Philipp Stang, Claudia Ondrejtschak: Sexualität in der Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter
Rezensiert von Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch, 15.04.2026
Philipp Stang, Claudia Ondrejtschak: Sexualität in der Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter.
Springer
(Berlin) 2026.
54 Seiten.
ISBN 978-3-662-72353-1.
D: 14,99 EUR,
A: 15,41 EUR,
CH: 17,00 sFr.
Reihe: essentials.
Thema
Sexualität ist ein zentraler Bestandteil menschlicher Entwicklung, wird jedoch in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen oft vermieden oder tabuisiert. Stang und Ondrejtschak wollen mit diesem Buch einen fundierten und praxisnahen Einstieg in die sexualtherapeutische Arbeit mit jungen Menschen geben.
Autor:innen
Prof. Dr. Philipp Stang ist Psychologischer Psychotherapeut, Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeut sowie Sexualtherapeut.
Dipl.-Päd. Claudia Ondrejtschak ist Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeutin mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit psychisch belasteten jungen Menschen und deren Familiensystemen.
Entstehungshintergrund
Da das Thema Sexualität in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht genügend beachtet wird, haben Stang und Ondrejtschak beschlossen, im Rahmen der Springer-Reihe „essentials“ eine Einführung in die sexualtherapeutische Arbeit mit jungen Menschen zu publizieren.
Aufbau und Inhalt
Das Buch enthält ein Vorwort, in dem Stang und Ondrejtschak auf die Bedeutung des Themas Sexualität in der Psychotherapier von Kindern und Jugendlichen hinweisen und das Anliegen der Springer-Reihe „essentials“ darstellen, nämlich einen kompakten und zugleich fundierten Einstieg in die Thematik zu geben. Sie wollen einen praxisnahen Überblick „der zentralen Grundbegriffe und Konzepte, relevante theoretische Grundlagen und erste Handlungsperspektiven“ (S. VII) geben. In den acht Hauptkapiteln werden die relevanten Themen kurz dargestellt, die wichtigsten Aspekte in tabellarischer Form zusammengefasst und durch kurze Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis ergänzt.
Im 1. Kapitel „Einleitung“ wird das Konzept des Buches dargelegt, und es werden die verwendeten Begriffe definiert. Die wichtigsten Begriffe sind die „Psychosexuelle Entwicklung“: der Prozess, „in dem sich das sexuelle Erleben, Verhalten und die geschlechtliche Identität von Geburt über die komplette Lebensspanne hinweg entwickeln“ (S. 2), die „Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie“ als ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren und die „Sexuellen Probleme“, die „biopsychosoziale Beeinträchtigungen im sexuellen Erleben und Verhalten“ umfassen (S. 2). In Form von „Praktischen Tipps“ (S. 2) geben Stang und Ondrejtschak Empfehlungen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, z.B. „Schaffe einen sicheren, wertfreien Raum für Gespräche“, „Ermutige Kinder und Jugendliche, Fragen zu stellen und ihre Gefühle auszudrücken“ oder „Biete Unterstützung im Umgang mit Unsicherheiten oder Vorurteilen“ (S. 2).
Das 2. Kapitel „Sexualität“ behandelt die sexuelle Entwicklung, die als ein fließender Prozess verstanden wird. Daneben wird auch ein Phasenmodell der nicht heterosexuellen Identitätsentwicklung vorgestellt (S. 9). Außerdem werden „Sexuelle Auffälligkeiten“ diskutiert, die in der Praxis oft jedoch nicht explizit diagnostiziert werden.
Dem Thema der „Prävalenz“ sexueller Probleme im Kindes‑ und Jugendalter ist das 3. Kapitel gewidmet. Häufigkeitsangaben zu sexuellen Problemen oder Prävalenzangaben zu sexuellen Störungen im Kindes‑ und Jugendalter sind eher selten publiziert worden. In einer tabellarischen Zusammenstellung geben Stang und Ondrejtschak einen Überblick über die wichtigsten dieser Daten.
In knapper Form wird die „Ätiologie“ sexueller Probleme und Störungen im 4. Kapitel behandelt. Über die von den verschiedenen Therapieschulen konzipierten Modelle hinaus wird ein „multimodales Bedingungsmodell mit biologischen (z.B. genetische Vulnerabilität), psychologischen (z.B. Temperament‑ und Charaktereigenschaften der Persönlichkeit) und sozialen Faktoren (z.B. Modelle) – inklusive soziokultureller und sozioökonomischer (…) als Goldstandard für die Ätiologie“ (S. 17) vorgestellt.
Die „Spezifische sexualtherapeutische Diagnostik“ („Sexualanamnese“ sowie „Analysen und Testverfahren“) ist das Thema des 5. Kapitels.
Das umfangreichste 6. Kapitel (S. 25 – 40) betrifft die „Behandlung“. Zum einen geht es um „Allgemeine Aspekte“ wie aktives Zuhören, Motivationsarbeit, Psychoedukation und die Ziele der Behandlung (z.B. Steigerung der Lebenszufriedenheit und Lebensqualität, Stärkung der Selbstakzeptanz sowie Begleitung und Unterstützung im Coming-out-Prozess). Zum anderen werden „Spezifische Aspekte“ behandelt wie sexuelle Funktionsstörungen: hypersexuelles Verhalten: sexuelle Orientierung: Präferenzakzentuierungen: Menschen, die sexuell grenzverletzende Verhaltensweisen gezeigt haben; Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben).
Kurz, auf nur wenigen Zeilen, genannt werden „Sonstige Problembereiche“ wie sadomasochistische Präferenz, sozial erlebter Druck bzgl. des ersten Geschlechtsverkehrs und exhibieren in Kapitel 7.
Im letzten 8. Kapitel wird kurz auf die „Bezugspersonenarbeit“ eingegangen.
Den Abschluss des Buches stellt die Frage dar: „Was Sie aus diesem essential mitnehmen können“ (S. 45). In 6 Absätzen werden hier die wichtigsten Aspekte des Buches zusammengefasst.
In einem achtseitigen Verzeichnis wird die im Text zitierte Literatur aufgelistet.
Diskussion
Es ist Philipp Stang und Claudia Ondrejtschak zu danken, dass sie mit diesem Buch das Thema „Sexualität“ aufgreifen, das sonst in der Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie oft vernachlässigt wird. Der Text ist gut lesbar. Die zum Teil tabellarischen Zusammenfassungen der wichtigsten Aspekte und die knappen Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis vermitteln den Leser:innen einen guten Überblick über dieses Thema. Die angegebene weiterführende Literatur regt zur Vertiefung der hier knapp dargestellten Themen an. Dass die einzelnen Kapitel sehr knapp gehalten sind, ist dem Konzept der Reihe „essentials“ geschuldet.
Es ist eine große Leistung von Stang und Ondrejtschak, auf lediglich 54 Seiten die relevanten Themen wenigstens genannt und kurz ausgeführt zu haben. Zwangsläufig ist es durch die Beschränkung der Seitenzahl in dieser „essentials“- Reihe nicht möglich gewesen, auf alle bei Kindern und Jugendlichen auftretenden Fragen und Probleme einzugehen. Dies gilt beispielsweise für das Thema „Transidentität“, das nicht erwähnt wird, wobei klar ist, dass eine kurze Erwähnung diesem komplexen Thema nicht gerecht geworden wäre.
Fazit
Ein fachlich fundiertes, informatives Buch, das sich in knapper Form des sonst in der Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie eher vernachlässigten, aber für die Behandlung wichtigen Themas der Sexualität annimmt.
Rezension von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
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