Tim Middendorf, Alexander Parchow (Hrsg.): Ältere Menschen in prekären Lebenslagen
Rezensiert von Prof. Dr. Kerstin Herzog, 05.03.2026
Tim Middendorf, Alexander Parchow (Hrsg.): Ältere Menschen in prekären Lebenslagen. Theorien, Handlungsfelder und Fragestellungen für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 643 Seiten. ISBN 978-3-7799-9122-9. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR.
Thema
Der Herausgeberband verbindet die Lebensphase „Alter“ mit unterschiedlichen Formen der Prekarität. Auf mehr als 600 Seiten bündeln die verschiedenen Aufsätze theoretische Perspektiven, empirische Befunde und praxisorientierte Zugänge für Soziale Arbeit im Kontext des Alterns unter prekären Bedingungen und entwickeln sie weiter.
Entstehungshintergrund
Das Werk reiht sich als dritter Sammelband in eine Reihe ein, die prekäre Lebensverhältnisse als Thema der Sozialen Arbeit zu unterschiedlichen Lebensphasen in Bezug setzt. Nach dem Fokus auf die Jugendphase (Band 1) und den prekären Lebenslagen Erwachsener (Band 2) stehen im Band 3 ältere Menschen im Mittelpunkt. Konzeptionell – so die Herausgebenden in der Einleitung – bilde diese Trilogie die „Logik eines dreigeteilten Lebenslaufs“ (S. 11) moderner Gesellschaften ab. Ein weiteres Kennzeichen der Sammelbände ist die Verbindung von theoretischer Fundierung, empirischen Erkenntnissen und praxisrelevantem Handlungsfeldbezug. Damit wenden sich die Beiträge an eine heterogene Zielgruppe aus Wissenschaftler:innen, Lehrenden und Studierenden sowie Fachkräften der Sozialen Arbeit.
Aufbau
Der Sammelband widmet sich dem Thema in verschiedenen Gliederungsabschnitten. Nachdem im ersten Teil neun Beiträge ihre theoretischen und sozialarbeitswissenschaftlichen Perspektiven auf ältere Menschen in prekären Lebenslagen einnehmen, folgen thematische Abschnitte zu Gesundheit, Beeinträchtigungen und Versorgung; Einsamkeit, Sozialraum und (digitale) Exklusion; Wohnen und Wohnformen; Migrations‑ und Fluchtgeschichte sowie Delinquenz, Gewalt und Finanzen. Alter wird hier nicht lediglich als Lebensphase konzipiert, sondern als Kreuzungspunkt verschiedener Ungleichheits‑ und Ausschließungsdimensionen verstanden.
Neben empirischen Aufsätzen finden sich auch stärker theoretisch orientierte Beiträge, die etwa sozialpolitische Entwicklungen, wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen oder gesellschaftstheoretische Perspektiven auf Prekarisierung im Alter diskutieren. Insgesamt versammelt der Band 43 Einzelbeiträge als multiperspektivische Befassung mit prekären Lebenslagen von älteren Menschen.
Inhalt
Die gewählte Bezeichnung „Ältere Menschen“ versucht, so formulieren Middendorf und Parchow einleitend ihr Anliegen, Defizitorientierung und abwertende Zuschreibungen bezüglich derjenigen, die sich in einem höheren Lebensalter befinden, zu vermeiden. Mit Blick auf den thematischen Fokus des Bandes („prekäre Lebenslagen“) soll so eine potenzielle doppelte Stigmatisierung vermieden werden. Nicht nur die Lebenslage, auch die subjektiven Perspektiven älterer Menschen sind insofern relevant und stellen die Verbindung zur sozialarbeiterischen Praxis her. Zugleich folgt der Band einem breiten Verständnis von Prekarität, das über ökonomische Unsicherheiten hinausgeht.
Diese besondere Standortbestimmung zeigt sich insbesondere im ersten Teil des Bandes (Theoretische Perspektiven auf ältere Menschen im Kontext prekärer Lebenslagen). So zielen die Theoretisierungen darauf, Vereindeutigungen und Zuschreibungen bezüglich älterer Menschen in prekären Lebenslagen zu vermeiden, ohne jedoch das Potenzial empirischer und theoretischer Blickwinkel auszublenden. Mit Beiträgen etwa zum Lebenslagenkonzept, Lebensbewältigung oder Sozialraumorientierung finden sich Verankerungen in zentralen sozialarbeitswissenschaftlichen und sozialgerontologischen Debatten. Hervorzuheben ist zudem, dass mit Aufsätzen zu langzeitarbeitslosen Menschen im Altersübergang, prekären Altersbildern (Familialismen vs. Autonomie) und freiwilligem Engagement nicht nur Defizitlagen beschrieben, sondern auch Ressourcen, normative Leitbilder und ambivalente Erwartungsstrukturen thematisiert werden. Das macht den Band für die Reflexion professioneller Haltungen und Altersbilder in der Sozialen Arbeit besonders interessant.
Im zweiten Themenkomplex zu Gesundheit, Beeinträchtigungen und Versorgung eröffnet sich ein breiter Blick auf die Versorgungsrealitäten über klassische Pflegearrangements hinaus. Behandelt werden bspw. Schnittstellenproblematiken, Abhängigkeiten oder auch Grenzen der Pflege durch An‑ und Zugehörige sowie ihre Relevanz für eine ungleichheitsinformierte Soziale Arbeit. Herauszustellen sind ferner wenig beachtete Phänomene wie Glücksspielsucht, Autismus oder spezifische Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungserfahrung in Bezug auf Sterben, die strukturelle Herausforderungen und Versorgungslücken aufzeigen.
Unter der thematischen Überschrift „Einsamkeit, Sozialraum und (digitale) Exklusion“ wird einem aktuell viel beachteten Thema, der Einsamkeit, entsprechend Raum gegeben. Der vertiefte Fokus erlaubt, dieses als vielschichtiges Phänomen mit emotionalen Dynamiken und strukturellen Herausforderungen (z.B. Stadt-Land-Unterschiede) wahrzunehmen und Handlungsperspektiven aufzuzeigen. Ebenfalls hochrelevant ist die kritische Diskussion von Digitalität als Teilhabemöglichkeit wie Exklusionsrisiko im Alter. Dem Fokus des Sammelbands folgend wird Digitalität nicht als individuelle Kompetenz erachtet, sondern als gesellschaftlicher Wandel mit Ungleichheitseffekten und Ausschließungsdynamiken, die Ältere auf ganz unterschiedliche Arten betreffen.
Im vierten Themenschwerpunkt stehen Wohnen, Wohnformen und Nichtwohnen im Zentrum. Ausgehend von der Frage, unter welchen Bedingungen Wohnen im Alter mit Prekarität verbunden ist, werden typische Wohnformen für Ältere im Pflege‑ und Versorgungsbereich in der Spannung von institutionellen Routinen, körperlichen Einschränkungen und Selbstbestimmung behandelt. Zusätzlichen Erkenntnisgewinn bieten Einblicke in die Lebenswelten wohn‑ und obdachloser Menschen sowie ein internationaler Vergleich. Für die Soziale Arbeit ist es von besonderer Praxisrelevanz, hier in und gegen institutionelle Logiken emotionale Unterstützung zu bieten und emanzipatorische Gestaltung zu fokussieren.
Im fünften Fokus stehen in drei Aufsätzen „Ältere Menschen mit Migrations‑ und Fluchtgeschichte“ und deren besondere Herausforderungen beim Zugang und der Nutzung von Unterstützungssystemen. Theoretisch wie empirisch zeigen die Beiträge die Notwendigkeit, differenzsensibel die Heterogenität der Adressat:innen anzuerkennen und hiervon ausgehend bisherige Unterstützungsstrukturen ressourcenorientiert weiterzuentwickeln.
Das sechste Themenkapitel bündelt unter der Überschrift „Delinquenz, Gewalt und Finanzen älterer Menschen in prekären Lebenslagen“ ganz unterschiedliche Beiträge zu besonderen Vulnerabilitäten. Eine Qualität liegt hierbei in den Perspektiven auf marginalisierte oder tabuisierte Phänomene, wie altersspezifischer Straffälligkeit, sexualisierter Gewalt oder Überschuldung, und deren Prekarität verstärkenden Effekten. Handlungsperspektiven für Soziale Arbeit werden in intersektionalen Analysen und alterssensiblen Weiterentwicklungen der Sanktions-, Versorgungs‑ und Unterstützungsstrukturen erachtet.
Diskussion
Der Sammelband (als Teil einer Trilogie) ist konzeptionell entlang der Frage gestaltet, wie sich Prekarität im Alter unter verschiedenen Perspektiven theoretisch, empirisch fundiert und praxisnah fassen lässt. Zentral ist dabei die Vermeidung defizitorientierter Zuschreibungen sowie eine multiperspektivische Betrachtung der Lebensphase Alter entlang eines breiten Prekaritätsverständnisses. Die Beiträge versammeln sowohl prominente Themen (wie Pflegearrangements, Wohnformen und soziale Isolation) und wenig sichtbare Aspekte (wie Glücksspiel, Scham im Kontext von Überschuldung oder auch Straffälligkeit). Das Werk durchzieht ein klarer entindividualisierender Fokus, der Prekarität im Alter als Dynamik sozialer Ungleichheitsverhältnisse und sozialpolitischer Entscheidungen markiert und deren subjektives Erleben sichtbar macht.
Der Umfang des Werkes mit 643 Seiten kann ambivalent gesehen werden: So erlaubt dies zwar die Vielfalt an Einblicken, zugleich kann dies für die Lesenden auch überfordernd erlebt werden. Kleinere Zwischenresümees oder ein strukturierend einordnender Schlussbeitrag hätte geholfen, den roten Faden und systematisierten Erkenntnisgewinn herauszustellen und Orientierung zu bieten.
Für die Praxis Sozialer Arbeit mit älteren Menschen bietet der Band durch die Einblicke in konkrete Settings einige Anregungen, um professionelles Handeln zu reflektieren und auf wissenschaftliche Aktualität zu überprüfen. Doch diese Stärke ist zugleich auch in einigen Beiträgen ein kleines Manko: Weitgehend unsichtbar bleiben hier die gesellschaftlichen und kapitalistischen Strukturlogiken von Prekarität, die sich in der Ökonomisierung des Sozial‑ und Gesundheitsbereichs sowie in normativen Anforderungen an die Subjekte, etwa in Form von Leistungsimperativen, ausdrücken. Fehlt diese Rahmung, scheinen die aufgezeigten Handlungsalternativen in der Praxis Sozialer Arbeit als Lösung am Horizont auf, nicht etwa als (selbst)kritische Daueraufgabe innerhalb der widersprüchlichen Grundstruktur Sozialer Arbeit.
Insgesamt eignet sich der Sammelband weniger als ersten einführenden Zugang zu Sozialer Arbeit mit älteren Menschen, da die anspruchsvolle Konzeption eine gewisse Vertrautheit mit zentralen sozialgerontologischen und sozialarbeitswissenschaftlichen Grundbegriffen und Konzepten verlangt. In Ergänzung zu anderen Werken leistet der Sammelband jedoch eine Perspektivenerweiterung und Möglichkeit, eigene blinde Flecken in den Auseinandersetzungen um Alter in der Sozialen Arbeit zu identifizieren.
Fazit
„Ältere Menschen in prekären Lebenslagen“ ist ein umfangreicher, inhaltlich anspruchsvoller Sammelband, der jene älteren Menschen in den Mittelpunkt stellt, deren Lebenssituation von Unsicherheit, Armut und Ausschluss geprägt ist. Er verbindet theoretische Analysen mit praxisrelevanten Überlegungen und bietet mit der Vielzahl an Themen einen Mehrwert für diejenigen, die Soziale Arbeit im Feld Alter wissenschaftlich, sozialpolitisch und praktisch reflektieren und weiterentwickeln wollen.
Rezension von
Prof. Dr. Kerstin Herzog
Diplom-Sozialpädagogin (FH)
Professorin für Soziale Arbeit und prekäre Lebensverhältnisse an der Hochschule RheinMain.
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