Bettina Hollstein: Was hält unsere Gesellschaft zusammen?
Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 19.03.2026
Bettina Hollstein: Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Erfahrungen in einer Suppenküche in Ostdeutschland. Campus Verlag (Frankfurt) 2025. 126 Seiten. ISBN 978-3-593-52191-6. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema und Autorin
In diesem Buch kommen Engagierte einer Suppenküche in Ostdeutschland zu Wort und schildern ihre Situation, die Probleme, die sie bewegen, ihre Erfahrungen und ihre Wünsche. Ihre Erzählungen zeigen, wie bedeutend die Situation und der Raum sind, in welchen das Engagement stattfinde. Das Buch leistet einen Beitrag, Mittel gegen die aktuellen Krisen des Zusammenhalts und der Demokratie zu finden.
Die Autorin Bettina Hollstein ist Ökonomin und Wirtschaftsethikerin sowie wissenschaftliche Geschäftsführerin des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist neben einer Vorbemerkung in sechs Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert. In der „Vorbemerkung“ beschreibt die Autorin ihre Motivation, warum sie dieses Buch geschrieben hat. Die Mitarbeiter ihrer Suppenküche würden sich von den üblichen unterscheiden, denn es sind selbst Bedürftige, weil sie von Hartz IV leben würden.
Im ersten Kapitel wird über die „Krisendiagnosen und wie sie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft bedrohen – insbesondere in Ostdeutschland“ debattiert. Die vielen gesellschaftlichen Krisen verunsichern die Gesellschaft und die Menschen fühlen sich von der Politik alleingelassen. Es fehle ein Selbstwirksamkeitsgefühl, Ohnmacht, Spaltung und Fragmentierung bestimmen die Wahrnehmung der Gesellschaft. Es bleibe der Eindruck einer multiplen Krise, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohe.
Kapitel zwei ist dem „Bürgerschaftliches Engagement – Eine Lösung zur Rettung der Demokratie“ vorbehalten. Bürgerschaftliches Engagement ist eine tätige, freiwillige, unentgeltliche Leistung, die öffentlich, gemeinwohlorientiert und kooperativ stattfindet, die häufig als zentrale Ressource für den Zusammenhalt in der Gesellschaft benennt.
Kapitel drei ist mit dem Thema „Zuhören - Die Stimme der Engagierten“ überschrieben. Demokratie als eine Form des Zusammenlebens basiert auf Kommunikation und Verstehen. Dazu gehört als erstes Zuhören. Speziell die Leisen sollten gehört werden, die Unsichtbaren. Viele Tätige kommen über eine Maßnahme des Jobcenters, manche über ein Praktikum oder abzuleistende Sozialstunden. Danach werden Fallvignetten von einzelnen Betroffenen vorgestellt. In der Summe weisen die Engagierten die Merkmale sozial benachteiligter Menschen auf, die ohne Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt und mit geringen Chancen, künftig eine Beschäftigung zu finden, über ein sehr geringes Einkommen verfügen. Die Anerkennung lässt sie zu einem Teil der Gesellschaft werden, und die Dankbarkeit, die sie für ihre Arbeit erfahren, ist mit positiven Emotionen besetzt.
Das vierte Kapitel widmet sich dem gesellschaftlichen Kontext von Suppenküchen, also „unter welchen Bedingungen findet die Arbeit in der Suppenküche statt?“. In den folgenden Ausführungen geht es um die Personalsituation, welche Rolle die christliche Wohlfahrtsorganisation spielt und um Fragen des Selbstverständnisses. Alle diese Fragen werden mit Fallvignetten unterlegt.
Im fünften Kapitel werden Fragen beantwortet zu „Verstehen, Engagement, Resonanz, Demokratie“. Ist Engagement wirklich ein Motor für die Demokratie oder doch nur Ausbeutung und Verschlechterung problematischer gesellschaftlicher Bedingungen? Was leistet Engagement für sozial Benachteiligte? Um das besser zu verstehen, wagt die Autorin einen Dreischritt. Zuerst wird das ‑Engagement als tätiges Handeln vorgestellt, dann wird der Frage nachgegangen, was Engagement als Resonanzerfahrung aus der Perspektive der Betroffenen und deren Vorstellungen eines guten Lebens darstellt, um dann wieder den Bogen zurückzuschlagen zur Demokratie als Lebensform, die von sozialen Verhältnissen des Gebens und Nehmens geprägt ist.
Im sechsten und damit letzten Kapitel wird der Frage nachgegangen, was „Verstehen – Engagement, Resonanz, Demokratie“ ist. Engagement kann eine von vielen Ertüchtigungsmaßnahmen, wenn nicht sogar ein Motor für die Demokratie sein, wenn Offenheit und Respekt für Pluralität einerseits und gemeinschaftliches Handeln im Sinne einer sozialen, integralen Demokratie andererseits umgesetzt werden.
Diskussion
Es ist ein Büchlein, das ein Thema aufgreift, das selten wissenschaftlich bearbeitet wird – das der Suppenküchen in Ostdeutschland. Es wird beschrieben, was Suppenküchen sind und welche Aufgaben sie haben. Sie sind wichtige Bindeglieder der Demokratie und zeigen auf, was sie selbst für sich und was sie für benachteiligte Menschen tun.
Fazit
Die Lektüre ist gut lesbar und verstehbar, weil diese auf eine akademische Sprache verzichtet. Es verdient Anerkennung, diese Thematik aufzugreifen und anhand von zahlreichen Fallvignetten detailgetreu nachzubilden.
Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische
Sozialforschung und Gerontologie
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