Marian Burchardt, Monika Wohlrab-Sahr: Religion und Kultur
Rezensiert von Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann, 16.04.2026
Marian Burchardt, Monika Wohlrab-Sahr: Religion und Kultur.
Wochenschau Verlag
(Frankfurt am Main) 2026.
125 Seiten.
ISBN 978-3-7344-1737-5.
D: 19,90 EUR,
A: 20,50 EUR.
Kleine Reihe Soziologie.
Autor:innen
Dr. Marian Burchardt, ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig; sein Forschungsschwerpunkt liegt in der vergleichenden Kultur‑ und Religionssoziologie.
Dr. Monika Wohlrab-Sahr, ist Professorin für Kultursoziologie und C-Direktorin der Kollegforschungsgruppe „Multiple Secularities: Beyond the West, Beyond Modernities“.
Thema
Das Buch zeigt, dass Religion und Kultur in modernen, auch säkularen Gesellschaften eng miteinander verflochten bleiben. Religion verschwindet also nicht einfach, sondern tritt häufig in kulturell geprägten Formen auf: in Symbolen, Ritualen, Alltagspraktiken, Konflikten um Sichtbarkeit oder in Debatten darüber, was als „religiös“ und was als „kulturell“ gelten soll. Genau diese Grenzziehungen machen die Autorin und der Autor zum zentralen Thema.
Ein Kernanliegen des Buches ist die Frage, wie Religion und Kultur überhaupt voneinander unterschieden werden können. Die Inhaltsübersicht signalisiert dabei mehrere Perspektiven: „Religion als Kultur“, „Religion und Kultur“ sowie „Religion oder Kultur?“. Daraus lässt sich schließen, dass Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr nicht von einer einfachen Trennung ausgehen, sondern zeigen, dass Religion manchmal als Teil von Kultur verstanden wird, manchmal neben ihr steht und manchmal in Konkurrenz zu kulturellen Deutungen gerät. Der Zugang ist kultursoziologisch: Der/die Autor:in untersuchen, wie religiöse Bedeutungen gesellschaftlich hergestellt, öffentlich wahrgenommen, neu interpretiert und auch umstritten werden. Religion erscheint damit nicht nur als Glaubenssystem, sondern als sozial sichtbare Praxis mit Symbolen, Zugehörigkeiten und Konfliktpotenzial. Besonders wichtig ist offenbar, dass religiöse Erscheinungen im Alltag nicht isoliert auftreten, sondern mit Fragen von Identität, Tradition, öffentlicher Ordnung und gesellschaftlicher Verständigung verbunden sind.
Inhalt
Ad 1: Im ersten Kapitel wird der Zusammenhang von Kultur und Religion problematisiert (S. 7), aber Religion und Kultur müssen begrifflich auseinandergehalten und dürfen nicht miteinander identifiziert werden. Aber sie sollten in Verbindung bleiben und nicht in eine Dichotomie versinken, was denn bei eher fundamentalistischen religiösen Strömungen zu Abwehrreaktionen führen könne (S. 9). So bleiben Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr im Fluidum zwischen Religion und Kultur: „Diese Gegenüberstellung zeigt, dass unterschiedliche Verhältnisbestimmungen von Religion und Kultur möglich sind, ein ganzes Spektrum, dessen beide Extreme die völlige Ineinssetzung von Religion und Kultur auf der einen Seite, und ihre säuberliche Trennung auf der anderen Seite sind“ (S. 11). Dass die soziologische Betrachtung keine konfessorische sein darf, sondern eine wissenschaftliche Betrachtung sein müsse, betonen beide. Es gehe ihnen nicht um (theologische, philosophische) Wahrheitsfragen, sondern um die Qualität von Argumenten in bestimmten Situationen (S. 12). Das bedeutet, „dass die Soziologie Religion wie einen Gegenstand unter anderen betrachtet“ (S. 13). Die soziologische Grundfrage lautet: Wie wird also mit welchen Wahrheitsansprüchen operiert und was folgt aus der jeweiligen Argumentation? Im nächsten Abschnitt werden die Leitbegriffe „Religion“ und „Kultur“ als wissenschaftliche Begriffe von Alltagsbegriffen abgegrenzt. So können unter Kultur „Sitten und Gebräuche“ oder „Lebensweisen bestimmter Bevölkerungsgruppen“ oder Hochkultur von „Malerei, Theater, Musik“ gefasst sein. Der Religionsbegriff ist genauso schillernd und meint zuerst einmal Religionsgemeinschaften, kann aber auch „Heiliges“ meinen (S. 13). Die Unterscheidung wissenschaftlicher Begriffe von Alltagsbegriffen läuft darauf hinaus, dass die wissenschaftliche Soziologie ein „Fremdmachen von Dingen, die im Alltag vertraut sind“ darstelle (S. 14). Gleichzeitig operieren Burchardt und Wohlrab-Sahr mit einem sehr weiten Kulturbegriff (S. 15) und verstehen unter „Kultur“ „mit Sinn und Bedeutung versehene Praktiken, Lebensformen, Ideen, Artefakte“ (S. 17) und unter Kultursoziologie die „Analyse sinnhafter Zuschreibungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten, ihres Zustandekommens und ihrer Wirkungen“ (S. 17). Auch der Religionsbegriff ist weit gefasst: Unter „Religion“ wird eine „gemeinschaftliche (und individuelle) Praxis sowie Ideengebäude, die auf die Spannung von Immanenz und Transzendenz bezogen sind“ verstanden (S. 18). Der verwendete Religionsbegriff ist vieldeutig. Die Bestimmung des Verhältnisses von Religion und Kultur wird als offen dargestellt; zugleich wird ein Einfluss religiöser Praktiken und Regelungen auf das Kulturleben insgesamt beschrieben (S. 21). Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr können dann auch formulieren: „Solche kulturellen Prägungen in Form selbstverständlicher religiöser Praxis sind immer mitzudenken, wenn wir uns mit Verhältnisbestimmungen beschäftigen, denn problematisiert wird etwas vor dem Hintergrund von etwas Vertrautem“ (S. 22).
Ad 2: Im zweiten Kapitel wird der Stellenwert von Religion in der Gesellschaft betrachtet; dabei tritt Religion als Kultur in den Vordergrund. Als aktuelles Beispiel wird der Brand der frz. Kathedrale Notre Dame (2019) und der Wiederaufbau angeführt (S. 27). Notre Dame wird als „architektonisches und spirituelles Herz“ von Frankreich markiert (S. 28) – als „ein Ort der europäischen Kultur von unschätzbarem Wert wie auch einer der wichtigsten religiösen Orte des Christentums überhaupt“ (S. 28). Aber nur ein bestimmter Teil der frz. Bevölkerung versteht sich als römisch-katholisch (S. 29), viele sind konfessionslos, muslimisch, protestantisch, jüdisch. Notre Dame ist in diesem Zusammenhang eher als nationales kulturelles Symbol zu verstehen, was für Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr Beleg für eine „Kulturalisierung von Religion“ zu sein scheint und das in einem eher säkularen Kontext. Erstaunt wird festgestellt, dass trotz Säkularisierung das Religiöse bzw. Religionen nicht verschwunden sind (S. 31). In einem derartigen gesellschaftlichen Milieu werden religiöse Orte, wie z.B. Kirchen, eher ästhetisiert und weniger als Orte religiöser Praxis gesehen. Die These der beiden Autoren ist, je weniger religiöse Praxis gelebt werde, desto mehr werde Religion zum Symbol, dessen Bedeutung aber schwinde. Religion werde zum kulturellen, religiösen Erbe und so zum Teil Nationalkultur, auch wenn Religion (bzw. Religiosität) als Glaubenspraxis im institutionellen Kontext abnimmt und das Verhältnis von Erbe und Kultur immer wieder austariert werden müsse (S. 35). Was aber ist die Bedeutung eines religiösen Erbes? (S. 38) Die Frage verschärft sich, wenn es um die Pluralität von Religionsgemeinschaften geht und der Übergang von religiösen Symbolen und Narrativen in Kultur ist auch von vielen institutionellen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen begleitet (S. 43) und keineswegs geradlinig oder gar eindeutig. Mit Bezug auf Körs (2015) schreiben Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr: „Kirchenumnutzungen sind nicht nur Ausdruck des Sozialen und spiegeln die Transformation des religiösen Feldes, sondern können als soziale Handlungsträger selbst zur gesellschaftlichen Gestaltungskraft werden…“ (S. 45). Die beiden Autoren machen diesen Konflikt am Beispiel eines leerstehenden Kirchengebäudes in Montreal deutlich (S. 46ff). Auf der einen Seite standen Befürworter: innen des Verkaufs des Gebäudes, die Religion/Religiosität als gelebte Praxis sahen, und auf der anderen Seite standen Unterstützer: innen eines letztlich ästhetisch-architektonischen Symbols (S. 49). Es gehe also auch um Selbstreflexion auf der einen Seite, zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren und auf der anderen Seite um ein sog. kulturelles Erbe (S. 49). Dieser Seite wurde im tatsächlichen Konflikt aber unterstellt, sie sei nicht authentisch und zudem inhaltlich leer (S. 49). Auffällig sind Auseinandersetzungen „um die Oberhoheit über den öffentlichen Raum“ (S. 51), was am Beispiel der Re-Islamisierung der Hagia Sophia in Istanbul deutlich wird. Im jüngster Zeit wurde das Museum wieder in eine Moschee transformiert; ursprünglich war das Gebäude – wie der Name sagt – eine der größten Kirchen im Byzantinischen Reich. Ähnliches ließe sich auch über die Christianisierung von Moscheen zu kirchlichen Kathedralen in Córdoba oder Granada sagen (S. 52). In beiden Fällen gehe es um die Durchsetzung eines sichtbaren Machtanspruchs: „Bei beiden Gebäuden handelt es sich zunächst um Baudenkmäler, die in ihrer Geschichte sowohl als Kirche wie auch als Moschee dienten, deren historische Umwidmung jeweils als Zeichen des politischen Triumphs im Kontext imperialer militärischer Expansion gedeutet wurde und wo diese Deutungen bis in die Gegenwart hinein mit widersprüchlichen Assoziationen verbunden sind“ (S. 53). An beiden Beispielen zeigen sich die Vermischungen religiöser und politischer Narrative in der Geschichte und eine erneute Bedeutungszuordnung in der Gegenwart (S. 54). Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr erörtern dann noch gegenwärtige Beispiele aus Indien, wo es um Konflikte zwischen Muslim: innen und Hindus geht (S. 55). Kulturalisierung von Bauwerken haben nach Ansicht der beiden Autoren durchaus mit kulturellem Dominanzverhalten zu tun (S. 56). Zur Kulturalisierung gehören aber auch Museen, in denen religiöse oder sakrale Artefakte ausgestellt werden, die in Museen ohne ihren religiösen Kontext präsentiert werden (S. 57). Hier gehe es um Bewahrung oder um wissenschaftliches Interesse vor „religiöser Weiterverwendung“ (S. 57). Zwar würden die Gegenstände im musealen Kontext säkularisiert, gleichzeitig entstehe aber auch ein neuer religiöser Kontext, in dem die Gegenstände „bewahrt“ werden (S. 58). Diese Beobachtungsweise religiöser Gegenstände bekomme durch touristische Besucher: innen oder Gruppen in Kirchen, Moscheen, Synagogen, buddhistischen und hinduistischen Tempeln und Pagoden neuerdings auch eine gewisse Dynamik (S. 59). Die eigentlichen religiösen Akte (Gebete, Kerzenanzünden, Bilder usw.) müssen in eine neue Balance zu diesen Beobachtungsperspektiven gebracht werden (S. 60). Noch komplizierter werde es mit sogenannter Raubkunst von religiösen Artefakten. Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr geben ein Beispiel aus Papua-Neuguinea, wo indigenen Gruppen Raubkunst zurückgegeben wurde, aber erst nachdem im Museum religiöse Weiherituale durchgeführt worden sind (S. 61).
Ad 3: Der öffentliche Raum ist zuallererst ein „Raum gelebter Vielfalt“ (S. 63): „Der öffentliche Raum ist der Raum, in dem Vielfalt und Unterschiedlichkeit sichtbar und erfahrbar werden“ (S. 63). Als Beispiel für Kontroversen in diesem Raum wird der sog. Kopftuchstreit in Berlin und anderswo angeführt: Lehrerinnen unterliegen zuerst der sog. staatlichen Neutralitätspflicht – aber ein pauschales Kopftuchverbot sei mit der (Berliner) Verfassung unvereinbar (S. 64). Das muslimische Kopftuch bleibe aber in anderen europäischen Ländern, nicht nur in Deutschland, Gegenstand heftiger Kontroversen (S. 65). Unklar sei meist, ob es sich tatsächlich um eine spezifische religiöse Praxis oder um einen kulturellen Bekleidungsgebrauch oder um eine politische Provokation handelt (S. 66), was bedeutet, dass die jeweilige Bedeutung geklärt werden müsse (S. 66). Sichtbarkeit, Reziprozität, Identitätskonstrukte und Handlungsperspektiven der im öffentlichen Raum Interagierenden sind eng miteinander verschränkt (S. 66). Zunehmend komme es auch zur Ablehnung der aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft seitens migrantischer Minderheiten (S. 67). Als Beispiel wird das Auftreten islamistischer und salafistischer Gruppen angegeben (S. 68). Austariert wurden dann 2011 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg entsprechende restriktive Verbote der Vollverschleierung muslimischer Frauen (in Frankreich) zugunsten der Aufrechterhaltung der staatlichen bzw. öffentlichen Ordnung in demokratischen Zivilgesellschaften (S. 68); 2017 folgten dann Österreich und 2021 die Schweiz dem Verbot der Vollverschleierung (S. 69). Der soziologische Zugang zur Problematik ist, zuerst die Frauen, die verschleiert sind, nach subjektiven Motiven und Bedeutungszuweisungen zu befragen (S. 69). Hier kommt es zu einer Vielzahl von Motiven; ein weiterer Zugang wäre eine juristische Klärung. Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr gehen auf eine dritte Perspektive ein: Auf welche Weise wird „in den Positionierungen zur Vollverschleierung und auch in den Interaktionserfahrungen und Diskursen, aus denen sich diese Positionierungen ergeben, auf Religion und Kultur Bezug genommen“ (S. 71). In Bezug auf die Vollverschleierung müsse dann gefragt werden, welche Strömung aus dem Islam vorliegt und welche nicht (S. 72f). Es liegt m.E. auf der Hand, dass Religionsgemeinschaften mit ihren diversen Denominationen und Untergliederungen nur im Plural vorliegen (S. 73). Deutlich wird auch, dass die muslimischen Gesichtsschleier und die Ordnung des öffentlichen Raumes zu Konfliktzonen werden (S. 80) und auch emotional hoch explosiv sein können (S. 83).
Ad 4: In diesem Kapitel werden Religion – Kultur – Zivilisation in ein Verhältnis zueinander gebracht und Fremdheitserfahrungen oft genug auch kolonialistisch oder rassistisch konnotiert (S. 89) und so „öffentliche Kultur“ durchaus problematisiert werden könne oder sogar problematisiert werden müsse (S. 95). Als kritisches Beispiel führen Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr den Streit um die Präambel der europäischen Verfassung an: Inwieweit soll in der Präambel auf Gott bzw. Christentum Bezug genommen werden (S. 99)?
In Frankreich trat das europäische Christentumserbe in Konkurrenz zu humanistischen Ideen aus der Renaissance, Aufklärung und zur Französischen Revolution (S. 100). Zu unterscheiden sei diese Diskussion jedoch von einer staatlich oder politischen Instrumentalisierung von Religion. Als Beispiel für eine derartige Instrumentalisierung wird der Umgang mit der orthodox-russischen Kirche unter Wladimir Putin nachgezeichnet (S. 102). Ein weiteres Beispiel für die politische Instrumentalisierung von Religion ist der gegenwärtige Israel-Palästina-Konflikt nach dem Terroranschlag der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung am 7.10.2023: „Auch hier zeigt sich, und dies in besonders dramatischer Weise, in welchem Maße über Religion einerseits und säkulare Nationalkultur andererseits die Einheit der Kollektive und die Ansprüche auf das Land symbolisiert und legitimiert werden.“ (S. 104) Die Legitimation des Staates Israel verschiebe sich immer mehr von der Folge der Shoah weg hin zu einem irgendwie biblisch begründeten Anspruch und zu einer Delegitimierung der Ansprüche dort lebender Palästinenser: innen (S. 108). Kulturelles, Religiöses, Politisches sind im Israel-Palästina-Konflikt deutlich komplex miteinander verschränkt (S. 109).
Ad 5: Die Alltagswahrnehmung von dem, was als Kultur, als Religion, angesehen wird, ist mehr oder weniger volatil (S. 111), zumindest uneindeutig. Auf der anderen Seite gibt es Überschneidungen und historische Dynamiken, die Wahrnehmung definieren. Neben den Überschneidungen existieren auch deutliche Distanzierungen zwischen Religion und Kultur (S. 112). Neben diesen Dynamiken existieren strategische Überlegungen, die wiederum mit Machtkonstellationen zu tun haben (S. 113) – zu beobachten zum Beispiel im Umfeld der Trump-Administration und der sog. MAGA-Bewegung in Verbindung mit extremistisch-fundamentalistisch-christlichen Gruppen. Besonders problematisch ist der Begriff „Leitkultur“, der besonders in nationalistischen und rechtspopulistischen Kreisen bedeutsam wird (S. 113). Als positives Gegenbeispiel wird das Weltparlament der Religionen erwähnt (S. 115). Wichtig sei dabei, so Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr, „Religion“ vom Religionsbegriff der jeweiligen Religionen zu entkoppeln und Religion als „universellen Bestandteil menschlicher Lebenswelten und Kultur“ zu sehen (S. 116): „Das Parlament der Weltreligionen hat, …, mit dem Konzept der Weltreligionen die Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Bekenntnisse herausgestellt und damit Religion zu einem Element einer globalen Kultur“ (S. 116). Für die Kultursoziologie stellt sich die Frage, wie „Zuschreibungs‑ Unterscheidungs‑ und Angleichungsdynamiken“ (S. 117) wissenschaftlich analysiert werden können, wobei zu beachten ist, dass sich deskriptiv-faktische und normative Dimensionen überlagern.
Diskussion
Im ersten Kapitel liegt m.E. eine gewisse bedeutsame Unschärfe in der Begrifflichkeit von Religion vor. Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr pendeln zwischen Religion und Religiosität: Mit dem Soziologen Georg Simmel möchte ich Religion als „Zugehörigkeitsbegriff“ soziologisch und Religiosität als anthropologischen Begriff verstehen – Religiosität umfasst dann alle individuellen Formen gelebter religiöser Praxis. Wichtig scheint mir die soziologische (nach Georg Simmel) Unterscheidung zwischen Religion und Religiosität, sodass gesellschaftliche Konflikte nicht vorschnell mit „Religion“ oder „Kultur“ erklärt werden. Intendiert ist das die Absicht von Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr und ich gebe den beiden im Folgenden recht: Statt solche Begriffe, wie Religion und Kultur, pauschal zu verwenden, regen sie dazu an, genauer hinzusehen: Wann wird etwas als religiös markiert? Wann als kulturell? Wer nimmt diese Zuordnung unter welchen Dominanzforderungen vor und mit welchen Folgen? Das Buch hilft damit, vereinfachende Deutungen zu vermeiden und Konflikte differenzierter zu analysieren. Besonders relevant ist das Buch auch für Schule und gesellschaftliche Bildung. Es will offenbar zeigen, warum Kenntnisse über das Verhältnis von Religion und Kultur für Lehrpersonen und auch für Lernende und für gesellschaftliche Verständigung wichtig sind. Dahinter steht die Einsicht, dass religiöse Vielfalt, säkulare Ordnungen und kulturelle Deutungen heute zum Alltag pluraler Gesellschaften gehören und deshalb reflektiert verstanden werden müssen. Drei Leitgedanken des Buches regen m.E. zur Diskussion und zur Weiterarbeit an:
- Religion und Kultur sind analytisch unterscheidbar, in der gesellschaftlichen Wirklichkeit aber oft eng verschränkt.
- Auch säkulare Gesellschaften bleiben von religiösen Symbolen, Praktiken und Konflikten geprägt.
- Die Frage, ob etwas als religiös oder kulturell gilt, ist selbst schon Teil gesellschaftlicher Macht‑ und Deutungsprozesse.
Nachvollziehbar ist das Anliegen der Kultursoziologie als ein Teilgebiet der Soziologie, das untersucht, wie Menschen ihrer Welt Bedeutung geben. Sie fragt also nicht nur, was Menschen tun, sondern auch, welche Symbole, Werte, Deutungen, Rituale und Vorstellungen ihr Handeln prägen. Die Kultursoziologie schaut darauf, wie Gesellschaft durch Bedeutungen, Zeichen und gemeinsame Vorstellungen zusammengehalten und geordnet wird. Deutlich wird in dem Buch auch, dass eine kultursoziologische Betrachtung von Religion als System von Bedeutungen und Bedeutungszuweisungen zu verstehen sei. Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr fragen kultursoziologisch danach, wie Religion gesellschaftlich gedeutet wird, wie sie in Symbolen und Praktiken sichtbar wird und wie die Grenze zwischen „religiös“ und „kulturell“ überhaupt entsteht.
Das Buch erklärt, wie Religion in modernen Gesellschaften nicht einfach verschwindet, sondern in kulturellen Formen weiterwirkt, neu gedeutet wird und immer wieder Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlung ist. Die Kultursoziologie befasst sich mit den symbolisch vermittelten Prozessen der Sinnkonstitution in der Gesellschaft. Im Zentrum steht die Frage, wie kulturelle Codes, Werte, Narrative, Rituale und Wissensformen soziale Wirklichkeit strukturieren, soziale Zugehörigkeiten erzeugen und gesellschaftliche Ordnungen stabilisieren oder verändern. Das Buch eignet sich hervorragend als Einstieg in den Diskurs um Religion und Kultur und ist gut lesbar und auch verstehbar.
Fazit
Das Buch zeigt, dass Religion in modernen Gesellschaften nicht verschwindet, sondern kulturell weiterwirkt und neu ausgehandelt wird. Es bietet einen gut verständlichen Einstieg in die kultursoziologische Perspektive auf Religion und ihre Bedeutung für soziale Ordnung.
Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor (emeritus) für Evangelische Theologie, Schulpädagogik und Religionsdidaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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