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Sven Jennessen, Tim Krüger (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung leben

Rezensiert von Prof.in Dr.in Ulrike Mattke, 24.02.2026

Cover Sven Jennessen, Tim Krüger (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung leben ISBN 978-3-17-043021-1

Sven Jennessen, Tim Krüger (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung leben. Behinderungen reduzieren - Teilhabe umsetzen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 352 Seiten. ISBN 978-3-17-043021-1. 32,00 EUR.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783170211407. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783170319912.

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Thema

Der Herausgeberband behandelt das Thema selbstbestimmte Sexualität von Menschen mit Behinderungen, die in Einrichtungen der Eingliederungshilfe leben. Im Fokus stehen Bildungsmaßnahmen für Mitarbeitende und Menschen mit Behinderungen sowie deren Wirkungen.

Herausgeber

Prof. Dr. Sven Jennessen hat an der Humboldt -Universität zu Berlin den Lehrstuhl für Pädagogik bei Beeinträchtigungen der körperlich-motorischen Entwicklung inne. Tim Krüger war als Diplom-Rehabilitationspädagoge wissenschaftlicher Mitarbeiter an diesem Lehrstuhl und arbeitet aktuell als Referent im Dezernat Reha-Wissenschaften bei der Deutschen Rentenversicherung. Unter den insgesamt 21 Autor:innen befinden sich verschiedenste berufliche Hintergründe: Rehabilitationspädagog:innen, eine Aktivistin und Bloggerin, eine Psychologin, zwei Hochschullehrer:innen und andere mehr. Die meisten Autor:innen waren Mitarbeitende im ReWiKs-Projekt.

Die Publikation bezieht sich auf das vom Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) geförderte Projekt „Reflexion – Wissen – Können (ReWiKs)“, in dessen erster Phase ein komplexes Medienpaket zur sexuellen Bildung sowohl für Fachkräfte als auch für Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe entwickelt und evaluiert wurde. In der zweiten Phase dieses Projekts, für das die beiden Herausgeber verantwortlich waren, wurden verschiedene Aktivitäten in der Praxis durchgeführt. Der vorliegende Band enthält sowohl Berichte über diese Aktivitäten als auch diesbezügliche Evaluationsergebnisse.

Aufbau

Das Werk umfasst sieben Kapitel mit insgesamt 27 Artikeln in sehr unterschiedlichem Umfang.

Kapitel I: Selbstbestimmt Sexualität leben: Hintergrund und Zielsetzung des Buches

Kapitel II: Theoretische Grundlagen zu Konstruktionen des Verhältnisses von Sexualität und Behinderung

Kapitel III: Das Projekt ReWiKs

Kapitel IV: Räume für Kommunikation und Teilhabe schaffen

Kapitel V: Fachkräfte im Kontext sexueller Selbstbestimmung bilden – Organisationen verändern

Kapitel IV: Ausgewählte Aspekte und Querschnittsthemen sexueller Selbstbestimmung

Kapitel VII: Resümee und Ausblick

Inhalt

Nach einem einleitenden Artikel (Kapitel I) erörtern S. Jennessen und T. Krüger die theoretische Basis des Buches unter dem Titel „Sexuelle Selbstbestimmung und Behinderung – Konturen von Wechselwirkungen in Theorie und Praxis“ (Kapitel II). Aufgezeigt werden die vielfältigen theoretischen und interdisziplinären Verflechtungen des Gegenstandes, u.a. mit der Genderforschung, der Intersektionalitätsforschung, der Soziologie, dem Selbstbestimmungsdiskurs und mit rechtlichen und gesundheitlichen Perspektiven. Eine Einbeziehung des Themas Sexualität in die ICF-basierten Verfahren zur Bedarfserhebung wird postuliert und es werden dazu konkrete Vorschläge präsentiert.

Anschließen skizzieren die beiden Herausgeber in Kapitel III das ReWiKs – Projekt auf fünf Seiten.

In Kapitel IV werden in insgesamt sieben Artikeln verschiedene Aspekte der so genannten „Freiraum-Gruppen“ dargestellt, einem innovativen Format, in dem erwachsenen Menschen mit Lernschwierigkeiten ein „Erzähl- und Resonanzraum“ zum Thema Sexualität verbunden mit Peer-Counseling angeboten wird. Dabei sind die Peers mit einer Ausnahme körperbehinderte Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen, teils mit therapeutischer Weiterbildung, was durchaus kritisch diskutiert wird. Neben konzeptionellen und methodischen Überlegungen wird über konkrete Freiraum-Gruppen berichtet. Zudem wird partizipative Forschung in diesen Gruppen dargestellt und es werden zahlreiche positive Ergebnisse erläutert.

Nach dem Fokus des Bildungsangebots für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Kapitel III steht im Fokus von Kapitel V das Thema „Fachkräfte im Kontext sexueller Selbstbestimmung bilden – Organisationen verändern“ mit sechs einzelnen Artikeln. Neben einem Bericht aus zwei Einrichtungen der Praxis mit dem Titel „Eigene Wege entwickeln – Wie zwei Lots*innen die ReWiks-Impulse in ihrer Organisation verankern“ werden in vier Artikeln folgende Aspekte der Bildung von Fachkräften nach dem ReWiKs – Konzept berichtet sowie deren Evaluation: „Die Qualifizierung von Fachkräften im Rahmen der Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung“, „Lots*innen-Fortbildung: Konzept- Zielsetzung, Realisierung und Evaluation“, „Partizipative Organisationsentwicklung mit dem Ziel sexueller Selbstbestimmung“ und „Vernetzung zu sexualitätsbezogenen Themen in regionalen und überregionalen Formaten“.

Kapitel VIAusgewählte Aspekte und Querschnittsthemen sexueller Selbstbestimmung“ enthält insgesamt neun Artikel.

Hervorzuheben ist der Artikel von Ingy El Ismy & Katarina Prchal, die sowohl theoretisch als auch praktisch fundiert die Kategorien „Geschlecht, Sexualität und Körper – Differente Sexualität(en)?“ diskutieren. Sie berichten u.a. über einen Workshop mit Teilnehmenden von Freiraum-Gruppen und deren gedankliche Verbindungen zum Thema „Sexualität“.

Zum dem in der Fachliteratur kaum diskutierten Thema „Queerness und Behinderung“ folgt eine differenzierte Ausführung von Ingrid Amschlinger unter dem Titel „Ich sehe da echt viel Potenzial. Aber ich sehe da wenig Umsetzung – Un/Sichtbarkeiten queerer Lebensrealitäten in der Eingliederungshilfe“.

Ein weiterer Artikel der Herausgeber beschäftigt sich mit den Einschränkungen der sexuellen Selbstbestimmung während der Coronapandemie: „Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Beeinträchtigungen in Krisenzeiten“.

Interessante Sichtweisen auch aus der Nutzerinnensicht von Sexualbegleitung finden sich in dem Artikel „Sexualassistenz und Sexualbegleitung – diverse Perspektiven“ von Chris Lily Kiermeier, Steffi Büttner & Katarina Prchal. U.a. widersprechen die Autor:innen den häufig gestellten Forderungen nach einer Qualifizierung von Sexualbegleiter:innen.

Besonders zu erwähnen sind auch die Erläuterungen von Henning Hartmann und Tim Krüger zum Thema „Sexuelle Selbstbestimmung und digitale Teilhabe“. Neben einer Rezeption umfangreicher Literatur werden Ergebnisse aus Befragungen von Menschen mit Beeinträchtigungen und Mitarbeitenden der Eingliederungshilfe vorgestellt, in denen ein Desiderat nach umfassender Steigerung digitaler Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen deutlich wird.

Weitere Artikel widmen sich interessanten biografischen Einblicken von körperbehinderten Autorinnen zu den Themen belastende körperliche Erfahrungen in Kindheit und Jugend und Kinderwunsch.

In Kapitel VII Resümee und Ausblick erörtern die beiden Herausgeber Sven Jennessen und Tim KrügerSexuelle Selbstbestimmung enthindern – multidimensionale Perspektiven“ mit dem Ziel einer „Weiterentwicklung von Wohneinrichtungen zu sexualfreundlichen Institutionen“.

Diskussion

Der Band gibt einen guten Einblick in die Ergebnisse eines komplexen Forschungsprojekts. Besonders anregend für Projekte der sexuellen Bildung sind Einblicke in die so genannten Freiraum-Gruppen sowie die Einbeziehung von Instrumenten der Organisationsentwicklung zur Etablierung sexueller Selbstbestimmung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, obwohl die sehr kleinschrittigen Ergebnisdarstellungen die Lesbarkeit erschweren. Wenig diskutierte und herausragend ausgearbeitete Aspekte der Thematik finden sich in Kapitel VI. Hier geht das gesamte Werk über das konkrete ReWiKs-Projekt hinaus und erörtert in der bisherigen Fachdiskussion eher vernachlässigte Perspektiven.

Fazit

Die Ergebnisse eines vielschichtigen Praxisforschungsprojekts, Berichte über Verläufe von Bildungsmaßnahmen für Fachkräfte und für Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Erörterungen über theoretische Grundlagen und Verflechtungen auf hohem Niveau bieten sowohl für Forscher:innen als auch für Praktiker:innen eine gewinnbringende Lektüre.

Rezension von
Prof.in Dr.in Ulrike Mattke
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Es gibt 5 Rezensionen von Ulrike Mattke.

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ISSN 2190-9245