Rayla Metzner: Sucht und psychische Erkrankung von Eltern
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 11.02.2026
Rayla Metzner: Sucht und psychische Erkrankung von Eltern im Kontext von Kinder- und Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 310 Seiten. ISBN 978-3-7799-9233-2. D: 52,00 EUR, A: 53,50 EUR.
Thema
Im Bereich der öffentlichen und freien Jugendhilfe wird ein stetiger Anstieg an Eltern mit psychischen Erkrankungen und/oder Substanzkonsumstörungen verzeichnet. Dies hat in vielen Fällen Auswirkungen auf die in diesen Familien etablierten Hilfen zur Erziehung. In manchen Fällen verlaufen die Hilfen erfolgreich, in anderen eher weniger. Es stellt sich unter anderen die Frage, weshalb diese Verläufe so unterschiedliche Hilfeergebnisse erzielen. In ihrer Dissertationsschrift, die diesem Buch zugrunde liegt, hat Rayla Metzner Jugendhilfeakten untersucht und die Ergebnisse aus einem systemtheoretischen Blickwinkel betrachtet.
Autorin
Rayla Metzner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Merseburg am Fachbereich Soziales.Medien.Kultur, wo sie gemeinsam mit einem Kollegen den Master Systemische Soziale Arbeit entwickelt und etabliert hat. Sie hat 20 Jahre Berufserfahrung im Kontext von Kinder‑ und Jugendhilfe und Kinderschutz und setzt diese Erfahrungen in ihrer Lehre und Forschung ein. Sie ist Diplom-Sozialarbeiterin, hat einen Master in Allgemeiner Pädagogik, ist ausgebildete Systemische Supervisorin, Systemische Therapeutin und Mediatorin.
Aufbau und Inhalt
Drei zentrale Fragestellungen bilden die Grundlage dieser Forschungsarbeit:
- Welche institutionellen Prüf‑ und Entscheidungsmechanismen der öffentlichen Jugendhilfe führen bei Familien mit psychisch und/oder suchtkranken Eltern/Müttern zu einem positiven Verlauf der Jugendhilfe (einschließlich der Sicherung des Kindeswohls)?
- Welche institutionellen Prüf‑ und Entscheidungsmechanismen sind bei Familien mit psychisch und/oder suchtkranken Eltern/Müttern weniger bzw. nicht erfolgreich?
- Welche Schlussfolgerungen im Hinblick auf eine Optimierung der institutionellen Prüf‑ und Entscheidungsmechanismen der öffentlichen Jugendhilfe lassen sich aus den Ergebnissen ziehen?
Um darauf Antworten zu finden, erfolgt zunächst eine strukturelle Einordnung in das Themengebiet Allgemeiner Sozialer Dienst des Jugendamtes, seine Aufgaben und die Herausforderungen. Grundlegenden Informationen zum Thema Sucht und daraus resultierende Störungsbilder widmet sich das vierte Kapitel. Hier wird erklärt, welche Störungsbilder durch psychoaktivierende Substanzen hervorgerufen werden können und mit welchen weiteren psychischen Erkrankungen diese häufig in Verbindung auftreten und sich gegenseitig aufrechterhalten. So geht es zum Beispiel um Schizophrenie, die Borderline-Persönlichkeitsstörung oder die Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Deutlich wird, dass in den Hilfen zur Erziehung Suchtmittelkonsumgrundsätzlich aber vor allem im Kontext mit Persönlichkeitsstörungen oder psychischen Erkrankungen eine immer größere Rolle spielen. Exemplarisch betrachtet die Autorin dann den Methamphetamin-Konsum in Sachsen. Inwiefern sich psychische und Suchterkrankungen im Kontext von Elternschaft auf die Lebenssituation der betroffenen Kinder auswirken, wird ebenfalls erklärt. wird ein Überblick gegeben. Eine besondere Beachtung erhält dabei die Lebenssituation von Kindern, deren Eltern Methamphetamin konsumieren, die häufig darunter leiden, dass es in Familien mit Drogenkonsum zum Beispiel zu wesentlich mehr Konflikten unter den Erwachsenen kommt als in solchen ohne Suchthintergrund. Auch kann Sucht dazu führen, dass Eltern für Kinder weniger emotional erreichbar sind, weswegen die Autorin in Grundzügen die Bindungstheorie beschreibt und einen Blick auf Bindungsstörungen und deren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung wirft. Die Leser:innen erhalten so einen Überblick über die Auswirkungen des teils defizitären Elternverhaltens sucht‑ und/oder psychisch erkrankter Eltern auf das Bindungsverhalten ihrer Kinder. Ebenso werden mögliche kindliche Bewältigungsstrategien unter Bezugnahme auf Resilienz und Schutzfaktoren vorgestellt.
Konkreter ins Thema geht es in einem nächsten Schritt, in dem die in Sachsen angebotenen Hilfen für Menschen mit psychischen Störungen und jenen, die illegale psychoaktivierende Stimulanzien konsumieren, kurz vorgestellt werden. Ebenso werden die vorhandenen Interventionen und Hilfsangebote der Kinder‑ und Jugendhilfe dargestellt. Das Kapitel 7 stellt den der Arbeit zugrundeliegenden theoretischen Bezugsrahmen, den systemischen Theorieansatz vor sowie das Menschenbild der Vertreter*innen dieses Ansatzes und das systemische Verständnis von Familie, bevor die üblichen Formalia einer Dissertation zur Methodik erfolgen.
Spannend für die Praxis werden die letzten beiden Kapitel, in denen zum einen die Ergebnisse der Aktenauswertung vorgestellt und damit die einleitenden Forschungsfragen beantwortet werden sowie Ausblicke auf daraus resultierende Handlungs‑ aber auch Forschungsbedarfe geworfen werden. Für diese Aktenanalyse wurden die untersuchten Fälle in vier Gruppen aufgeteilt, die die Ausgangssituation beschreiben, bevor die jeweiligen Ergebnisse zum Beispiel mit Blick auf das Kooperationsverhalten in Bezug gesetzt werden:
- Gruppe 1: Fallbeispiel Familie A – Mutter mit Sucht‑ und psychischer Erkrankung, ein Kind
- Gruppe 2: Fallbeispiel Familie B - Mutter mit Suchterkrankung, zwei Kinder
- Gruppe 3: Fallbeispiel Familie C - Mutter mit Suchterkrankung, vier Kinder
- Gruppe 4: Fallbeispiel Familie D - Kindesmutter mit zwei Kindern
Deutlich wird im Rahmen der Analyse, dass es in den hier untersuchten fällen häufig zu Abstimmungsproblemen zwischen der Jugendhilfe, der Suchthilfe aber auch dem psychiatrischen System kommt, was dazu führt, dass Eltern in die Rolle von Patient:innen förmlich gedrängt werden, während dabei fast aus dem Blick gerät, dass sie eben Mütter oder Väter sind. Denn ganz grundsätzlich muss auch festgehalten werden, dass psychische Erkrankungen und auch Sucht nicht automatisch zu einer Kindeswohlgefährdung führen. Anhand der Fallakten wird außerdem klar, dass je früher es in betroffenen Familiensystem zu Unterstützung zum Beispiel durch Frühe Hilfen zu einer Intervention kommt umso mehr erfährt das System Entlastung. Auch Risiken möglicher Kindeswohlgefährdungen können dadurch minimiert werden, wenn sich Jugendhilfe ihrer Rolle besinnt, präventiv tätig zu werden. Letztlich müssen Fachkräfte dazu befähigt werden, auch sucht‑ und psychisch erkrankten Eltern ohne Stigmatisierung und mit einer grundsätzlich ressourcenorientierten Haltung, die aber auch nichts beschönigt, zu begegnen. Die Auswertung der Daten gibt Hinweise darauf, dass eine altersangemessene Einbeziehung der Kinder inklusive Aufklärung über die Probleme der Eltern eine große Rolle zukommen kann. Die Empfehlungen am Ende sind deutlich: Im Umgang mit den hier beschriebenen Konstellationen ist eine gute multiprofessionelle Zusammenarbeit erforderlich sowie das frühe Einschreiten mit möglichst kontinuierlichen Hilfen, die so lange familienorientiert arbeiten, wie es möglich ist. Ein wichtiger Faktor dabei ist es, die Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren und Interventionen der Jugendhilfe einzig und alleine auf die Sucht der Eltern und die daraus resultierende Störung zu fokussieren.
Diskussion
Ein Thema, zu dem es bisher keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen, obwohl es doch so bedeutend ist gerade im Hinblick auf den Kinderschutz: Rayla Metzner gelingt es, Pionierarbeit zu leisten, um hier anhand nachvollziehbarer Fallanalysen Einblicke zu liefern, die eine hohe Relevanz für die Praxis haben. Die Fallanalysen sind klar – bisweilen durchaus schonungslos, was sehr gut ist – und differenziert, die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind nachvollziehbar. Insofern seien diesem Buch viele Leser:innen gewünscht – verbunden mit der Hoffnung, dass diese die Ergebnisse der Autorin verinnerlichen.
Fazit
Eine wichtige Untersuchung, die hoffentlich Beachtung in der Praxis findet. Denn nur aus solchen wissenschaftlichen Reflexionen lässt sich lernen!
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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