Alexandra Rau: Das Affektregime weiblicher Altersarmut
Rezensiert von Anna Gonon, 20.04.2026
Alexandra Rau: Das Affektregime weiblicher Altersarmut. Zur subjektiven Verarbeitung von Prekarität.
Campus Verlag
(Frankfurt) 2025.
375 Seiten.
ISBN 978-3-593-51751-3.
D: 40,00 EUR,
A: 41,20 EUR.
Reihe: Arbeit und Alltag - Band 25.
Thema
Frauen sind aus strukturellen Gründen stärker als Männer von Altersarmut betroffen. Die Alterssicherung ist nach wie vor auf Erwerbsarbeit zentriert und Frauen leisten im Lebensverlauf mehr unbezahlte Care-Arbeit. Zudem sind sie häufiger in schlecht entlohnten, sogenannten Frauenberufen tätig und erwerben geringere Rentenansprüche. Armut bedeutet aber nicht nur eine materielle Mangellage, sondern geht mit gesellschaftlicher Entwertung einher. Welche Gefühlslagen und Affekte Altersarmut auslöst und wie sich diese auf die Handlungsfähigkeit betroffener Frauen auswirken, ist Thema des Buches von Alexandra Rau.
Autor:in
Dr. Alexandra Rau hat Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie studiert und mit der Studie zum Affektregime weiblicher Altersarmut an der LMU München promoviert. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU München tätig.
Entstehungshintergrund
Die Studie entstand im Rahmen des von Prof. Dr. Irene Götz an der LMU München geleiteten DFG-Projekts „Prekärer Ruhestand. Arbeit und Lebensführung von Frauen im Alter“ (Laufzeit von 1.1.2015 bis 30.6.2019).
Aufbau
Das Werk umfasst 375 Seiten und ist in sieben Kapitel gegliedert. Auf die Einleitung folgt in Kapitel 2 eine historische und theoretische Verortung des Forschungsgegenstandes. Kapitel 3 legt das methodische Vorgehen dar. Die Kapitel 4 bis 6 dienen der Darstellung der empirischen Ergebnisse. In Kapitel 7 resümiert die Autorin die Erkenntnisse der Studie und zieht Schlussfolgerungen.
Inhalt
Rau versteht Altersarmut als Folge „struktureller Bewertungshierarchien“ (S. 29), die sowohl die unbezahlte als auch die bezahlte Arbeit von Frauen entwerten. Um „Altersarmut zu verarbeiten und sich trotz Stigmatisierung […] als handlungsfähiges Subjekt zu erfahren“, leisten altersarme Frauen „affektive Arbeit“ (S. 35). An die feministische Prekarisierungsforschung anschließend spricht sich Rau für einen mehrdimensionalen Prekaritätsbegriff aus, der materielle, soziale und psychische Verletzlichkeitsdimensionen einschließt (S. 43). Unter Rückgriff auf die „Affect Studies“ postuliert sie Affektualität als zentral für Handeln. Gefühle sind demnach Effekte struktureller Ungleichheiten und gesellschaftlich präfiguriert. Zugleich beeinflussen sie, welche Handlungsoptionen Individuen zur Verfügung stehen, und wirken durch das Handeln auf die Strukturen zurück. Diese Dynamik zwischen Struktur und Handlung bezeichnet Rau als Affektregime. Das Handeln der Akteurinnen versteht sie aber keineswegs als determiniert. Vielmehr interessiert sich die Studie auch für eigensinnige und ermächtigende Strategien der Akteurinnen.
Methodologisch nutzt die Studie biografische Erzählungen (S. 94): Diese interessieren nicht bezüglich ihres Wahrheitsgehalts, sondern hinsichtlich ihres handlungsleitenden Potenzials. Sie bieten somit einen Zugang zur agency der Befragten. Die Datengrundlage bilden narrative Interviews mit 50 altersarmen, alleinlebenden Frauen in München. Fallauswahl und Datenanalyse der Studie sind an den methodischen Prinzipien der Grounded Theory orientiert.
Der Ergebnisteil ist entlang von sechs ethnografischen Portraits gegliedert. Das Kapitel „Differenzen“ beschreibt, wie altersarme Frauen auf Gefühle der Entwertung oder Kränkung mit Strategien der Abgrenzung reagieren, um sich selbst aufzuwerten. Dies führt Rau u.a. am Beispiel der Interviewten Jolanda Fischer (Pseudonym) aus. Nach biografischen Phasen als Alleinerziehende, einer Berufstätigkeit im Niedriglohnsektor, Entlassung und später Verlust der Wohnung in München bleiben ihr noch die Tätigkeit als Verkäuferin einer Straßenzeitung und die Aussicht, nach der Rente weiterhin Erwerbsarbeit leisten zu müssen. Die Erfahrung, dass einem der wohlverdiente Ruhestand vorenthalten bleibt, mündet in ihrem Fall in sozialen Rückzug und in Ressentiments gegenüber imaginierten „Anderen“, wie z.B. Migrant:innen. Das Betonen von Differenz verhindert, so Rau, dass es zu einer Solidarisierung Armutsbetroffener kommt.
Das Kapitel „Schweigsamkeiten“ befasst sich mit Gefühlen der Melancholie, Scham und Schuld, die in Praktiken des Schweigens führen. Anhand der Befragten Hilde Meyer (Pseudonym) zeigt die Autorin, wie Altersarmut gerade von feministisch eingestellten und gesellschaftspolitisch engagierten Frauen als Scheitern am eigenen Ideal der finanziellen Autonomie gedeutet werden und Scham auslösen kann. Rau arbeitet heraus, dass selektives Schweigen und Sprechen über die eigene Armut keineswegs eine rein passive Strategie ist, sondern Ausdruck von agency sein kann, im Sinne eines gezielten Stigma-Managements.
Im Kapitel „Verkörperungen“ wendet sich Rau der Bedeutung des Körpers für das Erleben und die Bewältigung von Altersarmut zu. Unabhängig von finanziellen Ressourcen ist der Körper ein existenzieller „Prekaritätsfaktor“ (S. 262), der mit fortschreitendem Alter in den Vordergrund rückt. Für altersarme Frauen trifft das in besonderem Maß zu: Krankheiten und medizinische Behandlungen sind für sie erstens eine finanzielle Belastung und zweitens gefährden sie den gesunden Körper als zentrale Handlungsressource, etwa um weiterhin Erwerbsarbeit leisten zu können. Das Bewusstsein um die körperliche Verletzlichkeit führt zu Angst‑ und Ohnmachtsgefühlen, denen eine Befragte die Hoffnung auf einen „schönen Tod“ ohne vorgängige Pflegebedürftigkeit entgegensetzt.
Aus diesem Kaleidoskop von Affekten und Bewältigungsstrategien entwickelt Rau das Konzept der selbstreferentiellen Affektarbeit. Diese hat zum Ziel, die durch Altersarmut ausgelösten negativen Emotionen zu steuern. Sie kann in Interaktionen erfolgen, vollzieht sich aber im Wesentlichen nach innen gerichtet und zielt darauf ab, den eigenen gesellschaftlichen Status aushaltbar zu machen. Sozial‑ und gesellschaftspolitisch folgert Rau, dass nicht nur eine ökonomische Umverteilungspolitik nötig ist, sondern auch die ungleiche Verteilung von Anerkennung und entwertenden Affekten berücksichtigt werden müssen. Die zentrale Schlussfolgerung der Studie lautet, dass die vorgefundenen Affekte primär individualisierend und entsolidarisierend wirken.
Diskussion
Mit dem Fokus auf Emotionen und dem Konzept der selbstreferentiellen Affektarbeit leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zur Armuts‑ und Geschlechterforschung und zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Affekten und individueller Handlungsfähigkeit. Die zentrale Stärke der Studie liegt in der ethnografischen Herangehensweise. Das Werk bietet einen einzigartigen Einblick in die Lebenswelten altersarmer Frauen. Die ethnografischen Porträts zeichnen sich durch Dichte, Detailreichtum und Anschaulichkeit aus. Dadurch gelingt es, die Komplexität der biografischen Verläufe und Lebenssituationen altersarmer Frauen auf eine direkte, intuitive Weise zugänglich zu machen. Durch die Diversität der Fälle wird deutlich, dass sich das Phänomen weiblicher Altersarmut nicht auf Stereotype reduzieren lässt. Die Einzelfallanalysen gewähren tiefenscharfe Einblicke in soziale Zusammenhänge, die in anderen Armutsstudien oft unterbelichtet bleiben.
So aufschlussreich die Einzelbeobachtungen sind, wären stellenweise Bezugnahmen auf den Forschungsstand im Sinne einer Kontextualisierung hilfreich, z.B. auf die Forschung zur Nichtinanspruchnahme staatlicher Sozialleistungen. Zudem würden Erläuterungen sozialpolitischer Bedingungen zur Untermauerung einiger Thesen beitragen. Wenn zum Beispiel argumentiert wird, dass der (potenziell) kranke Körper für altersarme Frauen einen Prekaritätsfaktor darstellt, wäre es erwähnenswert, welche Kosten sie im Krankheitsfall effektiv zu tragen hätten. Ebenso erscheinen die psychoanalytisch unterfütterten Interpretationen der Autorin nicht immer ganz nachvollziehbar.
Trotz der vereinzelten methodischen Kritikpunkte bietet das Buch sowohl akademisch als auch politisch oder praktisch am Thema Interessierten ein aufschlussreiches Panorama weiblicher Altersarmut, aus dem die Autorin überzeugende theoretische Überlegungen und zentrale Fragen sozialer Gerechtigkeit herleitet.
Fazit
Das Buch von Alexandra Rau bietet eine dichte ethnografische Analyse weiblicher Altersarmut. Die Autorin arbeitet überzeugend heraus, dass Altersarmut mit affektiven Zumutungen verbunden ist, deren Bewältigung für die Betroffenen Arbeit bedeutet. Die Studie beleuchtet eine Leerstelle in der Armuts‑ und Geschlechterforschung und trägt auf überzeugende Weise zur theoretischen Weiterentwicklung des Konzepts affektiver Arbeit bei.
Summary
Alexandra Rau’s book offers a thorough ethnographic analysis of poverty among older women. The author convincingly demonstrates that poverty in old age is linked to affective burdens, and that coping with these requires work. The study sheds light on a gap in poverty and gender research and makes a compelling contribution to the theoretical development of the concept of emotion work.
Rezension von
Anna Gonon
Sozialpolitik und Arbeitsintegration,
Arbeitsmarkt und Beschäftigung,
Qualitative Forschungsmethoden
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