Lisa Niendorf: UNIversal gescheitert?
Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 30.12.2025
Lisa Niendorf: UNIversal gescheitert? Wissenschaft und Hochschule zwischen Machtmissbrauch, Leistungsdruck und Ausbeutung: was wir dagegen tun können. Droemer Knaur (München) 2025. 285 Seiten. ISBN 978-3-426-56454-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Thema
Thema des vorliegenden Titels ist Machtmissbrauch, Leistungsdruck und Ausbeutung an Hochschulen und Universitäten.
Autorin
Lisa Niendorf ist Dozentin an der Humboldt-Universität Berlin mit dem Schwerpunkt Bildungsforschung und Wissenschaftsinfluencerin auf Instagram.
Entstehungshintergrund sind einmal die Sensibilisierung für Machtmissbrauch und deren Folgen aufgrund persönlicher Erfahrungen im Universitäts– und Bildungsbereich und die Leidenschaft, Probleme sichtbar und allgemeinverständlich nachvollziehbar zu machen.
Aufbau
Nach einem Vorwort werden Themen der Exzellenzstrategie der Hochschulen, der Ausbeutung von Wissenschaftler:innen, der Macht und des Machtmissbrauchs an Hochschulen und Universitäten und im gesamten Bildungsbereich und diskriminierende Techniken und deren Auswirkungen behandelt.
Inhalt
Vorwort
Die Motivation der Autorin ist, eine Diskussion anzustoßen und aus der aktuellen privilegierten Situation (Festanstellung an der HU Berlin) im Rückblich auf persönliche beruflich negative Erfahrungen systemimmanente Probleme öffentlich bekannt zu machen.
Alles ist miteinander verbunden
Entwicklungsförderung beginnt bereits in der frühen Kindheit unter unterschiedlichen familiären und sozialen Bedingungen (Zahlen aus der Bildungsforschung). Um die Bildungschancen aller Sozialschichten zu verbessern, werden Privilegien, Deutungshoheiten und Machtverhältnisse infrage gestellt.
Eine Frage de Exzellenz?
Niendorf beschreibt Hochschulen und Fachhochschulen, deren Unterschiede, letztere stärker praxis- und anwendungsbezogen, verbunden mit einem höheren Lehrdeputat für die Hochschullehrer. Die Finanzierung läuft über Grundmittel (Betriebskosten) für eine langfristige Planung und projektgebundene Drittmittel aus privaten und öffentlichen externen Quellen, die befristet und nach den Geldmittelgebern ausgerichtet sind. Probleme gibt es, wenn die Grundfinanzierung nicht ausreicht und befristete Stellen keine Perspektive haben. Es folgen eine harsche Kritik an der Lehre und Lehrbefähigung, weil ohne spezielle Vorbereitung der Lehrenden, und Vorschläge für eine Verbesserung. Exzellenzstrategien entwerten nicht selten die Lehre.
Ausgebeutete Wissenschaftler:Innen
Berichte aus dem Alltag der Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter: Probleme mit befristeten Stellen, vor allem durch eine Endlosschleife von befristeten Drittmittelstellen (im Gegensatz dazu Frankreich, Schweden, Dänemark) und die Gefahr von Selbstausbeutung durch Idealismus. Vorschläge: Befristung eindämmen, bei Promotionen 4 Jahre eine volle Stelle, Karrieremöglichkeiten jenseits der Professur, weniger Wettbewerb und mehr Verlässlichkeit. Die Befristungspraxis ermöglicht Ausbeutung, Machtmissbrauch und Diskriminierung.
Zwischen Macht und Missbrauch
Meist handelt es sich um zwischenmenschliches Fehlverhalten: Erpressung durch Mehrarbeit, Demütigung, körperliche Misshandlung, sexualisierte Belästigung, fälschliche Aneignung geistigen Eigentums, problematische Forschungspraxis (persönliche Berichte von Frauen). Machtmissbrauch, auch durch Privilegien, betrifft vor allem das Geschlecht und die Geschlechtsidentität, die sexuelle Orientierung, Behinderung, mentale Gesundheit, Staatsbürgerschaft, Bildung, Wohlstand, Wohnen, Sprache, Hautfarbe und ‚globale Positionierung‘, gestützt und verfestigt durch das System. Das kann schon in der Kinderstube beginnen und sich in der Schule und in der Hochschule fortsetzen. Das Gleichbehandlungsgesetz (AGG) erlaubt eine flexible Auslegungspraxis und nur eingeschränkte Sanktionsmöglichkeiten. Machtmissbrauch wird als ein strukturelles Problem begriffen und deshalb eine Reduktion der Machtkonzentration vorgeschlagen und rechenschaftspflichtige und unabhängige Kontrollen.
Zwischen Akzeptanz und Diskriminierung
Diskriminierungsformen sind Ableismus (Ausgrenzung bei Behinderung oder chronischer Krankheit), Cargiver (fürsorgende Erwerbstätige), Heteronormativität/Heterosexismus, Klassismus (soziale Ausgrenzung aufgrund von Herkunft und sozialer Position), Sanismus betrifft psychisch Kranke oder ‚psychisch‘ anders wahrgenommene Menschen, Ausgrenzung aufgrund des (sozialen) Geschlechts, Antisemitismus und Rassismus. Gerade letztere haben viele Gesichter und werden oft verleugnet. Das kann ein Problem der Lehrenden, der Lehre und der Institutionalisierung sein und braucht eine offene Diskussion und vielfältige Ansätze,um die Risiken zu vermindern.
Diskussion
Dies ist ein politisches Buch, das sich auch sprachlich an Menschen wendet, die nicht unmittelbar im Hochschulbereich tätig sind. Viele kritische Überlegungen basieren auf eigenen Erfahrungen der Autorin oder den Berichten von Studenten, die Leistungsdruck, Ausbeutung und Machtmissbrauch erfahren haben. Für mich war das Buch nicht leicht zu lesen, weil die zahlreichen Anmerkungen dazu anregen, die kontinuierliche Lektüre zu unterbrechen durch den Blick auf die Quellen, auf die sich die Autorin bezieht.
Machtmissbrauch ist ein soziales und politisches Problem und findet sich eher in leitenden Funktionen - nicht nur in der Universität -, da er Macht voraussetzt. Deshalb ist eine allgemeine Sensibilisierung notwendig. Wichtig ist auch, dass für wissenschaftliches Arbeiten geeignete Räume, d.h. auch zeitlich gesicherte Arbeitsverhältnisse, eine Voraussetzung sind, was aber nicht unbedingt, eine Vermehrung von Dauerstellen heißt. Denn die Universitäten bilden nicht nur Wissenschaftler und Forscher aus, sondern bieten , z.B. in der Medizin, Pädagogik und Technik, und darüber hinaus in fast jedem Studienfach, eine berufliche Ausbildung an, die auch außerhalb der Hochschulen gesicherte Arbeits- und Forschungsbedingungen ermöglicht. Auch ist nicht jeder Student bereit und befähigt, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, die abgesehen von wahrscheinlich immer begrenzten qualifizierten Dauerstellen auch mit der Frustration verbunden ist, dass Forschung heißt, sich auf eine Entdeckungsreise in unbekanntes und unerforschtes Gelände zu begeben mit Hypothesen, die im Verlauf infrage gestellt oder nur partiell bestätigt werden, was eine Leidenschaft für das Fachgebiet und eine gewisse Frustrationstoleranz voraussetzt. Dafür eignet sich nicht jeder.
Forschung ist aber auch nicht die einzige Aufgabe der Universitäten. Sie haben einen umfassenderen Bildungsauftrag, der durch die Absolventen – mit und ohne Doktor – in die Gesellschaft hinein getragen die wichtige Funktion hat, kritisch und mit einem gesunden Zweifel kurzschlüssige Vorannahmen infrage zu stellen.
Denn Vorurteile sind seit der Kindheit universell: Wir alle machen uns bereits bei der ersten Begegnung ein Bild vom noch unbekannten Anderen, das durch einen gesunden Selbstzweifel, den man im sozialen Umfeld, in der Schule und Hochschule erwerben sollte, korrigiert werden kann. Vorurteile haben positive und negative Anteile, die beide korrekturbedürftig sind, sie können einfache Irrtümer, aber auch verfestigte und nicht selten ideologisch untermauerte Diskriminierungen sein. Der Unterschied ist wichtig, denn viele Vorurteile können durch eine offene Diskussionsatmosphäre - innerhalb und außerhalb der Hochschulen - geklärt werden, insbesondere da auch Gefühle – bekannt/unbekannt, vertraut/unvertraut und Geschmack - eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Schon ein Säugling reagiert auf Unvertrautes/Fremdes primär mit Abwehr, und sekundär mit Neugier, und erst, wenn ihm die Augen aufgegangen sind, mit Selbstkritik.
Die Hochschulen sind für die meisten Studierenden kein Ort für Dauerstellen, und eine gesunde Fluktuation ist eine Bereicherung, auch z.B. durch zunehmende befristete Auslandserfahrung.
Machtmissbrauch hingegen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, dem man durch Netzwerke – Familien, Freunde, Bekannte, Kollegen - und die Öffentlichkeit, wie z.B. die Autorin, begegnen kann. Das sind vielfältige Ressourcen, die allerdings erkannt und eingesetzt werden müssen, um nicht einer lähmenden Resignation zu verfallen (s.a. Cynthia Fleury zum Thema Resignation und Ressentiment).
Fazit
Ich wünsche dem Buch viele aufmerksame Leser, vor allem aber Anstöße zu kritischen Diskussionen im überschaubaren sozialen Umfeld.
Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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