Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Anton A. Bucher: Was Kinder glücklich macht

Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 08.04.2002

Cover Anton A. Bucher: Was Kinder glücklich macht ISBN 978-3-7799-0224-9

Anton A. Bucher: Was Kinder glücklich macht. Historische, psychologische und empirische Annäherungen an Kindheitsglück. Juventa Verlag (Weinheim) 2001. 309 Seiten. ISBN 978-3-7799-0224-9. 25,00 EUR. CH: 45,00 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Vorbemerkung

Egal ob wir Sozialarbeiter/innen, Sozialpädagog/innen oder Psycholog/innen sind, unsere Bücherregale stehen voll mit Büchern über (zwischen-) menschliche Probleme und Möglichkeiten zu deren Linderung. Aber enthalten diese Werke auch Aussagen, was glückliche Personen kennzeichnet und wie man Menschen glücklich macht? Nein, werden Sie antworten, und der Eindruck scheint nicht zu täuschen, dass in unseren Berufsgruppen "Glück" ein tabuisierter Begriff ist und "Glücklich-Werden" als Ziel für unsere Klient/innen ignoriert wird. Auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften wurde "Glücklich-Sein" wohl lange Zeit als irrelevantes, vielleicht sogar mythisches Phänomen betrachtet - theoretische und empirische Studien blieben weitgehend aus.

Anton A. Bucher, Professor für Religionspädagogik an der Universität Salzburg, legt nun mit seiner im Jahr 2000 von der Philosophischen Fakultät der Universität Fribourg angenommenen Habilitationsschrift ein umfangreiches wissenschaftliches Werk vor. Der damit verbundene Anspruch ist groß - er fragt nämlich nicht "Was macht Kinder glücklich?", sondern konstatiert: "Was Kinder glücklich macht". Punktum. Nun wissen wir es - sofern wir sein Buch gelesen haben...

Glück: historische, psychologische und literarische Perspektiven

Im ersten Kapitel präsentiert Bucher definitorische und historische Skizzen zum Thema "glückliche Kindheit". Nach relevanten Begriffsbestimmungen kontrastiert er negative Sichtweisen von Kindheit, wie sie z.B. von Aristoteles und Augustinus vertreten wurden, mit dem romantischen Mythos von Kindheitsglück, das auf den Werken von Rousseau aufbauend z.B. von Novalis, Hölderlin, William Blake und Jean Paul proklamiert wurde. Doch schon bald wurde dieses Klischee angekratzt - von Literaten wie Flaubert, Dickens und E.T.A. Hoffmann, von dem "Schänder der Kinderstube", Sigmund Freud, und von Historikern, die realistisch die schlechten Lebensbedingungen von Kindern in den vergangenen Jahrhunderten (außerhalb des Bürgertums) beschrieben. Eine Sonderstellung nahmen Ellen Key, Maria Montessori und andere Reformpädagogen ein, die einerseits die Reinheit und Umschuld der Kinder sowie andererseits ihre Unterdrückung und Verformung durch Erwachsene betonten. Es entstand der Mythos vom unglücklichen Kind, der noch heute den Blick auf fröhliche, lachende Kinder verstellt und mit der Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft, mit Armut, Misshandlung, sexuellem Missbrauch u.a. in Verbindung gebracht würde.

Im zweiten Kapitel fasst Bucher die Erkenntnisse der "Glückspsychologie" zusammen. Hier wird Glück (und Synonyme wie Zufriedenheit, Freude und Wohlbefinden) entweder als ein episodischer Zustand oder als eine längerfristige Befindlichkeit verstanden, über die das Individuum am besten Auskunft geben kann. Bucher stellt Methoden der "Glücksforschung" und die damit gewonnenen Untersuchungsergebnisse vor. Diese zeigen z.B., dass sich die Mehrheit der Menschen als (sehr) glücklich bezeichnet. Dabei wird Glück vor allem auf Freundschaft und Sozialität, eine gute Ehebeziehung und befriedigende Arbeit (mit "flow"-Zuständen) zurückgeführt, weniger auf Geld und Besitz, auf Bildung oder das Zusammenleben mit Kindern.

Im dritten Kapitel geht Bucher anhand der Auswertung von Kindheitsautobiographien der Frage nach, welche Faktoren eine "glückliche Kindheit" bedingen. Erinnert wurden von den Autor/innen z.B. Spiel, gute Freunde, gemeinsame Unternehmungen mit Gleichaltrigen, liebevolle Eltern, positive Beziehungen zu Großeltern und anderen Verwandten, (Haus-) Tiere, Feste, durch Lesen imaginierte Welten und (Schul-) Erfolge. Diesen Faktoren sind Aktivität und Tätigkeit gemeinsam - Glück entsteht also im Handeln.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der heutigen Kindheit, die in der Regel eher negativ beschrieben wird: Gehetzte, verplante Kinder leben in für sie geschaffenen "Inseln", verbringen viel Zeit vor dem Fernseher, sind von einer Unmenge an Spielsachen umgeben, vermissen als Einzelkinder Geschwister, leben oft von einem leiblichen Elternteil getrennt und mit "bösen" Stiefeltern zusammen. Empirische Studien zeigen jedoch laut Bucher, dass die meisten Kinder weiterhin viele Freunde haben, mit ihnen häufig im sozialen Nahbereich spielen, gerne die Medien nutzen, mit beiden Elternteilen und mindestens einem Geschwisterteil aufwachsen. Sie würden sich mehrheitlich als glücklich einschätzen.

Eigene empirische Studien

Die letztgenannte Aussage wurde von Bucher durch den Salzburger Kindersurvey überprüft (fünftes Kapitel), bei dem 1.319 Schüler/innen mit einem Durchschnittsalter von 11,2 Jahren einen Fragebogen mit 158 Items ausfüllten. Kein Kind bezeichnete seine Kindheit als traurig, 39,3% bewerteten sie hingegen als glücklich und sogar 54,1% als sehr glücklich. Die weitaus meisten Kinder erlebten sich nur selten als gestresst, stritten sich kaum mit anderen Kindern, waren in ihrer Freizeit in der Regel mit anderen Kindern zusammen, wollten nur wenig in ihrem Leben verändern. Am intensivsten war ihr Glückserleben in der Familie, im Freundeskreis und im Spiel mit Tieren, am geringsten in Schule und Kirche. Soziodemographische Variablen erklärten kaum die Varianz hinsichtlich Kinder(un)glück, wohl aber das familiale Binnengeschehen (Familienklima, Anerkennung, Lob) und die Schulerfahrungen.

Im sechsten Kapitel stellt Bucher eine weitere Studie vor, bei der er 275 Fragebögen von Erzieherinnen (Durchschnittsalter 40,6 Jahre) auswertete. Er fragte einerseits nach ihren glücksbezogenen Kindheitserinnerungen und andererseits danach, was sie als wichtig für das Glück heutiger Kinder einstufen. Die Erzieherinnen schätzten mehrheitlich ihr eigenes Leben als glücklich ein; eine schöne Kindheit war ihrer Erinnerung nach durch intrinsische Aktivität, geteiltes Glück, Freundschaft, Lob und Anerkennung durch Dritte gekennzeichnet. Die Erzieherinnen bezeichneten die meisten Kinder in ihrem Erfahrungsbereich als glücklich; rund 38% hielten sie aber im Vergleich zur eigenen Kindheit für weniger glücklich. Überraschend viele erlebten "heutige Kinder als problematisch: weniger solidarisch, weniger begeisterungs- und konzentrationsfähig, unersättlicher, streitsüchtiger, konsumorientierter" (S. 221). Als besonders wichtig für das Glück heutiger Kinder erachteten die Erzieherinnen die Zeit und das Verständnis der Eltern, positive Beziehungen zu Großeltern und Lehrer/innen sowie eine sinnvolle Freizeitgestaltung; als wenig glücksrelevant galten Kirche, Materielles (Markenkleidung, Spielsachen, Taschengeld), Fernsehen und Computer.

Konsequenzen für die Pädagogik

Im letzten Kapitel sucht Bucher nach den pädagogischen Konsequenzen: Sollen/ können Kinder zum Glück erzogen werden oder nicht? Er meint, dass Pädagog/innen durchaus glücksbegünstigende Voraussetzungen schaffen und vor allem durch Erziehungsmittel wie sinnvolle, zu "flow" führende Arbeit, Lob und Anerkennung Glück befördern könnten. Vor allem die Schule müsse sich ändern, da einerseits Kinder hier am unglücklichsten seien bzw. andererseits hier die meisten unausgeschöpften Glückspotentiale liegen würden. Mit einer thesenhaften Zusammenfassung und einem langen Literaturverzeichnis endet das Buch.

Fazit

Die gut lesbare Monographie von Anton Bucher macht Mut: Sie zeigt, dass Kindheit heute doch nicht so unglücklich ist wie oft vermutet - dieser Eindruck entstände weitgehend durch die Projektionen Erwachsener. Deutlich wird aber auch der große Reformbedarf bei Schulen: Sie versagen nicht nur als Bildungseinrichtungen, wie z.B. die TIMMS- und Pisa-Studien zeigten, sondern auch als Lebensorte, wo Kinder eigentlich glücklich sein sollten. Es bleibt zu hoffen, dass die derzeit angedachten Schulreformen nicht die emotionalen Aspekte vernachlässigen: Lehrer/innen sind nicht nur Lehrende, sondern sollten auch Verantwortung für das Wohlbefinden und Glück der ihnen anvertrauten Kinder übernehmen.

Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
Mailformular

Es gibt 72 Rezensionen von Martin R. Textor.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245