Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Tanja Sappok, Meike Wehmeyer: Menschen mit Störung der Intelligenzentwicklung begleiten

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 06.05.2026

Cover Tanja Sappok, Meike Wehmeyer: Menschen mit Störung der Intelligenzentwicklung begleiten ISBN 978-3-96605-301-3

Tanja Sappok, Meike Wehmeyer: Menschen mit Störung der Intelligenzentwicklung begleiten. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2026. 160 Seiten. ISBN 978-3-96605-301-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Reihe: PraxisWissen.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Zählpixel

Thema

Dieses Büchlein versucht, kompakt zentrale Themen in der Begleitung von Menschen mit Störung der Intelligenz (SIE) aufzubereiten und notwendiges spezialisiertes Wissen zu vermitteln. Ziel ist, eine entwicklungsfreundliche und beziehungsorientierte Behandlung von dieser Zielgruppe zu vermitteln. Adressat:innen des Büchleins sind Fachkräfte aus Medizin, Psychologie, Therapie, Pädagogik und Pflege. Besonderes Augenmerk möchte auf die Zusammenarbeit mit Angehörigen gelegt werden.

Autor:in oder Herausgeber:in

Tanja Sappok ist Direktorin der Universitätsklinik für Inklusive Medizin, Medizin für Menschen mit Behinderungen in Bethel, und Universitätsprofessorin für Psychische Gesundheit bei Menschen mit Behinderungen. Ihr Arbeitsfeld umfasst diverse Themengebiete rund um die psychische Gesundheit von Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung. Meike Wehmeyer ist Logopädin, Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin und Supervisorin. Als therapeutische Leitung ist sie an der Universitätsklinik für Inklusive Medizin am Krankenhaus Mara gGmbH, Universitätsklinikum OWL, beschäftigt.

Aufbau und Inhalt

Das Büchlein ist im DIN-A5-Softcover-Format erschienen und hat einen Umfang von 160 Seiten, die sich neben Einführung und Literaturverzeichnis in 7 Kapitel gliedern.

Die Kapitel sind nicht durchnummeriert. Es wurde eine kleine Schriftart gewählt, was die Lesbarkeit deutlich erschwert. Der Fließtext ist kompakt geschrieben, es gibt kaum Zwischenüberschriften oder Absätze. Einzelne Stichworte, Querverweise sowie Merksätze heben sich farblich vom Text ab, ab und an sind Beispiele zur Veranschaulichung eingestreut. Die Angabe der Seitenanzahl der einzelnen Kapitel zeigt deutlich, welche Schwerpunkte gesetzt wurden.

Einführung: Behinderung – ein Thema, das uns alle betrifft (S. 8–16)

Auf den ersten Seiten wird die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention, die mittlerweile 20 Jahre alt ist, erwähnt. Daraus leitet sich das Recht auf Gleichbehandlung aller Menschen ab. Es sind Menschenrechtsverletzungen, wenn rechtliche Gleichbehandlung, Selbstbestimmung und Teilhabe missachtet werden. Auf der Grundlage der UN-BRK wurde das BTHG, was für Bundesteilhabegesetz steht, in Deutschland verabschiedet.

Im Anschluss zu diesen Ausführungen werden die Beeinträchtigungen der Intelligenzentwicklung in Form von Definition, Merkmalen und diagnostischen Kriterien sowie Schweregraden ausgeführt. Es gibt unterschiedliche Begrifflichkeiten, während die WHO von Störung der Intelligenzentwicklung spricht, verwenden sozialpolitische Diskurse Bezeichnungen wie intellektuelle oder kognitive Beeinträchtigung/​Behinderungen, Selbstvertretungen sprechen von Lernbehinderung oder Lernschwierigkeiten. Im ICD 10 wird der Begriff Intelligenzminderung angewandt, in der ICD 11 erfolgt eine neue Zuordnung: Intelligenzminderung wird darin den neuromentalen Entwicklungsstörungen zugeordnet.

Konkreter betrachtet wird zu den intellektuellen Beeinträchtigungen ein breites Spektrum mentaler (kognitiver) Leistungen wie logische Schlussfolgerungen, Planen, Problemlösen, abstraktes Denken sowie das Verstehen komplexer Ideen gezählt, auch das Lernen gehört dazu. Ein zentrales Kriterium für die Diagnose ist die Beeinträchtigung der Adaptionsfähigkeit, gemeint ist, wie die Person ihre intellektuellen Fähigkeiten im Alltag nutzen kann, um den Anforderungen des täglichen Lebens gerecht zu werden. Die Ausprägung adaptiver Fähigkeiten ist insbesondere maßgeblich für die Teilhabe und Selbstständigkeit der betroffenen Person im Alltag. Unterschieden werden konzeptuelle Fähigkeiten, soziale/​emotionale Fähigkeiten und alltagspraktische Fähigkeiten.

Leben über Stock und Stein – Einblicke in Lebenswelten (S. 29–43) enthält Beschreibungen von Lebenslinien, denn diese verlaufen von Anfang an anders, beginnend mit der Geburt, hin zur Diagnosestellung, betrachtet werden familiäre Auswirkungen, Förder‑ und Bildungsangebote, auch Wohnen und Unterstützung. Entwicklungsaufgaben entstehen durch ein Mehr an Hürden und kritische Lebensereignisse.

Klinisch relevante Krankheitsbilder (S. 44–87) wie Abhängigkeitserkrankungen, Angststörungen oder Schizophrenien werden angerissen, dieses Kapitel endet mit störungsübergreifenden Herausforderungen. Auf den Seiten 88–106 werden Verhaltensstörungen mit dem besonderen Fokus darauf „wer ist oder wird gestört“ beleuchtet.

Daran anschließend Haltung und Beziehungsgestaltung als Türöffner der Behandlung (S. 107–124) mit den Perspektiven z.B. der Personenzentrierung, Teilhabeorientierung und der Ressourcen‑ und Lösungsorientierung.

Auch brisante Themen mit Zündstoff (S. 125–148) wie Gewalt oder freiheitsentziehende Maßnahmen bekommen kurze Aufmerksamkeit. Den Abschluss bilden Aussagen auf dem Weg zu einem inklusiven Gesundheitssystem (S. 149–151) mit Hinweisen zur regel‑ und spezialisierten Versorgung und dem gemeinschaftlichen Engagement in der Inklusiven Medizin.

Diskussion

Beim Lesen des Titels war ich sehr gespannt, wie es diesen Autorinnen gelingt, das Thema aufzubereiten. Das Büchlein ist in der Reihe „Praxiswissen“ erschienen, und auch der Klappentext suggeriert, Inhalt sei eine alltagsnahe Praxisanleitung für die Begleitung.

Durch die Wortwahl des Buchtitels wird klar, dass die medizinische Perspektive auf Menschen mit einer Intelligenzstörung besprochen wird. Menschen, die diese Diagnose bekommen haben, haben einen besonderen Bedarf, und spezialisiertes Wissen ist in der Begleitung unverzichtbar. Die Autorinnen Sappok und Wehmeyer, beide im medizinischen Bereich tätig, geben kompakte Informationen zu Prävalenz und Kernsymptomatik relevanter Krankheitsbilder, ergänzt durch Nennung von Diagnosetools, therapeutischen Ansätzen und Praxistipps. Neben Aufzählung teilhabeorientierter Behandlungsziele werden auch Themen wie Gewalt, freiheitsentziehende Maßnahmen und Personalgesundheit angerissen. Das Büchlein ist 2026 erschienen, manche Literaturverweise sind schon älter, und trotz kompakter Formatierung wird auch ein Ereignis aus dem Jahr 1878 als Erklärung herangezogen.

In Kurzform wird das Modell zur emotionalen Entwicklung von Anton Dozen dargestellt, welches ursprünglich (als sog. SEO) fünf Entwicklungsphasen hatte und durch die Zusammenarbeit einer internationalen Arbeitsgruppe als SEED durch die Phase der sozialen Individuation ergänzt wurde. Die Feststellung der emotionalen Entwicklung trägt dazu bei, gezeigtes Verhalten besser zu verstehen, um Strategien adäquat zu entwickeln, sodass das emotionale Wohlbefinden und die psychische Gesundheit gefördert werden. Diese Perspektive unterstützt den Wandel der Perspektive: Statt mit Verhaltensmodifikation zu arbeiten, rückt die Entwicklungsbegleitung als Aufgabe in den Vordergrund, statt zu pathologisieren, soll Verständnis erzeugt werden. Die dahinterstehende Haltung unterstreicht: Menschen brauchen Sicherheit, um ihre Potenziale zu entfalten und Teilhabe zu erleben.

Fazit

Das Vorhaben mag ambitioniert gestartet sein, aber es erfüllt nicht das, was Titel und Klappentext versprechen. Um der besonderen Bedeutung dieses wichtigen Themas Rechnung zu tragen, wäre es hilfreich gewesen, ein Format zu wählen, das es erlaubt, mehr in die Tiefe zu gehen. Der Anspruch, formuliert im Klappentext, eine „alltagsnahe Praxisanleitung“ als „must have“ vorzulegen, verspricht mehr, als umgesetzt werden konnte.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Website
Mailformular

Es gibt 321 Rezensionen von Petra Steinborn.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245