigt, dass Homosexualität – obwohl sie häufig noch als außergewöhnlich betrachtet wird – in vielen Bereichen, etwa im Tierreich, durchaus Normalität darstellt und zudem einen evolutionären Nutzen bzw. Sinn haben kann.

Fazit

Lutz Jäncke zeigt in seinem Buch, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern deutlich geringer sind als populärwissenschaftliche Debatten oft suggerieren. Viele geschlechtsspezifische Vorstellungen entstehen weniger biologisch als vielmehr durch gesellschaftliche Zuschreibungen, subjektive Wahrnehmungen und Lernprozesse des Gehirns. Besonders hervorzuheben ist dabei Jänckes Versuch, Geschlecht, Sexualität und Identität neurowissenschaftlich einzuordnen und zugleich als Teil menschlicher Vielfalt zu betrachten.

Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
Website
Mailformular

Es gibt 21 Rezensionen von Franziska Sophie Proskawetz.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245