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Frank Adloff: Zivilgesellschaft. Theorie und politische Praxis

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.01.2006

Cover Frank Adloff: Zivilgesellschaft. Theorie und politische Praxis ISBN 978-3-593-37398-0

Frank Adloff: Zivilgesellschaft. Theorie und politische Praxis. Campus Verlag (Frankfurt) 2005. 170 Seiten. ISBN 978-3-593-37398-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,80 sFr.
Reihe: Campus Studium.

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Zivilgesellschaft - Signal oder Verwirrbegriff?

In der gesellschaftspolitischen Diskussion gibt es immer wieder Begriffe und Entwürfe, die für die einen das Heil, ja gar die Erlösung aus selbstverschuldetem Elend in der Welt, lokal und global, verheißen; die anderen winken ab und verweigern sich dem Diskurs, weil sie vermuten oder befürchten, dass der neue (Heils)Begriff nun für alles herhalten müsse und zur Anwendung komme, passe was wolle! So mutierte der Begriff "Nachhaltigkeit", der sich aus dem Nachdenken darüber, dass die Entwicklung der Welt, will die Menschheit überleben, "tragfähig" (sustainable development) sein müsse, zu einem Schlagwort entwickelte, der in der öffentlichen Auseinandersetzung über die Nutzung und den Verbrauch der Ressourcen auf der Erde für Alles und jede Situation angewendet - und damit unbrauchbar wird für seriöse und objektive Analysen und Benennungen von Problemen.

Ähnlich könnte es, wenn wir nicht aufpassen, einem anderen Begriff gehen, der von den einen "als Allheilmittel gegen die Verwerfungen in der sozialen Welt angesehen" wird, während die anderen ihn beinahe schon als untauglich für die exakte Bezeichnung von gesellschaftlichen Entwicklungen bezeichnen: "Zivilgesellschaft". Dabei sind der Begriff und das, was darunter verstanden werden will, so alt, wie Menschen über das politische und gesellschaftliche Zusammenleben nachdenken. Während die einen in der "Zivilgesellschaft" ein radikales Reformkonzept sehen, um demokratisches Selbstregieren zu stärken und Übergriffe des Staates wie auch der Wirtschaft zu bändigen, erhoffen sich die anderen, dass sich die Bürger nicht länger auf den Sozialstaat verlassen, sondern ihre Angelegenheiten in eigener Verantwortung regeln.

Autor und Ziel des Buchs

Der am Institut für Soziologie der Universität in Göttingen tätige Frank Adloff  unternimmt den Versuch, "die Ambiguität des Begriffs verständlich (zu) machen, zum Teil auch auf(zu)lösen und vor allem die von ihm aufgerufenen sozialen und politischen Phänomene dar(zu)stellen und (zu) analysieren". Das Buch erscheint in der Reihe "Campus Studium". Damit wird schon deutlich, dass sich die Arbeit in erster Linie an Studierende der sozialwissenschaftlichen Fächer richtet; aber auch, wegen des historischen und aktuellen Ansatzes der Analyse, an Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinbildenden und berufsbildenden Oberstufen, und nicht zuletzt an in der Zivilgesellschaft haupt- und ehrenamtlich tätige Aktive.

Inhalt

Unter civil society, also Zivil- oder Bürgergesellschaft, wird in der Regel ein gesellschaftlicher Raum, nämlich die plurale Gesamtheit der öffentlichen Assoziationen, Vereinigungen und Zusammenkünfte verstanden, die auf dem freiwilligen Zusammenhandeln der Bürger und Bürgerinnen beruhen. Vereine, Verbände und soziale Bewegungen sind dabei typische Organisationsformen.

Bereits Aristoteles meint "Zivilgesellschaft", wenn er von der "politeia" als der rechtlich-sozialen, ökonomischen und sittlichen Ordnung eines Gemeinwesens und vom Gemeinwohl (to koinê sympheron) spricht. Erst ab 1700 vollzieht sich durch John Locke (1632 - 1704), Charles Montesquieu (1689 - 1755), Adam Ferguson (1723 - 1816), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831)und Alexis Tocqueville (1805 - 1859) eine Änderung des Begriffs und der philosophischen und politischen Bedeutung. Zivilgesellschaft wird als deutliche Abgrenzung vom Staat verstanden, jedoch noch nicht klar von der entstehenden Marktwirtschaft. In der marxistischen Interpretation von Antonio Gramsci (1891 - 1937) und der pragmatischen Theorie von John Dewey (1858 - 1937) erfährt Anfang des 20. Jahrhunderts der Begriff auch eine Abgrenzung zur Wirtschaft. Die Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegungen in Osteuropa, nach dem Scheitern der Reformbewegungen in Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei ("Prager Frühling") Anfang der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verstärkten die Idee der Zivilgesellschaft als eine Gemeinschaft von freien Bürgern und zogen endgültig die Grenze hin zum totalitären Staat. Schließlich führte die Parole "Wir sind das Volk" hin zum Zusammenbruch des Ostblocks und zu einer (vorläufigen) Neuordnung der Welt. In der aktuellen, soziologischen und politischen Diskussion geht es überwiegend um die Frage, wie viel Staat nötig und wie viel Privatheit möglich ist; oder: Wie ist das Verhältnis von individueller Freiheit des Menschen und kollektiven Anforderungen? In der so genannten Kommunitarismusdebatte tritt der amerikanische Philosoph John Rawls (1921 - 2002) für die Gleichheit der Grundrechte und Grundpflichten und den Grundsatz ein, dass soziale Ungleichheiten, etwa unterschiedlicher Reichtum oder verschiedene Macht, nur dann gerecht sei, wenn sich aus ihnen Vorteile für alle ergeben, besonders für die Schwächsten in der Gesellschaft.

Andere, die das Kommunitarismuskonzept als zu individualistisch und zu wenig gemeinschaftsorientiert werten, wie z. B. der Philosoph Alasdair MacIntyre (geb. 1929), sind der Überzeugung, dass moralisches Handeln nur in einer Gemeinschaft möglich sei. Mit dem aristotelischen Tugendbegriff und der Tugendlehre Thomas von Aquin soll in einem sozialen Netz aus Geben und Nehmen eine Erkenntnis entstehen, dass wir unabhängige und rationale Subjekte sind, wir aber gleichzeitig dabei auch erkennen können, dass und wie wir von anderen Menschen abhängig sind. Der kanadische Philosoph Charles Taylor (geb. 1931) sieht sein Demokratiemodell in republikanischen und partizipativen Ideen verankert. Die Voraussetzungen hierfür seien: Die Anerkennung der Würde aller, gegenseitiger Respekt, die Partizipation an der Demokratie über zivilgesellschaftliche Vereinigungen, die Dezentralisierung der politischen Macht und die Bändigung der Macht großer Privatunternehmen. Einer der wesentlichen Fragen bei der Durchsetzung von zivilgesellschaftlichem Engagement ist, wie es gelingen kann, die durch die globale Entwicklung sich vollziehenden individualistischen Haltungen der Menschen zu verändern. So spricht der amerikanische Soziologe Robert Bellah (geb. 1927) davon, dass das Individuum nur durch die Einbettung in die Gemeinschaft in der Lage sei, eine eigene Individualität und Identität zu entwickeln. Diese Warnungen seien nur allzu gerechtfertigt, weil ab den 90er Jahren in den westlichen Ländern, allen voran in den USA, ein "Schwund des Sozialkapitals" zu verzeichnen sei. Sozialkapital ist in diesem Sinne: Vertrauen, Normen und soziale Netzwerke, Kooperationsfähigkeit und Hilfsbereitschaft. Der Berliner Politik- und Sozialwissenschaftler Herfried Münkler stellt neue Überlegungen zu den Konzepten von Bürger- und Gemeinsinn an. Demokratien könnten nur dann erfolgreich funktionieren, wenn die Bürger eine hohe Partizipationsbereitschaft zeigten. Dabei sei es erforderlich, die bisherige Auffassung zu revidieren, dass nur derjenige Bürger aktiv und gemeinwohlorientiert sei, der sich politisch engagiert; vielmehr gälte es, gemeinschaftsbezogene Handlungen, wie z. B. soziales Engagement, als demokratie-, gesellschafts- und gemeinschaftsfördernd darzustellen. Jürgen Habermas entwickelt den Diskurs um Zivilgesellschaft mit seiner "Diskurstheorie". Seiner Meinung nach konstituiert sich politische Gemeinschaft erst im Diskurs und in Verfahren der Partizipation. Dabei komme der Sprache als Kommunikationsmittel, besonders der Medien, eine besondere Bedeutung und Aufmerksamkeit zu. In seinem Bild von der "lebensweltlich strukturierten, öffentlichen Kommunikation", die zivilgesellschaftlich verläuft, sieht Habermas die erforderliche Voraussetzung für Gerechtigkeit in einer Gesellschaft.

"Zivilgesellschaft bezeichnet die sozialen Beziehungen zwischen Bürgern und Bürgerinnen, Zivilgesellschaft meint den Raum, wo sich Bürger und Bürgerinnen in ihrer Rolle als Bürger treffen und solidarisch oder konflikthaft handeln - sie können sich horizontal vernetzen, solidarisch handeln und sich bürgerschaftlich selbst organisieren, oder sie beziehen sich zustimmend oder protestierend auf den Raum des Politischen und verstehen sich als die Urheber der Gesetze. Sie handeln in diesem öffentlichen Raum nicht als Familienmitglieder, Bürokraten oder Wirtschaftsbürger, sondern in der Rolle des Citoyen" (S. 155).

Fazit

Eine notwendige und fällige Auseinandersetzung und eine Begriffsklärung zu einem wünschenswerten Zustand in unseren lokalen, regionalen und globalen Gesellschaften.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1748 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245