Roswitha Breckner: Migrationserfahrung - Fremdheit - Biografie
Rezensiert von Dr. Olga Frik, 11.12.2006
Roswitha Breckner: Migrationserfahrung - Fremdheit - Biografie. Zum Umgang mit polarisierten Welten in Ost-West-Europa.
VS Verlag für Sozialwissenschaften
(Wiesbaden) 2009.
2. Auflage.
449 Seiten.
ISBN 978-3-8100-3823-4.
59,90 EUR.
Reihe: Forschung Gesellschaft.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Allgemeine Charakterisierung des Buchs
Roswitha Breckner untersucht in ihrem Buch die biographische Bedeutung von Migrations- und Fremdheitserfahrungen. Diese werden aufgrund der Lebensgeschichten von Migrantinnen und Migranten aus unterschiedlichen Ländern Ost-Mitteleuropas, die vor 1989 in den "Westen" kamen, rekonstruiert. Die Autorin geht der Frage nach, "wie ein Wechsel von einer osteuropäischen in eine westeuropäische Gesellschaft in der zeit des Kalten Krieges erlebt wurde und wie sich die Bedeutungsgebung der damit zusammenhängenden Erlebnisse und Erfahrungen in den jeweiligen Biographien entwickelt hat" (S.399). In der vorliegenden Publikation geht es darum, sowohl den Zusammenhang von Erfahrungen innerhalb des Migrationsprozesses, als auch dessen Bedeutung in der Biographie zu untersuchen. Roswitha Brecknerist am Institut für Soziologie der Universität Wien tätig.
Aufbau
Roswitha Breckner analysiert in ihrem Buch relevante Dimensionen in der Gestaltung und Entwicklung von Migrationserfahrungen. Ihre Untersuchung basiert sie auf narrativbiographischen Interviews, die in den Jahren 1993 und 1994 durchgeführt wurden. Das Ziel der Arbeit ist, "auf der Basis empirisch gesättigter Fallrekonstruktionen zu theoretischen Verallgemeinerungen bzw. zu Thesen bezüglich des Zusammenhangs zwischen Migration und Biographie zu gelangen, die in weiteren bzw. in Bezug zu anderen empirischen Analysen diskutiert, bestätigt, verworfen oder erweitert werden können" (S.19). Die Autorin merkt an, dass ihre ersten Analyseergebnisse zeigten, "dass Migrationsfeld und vor allem seine Veränderung durch historische Umbrüche und gesellschaftliche Neustrukturierungen einen relevanten Horizont sowohl für die Migrationserfahrung als auch für ihre biographische Bedeutung konstituieren" (S.14). Außerdem ist es der Autorin aufgefallen, dass in den Interviews immer wieder die Teilung Europas in Ost und West während des Kalten Krieges und die Grenzziehungen nach 1989 thematisiert wurden. Roswitha Breckner verzichtet in ihrer Arbeit auf eine Auseinandersetzung mit Identitätskonzepten und -fragen in Bezug auf Migrationserfahrungen, stattdessen wählt sie einen biographieanalytischen Zugang (vgl. S.16). Sie bezieht sich auf die Ausführungen von Alfred Schütz (1972), der Migration als biographische Diskontinuitätserfahrung bzw. als eine Krisis beschrieben hat, "die mit einem Wechsel aus einem Zivilisations- und Kulturmuster in ein anderes typischerweise verbunden ist" (S.67). Die für die Arbeit leitenden Fragen sind folgende:
- Gestalten sich Migrationserfahrungen als eigenständiger Erlebnis- und Erfahrungszusammenhang? Wenn ja, wie?
- Wie wird auf Migrationserfahrungen in der biographischen Rekonstruktion Bezug genommen? Wie verändert sich die Bezugnahme im Laufe einer Lebensgeschichte bzw. in verschiedenen Kontexten?
- Welche biographischen Organisationsprinzipien von Erfahrungen, einschließlich ihrer Bezugsschemata, werden durch migrationsspezifische Erfahrungen berührt?
- Welche Rolle spielen Fremdheitspositionen und -erfahrungen im Migrations- wie im biographischen Zusammenhang? (S.17)
Das Buch enthält sieben Kapitel. Die ersten drei Kapitel des Buches bilden einen konzeptionellen Teil der Arbeit. In den weiteren Kapiteln wird die empirische Untersuchung beschrieben.
1 Konzeptioneller Teil
Im 1.Kapitel zu "Migration als Forschungsgegenstand" werden für die Arbeit relevanten Untersuchungen historisch-systematisch dargestellt. Die Verfasserin gibt einen gut geordneten und materialreichen Überblick zu diesem Thema. Einführend merkt Roswitha Breckner an, dass obwohl die sozialwissenschaftliche Forschungslandschaft zum Thema Migration nahezu unübersehbar ist, steht ihr nicht eine entsprechende Vielfalt von Konzepten und theoretischen Zugängen gegenüber (vgl. S.21). In diesem Kapitel wird die klassische Studie zum "Polish Peasant" von William I. Thomas und Florian Znaniecki rezensiert. Hier werden empirisch-konzeptionelle Entwicklungen der Migrationsforschung aus den 80er und 90er Jahren in Deutschland aufgezeigt. Außerdem werden hier qualitative Studien in ihrer konzeptionellen Orientierung auf die Erfahrungsdimension in Migrationsprozessen vorgestellt. Anschließend wird der Gegenstand der vorliegenden Arbeit in Anlehnung an bzw. in Kontrast zu diesen Studien präzisiert.
Im 2. Kapitel ("Figuren, Positionen und Erfahrungen des Fremden") stellt die Verfasserin Konzepte zu Fremdheit und Fremderfahrungen vor. Hierzu merkt sie an, dass es ihr bei der Analyse der relevanten Ansätze der Migrationsforschung die nahezu vollständige Absenz einer systematischen Thematisierung von Fremdheitserfahrungen in Migrationsprozessen aufgefallen ist (vgl. S.65). Roswitha Brecknerbeschäftigt sich insbesondere mit folgenden Konzepten: Alfred Schütz“ Konzept des Fremden, Konzepte zur sozialen Position des Fremden - Georg Simmel, Konzept zum marginal man bei Robert E. Park und Everett V. Stonequist, die Untersuchung von Norbert Elias und John L. Scotson zu Etablierten und Außenseitern, Arbeiten von Zygmunt Bauman, Armin Nassehi und Alois Hahn, Konzept der topographischen Zugänge zum Fremden von Bernhard Waldenfels. Aufgrund der theoretischen Ansätze formuliert die Autorin Fragen und geht im dritten Kapitel auf den biographischen Zugang ein, der die dritte konzeptionelle Säule ihrer Arbeit bildet.
Im 3. Kapitel ("Biographische Perspektiven") wird der Biographiekonzept als ein sozialwissenschaftlicher Ansatz vorgestellt. Hier werden die Stärken und Schwächen der jeweiligen Zugänge hinsichtlich der Analyse des Zusammenhangs von Migration und Biographie diskutiert. Das geschieht sehr informativ, kritisch und kenntnisreich. Aufgrund der Zusammenführung migrations-, fremdheits- und biographietheoretischen Ansätze formuliert die Autorin die für ihre Arbeit leitenden Fragen. Am Ende des Kapitels merkt die Autorin an, dass ein wesentlicher Aspekt in ihrem konzeptionellen Zugang fehlt; die Bedeutung der Sprache im Migrationsprozess. Dies ist dadurch zu begründen, dass eine linguistische Analyse des Sprachgebrauchs den Rahmen der Arbeit bei weitem sprengen würde. Deswegen wird die Frage der Sprachverwendung in ihrer Arbeit nicht systematisch verfolgt.
2 Empirische Untersuchung
Weiter geht Roswitha Breckner auf ihre empirische Untersuchung ein und erläutert ihre Vorgehensweise im 4. Kapitel ("Der Forschungsprozess"). Die theoretischen Grundlagen des methodischen Vorgehens werden dargelegt und methodologisch begründet. Das gelingt überzeugend und nachvollziehbar. Der gesellschaftliche Kontext der Biographien wird als eigenständiger Strukturierungszusammenhang in den Blick genommen. In ihrer Untersuchung verwendet die Autorin solche Forschungsmethoden wie das narrative Interview und die extensive hermeneutische Fallrekonstruktion, die ebenfalls in diesem Kapitel dargestellt werden. Zunächst führt die Autorin Interviews mit MigrantInnen, die zwischen 1950 und 1989 in die DDR eingereist waren (Ost-Ost Interviews). Bei der weiteren Untersuchung interviewt sie die Personen, die im gleichen Zeitraum im Westen angekommen waren (Ost-West Interviews). Im Laufe der Untersuchung fokussiert sie ihr Sample auf MigrantInnen, die vor ihrer Auswanderung in Rumänien lebten. Diese Fokussierung hat pragmatische Gründe: die schulische Sozialisation der Autorin in Rumänien und vorhandene Sprachkenntnisse (vgl. S. 157) Im gleichen Kapitel beschreibt Roswitha Breckner das Migrationsfeld Rumänien-Deutschland in seinen historischen Dimensionen und stellt die empirischen Zugänge und Ausführungen zu den verwendeten Interview- und Auswertungsmethoden dar. Bezüglich des Migrationsfeldes der Auswanderung aus Rumänien nach Westdeutschland merkt die Autorin an, dass es in seiner Differenziertheit und Breite nicht erfasst werden konnte, vielmehr sind die Fallrekonstruktionen als "Sonden in die Tiefe" angelegt (vgl. S. 161)
Im 5. Kapitel ("Die Biographien") werden die analysierten Biographien vorgestellt. Aus acht transkribierten Interviews werden drei Fälle für eine extensive Fallrekonstruktion ausgewählt. Am Beispiel von diesen InterviewpartnerInnen wird die Bedeutung der jeweiligen Migration in den Biographien aufgezeigt. Die erste Fallrekonstruktion von Aurel Bra?ovean ("Entwurzelt war ich schon immer") ist so angelegt, dass die Prinzipien und das Verfahren der Interpretation sichtbar sind. Der zweite Fall von Stefan Georgesku ("Eine Ironie der Geschichte") ist erlebnisorientierter formuliert. Diese beiden Fälle repräsentieren einen Typus, "für den Migrationserfahrungen einen biographischen Wendepunkt bzw. eine strukturbildende Diskoninuitätserfahrung darstellen" (S. 358). Die kürzere Fallpräsentation von Ekaterina Banciu ("Ich bin geboren so in diese Jahre") ist weitgehend erlebnisorientiert. Die Migrationserfahrungen von Ekaterina Banciu haben "nicht in der Weise eine strukturierende Bedeutung erhalten wie in den vorhergehenden Fällen. Vielmehr sind es andere (familien-) biographische Ereigniszusammenhänge und Erlebnisse, die ihre Biographie bestimmten" (S. 340).
Im 6. Kapitel ("Die rekonstruierten Biographien im Vergleich") werden aus den Fallanalysen gewonnene empirische Ergebnisse dargestellt. Dabei werden die Biographien in Bezug auf die strukturelle Bedeutung von Migrationserfahrungen verglichen. Danach formuliert Roswitha Breckner die empirisch relevant gewordenen Strukturierungsmerkmale im Verhältnis von Migration und Biographie vor dem Hintergrund der aus den konzeptionellen Zugängen gewonnenen Einsichten im Fallvergleich. In diesem Kapitel präsentiert die Autorin weitere für die Typenbildung relevante Fälle aus dem Sample und fasst die Spezifik des Ost-West-Europäischen Migrationsfeldes hinsichtlich ihrer biographischen Relevanz mit dem Fokus auf Rumänien und Deutschland zusammen. Zusammenfassend stellt Roswitha Breckner fest, "dass die historische Teilung Europas das Migrationsfeld in seiner konkreten Ausprägung stark bestimmt hat" (S. 397).
Die systematischen Aspekte in der Verhältnisbestimmung zwischen Migration und Biographie werden im abschließenden Kapitel zu "Migration-Fremdheit-Biographie" herausgearbeitet. Roswitha Breckner unterscheidet dabei zwischen dem Erfahrungszusammenhang der Migration und darin relevanten Aspekten und dessen Herausforderungen für biographische Konstruktionsprozesse. Über eines der Ergebnisse der Studie merkt die Autorin an: "Ein wichtiges, wenn auch sehr einfaches konzeptionelles Ergebnis besteht darin, dass sich Migrtionserfahrungen einfachen Schemata der positiven und negativen Bewertung entziehen. Sie öffnen vielmehr den Blick für Komplexitäten, Ambivalenzen und nicht zuletzt Paradoxien, die vor allem in der biographischen Dimension entstehen" (S.399). Roswitha Breckner stellt fest, "dass die biographische Relevanz der Migrationserfahrung wesentlich von der Einbettung, Ausprägung und Handhabung der damit verbundenen Fremdheitserfahrungen bestimmt wird" (S. 416). Sie merkt folgendes an: "an den Formen, in denen migrationsspezifische Fremdheiten erlebt werden und der Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird, lässt sich möglicherweise die biographische Bedeutung der Migrationserfahrung ablesen" (S. 419). Das Erleben und der Umgang mit Fremdheit würden dementsprechend zu einem Schlüssel für die Rekonstruktion der Bedeutung von Migrationserfahrungen in der Biographie.
Im Fazit beantwortet die Verfasserin die zentralen Fragen der Arbeit mit vier Thesen, die zugleich Antworten auf die für die vorliegende Arbeit zentralen Fragen enthalten.
- Es gibt einen migrationsspezifischen Erfahrungszusammenhang, wo entsprechende Krisis-Erfahrungen (Schütz) eine zentrale Rolle spielen. Diese gestalten sich in der Verknüpfung migrationsspezifischer Diskontinuitäts- und Fremdheitserlebnisse im Zuge des Wechsels in eine andere Gesellschaft in der sozialen Position des Fremden. Dies zieht den Umbau von Wissens- und Relevanzsystemen nach sich. Letzterer vollzieht sich unter migrationsspezifischen Bedingungen und beinhaltet spezifische biographische Herausforderungen. Der Umgang mit diesen ist weder durch die Migrationssituation noch biographisch determiniert (vgl. S.417).
- Von migrationsspezifischen Positionen sowie der Bewegung in und zwischen verschiedenen Ortsbezügen (Waldenfels) ausgehende Erfahrungen konstituieren sich in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld. Dies wird von systemspezifischen Unterscheidungen (Einheimische-Fremde, Etablierte-Außenseiter, Freunde-Feinde-Fremde, Inländer-Ausländer) sowie den historischen Dimensionen der jeweiligen Beziehungsrelationen zwischen Herkunfts- und Aufenthaltskontext strukturiert. Spezifische Muster der Grenzziehung in den jeweiligen „Wir„-«Sie“ Unterscheidungen gewinnen in diesem Zusammenhang Relevanz (S. 418).
- Die biographische „Antwort“ auf migrationsspezifische Herausforderungen hängt mit ihrer lebensgeschichtlichen Einbettung sowie der biographischen Genese des Umgangs mit Fremdheitserfahrungen zusammen (S. 418).
- Die gesellschaftlich konstituierte Struktur von Biographien bildet einen ermöglichenden wie begrenzenden Horizont für jeweils lebendgeschichtlich ausgebildete Modi (Schäffner) und Formen (Waldenfels) der Fremdheitserfahrung (S. 420).
Zielgruppen und Fazit
Diese Publikation richtet sich vor allem an SoziologInnen. Im Gedankengang des Buchs werden breite Wissensbestände verarbeitet und diskutiert. Es liefert in systematischer und gut strukturierter Form einen guten Überblick über die sozialwissenschaftliche Diskussion zu Migrationsthematik, zitiert eine Vielzahl interessanter Studien und leistet einen inhaltlich interessanten Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Migration und Migrationsfolgen. Durch die vorliegende Veröffentlichung erhält man migrationstheoretisch einen großen Gewinn.
Rezension von
Dr. Olga Frik
Omsker Staatliche Universität für Agrarwissenschaften (benannt nach P.A. Stolypin), Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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