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Elke Schierer, Jens Müller (Hrsg.): Das Soziale ist politisch

Rezensiert von Prof. Dr. Jan Tietmeyer, 31.12.2025

Cover Elke Schierer, Jens Müller (Hrsg.): Das Soziale ist politisch ISBN 978-3-68900-342-5

Elke Schierer, Jens Müller (Hrsg.): Das Soziale ist politisch. Einmischen, mitmischen, aufmischen! : Zum politischen Mandat der Sozialen Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2025. 340 Seiten. ISBN 978-3-68900-342-5. D: 84,00 EUR, A: 86,40 EUR.

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Thema

Die Diskussion um das politische Mandat der Sozialen Arbeit ist seit ihren Anfängen von Spannungen geprägt. Einerseits wird Sozialer Arbeit eine transformative Rolle zugeschrieben, die sich für soziale Gerechtigkeit und die Interessen marginalisierter Gruppen einsetzt. Andererseits besteht die Gefahr, dass diese politische Ausrichtung mit dem Anspruch professioneller Neutralität kollidiert und die Abgrenzung zur politischen Sphäre verwischt. Aktuelle Debatten fokussieren sich zunehmend auf die Frage, wie Soziale Arbeit angesichts komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen wie Migration, Digitalisierung und sozialer Ungleichheit ihr politisches Mandat konkretisieren und wirksam umsetzen kann, obwohl sie eigentlich selbst politisch (mit)konstruiert ist. Der Titel weist bereits darauf hin, dass in diesem Band insbesondere die konkrete Umsetzung des politischen Mandats fokussiert wird, weniger die Frage ob dies geschehen sollte. Dabei deutet das „aufmischen“ im Titel bereits darauf hin, dass die Beiträge sich nicht auf einfaches „einmischen“ reduzieren. Vielmehr wird Soziale Arbeit (bzw. die SAGE Berufe) als eine gesellschaftspolitische Kraft verstanden, die danach sucht wie es besser sein könnte.

Autor:innen

Prof.in Dr.in Elke Schierer lehrt genau wie Prof. Dr. Jens Müller im Bereich der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Schierer befasst sich schwerpunktmäßig mit Theorie- und Praxisforschung der Sozialen Arbeit während Müller sich auf Sozialmanagement und Organisationsentwicklung fokussiert.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband wurzelt in den Diskussionsprozessen des Bundeskongresses Soziale Arbeit 'to go', der im Jahr 2023 an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg stattfand. Das damalige Organisationsteam hatte im Nachgang entschieden, einige der Beiträge (Workshops und Vorträge) für einen Sammelband aufzubereiten. Das dabei verfolgte Ziel ist, die Inhalte der Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Sammelband richtet sich somit an Studierende und Lehren der SAGE-Berufe, Fachkräfte und explizit auch an Politiker:innen, die die Auswirkungen ihrer Entscheidungen durch die Lektüre besser verstehen können sollen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband besteht aus insgesamt 16 Beiträgen. Im ersten Beitrag führen die beiden Herausgeber:innen in die Thematik ein und stellen die Struktur des Buches vor. Die übrigens 15 Beiträge werden dabei in drei Hauptkapitel unterteilt. Diese lassen sich allerdings nicht in der Gliederung finden sondern werden ausschließlich im Einleitungstext erläutert.

Kapitel 1 trägt dabei die Überschrift „Das Soziale ist politisch: Theorie und Praxis.“ Der rote Faden dieses Kapitel läuft inhaltlich entlang der grundsätzlichen Notwendigkeit sich vom Bestehend zu lösen und Realitäten neu zu denken, um soziale Gerechtigkeit als Ziel der Sozialen Arbeit besser erreichen zu können. Zur konkreten Einmischung taugen dabei die Übernahme politischer Mandate und insbesondere die Investition in Demokratiebildung. Kapitel 1 beinhaltet die folgenden Beiträge:

  • Susanne Maurer: „Unter dem Pflaster liegt der Strand…“: Elemente des Utopischen in den Auseinandersetzungen um das Soziale
  • Jost Bauer: Die politische Dimension der Sozialen Arbeit – als Gestaltungskräfte des sozialen Wandels
  • Eva-Maria Löffler und Tobias Kindler: „Für politische Arbeit bleibt im Alltag von Frauen ganz, ganz wenig Raum!“ – ein Blick auf die Wege und erlebten Herausforderungen von Sozialarbeiterinnen in der Politik
  • Anna Maria Kamenik: Demokratiebildung als Professionalisierungsachse Sozialer Arbeit: Von der Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen.

Kapitel 2 wird betitelt mit „Das Soziale ist Politisch – Politische Praxis in und durch Soziale Arbeit.“ Es fokussiert die konkrete Praxis Sozialer Arbeit. Dabei wird inhaltlich zunächst Bezug zur Disziplin Profession Sozialer Arbeit genommen. Denn die große Differenzierung würde zu einer deutlich erschwerten Interessenvertretung der Sozialen Arbeit führen. Lösungsorientiert wird dann ein Vorschlag zur Netzwerkarbeit in der Wohnungslosenhilfe vorgestellt. Abgeschlossen werden die Ausführungen von einer empirischen Untersuchung zur Arbeit mit Geflüchteten, die durchaus kritisch herausarbeitet, dass Erwartungen von Dankbarkeit und Anpassung auch die Soziale Arbeit beeinflussen können. Diese Beiträge bilden gemeinsam das zweite Kapitel:

  • Dieter Kulke: Kollektive Interessenvertretung der Sozialen Arbeit in Profession, Disziplin und Ausbildung
  • Elke Schierer, Christian Gerle, Lara Hein und Pia Maier: Professionelle Netzwerke in der Wohnungslosenhilfe als Instrument der Teilhabe für Adressat:innen: Projektarbeit im Rahmen einer Förderung durch öffentliche Träger
  • Nadine Sylla: „Echte Flüchtlinge“ – willkommene Adressat:innen für die Soziale Arbeit?

Kapitel 3 ist vom Umfang her das größte Kapitel und befasst sich inhaltlich mit folgendem Titel: Das Soziale ist politisch – professionelle Herausforderungen in Feldern der SAGE-Berufe. Dabei werden inhaltlich konkrete Handlungsfelder oder Projekt erläutert, die sich mit politischen Themen befassen. Die Spannweite geht dabei vom Kinderschutz als gesamtgesellschaftlicher Aufgabe über die Selbstvertretung behinderter Menschen bis hin zum Thema ökologischer Nachhaltigkeit. Kapitel 3 besteht aus folgenden Beiträgen:

  • Jens Müller und Albrecht Fischer-Braun: Elterngebühren im Spannungsfeld zwischen Rechtsanspruch, Qualität und finanzieller Machbarkeit
  • Christiane Schmieder: Kinderschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe? Erkenntnisse eines interdisziplinären Workshops.
  • Nurdin Thielemann: Kita-Sozialarbeit: Einblicke in ein zu erstreitendes Handlungsfeld
  • Mona Feil und Lilli Weber: Unsere Anliegen sind politisch! Partizipation von Mädchen* und jungen Frauen* in der Sozialen Arbeit fördern
  • Sandra Fietkauf, Stephanie Goeke und Ellen Keune: Vom Eintreten für andere zur Allyship für Selbstvertretung – politische Interessenvertretung behinderter Menschen
  • Maria Knab und Viktoria Wierschem: Einmischen, mitmischen, aufmischen – Stellung und Aufgabe Sozialer Arbeit in der sozialökologischen Transformation
  • Claudia Eckstein und Manfred Schnabel: Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen – kein Thema für die ambulante Langzeitpflege?
  • Constance Engelfried: Handlungsmacht und Partizipation von Jugendlichen in Zeiten gesellschaftlicher Krisen. Eine intersektionale Perspektive auf Jugendliche am Beispiel Schule.

Exemplarisch sollen hier für eine vertiefende inhaltliche Betrachtung die zentralen Erkenntnisse von zwei Beiträgen vorgestellt werden. Zunächst wird der Beitrag von Anna Maria Kamenik (Demokratiebildung als Professionalisierungsachse Sozialer Arbeit) betrachtet. Die Autorin fokussiert hier den Zusammenhang von individuellen Problemlagen als Gegenstand Sozialer Arbeit mit (ursächlichen) gesellschaftlichen Bedingungen. Die Verbindung von Sozialer Arbeit und politischer Bildung wird hier in der Verfolgung von Gerechtigkeit als Ziel gesehen. Im Ergebnis wird die Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Sozialer Arbeit und politischer Bildung hergeleitet. Denn beide Professionen nehmen gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur hin sondern wollen sie aktiv entwickeln. Die entstehenden Reflexionsräume sollen das Verständnis pluraler Demokratie vertiefen können.

Nurdin Thielemann (Kita-Sozialarbeit: Einblicke in ein zu erstreitendes Handlungsfeld) betrachtet in seinem Beitrag die Verbindung gesellschaftlicher Herausforderungen, institutionalisierter Kindheit und früher Bildung. Er skizziert hierzu Entwicklungslinien der Kita-Sozialarbeit in Deutschland und die große Unterschiedlichkeit der Umsetzungen. Hieraus wird die politische Forderung abgeleitet, dass Kita-Sozialarbeit im SGB VIII abgebildet werden soll, nach dem Vorbild der Schulsozialarbeit. Für eine Absicherung der Kita-Sozialarbeit wäre dann eine weitere Berücksichtigung in den Ländergesetzen anzustreben.

Diskussion

Der vorliegende Sammelband versammelt eine Vielzahl guter Beiträge, die das Spektrum des politischen Mandats der Sozialen Arbeit auf anschauliche Weise beleuchten. Den Herausgeber:innen ist ein durchaus gelungener Strukturierungsversuch zu verdanken, der es ermöglicht, die Vielfalt der Perspektiven und Handlungsfelder zu überblicken. Dennoch bleibt ein Problem, das Sammelbänden inhärent ist: Eine gewisse Aneinanderreihung von Einzelbeiträgen, die zuweilen den Eindruck einer fehlenden übergreifenden Argumentation erweckt.

Diesbezüglich hätte der Band einen kritischeren Blick auf die Soziale Arbeit selbst werfen können – und zwar auf das, was die Profession nicht tut. Die hohe Einzelfallorientierung, die oft als Stärke der Sozialen Arbeit gepriesen wird, ist gleichzeitig ein Produkt der vorherrschenden Finanzierungs- und Steuerungssysteme. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Strukturen und deren Auswirkungen auf die politische Handlungsfähigkeit der Profession wäre wünschenswert gewesen. Inwieweit beispielsweise die Fokussierung auf kurzfristige Interventionen langfristige gesellschaftliche Veränderungen erschwert, bleibt weitgehend unbeantwortet.

Ein weiterer Kritikpunkt liegt in der geringen Berücksichtigung des aktuellen politischen Kontextes. Der Rechtsruck in vielen Gesellschaften wird kaum thematisiert. Die Frage, wie Soziale Arbeit angesichts dieser Herausforderungen ihre politische Rolle neu definieren und wirksam ausüben kann, wird zu wenig diskutiert.

Dennoch bleibt der Sammelband eine wertvolle Ressource für Studierende, Lehrende und Praktiker:innen der Sozialen Arbeit. Er regt zum Nachdenken an und bietet eine Fülle von Anregungen für die weitere Auseinandersetzung mit dem politischen Mandat der Profession. Gerade die Vielfalt der Perspektiven und die konkreten Beispiele aus der Praxis machen den Band zu einer wichtigen Bereicherung der Fachliteratur.

Fazit

Der Sammelband „Das Soziale ist politisch“ bietet eine wichtige Bestandsaufnahme und regt zur kritischen Reflexion des politischen Mandats der Sozialen Arbeit an. Trotz kleinerer Schwächen in Bezug auf eine übergreifende Argumentation und die sehr geringe Berücksichtigung des aktuellen politischen Kontextes, leistet er einen wertvollen Beitrag zur Fachdiskussion. Der Band ist somit eine lohnende Lektüre für alle, die sich mit der politischen Dimension Sozialer Arbeit auseinandersetzen möchten.

Rezension von
Prof. Dr. Jan Tietmeyer
Professor für Innovationen in der Sozialen Arbeit Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen
Lehrbeauftragter der Hochschule Fulda und der FOM Hochschule
Website
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ORCID: https://orcid.org/0009-0002-1238-4390

Es gibt 1 Rezension von Jan Tietmeyer.

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ISSN 2190-9245