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Peter J. Tyrer, Wolfgang Gaebel (Hrsg.): ICD-11

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 07.05.2026

Cover Peter J. Tyrer, Wolfgang Gaebel (Hrsg.): ICD-11 ISBN 978-3-456-86376-4

Peter J. Tyrer, Wolfgang Gaebel (Hrsg.): ICD-11. Neue Entwicklungen in Diagnostik und Klassifikation psychischer Störungen: Konzepte nachvollziehen und umsetzen. Hogrefe AG (Bern) 2025. 197 Seiten. ISBN 978-3-456-86376-4. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.

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Thema

Für die elfte und damit neueste Version der ICD – der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – wurde das Konzept der Diagnostik und Klassifikation für einige psychische Störungen stark überarbeitet. 23 psychische Störungen wurden neu aufgenommen wie Binge-Eating aus dem Bereich der Essstörungen oder Störungen durch Verhaltenssüchte (Spielsucht), komplexe PTBS oder anhaltende Trauerstörung. Andere Kategorien wie kindheitsspezifische Störungen wurden dagegen gestrichen und werden stattdessen bei den jeweiligen Störungen im Lebensverlauf beschrieben. Für Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen gibt es dagegen ganz neue dimensionale Diagnosekonzepte. Jedes Kapitel wurde von WHO-Experten:innen auf ihrem Gebiet verfasst, die auch an der Konzeption und Überarbeitung derICD-11 beteiligt waren. Daher werden nicht nur die jeweiligen Kurzbeschreibungen und Kriterien dargestellt, sondern auch Hintergründe zur Änderung der Klassifikation erläutert und begründet.

Herausgeber

Aufgrund der Besonderheit, dass die ICD-11 in Deutschland aufgrund von Lizenzproblemen noch nicht offiziell und ausschließlich Anwendung findet, ist die deutsche Ausgabe von Wolfgang Gaebel herausgegeben worden. Im Original fungiert Peter Tyrer als Herausgeber. Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel war von 1992 bis 2016 Leiter der LVR-Klinik Düsseldorf und gilt als einer der renommiertesten Psychiater in Deutschland.

Aufbau & Inhalt

Insgesamt zwölf Kapitel geben einen Einblick in die Änderungen der ICD-11 gegenüber der vorherigen Version. Beantwortet wird aber auch die Frage, warum die Überarbeitung überhaupt erfolgte. Deutlich wird, dass die bisherigen Kategorien vielfach wenig Spielraum ließen und sehr abschließend definiert waren. Individuelle Ausprägungen von Symptomen konnten anhand der ICD-10 kaum erfasst werden. Das soll nun anders werden. Die ICD-11 soll eine präzisere, wissenschaftlich fundiertere und international besser anwendbare Diagnostik ermöglichen, da sich die neue Klassifikation erheblich an aktuellen Forschungsergebnissen orientiert.

An dieser Stelle seien einige der herausragendsten Veränderungen, die im Buch vorgestellt werden, benannt:

Im dritten Kapitel stehen die Schizophrenie und andere psychotische Störungsbilder im Fokus, wo sich Wesentliches verändert hat. In der ICD-10 waren die Untertypen der Schizophrenie (wie paranoid, hebephren oder kataton) recht starr definiert. Sie finden keine Anwendung mehr. Die Diagnostik erfolgt nun anhand von verschiedenen Dimensionen wie affektiven Symptomen und kognitiven Beeinträchtigungen in der ICD-11 nicht mehr im gleichen Umfang verwendet werden. Das Krankheitsbild kann klinisch so wesentlich mehr ausdifferenziert werden, therapeutische Interventionen wesentlich effektiver darauf abgestimmt werden. Eine Novellierung hat auch das Konzept der Persönlichkeitsstörungen erfahren, die nun anstatt starrer Kategorien nach Schweregraden eingeteilt werden. So wird eine differenziertere Beschreibung individueller Ausprägungen möglich – ein erheblicher Fortschritt gegenüber der ICD-10. Neben diesen Veränderungen umfasst die ICD-11 aber auch gänzlich neue Störungsbilder. Dazu gehört beispielsweise die komplexe posttraumatische Belastungsstörung, die neben den klassischen PTBS-Symptomen zusätzliche Beeinträchtigungen in Emotionsregulation, Selbstbild und Beziehungsfähigkeit umfasst. Auch die Computerspielstörung wird als neue Diagnose vorgestellt. Deutlich wird, dass diese neu aufgenommen Diagnosen, zu denen auch das Binge-Eating gehört, auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und somit eine Weiterentwicklung von Störungsbildern umfassen. Neben den Inhalten wurde die Neufassung aber auch strukturell verändert. So werden etwa Schlafstörungen oder sexuelle Gesundheitsstörungen nicht mehr ausschließlich unter psychischen Erkrankungen eingeordnet, sondern eigenständigen diagnostischen Bereichen zugeordnet. Die Idee dahinter: Psychische und körperliche Faktoren werden differenzierter betrachtet und so eine bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht.

Alle Theorie hilft aber nichts, wenn sie nicht praktisch umgesetzt wird. Und auch damit beschäftigt sich dieses Buch. So zeigen die Autor:innen auf, welche Veränderungen sich für Diagnostik, Dokumentation und Behandlungsplanung sich ergeben und wie Fachkräfte lernen können, mit den neuen dimensionalen Modellen umzugehen und welche Herausforderungen sich bei der Umstellung von der ICD-10 auf die ICD-11 ergeben. Dabei werden konkrete Beispiele und praxisnahe Erläuterungen genutzt, um die Anwendung der neuen Kriterien verständlich zu machen. Dazu gehören auch die Einflüsse auf therapeutische Maßnahmen, die sich aus der ICD-11 ergeben, die wie beschrieben differenziertere diagnostische Beschreibungen ermöglicht. So können Behandlungsansätze individueller angepasst werden. Besonders bei komplexen Störungsbildern bietet die neue Klassifikation damit eine bessere Grundlage für gezielte Therapieplanung. Die ICD-11 will erreichen, dass sie als Diagnostikmanual nicht nur ein Instrument zur Einordnung eines Störungsbildes ist, sondern unmittelbare Bedeutung für die Auswahl geeigneter Interventionen hat.

Diskussion

Wer mit diesem Buch ein Diagnostikmanual inklusive Verschlüsselungskennziffern erwartet, dem sei gleich gesagt, dass er das hier – und derzeit in keinem anderen Titel in deutscher Sprache, der sich mit der ICD-11 beschäftigt – nicht finden wird. Das ist aber letztlich nicht schlimm, da die mit hoher Expertise ausgestatteten Autor:innen praxisorientierte, nachvollziehbare Erklärungen der Veränderungen liefern und auch die Rahmenbedingungen beschreiben. So entsteht eine informative Mischung aus Praxisbezug und theoretischer Einordnung. Es bleibt nur zu hoffen, dass die ICD-11 in Gänze dann auch wirklich zeitnah eine autorisierte Übersetzung erfährt.

Fazit

Dem Buch gelingt es, die Neuerungen der ICD-11 überzeugend darzustellen, ohne eine Übersetzung des Klassifikationssystems zu sein. Denn auf die werden wir wahrscheinlich aus Lizenzgründen noch länger warten müssen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 227 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245