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Bo Bach, Sebastian Simonsen et al. (Hrsg.): ICD-11 Persönlichkeits­störungen

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 01.04.2026

Cover Bo Bach, Sebastian Simonsen et al. (Hrsg.): ICD-11 Persönlichkeits­störungen ISBN 978-3-456-86366-5

Bo Bach, Sebastian Simonsen, Johannes Vetter (Hrsg.): ICD-11 Persönlichkeitsstörungen. Ein klinischer Leitfaden. Hogrefe AG (Bern) 2025. 184 Seiten. ISBN 978-3-456-86366-5. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.

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Thema

Die ICD-11 bringt einen Paradigmenwechsel: Persönlichkeitsstörungen werden nicht mehr kategorial, sondern dimensional diagnostiziert. Grundlage sind Schweregrade der Funktionsbeeinträchtigung und fünf zentrale Merkmalsbereiche. Dieser Ansatz erfordert neue Kompetenzen – von der klinischen Einschätzung bis zur Behandlung. Hier finden Sie praxisnahe Orientierung.

Autoren

Bo Bach arbeitet sowohl im klinischen Kontext als auch als Forscher und Dozent. Die Schwerpunkte des Dänen liegen auf den Themen Persönlichkeitsfunktionen und ‑störungen, Behandlungsplanung und Differenzialdiagnose im Allgemeinen. Er war für die Weltgesundheitsorganisation als Sachverständiger für die Klassifizierung von Persönlichkeitsstörungen und ICD-11-Feldversuche tätig und in seiner Heimat Mitglied der ICD-11-Arbeitsgruppe für Persönlichkeits‑ und Impulskontrollstörungen der dänischen Behörde für Gesundheitsdaten.

Sebastian Simonsen ist als Forschungsleiter und klinischer Psychologe in der Psychiatrie der Hauptstadtregion Dänemarks tätig und war Mitglied der ICD-11-Kerngruppe der dänischen Behörde für Gesundheitsdaten sowie Mitglied des Ausschusses für psychologische Spezialdiagnosen. Seine Schwerpunkte sind Persönlichkeitsstörungen, Mentalisierung und Psychotherapie.

Johannes Vetter als Bearbeiter und Herausgeber der deutschen Ausgabe ist an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in der Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie tätig.

Aufbau und Inhalt

Dass die ICD-11 ein Paradigmenwechsel mit sich bringt, ist bekannt. Anstelle der kategorialen Einteilung tritt eine dimensionale Diagnostik der Persönlichkeitsstörungen, die auf Schweregraden von Funktionsbeeinträchtigungen sowie der Beschreibung von übergeordneten prominenten Persönlichkeitsmerkmalen beruht. Das Buch greift diese wesentlichen Änderungen auf, weil sie ein grundlegendes Umdenken und umfassende Aus‑ und Weiterbildung erfordern. Um die Grundlagen dafür zu legen, lassen sich vier Hauptthemen identifizieren, die den roten Faden des Buches bilden:

  • Ein „Crashkurs“ zur klinischen Einschätzung von Persönlichkeitsfunktionen und ‑eigenschaften, um die Gründe für das neue Konzept der Klassifikation besser zu verstehen.
  • Das Kennenlernen der verschiedenen Fähigkeiten und Ausprägungen der Persönlichkeitsfunktionen, die die Grundlage für die entscheidende Beurteilung und Beschreibung des Schweregrads bilden.
  • Die fünf Merkmalsbereiche, die den Stil und die Ausprägung der Persönlichkeitsschwierigkeiten des Patienten beschreiben.
  • Die Darstellung von Behandlungsoptionen, mit spezifischen Vorschlägen für jeden Schweregrad sowie die Beschreibung für verschiedene Kombinationen von Merkmalsbereichen.

Zunächst geht es aber um eine Einführung in die ICD-11 und ihren Blick auf Persönlichkeitsstörungen. Deutlich wird, dass in „ICD-11 (…) Persönlichkeitsstörungen auf der Grundlage dessen beschrieben und diagnostiziert [werden], was es eigentlich bedeutet, eine Person zu sein, und insbesondere, was es bedeutet, eine Persönlichkeitsstörung im Allgemeinen zu haben“ (S. 14). Das neue Klassifikationssystem erfordert eine Diagnostik, die Persönlichkeitsproblematiken und Persönlichkeitsstörungen auf der Grundlage einer allgemeinen Dysfunktion hinsichtlich Aspekten des Selbst und des zwischenmenschlichen Bereichs betrachtet und diese „zusammen mit emotionalen, kognitiven und verhaltensbezogenen Manifestationen sowie unter Einbeziehung der generellen psychosozialen Funktionsweise und des vorhandenen Leidensdrucks“ (S. 14) zu betrachten. Das erfolgt durch eine Einteilung in die Schweregrade leichtgradig, mittelgradig und schwergradig oder einem subdiagnostischen Vorliegen von Persönlichkeitsstörungen klassifiziert werden. Der Individualität der Ausprägung wird durch die Angaben einer oder mehrerer sogenannten Merkmalsdomänen Rechnung getragen. Dabei handelt es sich um Negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung und Anankasmus. Die jetzt offizielle ICD-11-Klassifikation der Persönlichkeitsstörung wurde in einem langwierigen und schwierigen Prozess unter der Leitung einer von der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) eingesetzten internationalen Arbeitsgruppe erstellt, nachdem die ICD-10 bereits über 30 Jahre alt ist. In drei Jahrzehnten hat sich wissenschaftlich und klinisch so viel getan, dass der neue Weg, Persönlichkeitsstörungen zu diagnostizieren wesentlich mehr ist als das bloße Zählen von Kriterien. Es geht viel mehr um allgemeine diagnostische Bedingungen und Merkmale des jeweiligen Störungsbildes, was anhand von grafischen Elementen beschrieben wird im Text. Das war dringend nötig: „ICD-10-Diagnosekriterien für F60.5 Zwanghafte Persönlichkeitsstörung lassen beispielsweise zu, dass zwei Menschen die Kriterien für diese Diagnose erfüllen können, ohne ein einziges Symptom gemeinsam zu haben“ (S. 18).

Bisher basierte die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung auf einem Kategoriensystem, das aus acht spezifischen Typen und der Möglichkeit, eine „sonstige spezifische Störung“ (narzisstisch oder passiv-aggressiv) oder einen nicht näher bezeichneten oder kombinierten Typus besteht. Problematisch daran war und ist vor allem, dass die Diagnosen für psychische Störungen keine genau definierten Krankheiten oder Syndrome sind. Es gibt keine klare Unterscheidung zwischen Ursache und Symptomen, wie es zum Beispiel bei von einem Magen-Darm-Virus ausgelösten Erbrechen der Fall ist. Über die Entstehung einer Persönlichkeitsstörung ist viel zu wenig bekannt trotz jahrzehntelanger Erforschung: Ursache und Wirkung lassen sich nicht immer trennscharf erkennen: „Mit anderen Worten: Wir können die Diagnose nicht zuverlässig mit bestimmten Ursachen (z.B. einem Trauma) oder Lösungen (z.B. Therapie) in Verbindung bringen“ (S. 19).

Die ICD-11 versucht, dem Rechnung zu tragen, in dem sie einen Fokus auf Persönlichkeitsfunktionen und ‑merkmale setzt. Ausgangspunkt sind zentraler menschliche Fähigkeiten, die psychische Gesundheit und Störungen im Allgemeinen bedingen und aufrechterhalten. „Ungeachtet des diagnostischen Bildes oder des therapeutischen Ansatzes können Konzeption und Behandlung anhand dieser psychischen Fähigkeiten und Manifestationen verstanden werden, die zusammenfassend als Persönlichkeitsfunktionen bezeichnet werden“ (S. 26). Darunter fallen zum Beispiel Aspekte des Selbst wie Identität, Selbstwertgefühl, Selbsteinschätzung und Selbststeuerung oder auch zwischenmenschliche Funktionen wie das Interesse an Beziehungen, Perspektivübernahme/​Empathie, stabile wechselseitige Beziehungen aber auch das Konfliktmanagement. Die daraus resultierenden Funktionsniveaus eines Menschen lassen sich in verschiedene Schweregrade unterteilen, die zwischen der gesunden Funktion und einer schwergradigen Persönlichkeitsstörung variieren. Während sich ein gesundes Funktionsniveau durch ein positives und stabiles Selbstwertgefühl sowie ein umfassendes und genaues Verständnis für die Erfahrungen anderer Menschen auszeichnet, ist das am anderen Ende der Kette nicht vorhanden. Die schwergradige Persönlichkeitsstörung nämlich zeichnet sich durch „[s]chwerwiegende Probleme bei der Regulierung des Selbstwertgefühls (z.B. Selbstverachtung oder Grandiosität) [aus], während die Fähigkeit, die Erfahrung oder Motivation anderer zu berücksichtigen und zu verstehen, deutlich beeinträchtigt ist“ (S. 29).

Diskussion

Dieses Buch richtet sich an Ärztliche und Psychologische Psychotherapeut:innen, Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzt:innen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinische Psycholog:innen, Psychologische Berater:innen. Es ist aber auch für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die mit Diagnostik und Therapie in Berührung kommen, eine Handreichung, die einen ersten Überblick vermittelt. Das Gute daran: Der Titel ist als kleines Nachschlagewerk konzipiert, das nicht von Anfang bis Ende durchgelesen werden muss (wobei das alles andere als vertane Zeit wäre), sondern die Möglichkeit generiert, gezielt nach Informationen zu suchen. Dieser Anspruch gelingt auch Dank eines ausführlichen Stichwortverzeichnisses sehr gut. Der Problematik, die dänischen Gegebenheiten auf den deutschsprachigen Raum zu übertragen, gelingt Dank der Bearbeitung von Johannes Vetter problemlos. Am Ende bleibt nach vielem inhaltlichen Erkenntnisgewinn aber dennoch die Frage, warum es im deutschsprachigen Raum nicht gelingt, die ICD-11 an den Start zu bringen, während andere Länder damit wesentlich weiter sind. Die Übertragung dieses Paradigmenwechsels durch eine komplette Neuordnung der Diagnostik gerade von Persönlichkeitsstörungen wäre ein wichtiger Schritt zu einem neuen Verständnis für die Thematik bei allen Beteiligten.

Fazit

Eigentlich sollte die ICD-11 als Klassifizierung von Krankheitsbildern längst gelten, doch Lizenzprobleme haben bisher eine deutsche Übersetzung verhindert. Umso wichtiger ist dieses Buch, da es über das reine Klassifikationsschema hinaus zeigt, welche Änderungen die Neufassung mit sich bringt und wie sich sie sich den therapeutischen und diagnostischen Alltag auswirken.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 218 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245