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Malika Laabdallaoui, S. Ibrahim Rüschoff: Ratgeber für Muslime (psychische und psychosoziale Krisen)

Rezensiert von Prof. Dr. Süleyman Gögercin, 07.02.2006

Cover Malika Laabdallaoui, S. Ibrahim Rüschoff: Ratgeber für Muslime (psychische und psychosoziale Krisen) ISBN 978-3-88414-389-6

Malika Laabdallaoui, S. Ibrahim Rüschoff: Ratgeber für Muslime bei psychischen und psychosozialen Krisen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. 258 Seiten. ISBN 978-3-88414-389-6. 14,90 EUR. CH: 26,80 sFr.
Reihe: Ratschlag
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Autoren

Malika Laabdallaoui ist Deutsche marokkanischer Abstammung, Diplom-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin. Sie leitet in Mainz das Institut für systemische Therapie und sozialpädagogische Familienhilfe "moSaik" und verfügt über Erfahrung in der Psychotherapie muslimischer Migranten, besonders aus dem nordafrikanischen Raum und der Türkei.

S. Ibrahim Rüschoff ist Muslim deutscher Abstammung, Nervenarzt und Psychotherapeut und arbeitet als Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lübbecke bei Bielefeld. Gleichzeitig leitet er die Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe, die muslimische Psychologen, Psychiater, Erzieher usw. organisiert, und ist Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland.

An dem Ratgeber haben ferner mitgearbeitet Dr. Vanessa Steinmayer und Tahira Beg. Dr. oec. Vanessa Steinmayer hat Volkswirtschaftslehre sowie Islam- und Politikwissenschaft studiert, ist derzeit als Ökonomin bei der Economic Commission for Africa der Vereinten Nationen in Addis Abeda tätig. Ihre Schwerpunkte sind Frauenrechte im Islam, islamische Theologie aus Frauensicht sowie islamische Ökonomie. Tahira Beg ist Diplom-Sozialarbeiterin und tätig im Jugendamt der Stadt Troisdorf.

Entstehungshintergrund

In der Bundesrepublik Deutschland leben rund 3,5 Mio. Muslime als Einheimische oder Migranten, deren psychosoziale Versorgung defizitär ist. Dies geht mit dem Tatbestand Hand in Hand, dass praktizierende Muslime im allgemeinen Versorgungssystem z.T. große Schwierigkeiten haben. Denn einerseits wirkt der Islam sich in ihrer alltäglichen Lebensführung ganz konkret aus (Gebetszeiten, Speiseregeln, Fasten, Bekleidungsregeln oder der Umgang der Geschlechter miteinander), andererseits sind psychische Erkrankungen und psychosoziale Konflikte bei praktizierenden Muslimen eng mit ihrer islamischen Lebensweise verbunden und erfahren dadurch häufig eine spezielle Ausprägung. Dafür sind aus islamischer Sicht spezielle Lösungen erforderlich, für die bei nichtmuslimischen Therapeuten und Beratern keine ausreichende Fachkompetenz erwartet werden kann. Nicht zuletzt finden sich Vorurteile bei Therapeuten und Beratern. Zudem ist es aus fachlicher Sicht problematisch, die Behandlung psychosozialer Probleme von Muslimen den islamischen Geistlichen (Imamen und Hodschas) zu überlassen, die von praktizierenden Muslimen besucht werden, aber kaum ausreichende Kenntnisse auf psychosozialem und pädagogischem Gebiet haben.

Hintergrund dieses Ratgebers bilden ferner die Erfahrungen der Autoren mit den Anliegen und Nöten von praktizierenden muslimischen Patienten und Ratsuchenden sowie aus Supervisionen, Fallbesprechungen und vielen allgemeinen Gesprächen mit muslimischen Fachkräften, die sich ebenfalls im Bereich der psychosozialen Versorgung der Muslime in Deutschland engagieren.

Ziel und Zielgruppe

Die  Autoren denken bevorzugt an solche unter den ca. 3,5 Mio. Muslimen, die ihren Glauben praktisieren und meinen, dass Muslime nur von muslimischen Beratern und Therapeuten behandelt werden können. Der Rageber soll sie ermuntern, auch nicht-muslimische Berater aufzusuchen. Ziel des Buches ist demzufolge auch der Versuch, "Berührungsängste abzubauen und dadurch auch zu einer verbesserten Integration bei(zu)tragen".

Der Ratgeber soll den Betroffenen einen ersten Einblick in die Strukturen der psychosozialen Versorgung in Deutschland geben und die Sicherheit im Umgang damit verbessern. Praktizierende Muslime sollen Wege und Möglichkeiten aufgezeigt bekommen, die vorhandenen Angebote von psychosozialer Beratung und Therapie unter Wahrung der religiösen Vorschriften zu nutzen. Darüber hinaus soll er allen, die mit der Beratung und Therapie von Muslimen zu tun haben, einen ersten Einblick in die Themen und Konfliktbereiche geben, auf die praktizierende Muslime stoßen, wenn sie sich in eine Therapie begeben.

Aufbau und Inhalte

Der Ratgeber greift die Fragen auf, die an die Autoren und andere Fachkräfte herangetragen wurden und werden und auf fast schon "typische" Problemfelder hinweisen, denen Muslime im Kontakt mit den psychosozia­len Versorgungsstrukturen in Deutschland begegnen. Er geht aber vielfach auch darüber hinaus.

  • So wird im ersten Kapitel die psychosoziale Versorgung für Muslime in Deutschland aus islamischer Perspektive beleuchtet. Neben der Erläuterung der Situation der psychosozialen Versorgung wird der Frage nachgegangen, was den islamischen Quellen (v.a. dem Koran) zu den Themen Therapie und Beratung zu entnehmen ist, da die Autoren der Überzeugung sind, dass praktizierende Muslime nur so zu erreichen und zu überzeugen seien. Die zusammengetragenen Argumente für die Inanspruchnahme professioneller Beratungs- und Therapieangebote dürften dabei genauso für die Professionellen von Bedeutung sein.
  • Im zweiten Kapitel geht es um spezielle Konfliktfelder und Lösungsansätze. Nach einigen kurzen Ausführungen zu Konfliktbedingungen von Muslimen in Deutschland (Persönlichkeit, Islam, Migration und Kultur des Herkunftslandes) wird die Konversion zum Islam thematisiert, die einige Konflikte für die Betroffenen mit sich bringt, die im Spannungsfeld zwischen ihrer Herkunftsfamilie und der neu gewählten Religion stehen. Dabei interessiert jedoch die Autoren nicht die Frage der Gültigkeit des Übertritts nach islamischem Recht, sondern eher das Angebot einer adäquaten Hilfestellung für die Betroffenen. Bei manchen neuen Muslimen erkennen Fachleute relativ schnell eine auffällige Persönlichkeitsstruktur oder gar eine psychische Krankheit, aus der heraus die Konversion erfolgt ist.

    Im Hauptteil dieses Kapitels geht es um die wichtigsten psychischen Erkrankungen, die z. T. auch medikamentöse Behandlung benötigen. Neben Schizophrenie, Depressionen, Suizid und Suizidalität, Zwangserkrankungen, Angsterkrankungen und Demenzen ist ein spezieller Abschnitt den Suchterkrankungen gewidmet, die entgegen mancher Annahme auch unter Muslimen vorkommen. Hier geht es neben Informationen zu den einzelnen Suchtstoffen auch darum, wie man als Muslim mit abhängigen Glaubensgeschwistern hilfreich umgehen kann.

    Ein ganz besonders wichtiges Problemfeld stellt das Thema Ehe dar. Wie der therapeutische Alltag zeigt, treten hier die meisten und intensivsten Konflikte auf. Besondere Aufmerksamkeit erfährt daher im Buch das Thema "Gewalt in der Ehe".  Der Ratgeber behandelt jedoch keine Themen des islamischen Rechts wie z. B. die Frage von Scheidungsmodalitäten, oder ob eine Frau das Haar in der Öffentlichkeit bedecken muss. Das Buch widmet sich vielmehr den Folgen, die aus einer krisenhaften Ehe bzw. einer Scheidung entstehen können oder die sich z.B. aus einer Diskriminierung ergeben, wenn etwa eine Frau gezwungen wird, ihr Kopftuch zu tragen oder es abzulegen.

    Anders als andere werden die Muslime, die aus dem nördlichen Afrika, aus dem Sudan, Somalia oder Nigeria stammen oder dorthin heiraten, häufig mit dem Problem der Frauenbeschneidung konfrontiert. Ihnen sollen die Informationen unter dem Titel "Das Trauma der Genitalverstümmelung" die benötigte Orientierung und Hilfestellung geben.

  • Im dritten Kapitel stehen die rechtlichen Betreuungen für Muslime im Mittelpunkt. Damit tragen die Autoren der demographischen Entwicklung Rechnung, da die rechtliche Betreuung nicht zuletzt wegen der häufigeren Alterserkrankungen zukünftig eher zunehmen werden. Zudem haben Betreuer einen erheblichen Einfluss auf ihre Klienten und Kompetenzen in vielen Fragen des Alltagslebens, so dass es in Zukunft auch darum gehen wird, vermehrt muslimische Betreuer zu gewinnen.
  • Thema des vierten Kapitels ist die Vielfalt der Therapie- und Beratungsformen. Den Ratsuchenden werden nicht nur die Unterschiede zwischen den Begriffen Psychiatrie, Psychotherapie und Beratung erklärt, sondern sie erfahren auch die grundsätzliche Einteilung der Psychopharmaka und deren Einschätzung aus islamischer Sicht sowie die wichtigsten Psychotherapieformen, die in der Praxis zur Anwendung kommen. Auch hier gehen die Autoren besonders der Frage nach, ob es für Muslime von ihrer Religion her Einschränkungen gibt (z.B. "Sind Muslimen Psychopharmaka erlaubt?", S. 154).
  • Im fünften Kapitel wird die Praxis der Therapie und Beratung behandelt, in dem beschrieben wird, wie man die richtigen Ansprechpartner und Institutionen auf überregionaler und regionaler Ebene findet, was in einer ambulanten oder stationären Therapie und was in der Rehabilitation geschieht. Ein besonderer Abschnitt gilt dem Jugendamt, das ebenfalls beratende Funktionen hat. Dass kaum ein wichtiges Thema ausgelassen wurde, zeigen auch folgende Erläuterungen: Die Behandlung im Ausland (dieses Thema ist insofern relevant, da viele Muslime gute Beziehungen zu ihren Heimatländern haben), die Durchführung der Hadsch oder Umra während einer Krankheit oder Krise (Ist sie anzuraten? Was muss man dabei beachten?). Abschließend werden die Vor- und Nachteile einer Behandlung bei einem traditionellen Heiler besprochen, die für viele Muslime in Deutschland einen recht hohen Stellenwert hat.
  • Im Kapitel Ausblick stellen die Autoren Überlegungen dazu an, was Muslime verändern und entwickeln müssen, damit sich die Situation ihrer psychosozialen Versorgung in Deutschland verbessert. Die vorgeschlagenen Strukturverbesserungen wie z. B. islamische Beratungsstellen, aber auch die angesprochenen inhaltlichen Aspekte wie eine verbesserte Integration und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, eine sozialpädagogische Ausbildung der Hodschas, der traditionellen Heiler und der Imame und ein verbesserter Umgang der Muslime miteinander über nationale und andere Gruppeninteressen hinweg, sind durchaus diskussionswürdig.
  • Im Anhang nennen und kommentieren die Autoren Namen und Adressen von muslimischen wie nichtmuslimischen Organisationen, die den Interessierten als Ansprechpartner dienen oder weitere Informationen vermitteln können.
  • Das Buch schließt nach einem umfangreichen Literaturverzeichnis mit einem Glossar zu Fachbegriffen. Leider fehlt ein Stichwortregister bzw. Sachverzeichnis, das in einem nicht alphabetisch geordneten Ratgeber nicht fehlen sollte.

Diskussion

Die Themen sind sorgfältig gewählt. Kaum ein relevantes Thema aus diesem Gebiet ist ausgelassen. Sie sind in klar verständlichem Deutsch geschrieben - was leider nicht selbstverständlich und für die Zielgruppe der Migranten/innen umso bedeutsamer ist.

Die gewählten Themen und deren sachliche und anschauliche Vermittlung machen die Absicht der Autoren deutlich, auch den Fachkräften ein theoretisch fundiertes Hintergrundwissen mit auf den Weg zu geben.

Doch ob gerade die Muslime mit psychosozialen Problemen sich einen solchen Ratgeber zulegen bzw. zu Rate ziehen, vermag ich nicht einzuschätzen. Zudem: Eine Frage, die eventuell alle Ratgeber aus dem psychologischen bzw. psychosozialen Bereich betrifft, bleibt hier offen, nämlich wieweit die Ausführungen für betroffene Muslime von diesen immer richtig aufgenommen werden können, trotz klar verständlichem Deutsch. Möglicherweise ist hier doch der menschliche Berater als Gegenüber bedeutend hilfreicher als noch so einfühlsame Ausführungen in einem Buch. Die Gefahr, dass Menschen, die in irgendeiner Form blinde Flecken haben, Äußerungen in Büchern missverstehen und sich genau das, was zu ihrem blinden Fleck bzw. zu ihrer Fehleinschätzung passt, als Bestätigung derselben herausfiltern und anderes nicht beachten, ist gegeben. In einem persönlichen Gespräch kann der Berater hierbei als Gegenüber eingreifen, berichtigen, auf Zusammenhänge hinweisen, manches hinterfragen etc. Beim Lesen eines Buches fallen Interaktionen dieser Art leider gezwungenermaßen weg.

Fazit

Insgesamt ist der erste ausführliche Ratgeber für Muslime eine gute und lohnende Hilfe für all diejenigen, die sich über die Themen der psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung der Muslime informieren möchten oder Antworten suchen auf allgemeine Fragen (z. B. Wie komme ich an einen Therapeuten? Was sind psychische Erkrankungen?) ebenso wie auf besondere Konfliktfelder wie z.B. Gewalt in der Ehe, Sexualität oder die Behandlung bei traditionellen Heilern bzw. im Ausland.

Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
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Es gibt 105 Rezensionen von Süleyman Gögercin.

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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 07.02.2006 zu: Malika Laabdallaoui, S. Ibrahim Rüschoff: Ratgeber für Muslime bei psychischen und psychosozialen Krisen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. ISBN 978-3-88414-389-6. Reihe: Ratschlag. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3409.php, Datum des Zugriffs 25.05.2022.


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