Heidi Graf, Michael Martinz (Hrsg.): Über Suizidalität sprechen
Rezensiert von Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 03.12.2025
Heidi Graf, Michael Martinz (Hrsg.): Über Suizidalität sprechen. Erfahrungen aus der Angehörigenberatung.
Psychiatrie Verlag GmbH
(Bonn) 2025.
ISBN 978-3-86739-380-5.
Reihe: BALANCE ratgeber.
Entstehungshintergrund und Thema
Den Verein Die ARCHE – Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e.V. (kurz: ARCHE)gibt es seit 1969, seit 2001 trägt er diesen Namen. Die Ziele des Vereins bestehen in der direkten Hilfe für Menschen in akuten Lebenskrisen, der Begleitung von Angehörigen und Freunden, der Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit und der Qualifizierung von Fachkräften. Der Erfahrungsschatz der Angehörigenberatung untermauerte die Idee, die Expertise dieser Kriseneinrichtung, die für den Großraum München und Oberbayern zuständig ist, zu bündeln und verfügbar zu machen. Die Publikation wurde von der Anni-Gruber Stiftung gefördert.
Herausgeber
Das Buch wird von ARCHE herausgegeben. Laut einleitenden Angaben haben sich alle Mitarbeitenden des multidisziplinären Teams (Psycholog:innen, Sozialpädagog:innen, Mediziner:innen) am Buchprojekt beteiligt. Als verantwortliche:r Autor:in werden Heidi Graf, Systemische Therapeutin und Geschäftsführerin sowie Dipl.-Psych. Michael Martinz, Psychologischer Psychotherapeut, genannt. Prof. Dr. Peter Brieger, der ärztliche Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums und Dipl.-Psych. Susanne Menzel, Referentin der Klinik haben das Kapitel Was die Wissenschaft über Suizidalität weiß – und was nicht beigesteuert.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, beginnt mit einem Vorwort (S. 9–10) von Karl Heinz Möhrmann, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) e.V. und endet mit einem Anhang (S. 189–205) aus zehn Hinweisen für den Umgang mit Menschen, die suizidgefährdet sind, mit einer Liste von Anlaufstellen, Hilfeangeboten im deutschsprachigen Raum, weiterführenden Informationen und verwendeter Literatur.
Das erste Kapitel Angehörige sind immer mitbetroffen (S. 11–17) präsentiert Angaben zur Anzahl von Menschen aus dem Umfeld von Personen, die suizidgefährdet sind oder sich suizidiert haben (schätzungsweise pro Suizid sechs bis 30 Personen bei 10.000 pro Jahr ohne Dunkelziffer der Suizidversuche). An- und Zugehörige suizidal gefährdeter Personen werden durch das Bekanntwerden der Intention aus dem Alltag und dem Gleichgewicht gerissen und spielen zugleich als sog. Gatekeeper in der Suizidprävention eine wichtige Rolle. Ziel des Buches ist es, den Angehörigen Anregungen zu geben, „wie sie sich hilfreich für die betroffene Person verhalten können“ (S. 13).
Das zweite Kapitel Voneinander lernen: Über Suizidalität sprechen. Ein trialogisches Gespräch (S. 18–31) beinhaltet einen im Mai 2025 aufgezeichneten Austausch zwischen sechs Personen, die jeweils die Perspektive auf ihr Erleben von Suizidalität darlegen. Zwei Personen sprechen aus der Perspektive einer Mutter, zwei sind Mitarbeitende bei ARCHE, eine Person ist von Suizidalität betroffen und eine Person nimmt die Perspektive einer Beratungsstelle an einer Hochschule ein. Im Mittelpunkt stehen das Erleben und die Wirkung der suizidalen Krise auf die Beteiligten und der Blick darauf, was ihnen jeweils hilft.
Das dritte Kapitel Warnsignale erkennen: Wie ernst muss ich das nehmen? (S. 32–57) demonstriert anhand von zwei Beratungsbeispielen, wie die Ratsuchenden, eine besorgte Mutter, die bei ihrer Tochter Anzeichen von Suizidalität erkennt sowie ein Chef mit einem Kollegen eines Mitarbeiters, der am Lebenswillen zweifelnde Äußerungen tätigt, wie sich die Beratenden verhalten, um heraus zu finden, wie ernst die beobachteten und geäußerten Hinweise zu nehmen sind, wie gemeinsam in der Beratung versucht wird, Vorgehensweisen und Strategien zu entwickeln, die Betroffenen zu erreichen, sie in einen Prozess des Hilfesuchens und -annehmens zu involvieren und wie ein Beratungsverlauf sein kann. In den Erfahrungen aus der Beratung werden passive und aktive Suizidgedanken herausgearbeitet, Warnzeichen für eine suizidale Krise benannt sowie die Stadien der Suizidalität beschrieben. Auch auf die Ressourcen und die Gefahren der Sozialen Medien wird eingegangen. Festzustellen ist, dass Suizidgedanken nicht immer mit einer psychischen Erkrankung einhergehen müssen bzw. diese bis zur näheren Abklärung nicht bekannt war. Demonstriert wird, wie wichtig das Kontakt-Halten der Angehörigen zu den Betroffenen ist und wie das Hilfesystem einbezogen werden kann. Hinweise auf Suizidalität sind in jedem Kontext (Familie, Bekannte, Arbeitsplatz) ernst zu nehmen.
Auch in Kapitel 4 Ansprechen: Wie kann ich in Kontakt kommen? (S. 58–74) werden ausgehend von zwei Fällen a) einer Mutter, die mit Selbstverletzungen und Suizidgedanken des Sohnes konfrontiert ist und b) von drei Studierenden, die sich Sorgen um einen Kommilitonen machen, Anregungen aus der Beratungspraxis gegeben, wie ein vages „ungutes Gefühl“ aufgegriffen und Klarheit in der Kommunikation mit den Betroffenen geschaffen werden kann. Insbesondere nehmen die Verfasser:innen die Angst, Suizidgedanken offen anzusprechen und plädieren für ein dreischrittiges Vorgehen: 1) Nach Suizidgedanken fragen, 2) Zuhören ohne zu bewerten oder zu bagatellisieren und 3) Hoffnung vermitteln und Unterstützung zusagen. Die Formen der Kontaktaufnahme richten sich nach den Vorlieben und Gegebenheiten, das Ziel besteht auch darin, die akute Gefahr einzuschätzen, um weitere Schritte unternehmen zu können.
In Kapitel 5 Hilfreich sein: Was kann ich konkret tun? (S. 75–96) werden exemplarisch konkrete Schritte der Beratung aufgezeigt, die in den Gesprächen mit den An- und Zugehörigen erarbeitet wurden, um deren Ängste, Hilflosigkeit und Ohnmacht in Griff zu bekommen. Der starke Wunsch von Personen, die mit suizidgefährdeten Personen zu tun haben, ist, eine möglichst konkrete Handlungsempfehlung zu erhalten. Die Berater:innen benötigen dafür im Gegenzug möglichst viele Informationen über die von Suizidalität betroffenen Personen. Insofern bildet den Ausgangspunkt für die Unterstützung das Signalisieren von Gesprächsbereitschaft, um zu zeigen, dass die Person mit suizidalen Gedanken den An- und Zugehörigen etwas Wert ist. Wie im Einzelnen dieses Da-Sein aussehen kann, wie Suizidmittel entfernt werden können und ein Krisenplan sowie eine Hope-Box erarbeitet werden können, hängt sehr von den Rollen, die die An- und Zugehörigen einnehmen (z.B. bin ich Gruppenleitung einer Aktivreise-Veranstaltung oder Sohn des verwitweten Vaters), der Beziehung inklusive entsprechender -muster und anderer Faktoren, wie z.B. ins Hilfenetz zu integrierende andere Personen ab.
Kapitel 6 Akute Suizidalität: Wie mit der Angst umgehen? (S. 97–135) beginnt mit der Schilderung zweier Beratungsfälle, in denen die Umsetzungsimpulse für eine suizidale Handlung stark vorhanden und die An- und Zugehörigen entsprechend angstbesetzt sind. Aufgezeigt wird, was bei einer akuten Suizidgefahr zu tun ist, wie die Verhinderungs- und Rettungspflicht der An- und Zugehörigen zu verstehen ist und wie bzw. inwieweit eine Unterbringung gegen den Willen der Betroffenen möglich ist. Die Autor:innen artikulieren ihr Wissen um die ersten Tage in der Klinik, wie mit der Klinik kommuniziert werden kann und was die An- und Zugehörigen während des Aufenthalts tun können. Ein Abschnitt widmet sich der Unterbringung von Minderjährigen und der Rechte ihrer Eltern. Die Vorbereitung auf und die Zeit nach der Entlassung aus der Klinik bringt für die Betroffenen wie deren Sozialkontakte andere Herausforderungen mit sich: Es ist zwar gerade eine akute Krise überwunden, bestimmte Verhaltensmuster und Kulturen innerhalb von Familien bestehen aber weiterhin und bei den An- und Zugehörigen sind Unsicherheiten im Umgang vorhanden (z.B. wie viel Autonomie kann auf die von suizidalen Gedanken Betroffenen übertragen werden, ganz besonders bei Jugendlichen). Eine drängende Frage der An- und Zugehörigen ist, wie den aus der Klinik Entlassenen begegnet werden kann. Hinzukommen selbstreflexive Fragen, wieso die Suizidalität nicht bemerkt wurde, inwieweit sich daraus Fragen von Schuld ergeben und andere Emotionen im Kontext des Klinikaufenthalts.
Kapitel 7 Selbstsorge und Grenzen setzen: Was kann ich für mich tun? (S. 136–173) umfasst, erneut eingeleitet von Fällen, Ausführungen zur Persönlichkeit des Angehörigen und die Funktion von Suizidalität in Beziehungsdynamiken in sozialen Kontexten (Partnerschaften, Freundschaftsgruppen u.a.m.). An- und Zugehörige können sich durch Information „empowern“, ihre Rollen klären und ihre Grenzen ausloten, sie mitteilen und sich klar machen, wie viel Verantwortung sie übernehmen können/wollen und wann sie auch loslassen. Sie sind mit ihren Ängsten und Unsicherheiten, nicht selten mit einer Verpflichtung zur Geheimhaltung konfrontiert und sind Adressat:innen von Suiziddrohungen. Die Berater:innen stellen vor, wie sensibel mit einem Ankündigungsbrief (an den An- und Zugehörigen mit der Zusage von Hilfe und der Inanspruchnahme externer Hilfe) umgegangen werden kann. Ein Abschnitt widmet sich der Verantwortung für das Leben anderer, ein weiterer den Kindern Betroffener in suizidalen Krisen. Abschließend fokussieren die Autor:innen den Blick auf die Situation der An- und Zugehörigen selbst, wenn ihnen die permanente Alarmbereitschaft, die Angst und die ständige Hab-Acht-Stellung zu viel abverlangt.
In Kapitel 8 Was die Wissenschaft über Suizidalität weiß – und was nicht (S. 174–188) fassen Peter Brieger und Susanne Menzel aktuelle Angaben zur Entwicklung, Häufigkeit von Suiziden u.a. differenziert nach Geschlecht, Alter, Region, internationaler Verteilung, Methoden und zu Suizidversuchen (im Unterschied zur selbstschädigendem Verhalten) zusammen. Im Besonderen gehen sie auf den Zusammenhang zwischen psychischer Erkrankung und Suizid, die drei Phasen der Suizidalität (Erwägung – Ambivalenz – Entschluss) und die Risikofaktoren für den Suizid ein, der auch im geschützten Rahmen einer Klinik vollzogen werden kann. Ein Abschnitt greift Erkenntnisse zum assistierten Suizid und das aktuelle Begutachtungsverfahren auf. Schlussendlich führen Brieger und Menzel Nachweise für die Effekte von Suizidprävention an und richten mit der in Arbeit befindlichen S3-Leitlinie „Suizid und Umgang mit Suizidalität“ den Blick auf weitere wissenschaftliche und gesellschaftliche Aktivitäten.
Diskussion
Mit dem Satz „Suizidprävention ist möglich“ – schließt das Vorwort und greift eine Aussage der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) auf. Es wird erwartet, dass die im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro) festgelegten Maßnahmen bis zur Verabschiedung des geplanten sog. Suizidpräventionsgesetzes 2026 fortgesetzt werden und die Hoffnung der Autor:innen auf einen weiteren Ausbau der Institutionen realisiert werden können, um den in den vergangenen 40 Jahren erreichten Rückgang an Personen, die von Suizidalität betroffen sind, beibehalten bzw. die Anzahl der Suizide durch Prävention weiter reduzieren zu können. Den Verfasser:innen ist bewusst, dass ein Suizid aufgrund des begrenzten Einflusses auf das Verhalten anderer nicht ausgeschlossen werden kann. In ihrem Buch zeigen sie auf eine sehr verständliche Weise, wie sie Anliegen von An- und Zugehörigen aufgreifen, wie sie diese in den Arbeitsprozess einbinden, wie sie Lösungen finden für das, was die An- und Zugehörigen in die Beratung mitbringen. Sehr gut gelungen ist, wie anhand der dargestellten Beratungsverläufe die o.g. Themen aufgegriffen werden: Verunsicherung, Ängste, Ohnmacht, Schuldgefühle, Verzweiflung, Wut, Erschöpfung und viele andere Empfindungen mehr bringen die Angehörigen in die persönliche oder telefonische Beratung mit. Den Autor:innen gelingt es, sehr nuanciert zu beschreiben, dass es um eine den Ratsuchenden und den sie umgebenden suizidal gefährdeten Menschen angepasste Vorgehensweise geht, die die Ratsuchenden nach wenigen oder regelmäßigen Kontakten wieder handlungsfähig macht. Das Buch beschränkt sich auf Fälle, in denen der Beratungsprozess erfolgreich verlief und es zu keinem Suizid kam. Besonders deutlich wird herausgearbeitet, wie wichtig es ist, sich selbst Hilfe zu holen und für einen Betroffenen ein Netzwerk aus professionellen und informellen Unterstützungsquellen zu knüpfen, sich nicht auf Geheimhaltungsstrategien einzulassen, wobei trotz zunehmender Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen nach wie vor Stigmatisierungsängste bestehen. Die Beratungsbeispiele spiegeln aber wider, dass Suizidalität nicht nur im familiären Kontext wahrgenommen wird, es werden auch Anliegen von Kommilitonen, Arbeitskollegen oder (Personal)verantwortlichen in leitender Funktion benannt, was als weiterer Vorzug der Publikation zu erwähnen ist. Damit wird u.a. auch angedeutet, dass in der An- und Zugehörigenarbeit Generalisierungen jeglicher Art fehl am Platz sind.
Das Buch ist sehr verständlich geschrieben und erklärt auch Hintergründe, ohne ins Detail zu gehen. Auch der Beitrag aus der Wissenschaft beschränkt sich auf das für das Ziel des Buches Wesentliche. Die Kapitel sind zwar nicht nummeriert, aber mit grafischen Mitteln so untergliedert, dass die Orientierung gegeben ist.
Fazit
Ein BALANCE-Ratgeber, der die Fachexpertise eines Beratungsteams nutzt, mit viel Fingerspitzengefühl agiert und keine „Man-nehme-Mentalität“ beinhaltet. Eine empfehlenswerte Lektüre.
Rezension von
Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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