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Hendrik Richter: Schule und Exklusion

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 12.08.2026

Cover Hendrik Richter: Schule und Exklusion ISBN 978-3-8376-7685-3

Hendrik Richter: Schule und Exklusion. Eine herrschaftskritische Ethnografie. transcript (Bielefeld) 2025. 298 Seiten. ISBN 978-3-8376-7685-3. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 54,90 sFr.
Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - 91.

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Autor

Hendrik Richter, Dr., hat seit April 2026 eine Vertretungsprofessur im Arbeitsbereich Pädagogik bei Beeinträchtigungen des schulischen Lernens, Institut für Rehabilitationspädagogik, an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das Buch ist die Veröffentlichung der Dissertation, die an der Universität Innsbruck angenommen wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 7 Abschnitte unterteilt mit diversen Unterkapiteln. In der Einleitung werden einleitende Gedanken zu Inklusion und Exklusion diskutiert und der ethnographische Ansatz dieses Buches vorgestellt. Die leitenden Fragen sind: „Wie zeigt sich Inklusion und Exklusion im Schulalltag? Und vor allem: Wie gehen sonderpädagogisch markierte Schüler:innen eigentlich mit der Ausgrenzung um, die schulische Inklusion ihrem Anspruch nach zu überwinden versucht?“ (S. 13). Dazu hat der Autor eine „zwölfmonatige ethnographische Feldforschung an einer Mittelschule in einer österreichischen Großstadt durchgeführt, die durch eine hohe Anzahl von Schüler:innen geprägt ist, die eine eigene oder familiäre Migrationsgeschichte haben und von sozioökonomischer Benachteiligung betroffen sind“ (S. 13). Im ethnografischen Sinne wird damit ein weiter Blick gerichtet, der sich nicht nur auf die Perspektive der Schüler:innen in der Schule bezieht, sondern systemische Kontexte mitberücksichtigt. Dazu betrachtet der Verfasser 3 verschiedene Analyseebenen: „Zum ersten untersuche ich das Emotionserleben der Schüler:innen, zum zweiten ihre spezifische Sprachlosigkeit und drittens ihre Widerstands- und Konformitätspraxen, mit denen sich Schülerinnen den exkludierenden Ordnungslogiken entziehen oder anpassen“ (S. 17, Hervorheb. im Original).

Der erste Abschnitt nach der Einleitung beschreibt die Rolle des Forschenden und greift Aspekte des Forschungsprozesses auf. Neben der Diskussion um das Verhalten des Forschers, als Agierender im Feld, aber gleichzeitig auch distanzierter Beobachter zu sein, geht es auch um die Phasen von Langeweile, die in diesem Forschungsvorhaben mehrfach aufgetreten sind, sowohl beim Forschenden selbst als auch bei den Schüler:innen und auch bei den Lehrer:innen.

Im zweiten Abschnitt wird die Schule vorgestellt, in der die Feldforschung stattfindet. Entsprechend dem gewählten ethnografischen Ansatz geht es auch um die Einbindung der Schule in den Stadtteil, sowie um den Stadtteil an sich. Dazu greift der Autor auch Aspekte wie Bildungsungleichheit und Biografie sowie biografische Brüche und soziale Klasse auf, was er mit Zitaten aus den geführten Interviews mit den Schüler:innen noch untersetzt.

Ordnungen in verschiedener Hinsicht sind ein wesentlicher Teil der Organisation des Schulwesens, worin sich auch Machtverhältnisse ausdrücken, was den Inhalt im dritten Abschnitt abbildet. Dabei geht es sowohl um Raum und Zeit als auch um Disziplinierung als auch um Rituale des Übergangs, aber auch außeralltägliche Ereignisse finden ihren Platz. Auch der Aspekt Leistung mit einer entsprechenden ideologischen Untersetzung kommt zur Sprache, was sich dann in Ungleichheit und kulturalisierenden Zuschreibungen niederschlägt. Auch das Thema Strafe bis zu erlebten Demütigungen oder dem zeitweisen Ausschluss wird hier aufgegriffen. Dazu kommen eigene Beobachtungen aus dem Forschungstagebuch wie auch Zitate aus den Interviews mit den Schüler:innen.

In der Regel erfolgt vor einem bewussten Prozess von Inklusion erst einmal Exklusion, was meistens mit einer bestimmten Zuschreibung verbunden ist. In dem vierten Abschnitt geht es um Inklusion für die Schüler:innen, die aber bereits die Zuschreibung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs erhalten haben, weshalb sie im sonstigen Schulkontext eine besondere Rolle einnehmen, wenn sie zum Förderunterricht gehen. Neben der Perspektive der Schülerinnen, was wiederum durch Zitate aus den Interviews belegt ist, werden hier auch die Perspektiven der Lehrer:innen mit einbezogen.

Es ist wenig überraschend, dass Prozesse der Exklusion von den erlebenden Personen mit einem Gefühl der Ohnmacht erfahren werden. Das ist Inhalt des fünften Abschnitts, wo es einerseits um das Erleben von Ohnmachtszuständen geht, aber auch um das Erleiden solcher Machtlosigkeiten. Dabei spielen Langeweile ebenso eine Rolle wie auch Wut, Scham und Neid. Neben der sonderpädagogischen Zuschreibung kommen noch Gefühle postmigrantischer Identität dazu, was sich unter anderem in sprachlichen Zusammenhängen als eine große Differenzierung erweist.

Um in solchen exkludierenden Systemstrukturen bestehen zu können, bedarf es nicht nur der Strategien des Aushaltens, sondern auch des Agierens und des Widerstands. Davon handelt der sechste Abschnitt, wo es auch um widerständige Praktiken geht, aber auch um Humor, der als Waffe eingesetzt wird. Die Schultoilette manifestiert sich zum Raum des Widerstands als ein unkontrollierter Raum. Schülerinnen haben besondere weibliche Anpassungsstrategien, die mehr verdeckt sind, während Schüler eher durch gefährliche Narrative auffallen, wie bestimmte Drohungen oder Reizwörter, die gerade auf dem muslimischen Hintergrund gelegentlich angeführt werden. Dazu kommt eine nach außen hin inszenierte Darstellung gewisser Körperkultur.

Der letzte und siebte Abschnitt ist kurz und versucht, so etwas wie ein Resümee zu ziehen. Sehr kurz wird das Konzept der Dekategorisierung angesprochen, wobei damit der ethnographische Blick, wie er hier intersektional und machtkritisch erfolgt ist, nicht abgebildet werden kann. Insofern bleibt die Frage: „Wie kann Schule neu gestaltet werden, sodass neue Bildungsräume entstehen, die herrschaftsarm und selbstkritisch, ermächtigend und demokratisch sind – und die bestehenden sozialen Ungleichheiten abbauen und nicht weiter verschärfen? Welche alternativen Modelle zum Leistungsparadigma können etabliert werden, sodass Jugendliche in einer stressreduzierten Umgebung lernen und behinderte Schüler:innen am Unterrichtsalltag teilnehmen können, ohne ausgeschlossen oder stigmatisiert zu werden?“ (S. 247 f., Hervorheb. im Original). Die Antwort hat Hendrik Richter auch nicht, aber das Buch endet mit einem Appell, der für die schulpädagogische Perspektive von hoher Relevanz ist: „Nicht Angepasstheit, sondern Widerständigkeit sollte dann zum Thema werden – ein kritisches Bewusstsein entwickelt werden, das herrschende Ordnungslogiken hinterfragt und im besten Fall in einen kreativen und sozialen Widerstand mündet, der die Gleichstellung aller Menschen entschlossen einfordert“ (S. 249).

Diskussion

Der ethnographische Ansatz macht dieses Buch zu einem sehr interessanten Leseerlebnis. Die verschiedensten Aspekte und systemischen Begebenheiten werden hier sowohl theoretisch als auch durch die Interviewauszüge praktisch abgebildet und zeigen auf, wie facettenreich Exklusion ist und wirken kann, obwohl der schulische Ansatz eigentlich Inklusion ist. Ergänzt wird dieses durch die teilnehmende Beobachtung des Forschenden, der anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen eigene Wahrnehmungen beziehungsweise Rahmungen anfügt. So kann die gut gemeinte Absicht auch einen exkludierenden Charakter haben, oder der pädagogische Prozess in einer Ausgrenzung münden, obwohl damit der Versuch der Einsicht durch Ausschluss verbunden ist.

Für Personen, die nicht im Lesen von akademischen Büchern geübt sind, wird sich dieses Buch vermutlich als relativ sperrig erweisen und so auch einen exkludierenden Nicht-Leserkreis schaffen. Das ist schade, denn das, was Hendrik Richter hier zusammengetragen hat, ist nicht nur die Absolvierung einer akademischen Leistung für einen Kreis von Eingeweihten (Promotion), sondern es sind sehr wertvolle Hinweise und Aspekte, die er hier zusammengetragen hat. Insofern wäre es wünschenswert, wenn Hendrik Richter sich nach diesem ohne Frage sehr aufwendigen Prozess der Forschung und Niederschrift (was er auch im Nachwort betont) noch aufraffen könnte, ein eher praxisgängiges Buch zu verfassen, das für Lehrer:innen, Schulbegleiter:innen und Schulsozialarbeiter:innen geeigneter ist, damit sie sich selber kritisch reflektieren und hinterfragen, welche exkludierenden Momente von ihnen vielleicht ausgehen. Auch wenn es sich hier um eine Untersuchung in Österreich handelt und sich diese nur auf eine Schule bezieht, so sind die Ergebnisse eher typisch und die Wirkmechanismen überall ähnlich, sodass das Buch mindestens für den deutschsprachigen Raum wesentliche Erkenntnisse bietet.

Fazit

Ein lohnenswertes Buch mit differenzierten Erkenntnissen, die alle nicht neu sind, aber in dieser systematischen Zusammenstellung verschiedenste Ebenen und Perspektiven von Exklusion im schulischen Kontext aufnehmen.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Es gibt 105 Rezensionen von Stefan Müller-Teusler.

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ISSN 2190-9245