Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Martin Klein, Ina Schönke: Betriebliche Soziale Arbeit in Krisen- und Notfallsituationen

Rezensiert von Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 17.03.2026

Cover Martin Klein, Ina Schönke: Betriebliche Soziale Arbeit in Krisen- und Notfallsituationen ISBN 978-3-7799-9086-4

Martin Klein, Ina Schönke: Betriebliche Soziale Arbeit in Krisen- und Notfallsituationen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 105 Seiten. ISBN 978-3-7799-9086-4. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR.
Reihe: Betriebliche Soziale Arbeit.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist der siebte Band der von Martin Klein herausgegebenen Reihe „Betriebliche Soziale Arbeit“, die seit 2021 sukzessive anwächst. Seit über 100 Jahren ist die Betriebliche Soziale Arbeit (BSA) als Handlungsfeld etabliert und in öffentlichen, freien und privatwirtschaftlichen Organisationen und Trägern verankert. Manche Themen ziehen sich seit Beginn wie ein roter Faden durch, andere kommen hinzu oder fallen weg. Die Bände der Reihe behandeln konzeptionelle und anwendungsbezogene Ansätze gleichermaßen und legen Wert auf den Theorie-Praxis-Transfer.

Verfasser und Verfasserin

Prof. Dr. Martin Klein ist Professor für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule (katho) NRW und Prorektor für Studium, Lehre und Weiterbildung. Er ist Vorstand des Bundesfachverbands Betriebliche Soziale Arbeit e.V. (bbs). Ina Schönke ist Diplom-Psychologin, systemischer Coach und Notfallpsychologin: Sie bietet Privatpersonen und Organisationen Coaching, Seminare und Beratung zu den Bausteinen Prävention, Intervention und Nachsorge an.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Abschnitte und schließt mit dem Literaturverzeichnis (S. 101–105).

Einleitung

Der Autor und die Autorin beginnen damit, den Spannungsbogen der BSA zu beschreiben, deren Aufgabe es sei, „in soziale Prozesse und Beziehungen, die nicht gelingen, einzugreifen und diese gezielt mitzugestalten“ (S. 9). Die Fokussierung auf Notfälle und Krisen hat es mit „besonderen Situationen“ zu tun, die unbestimmt, offen und kontingent sind. Die intervenierende Person handelt stellvertretend, hilft es doch die Krise eines:einer Betroffenen zu bewältigen, der:die die Expertise in Anspruch nimmt und davon ausgeht, dass auch die Deutungsleistung richtig erbracht wird. Klein & Schönke widmen sich deshalb der Klärung nachfolgender Situationen.

Alltagssituationen: Im Alltagsablauf bilden sich Routinen, die das Handeln erwartbar machen und Halt, Orientierung und Sicherheit für die Person und für die Mitmenschen bieten. Daneben können Routinen auch dysfunktional sein, wenn sie ihre Anpassungsfähigkeit an die Situationen verlieren und starr werden. Für die BSA gehören auch Krisensituationen zum Alltag, die sie mithilfe von Routinen bewältigen können.

Als Ausnahmesituationen werden befristete und bewältigbare Situationen betrachtet (z.B. in isolierten, beengten und extremen Umgebungen, Gefahren‑ oder Schadenlage), auf die man sich z.B. mit Trainings vorbereiten kann. Aus Sicht der BSA sind die sozialen Beziehungen und emotionalen Muster von Interesse, da i.d.R. ein Team funktionsfähig sein muss und latente oder manifeste Konflikte destruktiv sind. Psychosoziale Sicherheit, Verlässlichkeit, Struktur und Klarheit, Sinn und Impact haben sich in Ausnahmesituationen als hilfreich erwiesen.

Notfallsituationen: Es handelt sich um unerwartet eintretende Ereignisse (Unfall, medizinische Ereignisse, Feuer), in denen sofortige Maßnahmen erforderlich sind, um Gefahren für die Personen und die Organisation abzuwehren. BSA ist sowohl mit betrieblichen Vorfällen als auch mit plötzlichen Ereignissen im privaten Umfeld der Organisationsmitglieder befasst.

Krisensituationen können sich aus anhaltenden Stressoren in Alltags‑ und Ausnahmesituationen entwickeln, wenn die normalen Bewältigungsressourcen nicht mehr ausreichen und Unterstützung nicht greift (weil Belastung ignoriert und Hilfe nicht angefordert wird). Der Umgang mit individuellen Krisen gehört zum Kerngeschäft der BSA, sie wird aber auch mit Krisen der Organisation konfrontiert und hat Formen von Hilfen, die gezielt und methodisch am Krisenprozess ansetzen und i.d.R. die Zuspitzung verhindern, indem mit den Betroffenen Schritte zur Lösung erarbeitet werden. Am Beispiel von Suiziden in der Arbeitswelt wird ein interdisziplinäres Vorgehen exemplarisch dargestellt.

Das Situationsquadrat der BSA teilt die o.g. Situationen – auch wenn sie nicht immer trennscharf voneinander abzugrenzen sind – anhand der zwei Achsen Dauer (kürzer oder länger) und der Bewältigungskompetenz (groß oder gering) ein. Es ist eine Folie, anhand welcher die Interventionen eruiert werden. Organisationen nutzen das Quadrat, um sich auf kritische und Notfallsituation vorzubereiten, weil in diesen Fällen die Bewältigungskompetenz in der Regel sehr angespannt ist.

Stress und Stressreaktionen von Menschen

Ausgehend von Hans Selyes frühen Experimenten über Stress als „unspezifische physiologische Reaktion des Körpers“ (S. 47) auf ereignisunabhängige Belastungen, seinen drei Stufen der Stressreaktion (Alarm, Widerstand, Erschöpfung) sowie die endokrinen Vorgänge auf Stress (auf der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse) beschreiben Klein & Schönke die evolutionär bedingten Stressreaktionsmuster des Fight (Kampf), des Flight (Flucht) und des Freeze (Einfrieren). Im Anschluss daran stellen sie das transaktionale Stressmodell nach Richard Lazarus vor, welches auf die Wahrnehmung und Bewertung der Stressoren (psychologisches Konzept) in Abhängigkeit von den vorhandenen Ressourcen zielt. Anhand eines Beispiels erklären Klein & Schönke wie ein Stressor als bedrohlich, herausfordernd oder irrelevant eintaxiert wird und danach die verfügbaren Ressourcen eruiert werden. Nur wenn ein Mangel an Ressourcen festgestellt wird, entstehen Stress und ggf. eine Überforderung oder Krise. Die Bewältigung kann problem‑ (d.h. der Stressor wird beeinflusst) oder emotionsorientiert (emotionale Regulation) ansetzen. Da Lazarus bereits bedacht hatte, dass die Bewertung von Stressoren transaktional erfolge, stellen der Autor und die Autorin die Hauptgründe für das verzögerte Auftreten von Belastungsreaktionen nach einem Vorfall zusammen: emotionale Verarbeitung, physiologische bzw. Umweltfaktoren und individuelle Unterschiede. Belastungsreaktionen können sich emotional, kognitiv, somatisch und im Verhalten Bahn brechen. Der „Normalisierung von Stressreaktionen“ (S. 59) attestieren die Verfasserin und der Verfasser enorme Bedeutung. In der BSA setzen sie insbesondere auf Psychoedukation und Beratung, die zur psychischen Entlastung, zur Förderung von Bewältigungsmechanismen und zur Prävention inklusive des Aufbaus von Netzwerken beitragen.

Psychosoziale Notfallversorgung in der Betrieblichen Sozialen Arbeit

Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) etablierte sich in den 1990er Jahren, als das Bewusstsein zunahm, dass Menschen nach dem Erleben von traumatischen Ereignissen durch ein System von Interventionen unterstützt und stabilisiert werden können. Zwischenzeitlich gibt es Standards, Checklisten und Ausbildungsanforderungen für Einsatzkräfte beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. PSNV und BSA basieren auf einer salutogenetischen Grundhaltung. Nach potenziell traumatischen Ereignissen haben sich die folgenden fünf Wirkfaktoren psychosozialer Unterstützung herauskristallisiert: Sicherheit, Beruhigung, Verbundenheit, Selbstwirksamkeit und Hoffnung. Anhand dieser Prinzipien lässt sich auch die PSNV für die BSA organisieren. In zeitlicher Hinsicht wird die psychosoziale erste Hilfe (Erstansprache von Kolleg:innen) in den ersten Stunden nach dem Ereignis wirksam. Sie geht sukzessive in die psychosoziale Akuthilfe (geschulte Personen) bis in die ersten Tage und die Unterstützung im sozialen Netzwerk, psychosoziale Hilfen (Beratungsinstanzen) und – soweit erforderlich – Diagnostik und Interventionen in ambulanter und stationärer Form (Versicherer, Ärzte oder Therapeuten) in den darauffolgenden Tagen und Wochen über. Die BSA gliedert die Maßnahmen, die Organisationen vorbereitend für den Umgang mit potenziell traumatisierenden Ereignissen anvisieren, in drei Phasen:

  1. Prävention: Sie fördert die Widerstandskraft und Resilienz von Personen und Organisationen mit primärpräventiven Schulungsangeboten und Notfallplänen. Sekundärpräventiv sollen Anzeichen für Erkrankungen frühzeitig identifiziert und wirksam behandelt werden. Mit der Tertiärprävention werden bei den bereits Erkrankten die Folgen eingedämmt und Rückfälle verhindert. Die Verhältnisprävention umfasst Arbeitsplatzgestaltung, Organisationskultur, interne wie externe Netzwerke, die über die BSA etabliert und verfügbar sind.
  2. Intervention: Sie umfasst die psychosoziale erste Hilfe (oft durch Kolleg:innen und Führungskräfte erbracht) und die psychosoziale Akuthilfe (professionell geschult, Mitarbeitende der BSA oder z.B. Psycholog:innen, betriebsmedizinischer Dienst), die – soweit vorhanden – in Notfallplänen und Informationsketten geregelt sind.
  3. Nachsorge: In dieser zeitlich unterschiedlich umfangreichen Phase arbeiten die BSA und alle anderen beteiligten Akteure sowie die Führungskraft an einer Unterstützungsstruktur, die der Bewältigung der Belastung der oder des Mitarbeitenden dienlich ist. Die Nachsorge bezieht sich dabei auf die Einzelfall-, die Team‑ und die Organisationsebene.

Psychotrauma: Mehr als nur Stress?

Psychotrauma wird nach Fischer & Riedesser (2023) als „tiefgreifende seelische Verletzung beschrieben, die aus der Erfahrung eines extrem belastenden oder überwältigenden Ereignisses resultiert, das die Fähigkeit einer Person, mit den Umständen umzugehen, übersteigt“ (S. 88). Das Erleben von Hilflosigkeit führe zu Erschütterungen des Selbst‑ und Weltbildes mit Kontroll‑ und Sicherheitsverlust der Personen. Das Kapitel beinhaltet Beispiele für Ereignisse, die auslösend für ein Psychotrauma sein können, die Merkmale, Trauma-Folgestörungen mit besonderem Fokus auf der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sowie Behandlungsmöglichkeiten im Allgemeinen und im Kontext eines „Arbeitsunfalls“ im Besonderen.

Die Bedeutung der Psychosozialen Notfallversorgung in der Praxis

Am Beispiel eines unvermittelt ausgeübten körperlichen Angriffs auf eine Pflegefachperson durch einen alkoholisierten Patienten in einer Notaufnahme demonstriert das Kapitel, wie ein implementiertes Verfahren einer psychosozialen Notfallversorgung dazu führte, eine Kette an ineinandergreifenden sofort versorgenden Personen in Gang zu setzen. Die kompetente Fortsetzung an den Folgetagen aktivierte die zügige Bewältigung des Vorfalls bei der Pflegeperson und verhinderte eine längere Krankheitsphase.

Die Rolle der betrieblichen Sozialen Arbeit in Krisen und Notfällen

Die BSA ist eine Instanz, deren Hauptaufgabe nach Ansicht der Autorin und des Autors in der professionellen Früherkennung liegt. Kolleg:innen und Führungskräfte dahingehend zu schulen, woran zu erkennen ist, wer gefährdet ist, eine Belastungsfolgenstörung zu entwickeln und wie psychosozial unterstützt werden kann, sei eine Maßnahme, die der Prävention und der frühen adäquaten psychosozialen Intervention dienen könne. Die Verankerung von Notfallkonzepten in den Betrieben sichert ein geplantes Vorgehen in der Versorgung und der Nachsorge.

Diskussion

Das mit der Reihe in den Fokus genommene Handlungsfeld beleuchtet mit dieser Publikation eine Aufgabe von BSA, die auf der Fallebene als höchst selbstverständlich angesehen wird: Soziale Arbeit kommt ins Spiel oder wird in Anspruch genommen, wenn es irgendwo hakt, eine Krise oder ein Notfall eingetreten ist. Der Autor und die Autorin dieses Bandes verdeutlichen, dass BSA weit darüber hinaus reicht, nämlich strukturell ansetzt und als Ausgangspunkt die gesamte Organisation setzt. Der Zeitpunkt von Krisen und Notfällen ist nicht vorhersehbar, mit einer Auftretenswahrscheinlichkeit muss aber gerechnet werden. Die Kunst besteht deshalb darin, eine Organisation so auszustatten, dass bei Eintreten einer Krise oder eines Notfalls eine Routine greift, die vorher erarbeitet und implementiert wurde. Dieses Vorgehen sichert zumindest, dass eine (psychosoziale) Erstversorgung stattfindet und im Gefolge weitere Glieder in der Kette aktiviert werden. BSA hat eine analytische Aufgabe, die darin besteht, auf organisationaler und auf personaler Ebene Gefahren (für Krisen und Notfälle) aufzuspüren, sie einzuschätzen und vor allem auch präventiv tätig zu werden. Dies ist eine sehr anspruchsvolle (und häufig wenig sichtbare) Tätigkeit, die aber eine wesentliche Rückversicherung ist, dass Notfall‑ und Kriseninterventionen wirkungsvoll geleistet werden können. Ergänzt werden Prävention und Intervention von der Nachsorge, die ebenso von der BSA erbracht werden.

Der Band liefert die nötigen theoretischen Grundlagen für ein Verständnis der psychosozialen Versorgung in Krisen und Notfällen. Dem Autor und der Autorin gelingt es, psychologische und systemtheoretische Erklärungen für die Phänomene darzulegen und das Heft des Handelns bei der BSA zu verankern, und ebenso auf die Kooperation mit organisationsexternen Partnern hinzuweisen.

Im Band sind sehr viele anschauliche Beispiele verarbeitet, die Vorgehensweisen zur Prävention darlegen, die Beispiele für die Implementierung aufzeigen, die Einblick geben in die Umsetzung in bekannten Organisationen. Der angekündigte Theorie-Praxis-Transfer ist umgesetzt und geglückt. Die dargestellten Anwendungsfälle lassen den Eindruck entstehen, dass es sich lohnt, in psychosoziale Krisen‑ und Notfallkonzepte zu investieren, weil sie dem Schutz der Personen und der Organisation dienen und Sicherheit verleihen, wenn sie gepflegt werden. Insofern hat der Inhalt des Buches auch eine ermächtigende Wirkung in einem Bereich, wo sich auch Fachpersonen oft als zunächst „hilflos“ erachten. Es zeigt Professionellen in der BSA auf, wie sie sich an ein Konzept betrieblicher Notfall‑ und Krisenversorgung herantasten können.

Fazit

Diesem Buch ist es überzeugend gelungen, Krisen‑ und Notfallsituationen in der BSA zu verankern. Für dort positionierte Fachpersonen stellt es eine Pflichtlektüre dar, aber auch für Interessierte aus dem Umfeld eine lohnenswerte Lektüre.

Literatur

Fischer, Gottfried & Riedesser, Peter (2023). Lehrbuch der Psychotraumatologie. 6. Aufl. München: Ernst Reinhardt.

Lazarus, Richard (1991). Emotion and adaptation. New York: Oxford University Press.

Selye, Hans (1936). A Syndrome produced by Diverse Nocuous Agents. Nature 138 (3479), 32. https://doi.org/10.1038/138032a0.

Rezension von
Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Website
Mailformular

Es gibt 91 Rezensionen von Irmgard Schroll-Decker.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245