Burkhard Liebsch: Sozialphilosophie
Rezensiert von Prof. Dr. Ruth Großmaß, 09.02.2026
Burkhard Liebsch: Sozialphilosophie. Einführung.
Verlag Karl Alber
(Baden-Baden) 2025.
335 Seiten.
ISBN 978-3-7560-1375-3.
D: 24,00 EUR,
A: 24,70 EUR.
Reihe: Nomos Bibliothek.
Thema
Das Buch liefert Überlegungen zur Bedeutung von Sozialphilosophie heute. Der Autor geht der Frage nach, wie eine „lebbare soziale Welt“ gestaltet werden kann. Dies ist ihm wichtig – gerade auf dem Hintergrund der sichtbaren Probleme des Zusammenlebens in einer globalisierten Welt, gerade weil Ordnungsvorstellungen des Sozialen brüchig geworden sind und die Vorstellung näher rückt, im Anthropozän könnte die Erde unbewohnbar werden. Burkhardt Liebsch nimmt das Soziale als gefährdetes in den Blick, weil „gerade dort, wo es vermisst wird, wo es als brüchig erscheint und völlig zerstört zu werden droht, am deutlichsten werden kann, was es in einer Weise ausmacht, auf die nicht zu verzichten ist.“ (S. 50)
Autor
Burkhardt Liebsch (im Weiteren B.L.) hat bis zu seiner Emeritierung an der Ruhr-Universität Bochum Philosophie gelehrt, mit den Schwerpunkten Sozialphilosophie, politische Theorie, Phänomenologie und Hermeneutik. Insbesondere seine Verortung in der Phänomenologie (= eine philosophische Richtung, die sich der Erscheinung der Dinge zuwendet und diese genau zu erfassen und in ihrer Bedeutung zu erschließen versucht) ist auch dieser Einführung in die Sozialphilosophie deutlich anzumerken. Das gilt sowohl für die Autoren, die eine zentrale Rolle spielen (wie Martin Heidegger, Paul Ricœur, Emmanuel Lévinas, Max Scheler, Jacques Rancière, Jean-Luc Nancy) als auch für die Art und Weise, in der er die aufgeworfenen Fragen behandelt. Die Tragfähigkeit eines Arguments/​eines Theorems wird an Phänomenen des Alltags (wie Scham, Verlusterfahrung, Zugehörigkeit) geprüft sowie in sozialhistorische Zusammenhänge eingeordnet.
Aufbau und Inhalt
B.L. Wählt für seine Einführung in die Sozialphilosophie ein Konzept, das die Erwartungen mancher Leser:innen vermutlich kreuzt. Er geht weder philosophiehistorisch vor, noch folgt er der Systematik fachphilosophischen Nachdenkens über das Soziale. Stattdessen zieht er die Leser:innen direkt in den eigenen Denkprozess hinein – ein Vorgang, in dem vor allem Fragen formuliert und Probleme benannt werden, die uns alle beschäftigen können und von denen angeleitet ein Blick in sozialphilosophische Theorien und Antwortversuche gewagt werden kann. Die folgende Skizze dieses Denkprozesses folgt den Kapiteln des Buches.
Das Buch beginnt mit einem Vorwort, das sich mit den Aufgaben einer Philosophie des Sozialen beschäftigt. Zu beantworten sind Fragen wie: Handelt es sich um ein „uraltes“ Thema? Wird als „Soziales“ etwas beschrieben, das uns heute verloren gehen kann? Welche Denkmodelle stehen uns zur Verfügung, wenn wir verstehen wollen, was „sozial“ bedeuten kann. Um sich diesen Fragen zu stellen, wählt B.L. eine problemorientierte Sichtung der in der philosophischen Tradition entwickelten Konzeptionen – mit dem Ziel vom bisherigen Profil der (westlichen) Sozialphilosophie ausgehend, „ihre Grenzen zu erkennen, um sehen zu können, inwiefern sie zukünftig neue Wege einschlagen muss.“ (S. 14) Die dabei verwendete Methode, von problematisch gewordenen Vorstellungen ausgehend, philosophische Zugänge [1] in ihrer historischen Abfolge zu skizzieren und dabei immer auch deren Grenzen aufzuzeigen, macht das Buch zu einer herausfordernden Lektüre. [2]
Kapitel I widmet sich dem Versuch, als Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen eine erste Definition für den Gegenstand der Sozialphilosophie zu finden. Was genau ist das Soziale? Diese Frage zu beantworten, ist keine leichte Aufgabe, da die unterschiedlichen Vorstellungen/​Konzepte des Sozialen mit der europäischen Geschichte verknüpft sind und deshalb je unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Die Debatte um das Soziale, so wie wir es heute verstehen, entfaltet „sich im Westen … seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges“ (S. 12) und nimmt immer wieder in Zeiten der Irritation von sozialer Ordnung Fahrt auf. Nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts und mit Blick auf die aktuellen Gefährdungen der sozialen Welt, ist es nur noch möglich, „das Soziale im Lichte seiner radikalen Zerstörbarkeit zu begreifen“ (S. 21). Eine Definition von Sozialität zu geben, fällt schwer. Für B.L. geht es, wenn von Sozialität die Rede ist, um „Zwischenmenschlichkeit … im Verhältnis zum radikal Anderen“ (S. 29), wobei auch Dritte (Generation, Institutionen, Staat) wirksam sind. Eine positive Bestimmung von Sozialität scheint heute kaum möglich, „im besten Falle (bietet das Soziale, R.G.) Spielräume vorübergehenden Bleibens in Lebensformen“ (S. 29). Ziel der Gestaltung des Sozialen könnte sein, einander in streitbarer Koexistenz sozialen Raum zu gewähren und soziale Zeit zu lassen, um „eines besser ‘lebbaren’ Lebens“ willen (S. 29).
Kapitel II wendet sich der Diskursgeschichte der Sozialphilosophie zu, die historische Lebensbedingungen spiegelt und die je unterschiedliche Positionierung der Denker dazu dokumentiert. Seit es Sozialphilosophie gibt, ist umstritten, was Sozialität als qualitative Bestimmung heißen kann. Zwar wird eine topografischen Ordnungsvorstellung – von den Nahbeziehungen ausgehend durch Kreise zunehmender Distanz die soziale Welt strukturierend – immer wieder sowohl unterstellt als auch bestritten. Heute können wir wissen (s. Gewalt in nahen Beziehungen und Missbrauch von Kindern), dass auch die Welt der Nahbeziehungen kein sicherer Ort im Sinne von lebbarer Zugehörigkeit ist (S. 47). Verzichtbar aber scheint B. L. die Suche nach einem positiv konnotierten Sozialen dennoch nicht, da „wir auf ‘soziale’ Beziehungen und Verhältnisse angewiesen sind, um ihnen nicht völlig ausgeliefert zu werden“ (S. 59). Was „sozial“ dann jeweils bedeutet, bleibt verhandelbar; B.L. nennt den Begriff des Sozialen „kontingent“ (S. 58). Gerade in Zeiten großer Fluchtbewegungen wird auch das lange selbstverständliche soziale „Wir“ fraglich, Verlassenheit ist nicht nur für die ausgeschlossenen Anderen real, sondern als Möglichkeit für alle spürbar. So wird Wahrgenommen-Werden zur basalen Voraussetzung auch der individuellen Existenz (S. 63 f.).
In Kapitel III wird die Möglichkeit eines teleologischen Konzeptes von Sozialität geprüft, das über lange Zeit die philosophische Diskussion getragen hat. Die Frage lautet: Leben wir in sozialen Bezügen zusammen, damit wir diese soziale Welt positiv gestalten? Ausgangspunkt ist das aristotelische Erbe – die Bindung des sozialen/​politischen Kosmos an die ethischen Bemühungen des Einzelnen. Die darin enthaltene Idee eines Zusammenlebens „umwillen des Guten“ (s. 65) wirkt in die folgenden philosophischen Debatten, es wird affirmativ aufgegriffen und zugleich wegen der Ausschlüsse der Polis (nur freie Männer waren Bürger) kritisiert. In der Neuzeit verschiebt sich der Fokus, weil die bis dahin vorausgesetzte Vorstellung eines gemeinsamen (normativ fundierten) Gemeinwesens brüchig wird. Man versucht nun den umgekehrten Weg. Die Frage lautet: Was macht die Natur des Menschen aus? Die Möglichkeit bzw. die Notwendigkeit eines Gemeinsamen lässt sich erst von da aus bestimmen (s. Thomas Hobbes; John Locke; Jean-Jacques Rousseau). Anstelle der politischen Stadtgemeinschaft wird „Gesellschaft“ zum sozialen Rahmen. Unterschiedliche Vorstellungen zum Naturzustand des Zusammenlebens (gewalttätiger Egoismus bzw. Verlust der ursprünglichen Friedfertigkeit) sind Ausgangspunkt für die Begründung der Notwendigkeit des Staates. Das Ergebnis ist eine Systematisierung der staatlichen Rechtskonstruktion (am deutlichsten bei Hegel). Darin aber verschwindet der Einzelne (in seiner Bedürftigkeit und Einsamkeit). Über die Einholung der menschliche Gattungsgeschichte, in Geschichtsphilosophie und Historismus wird im 19. Jh. versucht eine Verknüpfung von Individuum und Gemeinschaft herauszuarbeiten. Die Einbindung des Einzelnen in das sozial Gewünschte erweist sich dabei als problematisch. – Da, wo am Teleologischen festgehalten wird, bekommen pädagogische Konzepte Konjunktur. Da Sozialität nicht mehr als gegeben vorausgesetzt werden kann, gilt es nun die verschiedenen Formen des Zusammenlebens genauer zu untersuchen. [3]
In Kapitel IV wird in Konsequenz der vorangegangenen Überlegungen das Thema der Vielfalt menschlicher Lebensformen aufgegriffen. Neu ist der Begriff „Lebensform“ nicht, neu ist vielleicht sein Stellenwert. Heute liefern historische Untersuchungen konkrete empirische Beschreibungen – als „Rekonstruktion vergangenen Lebens in der Alltäglichkeit“ (S. 93). Davor aber waren es (seit den Entdeckungsreisen des 16. Jh. und dem Kolonialismus, des 18.Jh.) vor allem die Begegnungen mit dem Fremden, die Lebensformen als verschiedene zum Thema gemacht haben. Neben den biologistischen (in den Rassismus übergehenden) Versuchen, diese Verschiedenheit zu verstehen, nehmen die Lebensphilosophie (Wilhelm Dilthey; Hans-Georg Gadamer), die Kritik der Biopolitik (Michel Foucault) und die philosophischen Analysen der Lebenspraxis (Søren Kierkegaard, Martin Heidegger, Hannah Arendt) hier ihren Ausgang. Begriffe wie „Dasein“ (Heidegger) und „Existenz“ (Kierkegaard) führen vom Vergleich der Lebensformen in die Analyse des kontextuierten individuellen Lebens. Die Frage der „Lebbarkeit“ des Sozialen (= seine normative Dimension) scheint damit vom Tisch, sie bleibt aber beunruhigend und taucht auch in der Sozialphilosophie schnell wieder auf.
Die Frage, was soziales Zusammenleben als lebbares möglich macht, wird in Kapitel V aufgegriffen. Zum Thema werden die affektiven Grundlagen des Sozialen. Zwar haben Gefühle, die sich auf den Anderen beziehen bzw. sich auf diesen auswirken, in ethischen Diskussionen seit Seneca immer eine Rolle gespielt, die Wendung zu der Frage, was uns für Andere aufgeschlossen sein lässt (ohne dabei die Differenz zwischen Eigenem und Fremdem zu verwischen), findet jedoch erst zu Beginn des 20. Jh. (bei Max Scheler) statt. Die Phänomenologie Heideggers hatte die dahinter liegende Frage nach dem Dasein und dem Mitsein fokussiert, beides existenzialistisch gefasst. Dabei – so B.Ls Kritik – ging aber Intersubjektivität als aktives In-Beziehung-Treten verloren. Auch die kritische Ausbuchstabierung einer Sozialontologie (Eugen Fink) und die politisch und global gedachte Konzeption Jean-Luc Nancys lösen diese Probleme nicht. Eine Konsequenz daraus kann eine Sozialphilosophie sein, die auf normative Grundimplikationen bewusst verzichtet (Kurt Röttgers) – ein Weg den B.L. nicht beschreiten will.
Stattdessen greift er in Kapitel VI auf den zu Beginn formulierten negativistischen Ausgangspunkt zurück, nun aber nicht mehr (nur) in der Form des Mangelerlebnisses Einzelner (hinsichtlich sicherer Zugehörigkeit), sondern unter Einbeziehung des Wissens um Kontexte und Gesellschaftlichkeit. In der Diskursgeschichte der Sozialphilosophie dauert es – nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges, nach der Fokussierung von sozialen Machtstrukturen (in der Nachfolge Michel Foucaults) und dem Leerlaufen ontologischer Daseinsanalysen – einige Jahrzehnte, bis phänomenologische und hermeneutische Konzepte mit der Betonung von Leiblichkeit und Alltagserfahrung wieder breiter rezipiert werden. Einen überzeugenden sozialphilosophischen Ansatz findet B.L. bei Judith N. Shklar (s. S. 162–172), die die Gerechtigkeitsfrage umdreht und von der (auch im Alltag erlebbaren) Erfahrung der Ungerechtigkeit ausgeht. Die „Sensibilität für Ungerechtigkeit“ bleibt nicht auf die in sozialen Gemeinwesen regulierbaren Gerechtigkeitsprobleme beschränkt, sondern reagiert auf den Anderen auch als Fremden. Es entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen etablierten Gerechtigkeitsnormen, die selbst Ungerechtigkeiten und Ausschlüsse enthalten, und dem Gespür für Ungerechtigkeit (im Kleinen wie im Großen). Sozialphilosophisch vollständig aber ist dieses Konzept nicht – ungeklärt bleiben soziale Erfahrungen, die sich aus der Thematisierung des „Mitsein“ ableiten lassen, sowie die normativen Aspekte, die den „Dritten“ in der Gestalt gesellschaftlicher Institutionen betreffen. Denn nicht nur die (notwendig schützende) Versorgung und Sozialisation Neugeborener hat eine normative Dimension. Es gilt auch bei anderen Formen des Angewiesenseins Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für einen Prozess der sozialen Integration. B.L. konstatiert in der philosophischen Diskussion zunehmend Kompromissversuche zwischen den sich diversifizierenden Gerechtigkeitsvorstellungen und der Notwendigkeit von Verbindlichkeit. Sie münden in einen „moralischen Minimalismus“, der von der Kernfrage ausgeht, wie mit der „Verletzbarkeit Anderer … (und mit der, R.G.) Gewalt als Ursache faktischer Verletzungen“ (S. 177) umzugehen ist. Was das konkret bedeuten kann, in Gesellschaften, die durch das Fehlen eingespielter Zugehörigkeiten (S. 180) gekennzeichnet sind, gehört zu den Desideraten aktueller Sozialphilosophie.
Aus der Sozialisationserfahrung heraus wird der/die Andere zunächst nicht als ganz Andere/r erlebt. Erst in sozialen Situationen und Kontexten, in denen radikale Differenz und Fremdheit erlebbar wird, taucht die Frage auf, was eigentlich der Andere sei. Diesem Thema wendet sich B.L. in Kapitel VII zu. Nur im Wissen darum, dass auch man selbst für den Anderen immer ein Anderer ist, kommt der Idee Bedeutung zu, im Ansprechen und Antworten zeige sich, welche Art der Andere ist – verschieden, different, fremd … und genau daraus ergibt sich (im Gegensatz zur asymmetrischen Objektivierung des Anderen) Verantwortlichkeit für das Gegenüber. Eine soziale Welt ist nicht gegeben, sie kann aber entstehen und verloren gehen – der Dissens bleibt Teil des Sozialen. Politische Ordnungen (wie die Republik i.S. Hannah Arendts) versuchen Bedingungen für eine sachbezogene Artikulation von Dissens herzustellen. Aber auch gelingende politische Debatten können nicht jedes Artikulieren als relevantes Reden wahrnehmen. „Unvernehmen“ (Jacques Rancière), das nicht Nicht-Gehört-Werden, bedeutet politisch nicht in Erscheinung treten zu können – eine Erfahrung, sie heute oft als Repräsentationsproblem diskutiert wird.
In den bisher skizzierten Überlegungen kam der Sozialstaat als staatliche Organisation des Ausgleichs von Verschiedenheit und Ungerechtigkeiten nur am Rande vor. In Kapitel VIII wird er zum Thema. B.L. beginnt mit einer historischen Skizze, die sozialstaatliche Aktivitäten als ein Novum (des 19. Jh.) zeigt, das als Reaktion auf die Dominanz der Ökonomie etabliert wird und seit Beginn von Ambivalenzen geprägt ist. Auch normative Begründungen führen nicht aus der Ambivalenz heraus, da dem Staat keine höhere Vernunft zugebilligt werden kann, er vielmehr seine Legitimation für Eingriffe ins „Soziale“ nur aus der politischen Kooperation (der sozial Verschiedenen) gewinnen kann. Die Demokratie scheint die dafür angemessene Form zu sein; als sichere Legitimationsform aber kann sie sich nicht bewähren, da auch in demokratischen Prozessen die Pluralität der Lebensformen zu unterschiedlichen Interessensartikulationen führt und jede im Sinne formaler Gerechtigkeit erfolgende sozialstaatliche Regelung wiederum Ausschlüsse produziert. Letztendlich – das zeigt sich besonders deutlich in neoliberalen Politikkonzepten – gelingt selbst die sozialstaatliche Einfriedung der sozialen Kosten des dominanten Wirtschaftsmodells nur begrenzt. Kontroverse Debatten um den Verlust von Freiheit, um Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und moralische Grundhaltungen im Politischen beginnen erneut, nun basierend auf Erfahrungen der Bürokratisierung von Bedürfnissen sowie der Formierung des Sozialen durch „systemische, institutionalisierte Formen von Dispositiven“ (S. 241).
Kapitel IX wendet sich der Frage zu, wie sich die Frage nach einem „lebbaren Leben“ heute, unter den Bedingungen einer global gewordenen Welt stellt. Flüchtlings- und Migrationsströme begleiten die Globalisierung. Die Unberechenbarkeit des Politischen und die Folgen der Erdausbeutung können heute Armut und den Verlust von Zugehörigkeit zu einer Bedrohung für jeden machen. Die anthropologische Grundtatsache, dass „menschliches Leben von Anfang an auf Gastlichkeit angewiesenen“ (S. 252) ist, erfährt eine Radikalisierung. Angesichts dieser Situation fordert B.L. eine Neubesinnung auf die „Verfassung“ des Gemeinwesens, die als demokratische ein Versprechen auf Freiheitsrechte und die Gestaltung des Sozialen enthält. Die Globalisierung von Wirtschaftsinteressen und die geopolitische Ausdehnung von Macht bedrohen diese „unabdingbare Utopie“; die sozialphilosophische Aufforderung der Wahrnehmung und Einbeziehung des Anderen ist damit aber nicht außer Kraft gesetzt.
Epilog: Im Epilog formuliert der Autor keine inhaltliche Position, was denn das Soziale heute sei. Die Fragen, die am Beginn dieser Einführung in die Sozialphilosophie aufgeworfen wurden, tauchen wieder auf, zugespitzt auf die Möglichkeiten „lebbaren Lebens“ unter globalisierten Bedingungen und mit Hinweisen auf die in den vorangegangenen Kapiteln reflektierten philosophischen Konzepte. Klar formuliert B.L. nun im Rückblick jedoch die Aufgabe und das Ziel des vorliegenden Buches: Es geht ihm nicht darum, Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu liefern, sondern „in die Schwerpunkte der gegenwärtigen sozialphilosophischen Diskussionslage“ einzuführen und dabei „an eine Schwelle (zu, R.G.) führen …, wo deutlich werden kann, wie Bestände weit bis in die Antike zurückreichender und bis in die Gegenwart hinein reaktualisierter Theorien auf kommende Zeiten hin zu öffnen sind, sollen sie nicht bloß noch von ‘historischem’ Interesse sein“ (S. 275).
Diskussion
Die Lektüre der mehr als 300 Seiten des vorliegenden Buches lässt mich als Leserin etwas ratlos zurück. Es handelt sich bei dieser Arbeit von B.L. schon deshalb nicht um eine Einführung im klassischen Sinne, weil es doch einiger philosophischer Vorbildung bedarf, um den vielfältigen Anmerkungen und Verweisen auf die philosophische Tradition folgen zu können. Es werden interessante Themen angesprochen, mit denen man sich ausführlich beschäftigen könnte. Dazu gehört das Spannungsverhältnis zwischen Gerechtigkeitstheorien, die auf eine Organisation von Gemeinwesen abzielen und solchen, die dem Ungerechtigkeitsempfinden der Einzelnen folgen. Interessant ist auch die Schwierigkeit, Fürsorge und Kooperation zusammenzudenken oder der beschriebene Effekt des Denkens von Differenz, das zunehmend neue Differenzen zu produzieren scheint. An vielen Stellen hätte man sich mehr eigenständige Diskussion und Positionierung gewünscht statt des (gelehrten und sehr gekonnten) Verweises auf vielfältige Anschlussmöglichkeiten. Wer Anregungen sucht für weitere Lektüre, kann im sorgfältig zusammengestellten Literaturverzeichnis und den weiterführenden Fußnoten fündig werden. Wer eigenen Arbeitsschwerpunkten folgend, einzelne Kapitel auswählt, kann sich in produktive Debatten verstricken lassen.
Folgt man den Überlegungen des Autors, dann zeigt sich allerdings bei fast allen Themen, wie schwierig es ist, aktuelle Veränderungen des sozialen und politischen Lebens – das Durchlässig-Werden von Grenzen, die Fülle von Subjektivierungen des Anderen oder die Verknappung von Lebensgrundlagen – mit philosophischen Konzeptionen einzuholen, die weitgehend in Kontexten relativ klar umrissener Gemeinwesen, relativ fester Zugehörigkeiten und kulturell konturierter Personalität entstanden sind.
Fazit
Die vorliegende Einführung in die Sozialphilosophie ist vor allem eine Einführung in das Denken des Autors. B.L. versucht die aktuellen Schwierigkeiten einer durch wirtschaftliche Interessen und geopolitisch agierende Macht gefährdeten Welt bewusst zu machen, zugleich aber die normativen Implikationen einer teleologischen Sozialphilosophie („um des Guten willen“) nicht aufzugeben. Der Autor kennt die abendländische Tradition des Philosophierens über Politik, Gemeinwesen und Zugehörigkeit gut. Entsprechend vielfältig sind die Bezugnahmen und Hinweise – was das Buch immer wieder zu einer schwierigen Lektüre macht.
[1] Für eine grobe Orientierung werden die Namen der wichtigsten, in den einzelnen Kapiteln kritisch einbezogenen Autoren jeweils in Klammern genannt.
[2] Dabei erleichtert es die Lektüre, dass B.L. zentrale Kapitel mit einem Resümee der bis dahin verfolgten Überlegungen beginnt (s. z.B. die Einleitung zu Kapitel VI, S. 149 ff.) oder da, wo realpolitische Veränderungen zur Kenntnis genommen werden müssen, historische Skizzen zur Verfügung stellt (s. z.B. die Genese des Sozialstaates, Kapitel VIII, S. 219 ff.).
[3] Nicht zufällig ist dies auch die Geburtsstunde der Soziologie – eine Herausforderung an sozialphilosophisches Denken, die B.L. nicht annimmt.
Rezension von
Prof. Dr. Ruth Großmaß
Alice Salomon Hochschule, Professur für Ethik und Sozialphilosophie
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