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Philippe Stöckli: Autismus, Trauma und Bindung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 10.06.2026

Cover Philippe Stöckli: Autismus, Trauma und Bindung ISBN 978-3-17-046437-7

Philippe Stöckli: Autismus, Trauma und Bindung. Neue Wege zu Regulation und Verbindung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 310 Seiten. ISBN 978-3-17-046437-7. 39,00 EUR.

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Thema

Intensiver Stress, Bindungsschwierigkeiten und das Gefühl, von sich selbst und anderen getrennt zu sein – wie unterscheiden sich Stressfolgen von genetisch bedingten Symptomen von Autismus, welchen Einfluss haben frühe Bindungserfahrungen bei der die Entwicklung von Autismus? Diesen Fragen geht der Autor in diesem Buch nach. Dabei werden aktuelle Erkenntnisse aus Neurobiologie, Psychotraumatologie, Stressforschung und Bindungstheorie zu einem neuen, integrativen Verständnis von Autismus verknüpft.

Autor:in

Philippe Stöckli ist Psychologe und pensionierter Jazzsaxophonist. Er arbeitet in eigener Praxis in Zürich. Mehrere Jahre lebte er in den USA. Aktuell leitet er neben der Praxis klinische Seminare und hält Vorträge zu den Themen Autismus und Trauma.

Aufbau

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Buch ist im Softcover-Format erschienen und hat einen Umfang von 268 Seiten, die sich neben Literatur‑ und Stichwortverzeichnis auf acht Kapitel untergliedern. Die Seiten sind eng beschrieben, allerdings ist der Fleißtext durch zahlreiche Unterkapitel gut strukturiert. Textboxen mit zentralen Aussagen und zahlreiche Tabellen und Abbildungen lockern den Text auf. Am linken oberen Seitenrand sind die Nummerierung und der Titel des jeweiligen Kapitels abgedruckt, auf der rechten Seite die Nummerierung und die Überschrift des jeweiligen Unterkapitels, diese Formatierung erleichtert die Orientierung. Eingestreut sind zahlreiche Hinweise mit Querverweisen zu anderen Kapiteln, sodass ein Rückbezug hergestellt werden kann.

Zielgruppen sind Fachpersonen, Betroffene und Interessierte, die mit den Grundkonzepten von Autismus vertraut sind und ihren Horizont erweitern möchten. Angesprochen werden auch Angehörige und Eltern, die auf der Suche nach Verständnis oder Handlungsansätzen sind.

Inhalt

In der Einleitung wird ausgeführt, weshalb es ein neues Konzept zum Autismus braucht. Der Autor hat das dynamische sog. Vier-Komponenten-Modell entwickelt, das auf Stress, Trauma und Bindung als beeinflussende und beeinflussbare Elemente fokussiert. Das statische Konzept des Autismus als genetische unveränderliche Entwicklungsstörung wird erweitert.

Kapitel zwei beinhaltet ein Basisverständnis und theoretische Betrachtungen. Im Fokus stehen der sog. hochfunktionale Autismus und das Asperger-Syndrom. Vorgestellt wird das sog. Bayes’sche Modell der prädiktiven Kodierung im Allgemeinen und im Speziellen für das Autismus Spektrum. Daran anschließend werden weitere Faktoren im Zusammenhang mit der Entstehung von Autismus benannt. Integration und Regulation sind basale Pathomechanismen von Autismus. Der Autor benennt vier grundlegende Funktionsbereiche der Autismus Symptomatik und stellt die Frage, ob eine hierarchische Fallkonzeption – in Bezug auf Autismus Symptome veränderbar ist. Drei Fragen werden reflektiert: Was sind die Folgen von beeinträchtigter Integration, beeinträchtigter Regulation und beeinträchtigter Verbindung?

Das Kapitel schließt mit Kompensations‑ und Kontrollstrategien.

Der psychologische Zusammenhang von Autismus und Trauma ist Gegenstand des dritten Kapitels. Erläutert wird, dass unter den Bedingungen von Autismus leben bedeutet, ein erhöhtes Risiko zu haben, traumatisiert zu werden, beschrieben wird auch eine erhöhte Vulnerabilität aufgrund von Eigenheiten der Reizwahrnehmung und ‑verarbeitung. Durch eine andere Reizfilterung sind Menschen aus dem autistischen Spektrum der Situation einer konstanten Reizüberflutung ausgesetzt. Auch der Einfluss des sozialen Erlebens spielt eine zentrale Rolle, denn oft werden Zurückweisungen, Beschämung und Stigmatisierung im sozialen Miteinander erlebt. Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang wenig soziale Unterstützung, Akzeptanz und Verständnis, dazu kommt wenig Erfahrung einer geteilten Welt.

Es entsteht ein Teufelskreis von Autismus und Trauma, Stöckli stellt die Forschungslage zu Autismus und Trauma dar, beschreibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede im allgemeinen und Gemeinsamkeiten von Autismus und Trauma auf phänomenologischer Ebene. Das Kapitel endet mit Erkenntnissen aus der Neurobiologie von Autismus und der Neurobiologie von Traumata. Es wird abschließend die Frage gestellt, ob es eine geteilte Neurobiologie zwischen Autismus und Trauma als Hinweis für gemeinsame zugrundeliegende Funktionsmechanismen geben könnte.

Das vierte Kapitel bietet einen Schnellkurs in Psychotraumatologie und Stressforschung insbesondere in Hinblick auf der Definition von Stress, Stressreaktionen und deren Folgen. Es gibt schnelle und langsame Stressreaktionen und ein wichtiger Aspekt, der bekannt sein sollte, sind die Folgen von chronischem Stress. Besonderes Interesse bilden Theorien zum autonomen Nervensystem mit den autonomen Reaktionen auf Stress und Bedrohung (Kampf, Flucht und Erstarrung). In diesem Zusammenhang wird das Modell des Toleranzfensters vorgestellt. Gegenübergestellt wird die Bedeutung des Sympathikus und Parasympathikus versus dem Hyperarousal – Ansatz und Hypoarousal – Ansatz. Bedeutsam sind die autonome Dysregulation und ihre Folgen, sowie die Dissoziation und Immobilisierung. Schwingungsfähigkeit und Flexibilität gelten als Maß für Resilienz (genannt werden drei Faktoren: körperliche, psychische und soziale).

In diesem Zusammenhang erwähnt werden muss natürlich auch die Polyvagaltheorie als ein übergreifendes Erklärungsmodell, welches autonome neurobiologische Reaktionen in Bezug auf gefühlte Gefahr und Sicherheit mit Sozialverhalten verknüpft. Die Theorie wurde vom amerikanischen Psychologen Stephen Porges erstmalig 1995 formuliert. Sie schlägt eine Unterteilung des parasympathischen Vagusnervs in einen ventralen und einen dorsalen Ast vor. Ein weiterer Aspekt liegt in der Bedeutung des sozialen Bindungssystems für die Regulation im Allgemeinen und im Besonderen in Bezug zum Autismus, angesprochen werden verstärkende Kreisläufe des sozialen Bindungssystems, der Stellenwert und Nutzen der Polyvagaltheorie in der Anwendung und die Rolle des Körpers im Zusammenhang mit Autismus, Stress und Trauma. Dieses Kapitel endet mit einer Kritik der Polyvagaltheorie.

Im fünften Kapitel stehen Autismus und die frühkindliche Bindungsentwicklung im Mittelpunkt. Besprochen werden in diesem Zusammenhang die Schwingungsfähigkeit und Resonanz. Ein weiterer Aspekt bildet die Neurobiologie der Bindung. Beleuchtet werden Trauma im Kontext der frühen Bindung, Bindungstheorie und Bindungsstile, diese Erklärungen enden mit der Frage, ob es einen autistischen Bindungsstil gibt. Auch die Perspektive der Eltern wird in den Fokus genommen, indem unterstützende bindungsorientierte Interventionen genannt werden.

Im Kapitel sechs werden die bisherigen Erkenntnisse und Hypothesen zusammengeführt und integriert Der Autor Stöckli hat ein integratives Verständnismodell von Autismus entwickelt, das sog. „Vier-Komponenten-Modell“, dass die Symptomatik in vier Bereiche unterteilt und nach zugrunde liegenden Pathomechanismen kategorisiert. Die Tabelle 6.1.(S. 212) gibt einen Überblick und fasst dieses Modell zusammen:

  1. die genetische Komponente – Pathomechanismus: beeinträchtigte Integration,
  2. die Stress‑ und Traumakomponente – Pathomechanismus: beeinträchtigte Regulation,
  3. die Bindungskomponente – Pathomechanismus: beeinträchtigte Verbindung und die
  4. Kompensationskomponente – Pathomechanismus: Kompensations‑ und Kontrollmechanismen.

Das Buch endet vor Fazit und Abschluss mit der Praxis des integrativer Behandlungsansatz für Autismus. Stöckli nennt Implikationen des Vier-Komponenten-Modells für die Behandlung wie Elemente eines integrativen Behandlungsansatzes für Autismus, dazu gehören auch die Schaffung von Sicherheit und die Förderung von Orientierung sowie die Herstellung einer sicheren Bindung, notwendig sind akzeptanzorientierte Elemente, traumaorientierte Elemente sowie körperorientierte Elemente (die Tabelle 7.1. gibt einen Überblick). Als spezifische Behandlungsmethoden werden am Schluss des Buches das Somatic Experiencing, die Sensorimotor Psychotherapy und technologiegestützte Methoden wie die Vagusstimulation, das Biofeedback und Neurofeedback kurz aufgezählt.

Diskussion

Der Autor Philippe Stöckli entwickelte ein Vier-Komponenten-Modell. Mit diesem Denkmodell eröffnet er eine Perspektive für ein erweitertes, dynamisches Verständnis zum Thema Autismus z.B. für die Begleitung betroffener Menschen. Dieses Verständnismodell begreift Autismus nicht als rein genetische Disposition, sondern als dynamisches, durch Stress und Beziehungserfahrungen mitgeprägtes Phänomen. Mit diesem Ansatz werden neue Horizonte für Verständnis und Behandlung eröffnet. Sein Augenmerk liegt besonders auf der frühen Bindungsdynamik zwischen autistischem Kind und dessen Eltern/​Bezugspersonen. Eindrücklich wird beschrieben, wie ein überfordertes Nervensystem mit Übererregung, Dissoziation oder Fragmentierung reagiert. Menschen, die unter diesen Bedingungen leben brauchen Sicherheit, Regulation und Verbundenheit.

Stöcklis Kritik am evidenzbasierten TEACCH-Ansatz kann ich nicht nachvollziehen und sie ist auch falsch. TEACCH arbeitet nicht mit Bestrafung. Stöckli führt aus: er lehnt diesen Zugang ab, weil es nach seiner Sicht notwendig ist, an die Wurzeln der Problematik zu gehen. Diese Forderung ist aus seiner Sicht als Psychologe logisch. In meinem Berufsleben bin ich mehrfach Psycholog:innen begegnet, die Pathologien wunderbar erklären konnten, wenn es um Hilfestellung/​Unterstützung für Praxis und Alltag ging aber mit dieser Perspektive wenig Hilfreiches beigetragen konnten. Mehr noch, oft bekam ich Antworten in dem Sinne „dafür ist Ihr Berufsstand (Pädagogik) zuständig“.

Jeder Mensch, der therapeutische Begleitung braucht soll diese bekommen – das steht nicht zur Debatte, aber Therapie ist nicht alles und vor allem nicht für alle Menschen zugänglich. Zum einen gibt es viel zu wenig Therapieplätze, zum anderen gibt es Menschen, denen es schwer fällt bis dahin, dass sie keinen Zugang zu sprachbasierten Therapien haben.

Es braucht praktikable Strategien für das Alltagshandeln, mithilfe des TEACCH Ansatzes kann es gelingen. Die Methodik basiert auf entwicklungspsychologischen und kognitiv‑ sowie verhaltenstherapeutischen Konzepten. Grundprinzipien sind Individualisierung, Ganzheitlichkeit, die Fokussierung auf Stärken, Interessen und Bedeutsamkeit, Methodenvielfalt und der sogenannte Zwei-Wege-Ansatz. Gemeint ist a) die Anpassung des Umfeldes an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Person und b) die Entwicklung von Kompetenzen für mehr Teilhabe und Selbstständigkeit. TEACCH ist ein evidenzbasierter Ansatz nachzulesen bei Vanessa Wolff, Marieke Conty, Wolfgang Ludwig (TEACCH. Evidenzbasierter Ansatz in der Begleitung von Menschen mit Autismus. Bielefeld 2019. [Rezension bei socialnet]).

Es braucht Sicherheit und Orientierung sowie die Herstellung einer sicheren Bindung, notwendig sind akzeptanzorientierte Elemente, die den Menschen in seiner Entwicklung stärken, das alles findet sich auch im Arbeiten nach der TEACCH Philosophie. Der TEACCH Ansatz ist ein international anerkanntes und erfolgreiches Konzept, das in den 1960er Jahren in den USA entwickelt wurde. Er zählt zu den wenigen autismusspezifischen und gut evaluierten Methoden im Bereich der Förderung und Unterstützung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum.

Fazit

Drei komplexe Themenbereiche einem Buch: Autismus, Trauma, Bindung. Inhaltlich sehr verdichtet, an vielen Stellen sehr detailliert in die Tiefe gehend. Anspruchsvolles Überblickswerk.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Es gibt 322 Rezensionen von Petra Steinborn.

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ISSN 2190-9245