Werner Tschan, Jörg Wanner: Trauma Survivorship - Leben statt Überleben
Rezensiert von Alexander Korittko, 07.05.2026
Werner Tschan, Jörg Wanner: Trauma Survivorship - Leben statt Überleben. Wie können Gesundheitsfachpersonen Menschen helfen, schlimme Erlebnisse hinter sich zu lassen? Hogrefe AG (Bern) 2025. 272 Seiten. ISBN 978-3-456-86425-9. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
Thema
Der Titel des Buches beschreibt treffend seinen Inhalt. Es geht um die Darstellung traumatischer Ereignisse und die Beschreibung salutogenetischer Interventionen und Bewältigungsstrategien von Betroffenen auf individueller Ebene und parallel dazu Prozesse auf gesellschaftlicher Ebene.
Autoren
Die Autoren sind als Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie in der Schweiz ansässig, können jedoch auf Erfahrungen in unterschiedlichen Ländern zurückblicken. Als Besonderheit ist ein Interview mit der Japanerin Naoko Miyaji Teil des Buches, in welchem über Traumata in Japan und einer von ihr entwickelten Metapher informiert wird.
Aufbau
Das recht übersichtliche Buch (265 Seiten) ist in sieben Kapitel aufgeteilt:
- Historischer Rückblick und Entwicklung des Störungskonzepts,
- Diagnostik und rechtswissenschaftliche Aspekt,
- Traumatische Erlebnisse,
- Therapieansätze und Schutzkonzepte,
- Traumafolgestörungen in der Gesellschaft, im Gesundheitswesen und Solastalgie,
- Sekundäre Traumatisierung von Helfenden und Kompetenz der Gesundheitsfachpersonen und
- Aus Krisen lernen.
Ein umfangreicher Anhang schließt das Buch ab.
Inhalt
Zunächst bieten die Autoren eine kurze Einführung ins Thema an und einige Fakten zu Traumatisierungen, die sie mit „Need to know“ kennzeichnen.
Im ersten Kapitel (16 Seiten) wird sehr anschaulich die Entwicklung des Störungskonzeptes der Posttraumatischen Belastungsstörung und anderer verwandter Konzepte beschrieben, vom dreißigjährigen Krieg bis heute. Dabei widmen sich die Autoren auch den Widersprüchen, die durch die unterschiedlichen Symptombeschreibungen im DSM 5 und dem ICD 11 entstehen und ein einheitliches Konzept verunmöglichen. Sie vermuten auch, dass die in der westlichen Welt der nördlichen Halbkugel vorherrschenden Störungsbilder im Süden (z.B. Afrika und Japan) nicht vollständig anwendbar sind.
Das zweite Kapitel (35 Seiten) thematisiert die Wichtigkeit einer angemessenen Diagnostik und beschreibt ein weites Spektrum von diagnostischen Möglichkeiten von der Posttraumatischen Belastung bis zu dissoziativen Störungen. Im Anschluss wird über Trauma-bezogene Störungsbilder in den Rechtswissenschaften informiert.
Im dritten Kapitel (35 Seiten) werden Beispiele traumatischer Erlebnisse beschrieben. Häufig sind in grau unterlegten Kästen die wichtigsten Aspekte zu finden
- Transgenerationale Weitergabe von Traumafolgen
- Sekundäre Traumafolgen bei Helfer*innen
- Traumatisierungen durch Behördenentscheidungen
- Bewusste medizinische Fehlbehandlung
- Vernachlässigung in der Kindheit
- Psychische Gewalt
- Körperliche Gewalt
- Sexualisierte Gewalt
- Rassistische Verbrechen
- Flug‑ und Schiffsunglücke
- Geiselnahme, Amoktaten und Folter
- Mobbing und Stalking
- Gewalt durch organisierte Kriminalität
- Menschenhandel und Zwangsadoptionen
- Kindesentzug im Scheidungsverfahren
- Natur und Umweltkatastrophen
- Krieg, Flucht und Immigration
- Unfälle und Verbrechen
- Lebensbedrohliche Erkrankungen
Im vierten Kapitel (74 Seiten) werden individuelle Therapieansätze und Schutzkonzepte vorgestellt. Anhand von Fallvignetten werden die Stadien von Traumatisierten verdeutlicht: Opfer, Überlebende*r, Kämpfer*innen und schließlich ein Mensch mit innerem Frieden. In einem Interview mit einer japanischen Expertin kommt das Trauma-Modell eines ringförmigen Atolls zur Sprache: in der Mitte die Schwerkraft der traumatischen Erfahrung, der Wind als Symbol der interpersonellen Konflikte und der Wasserspiegel als Symbol der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Für Therapie und Beratung wird die Wichtigkeit von Stabilisierung der Selbstorganisation von Betroffenen verdeutlicht, die auf institutioneller Ebene durch Schutzkonzepte implementiert werden sollte. In einer kurzen Abhandlung wird zusätzlich erörtert, wie durch Symbole, die wie Schutzengel wirken können, Selbstheilungskräfte mobilisiert werden. Bei den Fallvignetten wird als therapeutische Methode IRRT genutzt, eine In-sensu-Konfrontation mit korrigierenden bzw., heilenden Erfahrungen.
Kapitel fünf (34 Seiten) widmet sich der gesellschaftlichen Anerkennung von Traumafolgestörungen. In vielfältiger Weise wird verdeutlicht, dass eine Genesung von traumatischen Erfahrungen eng mit der Anerkennung des seelischen Leidens durch die Gesellschaft verknüpft ist, wobei Justiz, Polizei und Politik besondere Verantwortung tragen. Zusätzlich ist darüber nachzudenken, wie die erhebliche Belastung Angehöriger ebenso ins Blickfeld geraten kann. Zu Aspekten von „Public Health“ gehören auch die Folgen des immer weiter Voranschreitens der Umweltzerstörung, ein Stressfaktor der von der Weltgesundheitsorganisation als kollektives Trauma definiert wird (Solastalgie).
In Kapitel sechs (11 Seiten) werden die sekundären Traumatisierungen von Helfenden beschrieben. Diese „stellvertretende“ Traumatisierung kann viele unterschiedliche Berufsgruppen treffen. Zwar kann Information über Trauma-Prozesse und eine Würdigung von problematischen Einsätzen in gewisser Weise vorbeugen, am besten sei Supervision und eine gute „Work-Life-Balance“, sowie die regelmäßige Nutzung persönlicher Ressourcen. Die Tätigkeit von Fachleuten zur Bewältigung von traumatischen Ereignissen bei Betroffenen kann mit Gesundheitsfachleuten in der Intensivmedizin verglichen werden: es braucht spezifische Kompetenzen.
Kapitel sieben (7 Seiten) trägt den Titel „Aus Krisen lernen“. Es wird u.a. anhand des Lebensweges dreier Menschen berichtet, wie sie trotz schwerer Traumatisierungen ihr Schicksal gemeistert haben: die Rocksängerin Tina Turner, der Politiker Nelson Mandela und die US-Athletin Simone Biles.
Im Anhang des Buches ist ein umfangreiches Literaturverzeichnis zu finden, sowie ein Autorenverzeichnis und ein Sachwortverzeichnis.
Diskussion
Das Buch zeichnet sich in jedem Kapitel durch einen außergewöhnlichen Detailreichtum aus. Die klare Gliederung und die deutlichen Zusammenfassungen in grau unterlegten Kästchen macht es zu einem guten Nachschlagewerk, selbst wenn man es nach längerer Zeit wieder hervornimmt und nur zu eingegrenzter Fragestellung eine kurze Information sucht. Es besticht zusätzlich durch seine vielfältige gesellschaftliche Orientierung, sowohl bei der Aufzählung traumatischer Erfahrungen, als auch in dem speziell diesem Bereich gewidmeten Teil „Gesellschaftliche Anerkennung“. Sehr gut hat mir gefallen, in einem Interview mit einer Japanerin über japanische Sichtweisen und Erfahrungen zu lesen. An einer anderen Stelle werden kollektive Traumata in Afrika thematisiert. Es ist ein rundum interessant zu lesendes Buch, nicht nur für Neulinge in der Psychotraumatologie, sondern auch für erfahrene Gesundheitsfachleute. Viele Beispiele aus dem Schweizer Raum mögen hier und da irritieren, entsprechen sie doch aber dem Hintergrund der Autoren, die in Zürich und Basel tätig sind. Leider fehlt dem Buch eine ausführliche Beschreibung der Methode IRRT (Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy), die – und das scheint hin und wieder durch – von den Autoren in der Begleitung von Betroffenen bevorzugte Methode zu sein. Doch das schmälert aus meiner Sicht nicht den Wert des Buches.
Fazit
Ein facettenreiches Buch über Traumata, Trauma-Dynamik und Genesungschancen, geschrieben von zwei Schweizer Fachleuten, die traditionelle Trauma-Perspektiven durch aktuelle Gesellschafts-orientierte Sichtweisen klug und sinnvoll ergänzen. Dieses Buch sollten alle besitzen, die sich mit dem Thema beschäftigen, sei es im Bereich Beratung und Therapie oder im politischen Feld. Es besticht durch hilfreiche Struktur und sprachliche Klarheit.
Rezension von
Alexander Korittko
Dipl. Sozialarbeiter, Systemischer Lehrtherapeut, Autor von zahlreichen Zeitschriftenartikeln zum Trauma-Thema und vier Fachbüchern.
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