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Andreas Riedel, Monica Biscaldi-Schäfer: Sprache bei Menschen im Autismus-Spektrum

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer, 07.05.2026

Cover Andreas Riedel, Monica Biscaldi-Schäfer: Sprache bei Menschen im Autismus-Spektrum ISBN 978-3-17-043208-6

Andreas Riedel, Monica Biscaldi-Schäfer: Sprache bei Menschen im Autismus-Spektrum. Interdisziplinäre Perspektiven. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 214 Seiten. ISBN 978-3-17-043208-6. 39,00 EUR.

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Thema

Das Buch befasst sich mit verschiedenen Aspekten von Sprache und Sprachgebrauch im Zusammenhang mit Autismus.

Kommunikationsschwierigkeiten gelten seit der „Entdeckung“ von Autismus als zentrales Merkmal dieses Phänomens und wurden bereits früh beschrieben. Doch erst in jüngerer Zeit findet eine dezidiertere Auseinandersetzung mit den Besonderheiten statt, insbesondere mit jenen, die bei Menschen ohne Intelligenzminderung und mit Autismus auftreten. Unter anderem befassen sich die Wissenschaftlerinnen Martine Grice und Malin Spaniol von der Universität Köln in Zusammenarbeit mit dem Psychiater Kai Vogeley von der Universitätsklinik Köln mit diesem Thema. Und 2023 erschien der Sammelband „Sprache und Kommunikation bei Autismus“, herausgegeben von Christian Lindmeier, Stephan Sallat und Katrin Ehrenberg, der wesentliche Aspekte zu Sprache und Kommunikation bei Autismus beleuchtete. Das vorliegende Buch vertieft einige Aspekte und betrachtet darüber hinaus weitere Themen.

Autor:innen

Autor:innen sind Andreas Riedel und Monica Biscaldi-Schäfer. Andreas Riedel ist leitender Arzt und stellvertretender Chefarzt an der Psychiatrie in Luzern/​Schweiz und habilitierte 2016 zu einem Autismus-Thema. Monica Biscaldi-Schäfer ist Oberärztin und Leiterin des Kinder‑ und Jugendbereichs am Universitäten Zentrum Autismus-Spektrum in Freiburg/​Deutschland. Als beitragende Autor:innen waren sowohl ein Selbstbetroffener als auch Forschende aus den Bereichen Germanistik, Linguistik und Literatur beteiligt.

Entstehungshintergrund

Hintergrund des Buches ist die Beobachtung, dass es häufig sprachliche Missverständnisse zwischen sogenannten neurotypischen (also nicht-autistischen) und autistischen Personen gibt. Die Herausgebenden wollten daher dieses Thema intensiv beleuchten.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einem Geleitwort, auf das neun Kapitel folgen. Diese umfassen die Einführung, eine historische Einordnung, sowie Kapitel zu Störungen der Sprachentwicklung bei Kindern mit und ohne Autismus, zu liguistischer Pragmatik, zu Elementen autistischer Sprache aus klinischer Sicht, zu autistisch-neurotypischer Kommunikation, zur Bedeutung von Sprache in der Diagnostik, zur Bedeutung von Sprache in der Therapie und Beratung, sowie einem Kapitel zu Autismus und Sprache aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Im Anhang befindet sich ein Sprachpragmatikfragebogen sowie dessen Auswertungsalgorithmus.

Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Geleitwort von Ludger Tebartz van Elst, der einen Bezug herstellt zu dem Werk von Ludwig Wittgenstein, der sich schon recht früh mit dem Thema Sprache befasst hat, und den Tebartz van Elst als einen „autistisch strukturierten Menschen“ (S. 9) bezeichnet. Tebartz van Elst stellt ausgehend von den Arbeiten Wittgensteins dar, dass Sprache nicht nur ein klinisches, sondern auch philosophisches Thema sei.

Die Einleitung, die zugleich das erste Kapitel darstellt, umfasst einen Überblick über autistische Besonderheiten im Bereich Sprache und welche Folgen sich daraus ergeben, wie z.B. dass es manchmal einer „Übersetzung“ bedarf. Die Inhalte der einzelnen Kapitel werden skizziert und der Adressat:innenkreis wird beschrieben. So richtet sich das Buch sowohl an Fachpersonal als auch an autistische Menschen und deren Angehörige. Es wird beschrieben, dass Autismus als „menschliche Varianz“ (S. 16) verstanden wird, ohne in Abrede zu stellen, dass Autismus auch als Krankheit erlebt werden kann, die Leid verursacht.

Im zweiten Kapitel erfolgt eine historische Einordnung. Es wird dargestellt, dass bereits die Erstbeschreiber:innen der Autismus-Spektrum-Störung sprachliche Auffälligkeiten bemerkten und in ihren Arbeiten teils ausführlich beschrieben haben. Weiter wird auf die Verortung von Besonderheiten beim Sprachgebrauch in den diagnostischen Manualen ICD-10 und ICD-11 eingegangen. Ebenso auf die Funktion der im DSM-5 und ICD-11 neu vorgesehen Diagnosen der sozialpragmatischen Kommunikationsstörung (DSM-5) bzw. pragmatischen Sprechentwicklungsstörungen (ICD-11) und wie diese im Zusammenhang mit Autismus stehen bzw. hiervon abgrenzbar sind.

Das dritte Kapitel widmet sich den Störungen der Sprachentwicklung bei Kindern mit und ohne Autismus-Spektrum-Störung. Unter anderem wird diskutiert in wie weit Autismus-Spektrum-Störungen und Störungen der Sprachpragmatik miteinander einhergehen.

Das vierte Kapitel befasst sich mit linguistischer Pragmatik. Themen sind hier der Einsatz von Ironie sowie empirische Befunde zu Pragmatik und Autismus unter Beachtung der Korrelationen zur Theory of Mind (ToM). Auch das sprachliche Alignment („die Anpassung an das Verhalten des/der Kommunikationspartner(s)“ (S. 60)) bei neurotypischen und autistischen Menschen wird betrachtet. Ebenso wird erörtert, dass „sich die klinisch oft eindeutigen pragmatischen Auffälligkeiten experimentell oft nicht gut nachweisen lassen“ (S. 78), „weil pragmatische Situationen nicht wiederholbar sind“ (S. 78).

Thema des fünften Kapitels sind die Elemente autistischer Sprache aus klinischer Perspektive. Besprochen werden sowohl Auffälligkeiten bei autistischen Kindern und Jugendlichen, wie „Sprechfaulheit“ (S. 84), Monologisieren, fehlendes Dialogfähigkeit, als auch Besonderheiten bei autistischen Erwachsenen, die Aspekte wie Smalltalk, Verstehen von Ironie, Gesprächsführung und Besonderheiten der Semantik betreffen.

Das sechste Kapitel wurde von dem selbstbetroffenen Psychologen Matthias Huber verfasst und vergleicht den Sprachgebrauch von Menschen mit und ohne Autismus.

Die Bedeutung der Sprache in der Diagnostik ist das Thema des siebten Kapitels. In diesem Kapitel wird der Freiburger Fragebogen zur Sprachpragmatik (FFS) vorgestellt, der sich auch inklusive Auswertungsalgorithmus im Anhang des vorliegenden Buches befindet. Es wird aufgezeigt wie anamnestisch autismusbedingte Besonderheiten im Sprachgebrauch erhoben werden können.

Das achte Kapitel wendet sich der Bedeutung der Sprache in Therapie und Beratung zu. Unter anderem wird aufgezeigt, was in Bezug auf Gespräche in einem therapeutischen Kontext bei autistischen Kindern und Jugendlichen beachtet werden sollte, sowie sprachliche „Leitsterne“ (S. 151) bei therapeutischen Kontakten mit autistischen Erwachsenen.

Das neunte Kapitel wurde von der Professorin für neuere und neueste britische Literatur im globalen Rahmen Miriam Nandi verfasst und trägt die Überschrift „Das Ich in der Fremde: Autismus und Sprache aus literaturwissenschaftlicher Sicht“. Hierzu analysierte Nandi autobiografische Texte, die mehrheitlich von autistischen Personen verfasst wurden und stellt Besonderheiten fest, wie z.B. dass autistische Autor:innen „Listen in ihre Fließtexte eingebaut haben“ (S. 165) und eine „starke Gewichtung von Nicht-Menschlichem“, im Sinne davon, dass bei nicht-autistischen Autor:innen menschliche Bindungen und Beziehungen eine größere Rolle spielen als bei autistischen Autor:innen.

Das Buch schließt mit einem Literatur-, Autor:innen und Stichwortverzeichnis sowie dem bereits erwähnten Anhang.

Diskussion

Das Buch liefert viele wertvolle Einblicke und Beobachtungen und zeichnet sich insbesondere durch die genaue und differenzierte Beobachtungsgabe der Autor:innen aus. So wird z.B. dargestellt, dass es verschiedene Formen von Ironie gibt und autistische Personen sich nur mit manchen Formen schwerer tun als nicht-autistische Personen (S. 99 f.). Auch wird das Klischee widerlegt, dass man autistische Personen daran erkenne, dass sie keine Metaphern verstehen, vielmehr werde das Metaphernverstehen oft kompensiert (S. 103 f.).

Eindrucksvoll wird dargestellt, wie konversationelle Implikaturen und langjährige Erfahrungen mit Missverständnissen bei autistischen Menschen zu psychotisch anmutetenden Auffassungen führen können (S. 110 f.).

In der Wissenschaft gibt es die Auffassung, dass es sich bei den meisten psychischen Störungen um Störungen mit Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation und Interaktion handelt. Damit stellt sich die Frage, was hinsichtlich Sprachgebrauch konkret auf Autismus hinweist. Die Herausgebenden zeigen auf, welche Besonderheiten in der Sprachpragmatik genau zur Differentialdiagnostik genutzt werden können (S. 135 f.).

Als sehr wichtig erscheint mir auch die Behandlung des Themas „Die Bedeutung der Sprache in Therapie und Beratung von Erwachsenen mit Autismus“ (S. 148 f.). Manche autistische Menschen berichten davon, dass sie sich in (psycho-)therapeutischen Behandlungen aber auch in Beratungssettings oft unzureichend verstanden fühlen – dies sowohl auf der sprachlichen Ebene, aber auch inhaltlich. Ebenso wird in Fachpublikationen auf dieses Thema hingewiesen, vgl. z.B. Küpper/Bartels/​Dziobek (2026). Das vorliegende Buch gibt wichtige Tipps, wie ein besseres gegenseitiges Verstehen gelingen kann.

Doch auch andere Ausführungen in Bezug auf die psychotherapeutische Behandlung von Menschen mit Autismus sind sehr wertvoll. Beispielsweise dass aufgrund „der häufigen autismusspezifischen Gedächtnisbesonderheiten“ (S. 154) „auch bei mehrfachem Durchschreiten einer Erinnerung […] meist 'kein Gras über die Sache wächst'“. Vielmehr brauche es eine Neuinterpretation der Situation (S. 154).

Hinsichtlich des letzten Kapitels zu der literaturwissenschaftlichen Sicht erlebte ich bei mir einige Irritationen. So wurde mit dem Buch „The Curios Incident with the Dog in the Nighttime“ von Mark Haddon ein Buch angeführt, zu dem der Autor auf seiner Homepage schreibt: „curious incident is not a book about asperger’s. it’s a novel whose central character describes himself as ‘a mathematician with some behavioural difficulties’“ (Haddon 2009). Ähnlich verhält es sich mit einem weiteren herangezogenen Buch; die Autorin Susanne Schäfer distanziert sich inzwischen davon, Autismus zu haben (vgl. Schäfer). Bei einem Urteil wie „Keiner der untersuchten Texte [von Menschen aus dem Autismus-Spektrum] [lädt] auf die typische Weise dazu ein, tief in die erzählte Welt einzutauchen, sich mit den Figuren zu identifizieren und Spannung zu erleben“ (S. 186) würde ich mir wünschen, dass deutlicher wird, dass dies nicht als allgemeines Fazit gelten kann, sondern das subjektive Empfinden der Autorin dieses Kapitels ist. Nichtsdestotrotz beschreitet die Autorin mit ihrer Analyse Neuland, weshalb ich ihren Artikel als anregend empfinde.

Fazit

Das Buch „Sprache bei Menschen im Autismus-Spektrum“ herausgegeben von Andreas Riedel und Monica Biscaldi-Schäfer stellt eine Bereicherung sowohl für den wissenschaftlichen Diskurs dar, also auch eine konkrete Hilfestellung für Fachpersonen, die mit Menschen mit Autismus arbeiten, sowie für Betroffene selbst. Wertvolle Ergänzungen sind die von Matthias Huber und Miriam Nandi verfassten Kapitel, die Einblick geben in die Perspektive eines Autisten (Huber) bzw. einer Nicht-Autistin (Nandi) auf autistischen Sprachgebrauch.

Literatur

Haddon, M. (2009). Asperger's and Autism. URL: https://www.markhaddon.com/blog/aspergers-autism [Zugriff am 25.04.2026]

Küpper, C., Bartels, H. T. & Dziobek, I. (2026). Psychotherapie bei Erwachsenen mit Autismus in der ambulanten Praxis: Herausforderungen und Empfehlungen. Psychotherapeutenjournal, 25 (1), 33–42. https://doi.org/10.61062/​ptj202601.004 [Zugriff am 25.04.2026]

Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand (17. April 2026, 14:09 UTC). Susanne Schäfer (Autorin). URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Susanne_Sch%C3 %A4fer_(Autorin)&oldid=266278644 [Zugriff am 25.04.2026]

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Diplom-Sozialpädagogin, Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig als Pädagogin auf der Station für Menschen mit geistiger Behinderung, Autismus und anderen Entwicklungsstörungen des ZfAE des kbo-Isar-Amper-Klinikums, Region München
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Es gibt 17 Rezensionen von Franziska Günauer.

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ISSN 2190-9245