Astrid Leska, Mathias Tuffentsammer: Einfach unperfekt perfekt!
Rezensiert von Marvin Materna, 26.01.2026
Astrid Leska, Mathias Tuffentsammer: Einfach unperfekt perfekt! Mehr Spielraum durch weniger Perfektion.
Verlag Herder GmbH
(Freiburg, Basel, Wien) 2025.
141 Seiten.
ISBN 978-3-451-03590-6.
D: 18,00 EUR,
A: 18,60 EUR,
CH: 19,50 sFr.
Reihe: Blickwinkel für pädagogische Fachkräfte.
Thema
Das Buch befasst sich mit dem zunehmenden Perfektionsdruck, den pädagogische Fachkräfte im Arbeitsfeld der vorschulischen Kindertagesbetreuung erleben können. Es thematisiert Ursachen und Auswirkungen dieses Drucks und zeigt mögliche Wege auf, wie pädagogische Fachkräfte individuell damit umgehen können.
Autor:innen
Astrid Leska ist Inhaberin der KiB mobil GmbH, systemischer Coach sowie in der Fach- und Elternberatung tätig und gibt ihre Expertise in Fortbildungen an pädagogische Fachkräfte weiter.
Mathias Tuffentsammer ist Dipl.-Pädagoge, pädagogischer Qualitätsbegleiter sowie freiberuflicher Weiterbildner und Coach für frühpädagogische Fachkräfte und Träger und zudem Experte für die Digitalisierung pädagogischer Prozesse in Kitas.
Entstehungshintergrund
Das Buch erscheint in der Reihe „Blickwinkel – für pädagogische Fachkräfte“. Die Autor:innen haben pädagogische Fachkräfte über viele Jahre hinweg begleitet und dabei beobachtet, dass sowohl eigene Erwartungen als auch äußere Anforderungen erheblichen Druck erzeugen und teilweise zu Blockaden führen können. Diese Beobachtungen bildeten den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Perfektionsansprüche entstehen und welche Auswirkungen sie auf professionelles Handeln haben.
Aufbau
Das Buch ist in vier Hauptabschnitte gegliedert. Der erste Abschnitt („Hinsehen“) beleuchtet die äußeren Rahmenbedingungen pädagogischer Arbeit sowie die damit verbundenen Anforderungen und Erwartungen und gibt Impulse zur Strukturierung dieser Einflüsse. Der zweite Abschnitt („Leuchttürme im pädagogischen Alltag“) stellt pädagogische Qualität, Kinderschutz und Menschenwürde als zentrale Orientierungsfaktoren mit stärkendem Potenzial dar. Im dritten Abschnitt („Wahrnehmen“) werden Leser:innen dazu angeregt, Gestaltungsspielräume im pädagogischen Alltag bewusst wahrzunehmen. Der vierte Abschnitt („Handeln“) bietet Strategien und konkrete Ansätze für die praktische Arbeit mit Kindern.
Inhalt
Das Buch "Einfach unperfekt perfekt! Mehr Spielraum durch weniger Perfektion" gliedert sich in vier thematische Hauptabschnitte, die aufeinander aufbauen und die Leser:innen schrittweise von der Analyse bestehender Anforderungen hin zu konkreten Handlungsmöglichkeiten im pädagogischen Alltag führen. Im ersten Abschnitt („Hinsehen“) wird die Vielfalt der Rollen pädagogischer Fachkräfte im Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung beschrieben. Die Autor:innen zeigen auf, wie das Zusammenspiel aus fachlichen Ansprüchen, institutionellen Vorgaben, gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Haltungen zu einem hohen Maß an Druck führen kann. Das Streben nach Perfektion wird dabei als ein zentraler Faktor benannt, der Selbstüberforderung begünstigt. Gleichzeitig wird deutlich gemacht, dass äußere Rahmenbedingungen zwar einflussreich sind, pädagogische Fachkräfte jedoch innerhalb dieser Strukturen über Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume verfügen. Ziel dieses Abschnitts ist es, den Blick für diese Spielräume zu schärfen und eine entlastende Perspektive auf den eigenen professionellen Handlungsspielraum zu eröffnen.
Der zweite Abschnitt („Leuchttürme im pädagogischen Alltag“) widmet sich grundlegenden Orientierungen für pädagogisches Handeln. Zunächst werden unterschiedliche Dimensionen von Qualität in der Kindertagesbetreuung erläutert, darunter Orientierungs-, Struktur- und Prozessqualität. Dabei stellen die Autor:innen wissenschaftliche Qualitätsverständnisse der Perspektive der Kinder gegenüber und verdeutlichen, dass pädagogische Qualität nicht allein über Standards definiert werden kann. Vielmehr wird die Notwendigkeit betont, ein eigenes professionelles Qualitätsverständnis zu entwickeln und dieses in Balance mit formalen Anforderungen und persönlicher Authentizität zu halten. Zugleich wird die Gefahr thematisiert, dass Qualitätsstandards selbst zum Auslöser von Perfektionsdruck werden können. Weitere Leuchttürme dieses Abschnitts sind die Themen Kindeswohl, Kinderrechte und Kinderschutz. Diese werden fachlich fundiert und anhand praxisnaher Beispiele dargestellt. Dabei greifen die Autor:innen auch alltägliche Sprach- und Handlungsmuster auf, die aus einer adultistischen Perspektive entstehen können, und zeigen alternative, reflektierte Vorgehensweisen auf. Der Schutzauftrag nach § 8 SGB VIII wird in diesem Zusammenhang eingeordnet und in seiner Bedeutung für den pädagogischen Alltag erläutert. Ergänzend wird die Rolle der Biografiearbeit hervorgehoben, die als wichtiger Bestandteil professioneller Selbstreflexion verstanden wird. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit der Menschenwürde, orientiert an Artikel 1 des Grundgesetzes. Hier wird die Bedeutung einer würdevollen Begleitung von Kindern ebenso thematisiert wie die Reflexion eigener Gefühle, Bedürfnisse und Haltungen.
Der dritte Abschnitt („Wahrnehmen“) richtet den Fokus auf die bewusste Wahrnehmung pädagogischer Spielräume im Alltag. Die Autor:innen regen dazu an, Routinen zu hinterfragen und alltägliche Entscheidungen, die häufig unbewusst getroffen werden, sichtbar zu machen. Besonders das kindliche Spiel wird als zentraler Raum für pädagogische Gestaltungsmöglichkeiten beschrieben. Im Mittelpunkt steht dabei die Qualität von Interaktionen: Anstelle von kontrollierendem Abfragen wird eine dialogische, beziehungsorientierte Begleitung des Spiels betont. Weitere Themen dieses Abschnitts sind die Bedeutung von Beobachtung, die Beziehungsgestaltung als zentraler Wert pädagogischer Arbeit, passgenaue Bildungsimpulse sowie ein gemeinsamer Umgang mit Herausforderungen im Team. Zur Unterstützung der professionellen Selbstreflexion stellen die Autor:innen verschiedene Instrumente vor, etwa Video-Feedback oder Verfahren zur Beobachtung der Interaktionsqualität. Die Ideen und Bedürfnisse der Kinder werden dabei konsequent als Ressource verstanden.
Der vierte Abschnitt („Handeln“) knüpft an die vorhergehenden Überlegungen an und richtet den Blick auf die Umsetzung im pädagogischen Alltag. Im Zentrum steht die Frage, wie aus Wahrnehmung konkretes Handeln werden kann. Die Autor:innen betonen die Bedeutung eines situativen Vorgehens, bei dem Interessen der Kinder aufgegriffen und diese aktiv in Bildungsprozesse einbezogen werden. Schrittweise werden Ansätze für das praktische Handeln vorgestellt, darunter Zuhören, Modellieren, Visualisieren, Scaffolding sowie alltagsintegrierte Bildung und Förderung. Ergänzt werden diese Impulse durch systemische Fragen, die zur Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns anregen. Abschließend wird thematisiert, wie Veränderungsprozesse im Team gestaltet werden können, um gemeinsam einen Umgang mit Anforderungen zu entwickeln, der weniger von Perfektionismus und mehr von professioneller Gelassenheit geprägt ist.
Diskussion
Das Buch zeichnet sich durch eine hohe Dichte an fachlichen Impulsen, Reflexionsfragen und praxisbezogenen Beispielen aus. Diese Vielfalt eröffnet zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit pädagogischer Haltung und professionellem Handeln, kann jedoch stellenweise als inhaltlich überladend wahrgenommen werden. Die Vielzahl der Reflexionsimpulse erfordert Zeit und eine ausgeprägte Bereitschaft zur Selbstreflexion, was im Arbeitsalltag pädagogischer Fachkräfte nicht immer gegeben ist. Positiv hervorzuheben ist, dass das Buch Entlastung anbietet, ohne Professionalität zu relativieren. Gleichzeitig liegt der Schwerpunkt deutlich auf der individuellen Fachkraft und deren Haltung und Handlungsmöglichkeiten. Strukturelle Rahmenbedingungen wie Personalschlüssel oder Zeitressourcen werden zwar benannt, jedoch nicht vertieft behandelt. Dadurch bleibt die Frage offen, inwiefern Verantwortung für Entlastung und Qualitätsentwicklung erneut auf die einzelne Fachkraft verlagert wird. Aus Leitungsperspektive bietet das Buch insbesondere Impulse zur Reflexion von Teamkultur und zum Umgang mit Perfektionsansprüchen. Es eignet sich vor allem für eine selektive Nutzung, etwa als Grundlage für Teamsitzungen oder interne Reflexionsprozesse, weniger für eine lineare Gesamtrezeption.
Fazit
Das Buch bietet eine sehr umfassende thematische Sammlung rund um pädagogische Haltung, Qualität und den Umgang mit Perfektionsansprüchen im Kita-Alltag. Für weniger erfahrene pädagogische Fachkräfte kann diese Dichte eine breite Orientierung ermöglichen, während für erfahrene Fach- und Leitungskräfte insbesondere die gezielte Auswahl einzelner Impulse als Grundlage für Reflexions- und Teamprozesse gewinnbringend erscheint.
Rezension von
Marvin Materna
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