Stefan Goes: Zuhören - gelingende Kommunikation in systemischer Therapie und Beratung
Rezensiert von Delia Godehardt, 30.06.2026
Stefan Goes:Zuhören - gelingende Kommunikation in systemischer Therapie und Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH (Göttingen) 2025. 192 Seiten. ISBN 978-3-525-40063-0. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Thema
Zuhören gilt als eine der zentralen Kompetenzen professioneller Beratung, Therapie und Sozialer Arbeit. Zugleich erscheint es oft als selbstverständlich: Wer berät, hört zu. Stefan Goes stellt diese vermeintliche Selbstverständlichkeit grundlegend infrage. Sein Buch entwickelt die These, dass gerade erfahrene Beratende Gefahr laufen, nicht mehr genau zuzuhören, weil sie zu schnell verstehen, interpretieren und handeln. Aus dieser Beobachtung heraus verbindet der Autor systemische Theorie mit Erkenntnissen der Angewandten Linguistik und entwickelt eine eigenständige Perspektive auf professionelle Kommunikation.
Im Zentrum steht die Frage, wie Beratende wieder zu einem Zuhören gelangen können, das weniger von Vorannahmen, Routinen und methodischen Präferenzen geprägt ist. Das Buch versteht sich damit weder als klassisches Methodenhandbuch noch als Einführung in systemische Beratung. Vielmehr lädt es dazu ein, die eigene professionelle Wahrnehmung zu überprüfen und den Blick auf Sprache als Grundlage von Verstehen neu zu schärfen.
Autor
Stefan Goes ist Kommunikationstrainer, Personal‑ und Organisationsentwickler. Seine berufliche Biografie verbindet Geistes‑ und Sprachwissenschaften mit langjähriger Praxis in Beratung, Coaching und Organisationsentwicklung. Diese doppelte Verankerung prägt das gesamte Buch. Der Autor bewegt sich sicher in systemischen Denkfiguren, betrachtet diese jedoch konsequent durch eine sprachwissenschaftliche Brille.
Entstehungshintergrund
Das Buch entsteht aus einer über viele Jahre gewachsenen Verbindung zweier fachlicher Welten. Goes beschreibt nachvollziehbar, wie ihn seine Erfahrungen als Kommunikationsberater und später seine systemische Weiterbildung zu der Frage führten, warum manche Gespräche gelingen und andere trotz guter Methoden und hoher Professionalität hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass Beratende häufig mehr zu verstehen glauben, als tatsächlich gesagt wurde. Daraus entwickelt er die ‚Lingua-Systemische Methode‘, die systemische Grundannahmen mit sprachwissenschaftlicher Präzision verbindet. Das Buch ist somit zugleich Ergebnis einer fachlichen Synthese und Ausdruck einer langjährigen professionellen Suchbewegung.
Aufbau
Das 192 Seiten umfassende Buch besteht aus fünf aufeinander aufbauenden Kapitel.
Im ersten Kapitel entwickelt Goes die theoretischen Grundlagen seiner Lingua-Systemischen Methode und verortet diese im Kontext systemischer Theorie und konstruktivistischen Denkens. Das zweite Kapitel widmet sich den Bedingungen des Hörens und Missverstehens. Hier werden Wahrnehmungsprozesse, Interpretationen und professionelle Fallstricke analysiert.
Das umfangreiche dritte Kapitel kann als Kern des Buches gelesen werden. Anhand sprachwissenschaftlicher Konzepte untersucht der Autor, wie Bedeutung im Gespräch entsteht und welche Informationen sich aus Wortwahl, Satzbau, Prosodie, Gesprächsorganisation und körperlichem Ausdruck gewinnen lassen.
Im vierten Kapitel werden systemische Methoden aus linguistischer Perspektive betrachtet und anhand von Praxisbeispielen erläutert. Das abschließende fünfte Kapitel führt die vorherigen Überlegungen zusammen und entwickelt ein Modell professioneller Leichtigkeit, das auf reflektiertem und freiem Zuhören basiert.
Das Buch enthält zahlreiche Fallbeispiele, Reflexionsfragen und Übungen, die die Leser:innen dazu einladen, die Inhalte mit der eigenen Praxis zu verknüpfen.
Inhalt
Kapitel 1 fokussiert auf den Ausgangspunkt des Buches, nämlich die Annahme, dass Menschen nicht einfach Sprache benutzen, sondern in Sprache existieren. Aus konstruktivistischer Perspektive entstehen Wirklichkeiten demnach nicht unabhängig von Beobachtenden, sondern werden kommunikativ hervorgebracht. Für Beratungsprozesse bedeutet dies, dass Verstehen grundsätzlich vorläufig bleibt und jede Aussage nur im Kontext ihrer jeweiligen Bedeutungszuschreibungen verstanden werden kann.
Vor diesem Hintergrund entwickelt Goes seine zentrale Kritik an professionellen Routinen: Gerade erfahrene Beratende seien gefährdet, vorschnell Hypothesen zu bilden, Aussagen zu interpretieren oder methodisch bekannte Wege einzuschlagen. Die eigentliche Herausforderung bestehe hingegen darin, möglichst präzise wahrzunehmen, was tatsächlich gesagt wird, bevor Bedeutungen ergänzt oder Interventionen geplant werden.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das vom Autor entwickelte 3i-Modell, das im Zentrum von Kapitel 2 steht. Es unterscheidet zwischen der Innenwelt der sprechenden Person, dem tatsächlich Gesagten und dem, was beim Gegenüber ankommt. Anhand zahlreicher Beispiele verdeutlicht Goes, wie leicht sich diese Ebenen voneinander entfernen können und wie schnell Beratende dazu neigen, eigene Deutungen für Wirklichkeit zu halten.
Den Schwerpunkt des Buches bildet die sprachwissenschaftliche Analyse von Kommunikation in Kapitel 3 unter der Überschrift „Gesagt ist oft gemeint“ (S. 47). Goes zeigt, dass bereits scheinbar unscheinbare sprachliche Elemente wichtige Hinweise auf Bedeutungsbildungsprozesse enthalten. Verben, Pronomen, Adverbien oder Satzstrukturen werden nicht als grammatische Kategorien behandelt, sondern als Informationsquellen für das professionelle Verstehen. Ergänzt wird dies durch die Betrachtung von Prosodie, Gesprächsorganisation und körperlichen Ausdrucksformen.
Die linguistischen Beobachtungen verbindet der Autor fortlaufend mit systemischen Grundannahmen. Kapitel 4 fokussiert auf Systemische Methoden, die dadurch weniger als eigenständige Interventionen erscheinen denn als Möglichkeiten, die im Gespräch entstehenden Wirklichkeiten differenzierter zu erkunden. Besonders deutlich wird dies bei der Diskussion systemischer Fragen, der Arbeit mit Glaubenssätzen, dem Familienbrett oder dem Drei-Welten-Modell nach Bernd Schmid.
Im letzten Kapitel 5 „Surfen statt Ackern“ (S. 367) verdichten sich die zuvor entwickelten Gedanken zu einem Konzept professioneller Leichtigkeit. Leichtigkeit entsteht für Goes nicht durch mehr Methodenwissen oder größere Handlungssicherheit, sondern durch die Fähigkeit, innezuhalten, eigene Wahrnehmungsfilter zu reflektieren und wieder freier zuhören zu können. Das Ziel ist eine Beratungspraxis, die weniger von Anstrengung und stärker von Verstehen geprägt ist.
Das Buch schließt mit einem vierseitigen Quellenverzeichnis.
Diskussion
Stefan Goes legt ein bemerkenswert eigenständiges Buch vor. Seine besondere Stärke liegt in der Verbindung zweier Fachwelten, die in der Beratungs‑ und Therapieliteratur häufig nebeneinanderstehen, aber selten so konsequent miteinander verschränkt werden: Systemische Theorie und Linguistik.
Dabei verfolgt der Autor einen Perspektivwechsel, der zunächst unspektakulär erscheinen mag, sich beim Lesen jedoch als ausgesprochen produktiv erweist. Während viele Veröffentlichungen im systemischen Feld neue Methoden, Fragetechniken oder Interventionsformen präsentieren, richtet Goes den Blick auf die Voraussetzungen jeder Intervention. Seine Aufmerksamkeit gilt den feinen sprachlichen und kommunikativen Prozessen, die dem professionellen Handeln vorausgehen.
Besonders überzeugend gelingt dies dort, wo sprachwissenschaftliche Beobachtungen unmittelbar für die Beratungspraxis fruchtbar gemacht werden. Die zahlreichen Beispiele verdeutlichen anschaulich, wie Bedeutungen entstehen und wie leicht Beratende durch eigene Erwartungen, Erfahrungen oder methodische Vorlieben auf „falsche Fährten“ geraten können. Die von Goes beschriebenen „Verführer“ professioneller Wahrnehmung dürften vielen Leser:innen aus der eigenen Praxis vertraut vorkommen.
Hervorzuheben ist zudem die durchgängig reflexive Grundhaltung des Buches. Der Autor schreibt nicht aus der Position des Experten, der über die richtige Methode verfügt. Vielmehr nutzt er eigene Irritationen, Lernerfahrungen und Fehlannahmen als Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Dadurch entsteht ein zugänglicher und stellenweise angenehm selbstironischer Ton, der das Buch trotz seines theoretischen Anspruchs gut lesbar macht.
Gerade für Fachkräfte der Sozialen Arbeit bietet das Buch interessante Anknüpfungspunkte. Die Sensibilisierung für sprachliche Prozesse, die kritische Reflexion professioneller Gewissheiten sowie die Betonung von Verstehen vor Intervention entsprechen zentralen Anliegen sozialarbeiterischer Beratungspraxis.
Gleichzeitig wirft das Buch auch Fragen auf. Viele der theoretischen Grundlagen – etwa konstruktivistische Annahmen, Nicht-Wissen, Hypothesenbildung, Selbstreflexion oder die Bedeutung von Sprache für soziale Wirklichkeitskonstruktionen – sind im systemischen Diskurs seit Langem etabliert. Die eigentliche Innovation liegt daher weniger in den theoretischen Prämissen als in deren sprachwissenschaftlicher Zuspitzung. Leser:innen mit umfassender systemischer Ausbildung werden deshalb manche Grundgedanken wiedererkennen.
Zudem bewegt sich der Autor stellenweise nahe an einer Gegenüberstellung von „freiem Zuhören“ und hypothesengeleiteter Praxis. Auch wenn Goes diese Gegenüberstellung letztlich differenziert betrachtet, könnte bei einigen Leser:innen der Eindruck entstehen, dass Hypothesenbildung stärker problematisiert wird, als dies im gegenwärtigen systemischen Diskurs üblich ist. Hier wäre eine noch ausführlichere Auseinandersetzung mit unterschiedlichen systemischen Positionen interessant gewesen.
Schließlich fordert die intensive Beschäftigung mit sprachlichen Details eine gewisse Bereitschaft zur Verlangsamung. Wer ein kompaktes Methodenbuch mit unmittelbar einsetzbaren Interventionen sucht, wird hier möglicherweise nicht fündig. Wer bereit ist, sich auf die feinen Prozesse professioneller Wahrnehmung einzulassen, findet zahlreiche Anregungen für die eigene Praxis.
Fazit
Stefan Goes verbindet systemische Beratung und Sprachwissenschaft zu einer eigenständigen Perspektive auf professionelle Kommunikation. Das Buch lädt dazu ein, die eigene Praxis des Zuhörens kritisch zu reflektieren und sprachliche Prozesse differenzierter wahrzunehmen. Für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, Beratung, Coaching und Therapie bietet es eine fundierte, praxisnahe und anregende Auseinandersetzung mit einer oft unterschätzten Kernkompetenz professionellen Handelns.
Rezension von
Delia Godehardt
Dipl.-Sozialpädagogin, systemische Beraterin, systemische Supervisorin, Geschäftsführerin Transform Sozial
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