Elena Henseler: Historisch-politische Bildung in der Pflege
Rezensiert von Karen Briesen, 09.12.2025
Elena Henseler: Historisch-politische Bildung in der Pflege. Ein Lehr-Lern-Konzept zur NS-"Euthanasie".
Tectum
(Baden-Baden) 2025.
151 Seiten.
ISBN 978-3-689-00416-3.
D: 39,90 EUR,
A: 41,10 EUR.
Reihe: Young academics - Perspektiven auf Pflege - 5.
Thema
Das Buch von Elena Henseler widmet sich der historisch-politischen Bildung im Kontext der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen und zeigt auf, wie dieses Thema pädagogisch so aufbereitet werden kann, dass es für die Pflegebildung heute bedeutsam wird. Im Mittelpunkt steht ein Lehr-Lern-Konzept, das die Geschichte der Pflege in der NS-Zeit mit Fragen des beruflichen Selbstverständnisses, der Verantwortung und der professionellen Haltung verbindet.
Autorin
Elena Henseler ist in der Pflegepädagogik verankert und verbindet in ihrem Werk historische, politische und ethische Perspektiven. Ihre Darstellung zeigt hohe fachliche Präzision sowie ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Herausforderungen, die sich ergeben, wenn Geschichte, Erinnerungskultur und berufsethische Bildung miteinander verbunden werden.
Entstehungshintergrund
Die Arbeit entstand vor dem Hintergrund einer zunehmenden pflegepädagogischen Forderung, historische Verantwortung und politische Bildung systematisch in der generalistischen Pflegeausbildung zu verankern. Obwohl die Rolle der Pflege im Kontext der NS-„Euthanasie“ wissenschaftlich gut dokumentiert ist, fehlten bislang didaktisch durchdachte und praxisorientierte Konzepte, die diesen Themenbereich curricular integrieren und zugleich die professionelle Haltung sowie ethisch-politische Urteilsfähigkeit von Auszubildenden stärken.
Im Rahmen eines pflegepädagogischen Forschungsprojekts entwickelte Henseler ein Lehr-Lern-Konzept, das auf der Auswertung von Quellenmaterial aus dem Hadamar-Hauptprozess (1947) basiert. Diese Prozessakten dienten als Ausgangspunkt für die Konzeption historisch-politischer Lernanlässe, die biografisches Lernen, kritische Reflexion und die Auseinandersetzung mit berufsethischen Implikationen miteinander verbinden. Parallel dazu erfolgte die theoretische Fundierung über Ansätze der Geschichtsdidaktik, politischen Bildung und Pflegeethik.
Das entstandene Konzept schließt damit eine bestehende Lücke in der pflegepädagogischen Landschaft und liefert einen strukturieren Vorschlag, wie die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischem Unrecht nachhaltig in Lernprozesse der Pflegeausbildung integriert werden kann.
Aufbau
Das Buch ist klar gegliedert. Nach einer Einführung in Bildungstheorie und politische Bildung folgt eine differenzierte Darstellung der historisch-politischen Bildung und ihrer Bedeutung für die Pflege. Daran schließt sich ein umfangreicher Methodenteil an, der die Entwicklung des Lehr-Lern-Konzepts nachzeichnet. Die einzelnen Schritte der Kategorienbildung, Subkategorienentwicklung und Methodenauswahl sind transparent und gut nachvollziehbar erläutert. Ein praxisnaher Materialteil mit Auftragsblättern und Ablaufschema rundet das Konzept ab.
Inhalt
Im theoretischen Teil legt Henseler zunächst die bildungstheoretischen Grundlagen dar. Sie differenziert zwischen allgemeiner Bildung, politischer Bildung und historisch-politischer Bildung und zeigt deren jeweilige Funktionen für professionelles Lernen in der Pflege auf. Ein zentrales Ergebnis besteht in der begrifflichen Präzisierung, dass historisch-politische Bildung nicht primär Wissensvermittlung über historische Ereignisse meint, sondern die Verbindung von Geschichte, Gegenwartsanalyse und berufsethischer Orientierung. Dies bildet die Grundlage dafür, historische Verantwortung als Kompetenzziel in der Pflegeausbildung zu definieren.
Darauf folgt die Darstellung der historischen Rahmenbedingungen der Pflege im Nationalsozialismus. Henseler arbeitet heraus, welche strukturellen Faktoren – etwa hierarchische Organisationsformen, institutionelle Abhängigkeiten oder autoritäre Leitbilder – die Beteiligung pflegerischen Personals an der NS-„Euthanasie“ begünstigten. Ein weiteres zentrales Ergebnis der historischen Analyse ist die Herausarbeitung professioneller Spannungsfelder: Loyalität gegenüber Anweisungen, begrenzte Handlungsspielräume, Rollenverständnis und die Wahrnehmung von Fürsorge unter diktatorischen Bedingungen. Diese historischen Befunde dienen als inhaltliche Grundlage für die didaktischen Kategorien des Lehr-Lern-Konzepts.
Ein umfangreicher Teil widmet sich der Auswertung der Hadamar-Hauptprozessakten (1947). Henseler identifiziert darin zentrale Themenfelder für Lernprozesse, darunter: Entscheidungsstrukturen im Klinikalltag, individuelle Handlungs- und Partizipationsformen von Pflegenden, Umgang mit Wissen und Nichtwissen sowie moralische Rechtfertigungsstrategien. Die systematische Analyse der Aussagen führt zu spezifischen didaktischen Kategorien, etwa „Gehorsam und Verantwortlichkeit“, „Berufliche Normen und Handlungsspielräume“, „Wahrnehmung von Leid“ oder „Beteiligung durch Routinen“. Diese Kategorien bilden ein wesentliches Ergebnis und dienen als Struktur für das Lehr-Lern-Konzept.
Im methodischen Hauptteil wird die Entwicklung des Konzepts detailliert beschrieben. Zentrale Ergebnisse sind die Herleitung von übergeordneten Kategorien und Subkategorien aus dem Quellenmaterial, die Zuordnung geeigneter Methoden (z.B. biografisches Lernen, problemorientierte Aufgabenstellungen, Quellenarbeit, Reflexionsimpulse), die Definition von Lernzielen, die sowohl historisches Verständnis als auch berufsethische Orientierung ansprechen, und die Entwicklung eines modular einsetzbaren Ablaufschemas, das sowohl Vorbereitung, Besuch eines Lern- oder Gedenkortes als auch Nachbereitung umfasst.
Ein weiteres Ergebnis ist die klare Strukturierung des Lernprozesses in drei Schritte: Wissensaufbau, Quellenbasierte Auseinandersetzung und Reflexion der eigenen beruflichen Haltung. Die beigefügten Arbeits- und Auftragsblätter operationalisieren diese Schritte und ermöglichen eine standardisierte Umsetzung im Unterricht.
Zusammenfassend zeigt der Inhaltsabschnitt, dass das Buch drei zentrale Ergebnisse hervorbringt: eine theoretische Fundierung historisch-politischer Bildung für die Pflege, eine empirisch gestützte Aufarbeitung relevanter historischer Themen anhand der Hadamar-Prozessakten, und ein aus diesen Erkenntnissen abgeleitetes, didaktisch-strukturiertes Lehr-Lern-Konzept mit praxistauglichen Materialien.
Diskussion
Aus Sicht der Rezensentin ist das Werk ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie historisches Lernen, ethische Reflexion und pflegepädagogische Praxis ineinandergreifen können. Besonders stark ist die Orientierung an aktuellen Herausforderungen des Berufsstandes: Fragen nach Gehorsam, Haltung, Mut zur Verantwortung und professioneller Autonomie werden nicht abstrakt, sondern im Spiegel der Geschichte gestellt.
Das Buch ist daher nicht nur ein Beitrag zur historischen Pflegeforschung, sondern auch ein Impuls für die Weiterentwicklung der Pflegeprofession insgesamt. Die methodische Diskussion der Autorin ist differenziert, offen und reflektiert – und sie bietet wertvolle Ansatzpunkte für Lehrkräfte, Studierende und alle, die in der Pflegebildung tätig sind.
Kritisch anzumerken ist lediglich die Gestaltung einiger Abbildungen und Tabellen: Die Schrift ist teilweise so klein, dass sie schwer lesbar ist. Dies stellt jedoch keine inhaltliche, sondern eine rein gestalterische Schwäche auf Seiten des Verlags dar.
Fazit
Ein fundiertes und gut strukturiertes Werk, das die historisch-politische Bildung in der Pflegebildung weiterentwickelt. Es bietet praxisrelevante Impulse für Lehrkräfte, Studierende und die pflegepädagogische Fachcommunity.
Rezension von
Karen Briesen
B.Sc. Pflege-Praxisentwicklung, Fachpflegerin für Anästhesie- und Intensivmedizin, Praxisanleiterin, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. – Sektion historische Pflegeforschung
Mailformular
Es gibt 2 Rezensionen von Karen Briesen.





