Eberhard Glogau (Hrsg.): Hören, Spüren und Bedenken - Mentalisieren in der Musiktherapie
Rezensiert von Dr. phil. Oliver Schöndube, 17.02.2026
Eberhard Glogau (Hrsg.): Hören, Spüren und Bedenken - Mentalisieren in der Musiktherapie. 32. MusiktherapieTagung am Freien Musikzentrum München e.V. (2.- 3. März 2024).
Dr. Ludwig Reichert Verlag
(Wiesbaden) 2025.
120 Seiten.
ISBN 978-3-7520-0878-4.
D: 19,90 EUR,
A: 20,50 EUR.
Reihe: Institut für Musiktherapie (München): Schriften aus dem Institut für Musiktherapie am Freien Musikzentrum München e.V. - Band 26. Zeitpunkt Musik.
Thema
In vielfältiger Weise beleuchten die Beiträge des Buches unterschiedliche Facetten des Mentalisierens in der Musiktherapie und fassen damit die Beiträge der benannten Tagung zusammen. Den Leser:innen werden fundierte theoriebezogene Auseinandersetzungen verzahnt mit konkreten Einblicken in die jeweilige Praxis und Aspekte der Weiterentwicklung bezogen auf das Mentalisieren angeboten.
Herausgeber:in
Herausgeber, Musiktherapeut, Paar‑ und Familientherapeut Eberhard Glogau verfolgt neben seiner früheren Tätigkeit im psychiatrischen Setting und in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen eine langjährige Lehrtätigkeit in musiktherapeutischen Aus‑ und Weiterbildungen und ist als Supervisor tätig.
Entstehungshintergrund
Der vorliegende Band enthält die Beiträge der 32. Tagung des Freien Musikzentrums München, das jährlich Fachtagungen zur Musiktherapie mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten durchführt. Die Tagung „Hören, Spüren und Bedenken – Mentalisieren in der Musiktherapie“ fand vom 2. bis 3. März 2024 statt.
Aufbau
Die Dokumentation der Tagungsbeiträge erlaubt vielfältige Blickwinkel aus unterschiedlichen Perspektiven und Arbeitsbereichen. Das Mentalisieren wird immer als menschliche Fähigkeit beschrieben, die in Interaktionen in selbstverständlicher Weise angewendet wird. Dementsprechend bringen die acht Autorinnen und Autoren sowohl ihr vertieftes Wissen in die Diskussion ein als auch einen Einblick in ein ebenso selbstverständlich breites Praxisfeld. Die Tagungsbeiträge wurden nachträglich verschriftlicht, sodass auch innerhalb der Beiträge Bezüge untereinander möglich und sichtbar sind. Ebenso fasst der Herausgeber Teile der Podiumsdiskussion zusammen. Im Nachwort, am Ende des Bandes, entwickelt der Herausgeber diese Bezüge noch einmal gezielt, gibt Ausblicke und stellt zudem eine ergänzende Literaturliste zur Verfügung, die über die Vorträge hinausgeht. Der Band schließt mit einem Überblick über die Autor:innen.
Inhalt
An das kurze Vorwort, in dem der Herausgeber Eberhard Glogau einen Überblick über den Aufbau des Bandes gibt, schließt sich eine Einführung in das Thema an, die bereits erste Verknüpfungen mit den nachfolgenden Beiträgen zulässt. Deutlich wird schon hier, dass es sich beim Mentalisieren um eine basale menschliche Fähigkeit handelt und dass die Konzeptualisierung dieselben Therapeutinnen und Therapeuten einen wichtigen Verstehenszugang gibt, insbesondere dadurch, dass eine Verknüpfung zwischen Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln dargestellt wird. Glogau führt schon hier in ein Modell des Mentalisierens ein, auf das sich die Leser:innen im Verlauf immer wieder beziehen können, und stellt am Ende der Einführung drei Fragen, die von den folgenden Beiträgen aus der jeweiligen Perspektive aufgegriffen werden. Dabei geht es insbesondere um Bedeutung, Einbezug und Weiterentwicklung des Konzepts des Mentalisierens für musiktherapeutische Theoriebildung und Handlungsfähigkeit.
Die einzelnen Autor:innen beziehen die für sie bedeutenden Aspekte der Definition des Mentalisierens immer auf ihre musiktherapeutische Praxis und bringen dabei einzelne ganz konkrete, praktische Einsatzmöglichkeiten erfahrungsbezogen an die Leserschaft.
Gitta Strehlow nimmt im ersten Beitrag des Bandes die Leser:innen in das Feld der Musiktherapie mit, bringt eine erste Definition und verdeutlicht die Bedeutung des Mentalisierens mit seinen Dimensionen sowie der Prämentalisierungs-Modi für die Musiktherapie. Darauf aufbauend widmet sie sich der Frage nach mentalisierungsfördernden Interventionen, wie sie in der Musiktherapie zum Einsatz kommen können.
Alfred Walter und Ljiljana Winkler bringen die künstlerische Perspektive ein. In der von ihnen vorgestellten auf eine historische Figur bezogenen Mono-Oper werden wichtige Mentalisierungsprozesse deutlich abbildbar. Sie machen auf die Notwendigkeit einer offenen Haltung und einer Kunstfertigkeit des Nicht-Wissens aufmerksam, die die Individualität eines jeden Prozesses unterstreicht. Sie beziehen im Verlauf sechs Stufen der Mentalisierung wiederum auf den künstlerischen und darin enthaltenen persönlichen Prozess sowie dessen Interpretation in der Performance. Sehr umfassend sind in diesem Beitrag die Literaturverweise.
In detaillierter Aufbereitung wird von Ulrich Schultz-Venrath der Körpermodus in Bezug auf die Musiktherapie eingeführt. Hier liegt ein wichtiger Schlüssel des Verstehens, der sich über die Phänomene von Präsenz, Resonanz und Repräsentanz erschließen lässt. Der Autor greift ebenfalls das Konzept der prämentalisierenden Modi auf, erläutert grafisch unterstützt vier verschiedene Modi, die dem Mentalisieren in der Entwicklung vorangehen. Die Körperlichkeit von Affekten erlaubt es spielerischen Ansätzen, wie eben der Musiktherapie, hier gut anknüpfen zu können und auch die Sprache mit ihrer ihr eigenen Kinästhesie einzubeziehen.
Die Darstellungen von Bernd Reichert laden dazu ein, sich auf die der musiktherapeutischen Arbeit und Haltung innewohnenden Fähigkeiten zu besinnen. Er bezeichnet in seinen Ausführungen das gemeinsame musikalische Handeln als das Herzstück der Musiktherapie und verbindet es im Verlauf mit dem Sprechen über die gestaltete Musik mit Kindern und Jugendlichen anhand zweier eindrücklicher Praxisbeispiele. Hier greift er noch einmal die Dimensionen des Mentalisierens auf und verdeutlicht, wie deren Polaritäten den Verstehensprozess unterstützen können, ohne in eine Über-Interpretation zu geraten, sondern sich auf das Sinnverstehen zu konzentrieren.
Ebenfalls im Arbeitsfeld der Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen finden sich die eng mit den Fallbeispielen verzahnten Ausführungen von Monika Berkmann. Sie ergänzt ihre Ausführungen durch zwei hilfreiche Grafiken, zum EBQ-Instrument und den dazugehörigen TBQ-Merkmalen (nach Schumacher, Calvet & Reimer), was die Bedeutung der synchronen Momente unterstreicht, und regt gleichzeitig dazu an, eigene Bewertungen und Erwartungen an Musik in diesen Prozessen immer wieder achtsam zu hinterfragen.
Vergleichbar bringt auch Nicola Scheytt nochmals Beispiele aus ihrer Praxis mit ein und betont die szenische Verstehbarkeit von Prozessen durch den Körpermodus, benennt aber, eher als Nebengedanken, aber als einen, der sich sicher weiterzudenken lohnt, den Unterschied zwischen Musik‑ und Kunsttherapie, in der die Notwendigkeit zu interagierendem Handeln leichter zu steuern sein kann, was in manchen Fällen eine wichtige Stufe im Prozess sein kann.
In den letzten beiden Beiträgen wendet sich noch einmal der Herausgeber an die Leserschaft und bringt Fragen und Antworten aus einer Podiumsdiskussion während der Tagung auf Papier. Er verknüpft damit noch einmal die Inhalte der einzelnen Beiträge im Buch, ehe er im Nachwort noch einmal das Ziel der Tagung herausarbeitet und als essenziell herausstellt, dass das Verstehen ohne Worte eine starke Verbindung zwischen allen Beiträgen darstellt, verbunden mit einem Appell, das Konzept des Mentalisierens weiterhin zu durchdringen, um es zukünftig in der musiktherapeutischen Entwicklung auf eine angemessene Anwendung zu überprüfen.
Diskussion
Entsprechend Thema und Titel des Tagungsbandes wird danach gesucht, einen möglichst umfassenden Einblick in das Konzept des Mentalisierens in der Musiktherapie zu geben.
Letztlich gibt nahezu jeder Beitrag (s)eine Definition davon und führt dadurch zu seiner im entsprechenden Arbeitsfeld nutzbaren Anwendbarkeit. Eine Stärke liegt in den Beispielen, die das Konzept in den Fällen beleben, nachvollziehbar machen, in denen das Mentalisieren gestört scheint. Insbesondere die Betonung, dass es sich hier um eine basale menschliche Fähigkeit handelt, macht deutlich, was auch am Ende des Bandes vorsichtig anklingt: Es ist zu differenzieren und zu forschen, wo und wie das Konzept tatsächlich der Musiktherapie dienlich ist. Vieles scheint im musiktherapeutischen Denken und Handeln implizit und musiktherapeutische Kolleg:innen sind dazu eingeladen, ihr Tun hierauf zu überprüfen.
Durch seine Einführung und sein Nachwort ist es Eberhard Glogau gelungen, einen inhaltlichen Bogen zu spannen, der sowohl eine Verknüpfung der unterschiedlichen Beiträge ermöglicht als auch eine erklärende und diskursive Inspiration für eine Leserschaft bietet, die keine Gelegenheit hatte, die Tagung zu besuchen, sich mit dem Konzept des Mentalisierens auseinanderzusetzen. Dies scheint umso relevanter, wenn die Konzeptualisierung einer basalen menschlichen Fähigkeit erfolgt und andere grundlegende Konzepte wie das Symbolisieren, die Empathie oder auch das Phänomen von Übertragung und Gegenübertragung verwandtschaftlich anklingen. Hier bedarf es der im Band mehrfach dargestellten Differenzierung.
Der Fokus der Tagung auf das Mentalisieren führt natürlicherweise dazu, dass es zu Wiederholungen, z.B. zu Definitionen und Herkunft, kommt. Dieses wird jedoch durch die Schwerpunktlegung der einzelnen Autor:innen ausgeglichen.
Erfreulich ist auch, dass es auch kritische Gedanken zu Grenzen gibt und sich die Musiktherapeut:innen empowert fühlen dürfen, dass sie mit ihrem Medium ein Instrumentarium im wahrsten Sinne haben und eine Erlebensqualität bereitstellen, die einen sicheren Raum gibt, in dem Hindernisse in der Fähigkeit zu Mentalisieren erkannt und deren Entwicklung angemessen gefördert werden können.
Vielfältige Fallbeispiele nehmen die Leser:innen nah an die tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten in ihrer Breite mit. Gleichzeitig regen sie dazu an, sich weiter damit auseinanderzusetzen und geben wichtige Impulse für Weiterentwicklungen und Anpassungen im musiktherapeutischen Forschungs‑ und Handlungskontext. Ein empfehlenswertes Buch, für alle, die noch wenig Einblick in das Konzept des Mentalisierens haben.
Fazit
Das Konzept des Mentalisierens in der Musiktherapie wird im besprochenen Buch praxisnah und mehrperspektivisch dargestellt. Somit hält es für eine breite Leserschaft, die sich dem Thema weiter nähern möchte, entsprechende Hintergrundinformationen sowie gleichzeitig vielfältige Impulse für Selbstreflexion und Einsatz in der eigenen Praxis parat. Ebenso werden Anstöße für eine weitere Auseinandersetzung gegeben, die sich zukünftig in Forschung und Praxis einfinden dürfen.
Rezension von
Dr. phil. Oliver Schöndube
Dipl.-Musiktherapeut (DMTG), Heilpraktiker für Psychotherapie
Mailformular
Es gibt 4 Rezensionen von Oliver Schöndube.





