Klaus Keller, Peter Brodisch: Auf Augenhöhe - ICF verständlich
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 29.05.2026
Klaus Keller, Peter Brodisch: Auf Augenhöhe - ICF verständlich. Für Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung, Angehörige und professionelle Unterstützer. Hogrefe AG (Bern) 2025. 152 Seiten. ISBN 978-3-456-86320-7. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
Thema
Das Buch ist als Nachschlagewerk für alle Menschen gedacht, die am Prozess der Bedarfsermittlung zur Sicherung der Teilhabe bei einer vorliegenden Behinderung mitwirken. Darüber hinaus kann es als Arbeitsbuch genutzt werden, indem die eigenen Teilhabe-Bedarfe und die individuelle Funktionsfähigkeit erfasst und dokumentiert werden kann. Grundlage dafür ist die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)“, die von der Weltgesundheitsorganisation erarbeitet wurde. Durch die ICF soll eine international einheitliche Kommunikation über die Auswirkungen von Gesundheitsproblemen unter Beachtung des gesamten Lebenshintergrunds eines Menschen gewährleistet werden. Zielgruppe des Buches sind Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung und deren Angehörige oder Betreuende, Fachleute der organisierten Selbsthilfe oder Behindertenhilfe.
Autoren
Dr. Klaus Keller warbei der Diakonie München stellvertretender Geschäftsbereichsleiter Sozialpsychiatrie, Sucht und Gesundheit sowie Abteilungsleitung Rehabilitation. Daneben ist er freiberuflich in der Lehre tätig und hat in diversen ICF-Arbeitsgruppen mitgewirkt. Peter Brodisch ist Diplom-Pädagoge und bei der Diakonie München in der Epilepsie-Beratung tätig und wirkt außerdem im Bereich Kinderneurologie-Hilfe und Teilhabe-Epilepsie-Arbeit.
Aufbau und Inhalt
Die Teilhabe-Bedarfe der Menschen mit Behinderung müssen auf der Grundlage eines gemeinsamen Verständnisses erfasst werden, wofür eine gemeinsame Sprache zwischen Hilfesystem und Adressat*innen erforderlich ist. Leistungserbringer wie Pflegekassen oder andere Rehabilitationsträger, die für die Bewilligung und Finanzierung entsprechender Leistungen zuständig sind, sollen letztlich befähigt werden, anhand konkreter Dimensionen ihre Entscheidung so zu treffen, dass sie den individuellen Bedarfen der Adressat*innen gerecht werden. Dies setzt einen engagierten Dialog auf Augenhöhe voraus. Die ICF dient dabei als gemeinsame Sprache, in der Behinderung als Wechselwirkung zwischen betroffenen Menschen und ihrer Umwelt verstanden wird und gemeinsame Ziele festgelegt werden: Eigene Bedarfe und Fähigkeiten genauer zu beschreiben, individuelle Ziele zu setzen und eine aktivere Rolle in der eigenen Rehabilitation und Lebensgestaltung zu übernehmen ist dabei ein wesentlicher Faktor. Durch Teilhabe am Entscheidungsprozess sollen die Menschen aktiv Verbesserungen für die eigene Lebensqualität und Unabhängigkeit entwickeln und nicht Entscheidungen von einzelnen Sachbearbeiter:innen ausgeliefert sein. Dazu ist die Kenntnis der verschiedenen Anwendungsbereiche zur Bewertung und Planung von Unterstützungsmaßnahmen von großer Bedeutung, ebenso die Erklärung von Begrifflichkeiten und Erläuterungen zu sozialmedizinischen, rechtlichen und ethischen Aspekten.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Zunächst geht es um die Vermittlung von Grundwissen zur ICF. Der Hinweis der Autoren: Das Lesen des ersten Teils ist dringend erforderlich, um mit einem Grundverständnis des Klassifikationssystems den Inhalten der beiden weitere Teile folgen zu können. Deutlich wird hier vor allem, dass eine ärztliche Diagnose Symptome und gegebenenfalls Ursachen davon beschreibt. Bei der Beschreibung einer Behinderung mit Hilfe des ICF ist Ausgangspunkt immer die Teilhabe des Einzelnen, nicht die Diagnose. Denn Teil II ist dann zur Vermittlung von vertieftem Wissen vorgesehen: ethische Grundlagen, sozialrechtliche Aspekte und die Auswirkungen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) auf die Bedarfsermittlung werden dort erläutert. Dieser Teil des Buches kann ganz gelesen werden, er ist jedoch auch zum Lesen einzelner Kapitel konzipiert. So kann er auch zur Vertiefung von im Einzelfall relevanten Themen genutzt werden. Im dritten Teil wird es dann praktisch. Dort können die Leser:innen Schritt für Schritt ihre eigene Funktionsfähigkeit gemäß der ICF erarbeiten, wozu es zum Beispiel zur Vorbereitung auf entsprechende Gespräche mit Leistungsträgern genutzt werden kann. Zehn Praxisbeispiele aus verschiedenen Behinderungsbereichen verdeutlichen noch einmal genau, was Ziel der ICF ist.
Diskussion
Grundsätzlich ist von Bedeutung, dass die ICF ein Konstrukt ist, mit dem etwas Gutes erreicht werden soll: Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung soll selbstbestimmt und den individuellen Zielen entsprechend vergleichbar erfasst und umgesetzt werden. Das führt dazu, dass viel mit Ablaufschemata gearbeitet wird, was auch dieses Buch aufgreift. Dazu kommen zahlreiche weitergehende Informationen und Querverweise, die ebenfalls grafisch aufbereitet wird. Beim Lesen wirkt das zwischendurch immer wieder sehr unruhig, stört leider auch den Lesefluss. Hat man das aber einmal überwunden als Leser:in trifft man auf profundes Wissen, das in großer Akribie aufgearbeitet wurde trotz des nur begrenzten Platzes eines solchen Buches. Wer sich von der großen Zahl grafischer Elemente nicht abhalten lässt, der erhält sowohl als Fachkraft als auch als betroffene Person viele wichtige Informationen und Praxistipps.
Fazit
Inhaltlich eine praxisnahe und kompetente Annäherung an das bisweilen sperrige Konstrukt ICF – grafisch an manchen Stellen etwas zu überfrachtet.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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