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Eckhard Jesse, Tom Mannewitz (Hrsg.): Extremismusforschung

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 23.07.2026

Cover Eckhard Jesse, Tom Mannewitz (Hrsg.): Extremismusforschung ISBN 978-3-7560-3526-7

Eckhard Jesse, Tom Mannewitz (Hrsg.): Extremismusforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2026. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. 700 Seiten. ISBN 978-3-7560-3526-7. D: 129,00 EUR, A: 132,70 EUR.
Reihe: NomosHandbuch | NomosHandbook.

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Thema

Das Handbuch hat zum Ziel, Einblicke in die Extremismusforschung zu gewähren. Dieser Zweig der Politikwissenschaft ist aktuell aufgrund der gewachsenen extremistischen Herausforderungen besonders sichtbar. Den Schwerpunkt des Buches bilden Konzepte, empirische Darstellungen sowie Ansätze zur Erklärung von Einstellungen, Handlungen und Wahlergebnissen. In dieser dritten Auflage, die aktualisiert und erweitert wurde, wird der Ausgang der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 noch berücksichtigt. Zudem sind zwei zusätzliche Beiträge aufgenommen worden, die sich mit den Themen „Islamismus an der Macht“ und „Intellektueller und politischer Extremismus“ beschäftigen.

Herausgeber

Prof. Dr. Eckhard Jesse lehrte von 1993 bis 2014 Politikwissenschaften an der TU Dresden. Neben dem Themenfeld Extremismus befasste er sich in der Forschung mit den Bereichen Demokratie und Diktatur sowie Parteien und Wahlen.

Prof Dr. Tom Mannewitz hat die Arbeitsschwerpunkte Demokratieforschung, (regionale) politische Kultur und Methoden der Vergleichenden Politikwissenschaft. Er ist seit 2021 Professor für Politischen Extremismus und Politische Ideengeschichte an der Hochschule des Bundes in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Da die Grundstruktur des Buches auch in dieser Neuaufgabe im Wesentlichen gleich geblieben ist, soll an dieser Stelle ein Blick auf die neu hinzugekommenen Beiträge geworfen werden.

Welche Rolle spielen Intellektuelle für den politischen Extremismus? Auf die Suche nach einer Antwort zu dieser Frage macht sich Hendrik Hansen in seinem Text. Dabei wird gleich zu Beginn klar, dass politische Ideologien vor allem aus dem linken Spektrum auf Grundlagen fußen, die entweder von Intellektuellen geliefert wurden oder diese zumindest an der Entwicklung beteiligt waren. Für den gegenüberliegenden Rand des politischen Spektrums gilt dies jedoch nicht explizit: „Im Rechtsextremismus spielen Intellektuelle hingegen eine geringere Rolle, handelt es sich doch um eine Ideologie der Tat und nicht der Analyse gesellschaftlicher Widersprüche“ (S. 479). Hansen stellt fünf Idealtypen des Zusammenhangs von Intellektuellen und politischem Extremismus vor und wendet diese auf den Links‑ und Rechtsextremismus an: Geistige Führer (wie zum Beispiel Karl Marx), Wegbereiter, Unterstützer, Aktivisten und Renegaten. Wobei Letztere als Sonderfall zu betrachten sind: Ihre Bedeutung besteht in der Förderung „des Verständnisses darüber, wie extremistische Ideologien und Organisationen Menschen in ihren Bann ziehen und ihr Denken und Handeln prägen“ (S. 505). Im Rechtsextremismus sind diese nicht zu finden. Nach einem kurzen Blick auf Intellektuelle und Islamismus bzw. libertäre Kreise stellt der Autor klar: Die Entwicklung einer extremistischen Ideologie wäre ohne Intellektuelle nicht möglich, wobei dies im rechten Spektrum deutlich weniger ausgeprägt ist. In der entwickelten Typologie finden sich Intellektuelle häufig als Wegbereiter und Unterstützer, weswegen sie bei der Bekämpfung entsprechender Tendenzen stärker in den Fokus genommen werden sollten.

Evelyn Bokler untersucht die Praxis islamistischer Machtausübung anhand der Taliban, des IS und der Hamas in einer vergleichenden Studie. Dazu betrachtet sich nach einer thematischen Einführung die Themenbereiche Ideologie, Strategie und Politisches System. Deutlich wird dabei, dass alles Autokratien sind, deren „Entstehungskontext (…) von Krieg, Tod, Elend und Verwüstung“ (S. 736) geprägt ist und die alle einen hohen Grad an Ideologie aufweisen, ohne den sie nicht existieren könnten. Allerdings arbeitet Bokler heraus, dass sich diese Ideologien durchaus unterscheiden. Das zeigt sich zum Beispiel am Bereich Bildung. Während die Taliban extrem bildungsfeindlich sind seien die Hamas und war der IS „weniger misogyn und nicht so bildungsfeindlich“ (S. 736). Auch in den Strategien unterscheiden sich die Strukturen. So fußt die Hamas beispielsweise sehr ausgeprägt auf den militärischen Kampf gegen Israel und hat das der Bevölkerung in Gaza vermittelte Feindbild auch politisch und sozial deutlich gefestigte Positionen erlangt. Das bedeutet, dass es nicht alleine durch militärischen Einsatz gelingen kann, sie zu besiegen. Zu tief ist die Hamas strategisch verwurzelt unter den Menschen. Das ist beim IS anders, der von einer deutlich stärkeren Rigidität geprägt war und wesentlich rücksichtsloser gegen alles und jeden vorging, der sich ihm nicht unterwarf. Ganz anders die Taliban, die – man mag es kaum glauben – wesentlich offener von ihrer Strategie her aufgestellt sind: Dort wird vielfach „nach konkreter lokaler (!) [sic!] Lage, Machtinteressen und persönlichen Beziehungen“ (S. 737) entschieden. Auf einer zunächst ähnlich anmutenden Basis steht das Politische System, das auf das Ziel, ein Leben unter dem Einfluss der Scharia zu zementieren, fußt. Was ähnlich anmutet, ist in der Sache aber trotzdem unterschiedlich, denn alle drei Gruppen legen die Scharia anders aus. Diese Individualität begründet sich alleine schon dadurch, dass der Islam in seiner Geschichte keine konkreten Vorgaben zur Ausgestaltung eines politischen Systems macht. So werden zwar die drei Säulen Repression, Kooptation und Legitimation zwar als Elmente der Konsolidierung von Macht genutzt. Zu der Ausdeutung dieser Säulen gibt es aber in den theoretischen Grundlagen des Systems nur vage Andeutungen. Sie sind letztlich Auslegungssache, was beim Vergleich der Systeme deutlich wird.

Diskussion

Theoretische Tiefe und praktische Relevanz: Dieses Handbuch beschäftigt sich mit herausragender Kompetenz mit den vielen Seiten, von denen die Demokratie bedroht wird. Die Beiträge werden auch in dieser dritten Auflage dem Auftrag gerecht, die Komplexität und die im negativen Sinne ausgesprochene Vielfältigkeit des Extremismus‘ zu beleuchten. Die inhaltliche Erweiterung mit den neuen Beiträgen stellt sich dabei als echter Gewinn heraus.

Fazit

Auch in der aktualisierten Form ein hervorragendes Grundlagenwerk für all diejenigen, die sich mit dem Thema Extremismus beschäftigen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 245 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245