Jennifer Svaldi, Dustin Werle: Ratgeber Anorexia nervosa
Rezensiert von Prof. Dr. Christian Strobel, 29.06.2026
Jennifer Svaldi, Dustin Werle:Ratgeber Anorexia nervosa. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2025. 114 Seiten. ISBN 978-3-8017-3205-9. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 18,05 sFr.
Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie - Band 60.
Thema, Zielsetzung und Entstehungshintergrund
Der Ratgeber ist Teil der Reihe Fortschritte der Psychotherapie des Hogrefe Verlages und widmet sich der grundlegenden Informationsvermittlung über Anorexia nervosa für Angehörige und Betroffene. Im Fokus stehen Grundlagen der Erkrankung – wie Diagnosekriterien und charakteristische Merkmale – vermittelt durch Psychoedukation und Fallbeispiele, Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung sowie die Darstellung basaler Interventionen in der Behandlung von Anorexia nervosa. Das Buch ist Teil einer Reihe evidenzbasierter Selbsthilfeliteratur und orientiert sich deutlich an kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen.
Autor:innen
Prof. Dr. Jutta Svaldi ist Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Tübingen und zählt im deutschsprachigen Raum zu den etablierten Expert:innen im Bereich Essstörungen, mit einem besonderen Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf unterschiedlichen Aspekten der Hauptformen von Essstörungen sowie dem Körperselbstbild junger Patient:innen.
Dr. Dustin Werle ist Psychologe an der Universität Tübingen und Projektleiter einer Studie zur kognitiven Verarbeitung von Essstimuli bei der Binge-Eating-Störung. Der vorliegende Ratgeber ist seine erste Autorenschaft.
Aufbau
Das Buch ist klar strukturiert und folgt einer für Ratgeberliteratur typischen, aufeinander aufbauenden Gliederung mit 5 grundlegenden Kapiteln, die nach dem Vorwort beginnen:
- Anorexia nervosa – Was ist das?
- Wie einsteht eine Anorexia nervosa und warum geht sie nicht von allein weg?
- Wie kann man eine Anorexia nervosa überwinden? – Behandlungsmöglichkeiten
- Wie Angehörige unterstützen können
- Wo bekommt man Hilfe?
Inhalt
Vorwort: Im Vorwort werden bereits zentrale Informationen vermittelt: Betont werden – im Einklang mit dem fachlichen Konsens – die Chronizität der Erkrankung sowie die Relevanz einer frühen Diagnose und Behandlung, die die Genesungschancen deutlich erhöht.
Kapitel 1 – Grundlagen und Diagnose: Im einführenden psychoedukativen Kapitel wird anhand eines Fallbeispiels das Thema eröffnet. Es werden Kernsymptome wie das niedrige Gewicht, das konsequente Beibehalten dieses Gewichts und der starke Einfluss des Körpergewichts auf den Selbstwert ausführlich erläutert. Typische Aspekte der Psychoedukation bei Anorexia nervosa werden durch Fließtext, Tabellen und Grafiken in einer verständlichen und gleichzeitig wissenschaftlich angemessenen Sprache adressatengerecht für Betroffene und Angehörige aufbereitet. Ein Selbsttest mit 14 Items zur Erkennung von Anorexie schließt die psychoedukative Einführung ab.
Im weiteren Verlauf des ersten Kapitels werden die Diagnosekriterien nach ICD‑11 und DSM‑5 für Anorexie sowie differenzialdiagnostisch relevante, ähnliche Erkrankungen (z.B. ARFID, Binge-Eating-Störung) dargelegt. Darauf aufbauend werden Verlauf sowie körperliche und psychische Folgen realitätsnah und literaturbasiert beschrieben. Abgeschlossen wird das Kapitel mit Angaben zur aktuellen Prävalenz. Die Struktur ist insgesamt klar und gut nachvollziehbar, die Inhalte bauen schlüssig aufeinander auf. Eine alternative Reihung der Schwerpunkte hätte den Aufbau möglicherweise noch weiter optimiert, sorgt in der vorliegenden Form jedoch auch für Abwechslung.
Kapitel 2 – Entstehung und Aufrechterhaltung: Im zweiten Kapitel erläutern die Autor:innen die Genese der Anorexia nervosa: Welche Faktoren führen zur Erkrankung, und welche stabilisieren sie? In verständlicher, gut lesbarer und zugleich wissenschaftlich fundierter Sprache wird ein bio-psycho-soziales Krankheitsmodell vorgestellt. Beleuchtet werden genetische Prädispositionen und Erblichkeit, biologische Faktoren wie Alter und Geschlecht sowie psychologische und soziale Faktoren wie medialer Einfluss, Peer‑ und Familieneinflüsse und typische Denkmuster.
Ebenfalls essenziell für ein umfassendes Verständnis der Anorexia nervosa – sowohl der eigenen Erkrankung als auch der von Angehörigen – ist die Auseinandersetzung mit den aufrechterhaltenden „Vorteilen“ der Störung. Diese werden wertschätzend und ausführlich dargestellt, etwa Stabilisierung des Selbstwertes, Emotionsregulation, Gewinn an Aufmerksamkeit, Vermeidung von Konflikten und das Erleben von Autonomie. Die Mechanismen dieser aufrechterhaltenden Faktoren vor dem Hintergrund operanter und klassischer Konditionierung werden klient:innengerecht erläutert.
Abschließend wird eine in Klient:innenliteratur selten behandelte Frage aufgegriffen: Warum ist es überhaupt wichtig, sich mit der Erforschung von Kriterien und Mechanismen der Störung zu beschäftigen? Die Autor:innen zeigen auf, wie dieses Wissen Behandlungs‑ und Änderungsmotivation sowie das Empowerment der Betroffenen stärken und damit eine bedeutende Rolle bei der Überwindung der Erkrankung spielen kann.
Kapitel 3 – Behandlungsmöglichkeiten: In Kapitel 3 werden die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten dargestellt: Welche Therapieformen und Therapiesettings sind in Deutschland für Anorexia nervosa spezifisch zugelassen bzw. empfohlen? Zudem werden die zentralen Therapierationalen und ‑elemente einer typischen Behandlung erläutert, darunter die Ambivalenzarbeit gegenüber der Erkrankung, die Normalisierung des Essverhaltens (z.B. durch strukturierte Essprotokolle und ‑pläne) sowie die Arbeit an abwertenden Gedanken und der Akzeptanz des eigenen Körpergewichts.
Kapitel 4 – Angehörige: Ein ausführliches Unterkapitel widmet sich der Frage, wie Angehörige unterstützend wirken können. Angesprochen werden supportive Haltungsfragen des Verständnisses und Konsequenz, Selbstfürsorge und Unterstützung der Heilung, was verhandelbar ist und was nicht und welche Familienstrukturen etabliert werden können, die die Auseinandersetzung mit der Erkrankung unterstützen können.
Kapitel 5 – Unterstützungsformen: Im letzten Kapitel wird auf zwei Seiten dargelegt, warum Psychotherapie wichtig und nötig ist und welche Websites Informationen und Angebote anbieten.
Diskussion
Prof. Dr. Jutta Svaldi und Dr. Dustin Werle verfolgen in ihrem Ratgeber das Anliegen, klare und verständliche Informationen für Betroffene und Angehörige bereitzustellen. Ihnen gelingt ein überzeugender Spagat zwischen wissenschaftlicher Tiefe und klient:innengerechter Aufbereitung der Themen. In wenigen, klar strukturierten Kapiteln vermitteln die Autor:innen präzise alle wesentlichen Inhalte der grundlegenden Psychoedukation zu Anorexia nervosa.
Darüber hinaus gehen sie an mehreren Stellen einen Schritt weiter, indem sie die Klient:innenperspektive stärker in den Mittelpunkt rücken und weiterführende Fragen aufgreifen: etwa, warum Genesefaktoren relevant sind, wie Angehörige konkret helfen können und welche Behandlungsmöglichkeiten Betroffenen offenstehen. Zur Veranschaulichung werden Fallbeispiele eingesetzt, die nachvollziehbar zeigen, wie sich die beschriebenen Inhalte in der Praxis und im Alltag von Betroffenen und ihren Angehörigen niederschlagen.
Neben dem inhaltlichen Aufbau ist auch das Format des Buches gut gewählt, um Betroffenen und Angehörigen einen überschaubaren, aber fundierten Überblick zu bieten: 98 Seiten Fließtext im handlichen A5-Format stellen eine Länge dar, die weder überfordert noch zu knapp ausfällt. Das Cover – eine schlanke Frau, die mit einer Gabel ein Stück Brokkoli aufspießt – könnte jedoch von einigen Klient:innen als aversiv erlebt werden.
Fazit
Der Ratgeber Anorexia nervosa bietet Betroffenen und Angehörigen einen guten ersten Einstieg in die Hintergründe und Zusammenhänge der Erkrankung in gut verständlicher Sprache. Durch die ansprechende Kürze des Buches werden grundlegende Konzepte und Informationen vermittelt, ohne zu überfordern.
Rezension von
Prof. Dr. Christian Strobel
M.Sc. Psych
Angewandte Psychologie und Digitalisierung
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