Gülcan Irdem, Andrea Berger et al. (Hrsg.): Trauma und pathogene Erinnerungen
Rezensiert von Svenja Rehse, 19.08.2026
Gülcan Irdem, Andrea Berger, Frauke Niehues, Ghita Benaguid (Hrsg.): Trauma und pathogene Erinnerungen. Traumasensible Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: Kompetenz!Box Therapie und Beratung. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2026. 126 Seiten. ISBN 978-3-7495-0731-3. D: 60,00 EUR, A: 61,70 EUR.
Thema
Die Kompeten!Box Therapie & Beratung, ein aktuelles Produkt aus der Serie Kompetenzboxen für Therapie und Beratung des Jungfermann Verlags, vereint kompakte, durchgängig wissenschaftlich fundierte Informationen zu Trauma und pathogenen Erinnerungen im Bereich traumasensibler Arbeit im Kindes‑ und Jugendalter. Zusammengestellt sind ein 50-seitiges Booklet sowie 118 doppelseitige Informations‑ und Methodenkarten (Bild und Textseite), unterteilt in 9 Rubriken eines formal gestuft strukturierten therapeutischen Prozesses. Die Karten bieten passgenaue und zugleich flexible Unterstützung für Fachkräfte für den (ergänzenden) Einsatz im operativen Kontext. Außerdem bietet das Set prozessspezifische, vertiefende oder ergänzende Onlinematerialien (Video-, Audio‑ und schriftliche Dokumente, z.B. Handouts und weitere Zusatzmaterialien) als Hintergrundinformationen, die per Online-Zugangscode und QR-Codes zum Download bereitstehen.
Autor:innen
Die Autorinnen Andrea Berger und Gülcan Irdem werden im Booklet mit ihren Erfahrungen und Arbeitsschwerpunkten umfassend vorgestellt. Beide sind erfahrene Kinder‑ und Jugendlichentherapeutinnen jedoch mit unterschiedlichem Studien‑ und Weiterbildungshintergrund. Sie bringen langjährige Fachexpertise und umfangreiche Zusatzqualifikationen für die therapeutische Arbeit mit. Im Booklet ergänzen Fotos die biografischen Daten, weiterhin gibt es ein Doppelportrait auf einer einleitenden Karte im Set, auf deren Rückseite schildern die Autorinnen ihre Motivation zur Entwicklung der Kompetzenz!Box und ihre Intention für diejenigen Adressatinnen und Adressaten, die mit den Karten arbeiten.
Dipl.-Sozialpädagogin Andrea Berger ist approbierte Kinder‑ und Jugendlichen-Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie (VT) mit pädagogischem Hintergrund. Sie bringt 30 Jahre Berufserfahrung und seit 2013 spezifische Erfahrungen aus eigener Niederlassung mit. Als Traumatherapeutin und akkreditierte Child-& Adolescent Trainerin, Dozentin, Supervisorin und Selbsterfahrungsleiterin und mit vielen weiteren themenspezifische Qualifikationen ausgestattet, hat sie einen reichhaltigen themenspezifischen Hintergrund. Sie arbeitete zuvor u.a. in der Jugendhilfe und als Verfahrensbeiständin in hochstrittigen familiengerichtlichen Verfahren. Zudem bildet sie aus und engagiert sich im Verein Trauma AiD e.V. und hat in diesem Kontext die „traumasensible Herzensgeschichte: „Lesjunja – stärker als das Feuer“ veröffentlicht, ein Bilderbuch, das in 14 Sprachen übersetzt wurde.
Gülcan Irdem (M.Sc.) ist Psychologin und ebenfalls approbierte Kinder‑ und Jugendlichen-Therapeutin (VT) mit einer ebenso reichhaltigen Biografie und diversen zertifizierten Ausbildungen und Zusatzqualifikationen in trauma‑ und therapeutischen Verfahren. Sie ist weiterhin zertifizierte Ego-State-Therapeutin, Hypnosetherapeutin (beides wie auch Andrea Berger) und arbeitet als Supervisorin und in der Kinder‑ und Jugendlichen-Therapie. Auch sie hat vor dieser Tätigkeit in verschiedenen verantwortlichen Positionen in der Jugendhilfe gearbeitet, konkret in der Erziehungsberatung sowie als leitende Institutsleitung und in dieser Funktion als Koordinatorin mehrerer Bereiche (u.a. der Schulpsychologie, Clearing und Diagnostik und weiteren Fachdiensten). Gülcan Irdem bringt Erfahrungen aus Gremien‑ und Ausschussarbeit und Arbeitsgruppen ein und arbeitete aktiv und verantwortlich an der Vernetzung mit Fachstellen und Institutionen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind psychische Belastungen von Kindern, Jugendlichen und Familien im Kontext von Trauma, Migration und Flucht. Sie ist Herausgeberin der Fachpublikation „Psycho-soziale Beratung mit Migranten“ (2013). Beide Autorinnen arbeiten in NRW. Zusammenfassend sind unter jeder Biografie die jeweilige eigene Homepage der Autorinnen angegeben (vgl. Booklet S. 40/41).
Die Herausgeberinnen Frauke Niehues (approbierte Psychotherapeutin, Personal‑ und Organisationsentwicklerin, Dozentin, Mitleiterin eines Fortbildungsinstituts sowie Betreiberin eines Portals für Hoch‑ und Höchstbegabung) und Ghita Benaguid (psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt Hypnotherapie mit eigner Praxis und Leiterin der Milton-Erikson-Gesellschaft/Regionalstelle für klinische Hypnose e.V.) traten bereits bei nunmehr fünf weiteren Kompetenz!Boxen für Therapie und Praxis als kompetente und erfahrene Therapeutinnen und Herausgeberinnen in Erscheinung. Mit der Vergabe dieser Thematik an Andrea Berger und Gülcan Irdem als Traumatherapieexpertinnen ist ihnen erneut eine fruchtbare und fundierte Kooperation gelungen. Auch die Herausgeberinnen werden im Booklet kompakt vorgestellt und durch weiterführende Literatur ergänzt (vgl. Booklet S. 42). Eine eigene Fotokarte im Kartenset nutzen sie rückseitig für eine kurze Vorstellung ihrer Autorinnen Andrea Berger und Gülcan Irdem und einen kurzen Ausblick auf die Inhalte und die Intention dieser Box.
Entstehungshintergrund
Die Kompetenz!Box für Therapie und Beratung zum Thema Trauma und pathogene Erinnerungen von Andrea Berger und Gülcan Irdem ist das sechste Werk dieser Serie aus dem Junfermann Verlag. Die Kartensets bieten Fachkräften eine methodische Unterstützung für die Beratungs‑ und Therapiearbeit mir der jeweiligen Zielgruppe, hier Kinder und Jugendliche. Die vorliegende Kompeten!Box bedient die aus Kollegen‑ und Fachkreisen häufige Frage nach schnellem Zugriff auf geeignete Methoden und Materialien in der Arbeit mit belasteten und traumatisierten Kindern (S. 8). Empathie, fachliche Kompetenz, Vertrauen und Sicherheit in der therapeutischen Beziehung wollen die Autorinnen Andrea Berger und Gülcan Irdem mit diesen Methodenkarten um wirkstarkes Handwerkszeug bereichern und mit den konkreten und handlungsorientierten Übungen und Impulsen eine Lücke schließen. Sie haben ihre kreativen und praxisnahen Ideen und ihr berufspraktisches Wissen zusammengetragen und damit die Box entwickelt. Im Bewusstsein um ein gesellschaftspolitisch sehr großes Thema wollen sie mit der Kompetenz!Box einen Beitrag zu Heilung und einer gesunden Entwicklung liefern. Langfristig soll die Arbeit mit den Karten zu gelingender Bildung, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe ihrer belasteten und traumatisierten jungen Klientinnen und Klienten beitragen.
Aufbau
Die Kompeten!Box umfasst eine Hardcover Box mit magnetischem Klappdeckel, um 118 stabile Karten im Din á 5 Format aufzunehmen (Box: 22cm x 15,5cm x 7,5cm). Sie beinhaltet weiterhin ein Register von 0 bis 9, in das die Karten nach Themenfeldern eingeordnet werden können. Bonus ist die Rubrik 0, hier können Favoriten einsortiert und griffbereit gesteckt werden. Die Karten sind doppelseitig bedruckt. Auf der einen Seite befindet sich jeweils ein gezeichnetes farbig gestaltetes Bild, was direkt auf das Thema der Übung verweist oder eine Assoziation zum Thema ermöglicht. Vielfach finden sich Zeichnungen von Kindern oder Tieren in bestimmten Situationen darauf. Auch Landschaften, Symbole, teilweise kombiniert mit Schrift in pastellig-freundlichen Farben sind als Motive dargestellt. Einige Karten zeigen Modelle, die das Thema Trauma anschaulich erklären und altersentsprechen aufzeigen helfen sollen (z.B. der Aufbau des Gehirns oder die vier Reaktionsarten auf belastende Ereignisse/Stress mit Kampf/Angriff, Flucht, Erstarrung/Einfrieren oder Unterwerfung symbolisiert durch Tiere).
Die Textseiten der Karten sind kapitelweise mit einem seitlichen Streifen farbig umrandet. Dadurch sind die Karten markiert, nummeriert und bieten neben der Überschrift der Übung jeweils als Schlagwortsatz Angaben zum Ziel der Übung und das benötigte Material, darunter befindet sich die anschauliche und gut verständliche Beschreibung der Durchführung. Im Anschluss an die Durchführungsanleitung gibt es vertiefende Hinweise zu der jeweiligen Übung. Links oben auf dem farbigen Markierungsstreifen befinden sich – sofern vorhanden – Icons als Verweise zu abrufbaren Zusatzmaterialien (Video, Audio, Arbeitsblatt etc.). Jeweils oben rechts auf der Karte befindet sich ein kleiner QR-Code um weiteres Material abzurufen. Fast jede Karte bietet solcherart ergänzende Materialien.
Die Rubriken im Einzelnen sind
- 1 Basiskompetenzen – das Bauen beginnt mit dem Fundament
- 2 Vorbereitung – der sichere Anfang für eine heilsame Reise
- 3 Psychoedukation – Wissen ist Macht, lösen aus der Ohnmacht
- 4 Ressourcenaktivierung – einen Anker finden
- 5 Stabilisierung – Kapazitäten schaffen für die Integration von Belastung
- 6 Distanzierung – aus dem Sturm in den sicheren Hafen
- 7 Pendeltechniken – mit dem Finger durch die Flamme
- 8 Integration – schweres mit Leichtigkeit verbinden
- 9 Abschluss und Neuorientierung – eine Tür schließt sich viele Türen öffnen sich
Im beigefügten Booklet (s.u.) ist zu jeder dieser Rubriken eine kurze, zusammenfassende Erklärung gegeben, um die Zuordnung zu erleichtern und die Arbeit zu strukturieren (S. 11–13). Die im Booklet dargestellten Icons und QR-Codes sind auch auf den Karten abgebildet so ist ein schneller Überblick gegeben, ob es Videos Audios Arbeitsblätter Handouts sind. Ein weiterer Materialien-Fundus ist über den QR-Code auf den Karten bzw. den allgemeinen Zusatzmaterialcode (in der Box enthalten), per Handy oder am PC abzurufen.
In der Kategorie 8 sind Angaben zur Intensität der Übung in drei Kategorien angegeben.
Besonderen Wert legen die Autorinnen auch auf die Sicherheit in der Anwendung und geben auf Seite 14 z.B. an, dass Jugendliche, die sich in einer instabilen psychischen Verfassung befinden manche Übungen (insbesondere Fantasiereisen/Entspannung) nicht machen sollen oder dass Übungen beendet werden sollen, wenn sich Widerstände oder mangelndes Vertrauen/Sicherheit zeigen. Die fachliche Prüfung jeder eingesetzten Übung und die achtsame Begleitung wird jeweils vorausgesetzt und von den Autorinnen grundsätzlich angemahnt.
Das Booklet umfasst mit 50 Seiten eine kompakte Übersicht über die Thematik und eine Zusammenstellung aller Karten (Kartennummer, Titel, Kategorie, Ziele, Bonusmaterialien), es beinhaltet ein Vorwort von Dr. med. Alexander Jatzko, Chefarzt und Klinikdirektor Stillachhaus (Privatklinik) und eine Einleitung der Autorinnen Andrea Berger und Gülcan Irdem, es folgen Sicherheitshinweise zum Einsatz der Karten, Informationen zu Zielgruppe und Anwendungsbereichen. Kapitel 4 und 5 bieten fachliche Hinweise zu therapeutischer Grundhaltung, pathogenen Erinnerungen, Selbstheilungskräften und therapeutischer Beziehung Ressourcenorientierung, schulenübergreifende und transdiagnostische Einblicke u.v.a. Trauma wird kompakt im Kontext beleuchtet und mittels des traumakompensatorischen Schemas erläutert. Das Booklet bietet weiterhin fachliche Grundlagen und Informationen über die Autorinnen und Herausgeberinnen. Es gibt eine Literaturliste für Kinder und Jugendliche, Verweise auf Fachgesellschaften als weiterführende Organisationen, Materialien zur Psychotraumatologie und wissenschaftliche Literatur zur Vertiefung.
Inhalt
Das Thema Trauma und pathogene Erinnerungen rückt psychische Belastungen, Stress und Traumatisierungen von Kindern, Jugendlichen und Familien, Bedrohungen u.a. durch Ausgrenzung, Armut und soziale Missstände der Gesellschaft in den Fokus. Die Autorinnen fordern strukturelle Veränderungen als Querschnittsthema und tragen mit ihren Methodenkarten zu handlungsorientierter Bewältigung in der individuellen Therapie und Beratung bei. Diese sehen sie als kleinen, aber wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung der dargestellten Problemlagen. Trauma und Belastungen erkennen und bearbeiten erfordert im Kindes‑ und Jugendalter besondere methodische Ansätze. Diese werden im Booklet kompakt, wissenschaftlich fundiert mit kurzen Impulstexten fundiert vorgestellt und können mit der angegebenen weiterführenden Literatur vertieft werden. Die Kompetenz!Box bietet mit dem Booklet einen Leitfaden für den Einsatz der Karten, enthält aber auch Grundlageninformationen mit wissenschaftlichem Hintergrund zum Thema Trauma. Es beinhaltet eine Gesamtübersicht über die Interventionen aller 118 Karten der Box, bietet kapitelweise Zusammenfassungen der Karten und gibt damit einen Überblick in Form einer kompakten Darstellung des Themas, die die Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung aufzeigt. Als Leitfaden finden sich im Booklet genaue Hinweise, wie die Karten einzusetzen sind. Zu jedem Kartenblock (insgesamt 9 Themenabschnitte) finden sich Hinweise zum therapeutischen/beraterischen Einsatz. Die Karten können eingesetzt werden in der Beratung, in psychosozialen Tätigkeitsfeldern, in der Einzeltherapie, in Gruppenangeboten, zur Selbsterfahrung und Supervision sowie in Weiterbildung und Lehre. Aus der Bezeichnung Symptom/Psychopathologie wird der Begriff pathogene Erinnerungen und diese sollen durch den Einsatz der Karten langfristig durch Selbstwert-, Kompetenz‑ und Erfolgserlebnisse überschieben und „gesundet“ und geheilt werden. Zielgruppe der Karten sind Fachkräfte aus psychosozialer Beratung, Psychotherapie, Traumatherapie und Psychiatrie aber auch aus psychosozialen und pädagogischen Tätigkeitsfeldern. Adressaten sind traumatisierte und hoch belastete Kinder und Jugendliche. Auch Bezugspersonen können in die Arbeit mit den Karten einbezogen werden. Auf Gefahren und die Nichtzulässigkeit des therapeutischen Einsatzes der Materialien ohne Heilerlaubnis/Approbation wird deutlich hingewiesen. Die Karten können situationsspezifisch und flexibel eingesetzt werden und teilweise müssen sie das, wenn oder weil Klientinnen und Klienten noch nicht stabil genug sind, um diese oder jene Übung durchzuführen oder die Kompetenz!Box chronologisch „durchzuarbeiten“.
Ein Verzeichnis von Bilder-/Büchern für Kinder und Texten und Materialien für Jugendliche ist im Booklet vorhanden. Besonders verwiesen wird auf die Publikation von Andrea Berger selbst: „Lajunja, stärker als das Feuer“. Eingefügt ist eine Liste von Vereinen, Anlaufstellen, Netzwerken zum Thema Trauma, in denen sich teilweise auch die Autorinnen engagieren. Abschließend sind umfangreiche wissenschaftliche Literaturverweise im Booklet zusammengestellt. Die Karten dienen als praxisnahes Instrument und wollen Kindern und Jugendlichen konkrete Unterstützung beim Erreichen ihrer adaptiven, individuellen Ziele bieten und zu deren positiven Entwicklung beitragen. Nachfolgend werden exemplarisch drei Übungen der Karten vorgestellt:
Die Karte 2.1 Stoppen will gelernt sein hat das Thema eigene Bedürfnisse und Grenzen achten zu lernen Kontrolle bewahren und Verantwortung teilen zum Ziel.
Sie ist der Rubrik Vorbereitung zugeordnet, beinhaltet schriftliches Material und einen QR-Code mit weiteren Informationen. Es geht um pathogene Erlebnisse als Grenzerfahrung: Grenzen wurden körperlich und oder psychisch verletzt. Kinder und Jugendliche sollen mit dieser Übung zu aktiven Gestalterinnen und Gestaltern ihrer eigenen Prozesse werden und die Dynamik des Stoppen Dürfens erlernen und erleben. Dies soll als heilsame Diskrepanz-Erfahrung zu dem, was dort und damals nicht möglich war stehen. Die Anleitung beschreibt, dass bereits zu Beginn der gemeinsamen therapeutischen oder beraterischen Arbeit immer Möglichkeiten zur Unterbrechung gegeben sein sollen. Die Therapeutin/der Therapeut gibt konkrete Beispiele, dass er/sie achtsam im miteinander sein möchte. Er/sie bittet die Kinder ebenfalls achtsam und bei sich zu sein. „Vielleicht werden wir uns mit Fragen beschäftigen deren Beantwortung noch nicht möglich erscheint, vielleicht erproben wir eine Übung und merken erst bei der Durchführung, dass sie sich für dich nicht gut anfühlt. Deshalb ist es wichtig, dass wir klare Stoppzeichen vereinbaren.“ Inhalt der Übung ist das gemeinsame Vereinbaren der Stoppzeichen und das gemeinsame, wechselseitige Ausführen. „Wie könntest du Stopp sagen, so, dass ich es mitbekomme?“ Vor jeder weiteren/späteren Übung soll an dieses Stoppsignal erinnert werden, mitunter auch während der Durchführung von Übungen. Die Therapeutin/der Therapeut soll immer nachfragen, sofern sie/er Hinweise wahrnimmt, dass es dem Kind nicht gut geht. Therapeutinnen/Therapeuten sollen Stoppzeichen immer ernst nehmen, es gibt nach Aussage der Autorinnen in der Regel immer einen Grund hierfür. Als zusätzlicher Hinweis auf der Karte wird berichtet, dass diese Übung für Kinder eine lustvolle Erfahrung sein kann, insbesondere, wenn sie mit Bewegung durch den Raum und Erstarren kombiniert wird. Es wird angeleitet, wie man durch den Raum laufen und erstarren kann, sobald das Kind Stopp sagt. Rollenwechsel sind vorgesehen, so dass beide Parteien Stopp sagen und die andere Person jeweils sofort erstarrt. Anregung für Stopp Spiele je nach Lebensalter und eine Anleitung zum Basteln einer Polizeikelle als visuelle Stoppzeichen sind online bereitgestellt.
Auf der Bildseite dieser Karte befindet sich ein kleineres Kind, kniend mit diversen Fingerfarbtöpfen. Seine eine Hand ist rot bemalt und es steht Stopp auf der Handfläche. Das Kind hält diese Hand hoch, die Handfläche der betrachtenden Person entgegen und signalisiert so deutlich erkennbar das Stoppzeichen.
Die Karte 2.8 ist aus dem Bereich Vorbereitung. Sie ist betitelt: Ressourcenbelastungslinie Steine und Blumen auf dem Weg finden. Die Ziele sind: Ressourcen und Belastungen kontextualisieren und visualisieren, Beobachtungsrolle einüben, Behandlung planen. Das benötigte Material umfasst: ein Seil, Kunstblumen, Steine, Papiervorlagen zum Ausdrucken. Auch zu dieser Karte gibt es schriftliches Material sowie einen QR-Code. Einleitend wird das Übungsszenario für die anwendende Fachperson erläutert. Das Seil wird als Lebenslinie eingeführt. Das Kind/die/der Jugendliche soll üben, die Beobachterrolle zu dieser Lebenslinie mit einer gewissen Distanz einzunehmen. So soll die Handlungsfähigkeit im Hier und Jetzt trainiert und Anspannung abgebaut werden. Durch das Legen der Lebenslinie im Raum und den jeweiligen Rückzug zu einer Art Arbeitsplatz mit den weiteren Materialien wird die Übung in Bewegung durchgeführt, was eine lustvolle Diskrepanzerfahrung zu pathogenen Erlebnissen erzeugen verhilft.
Die Anleitung verweist auf die Erklärung des Seils symbolisch für den Lebensweg (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft), das aktuelle Alter wird markiert. Am Arbeitsplatz befinden sich die anderen Materialien. Das Kind sucht sich eine Blume, die symbolisch für die Geburt steht, danach werden Ressourcen (weitere Blumen) und Belastungen (Steine) erfragt, die die Kinder und Jugendlichen erlebt haben. All diese werden einzeln am Seil in zeitlicher Anordnung platziert. Je nach Alter werden neben den Symbolen Notizen der Therapeutin/des Therapeuten ergänzt, auf denen die jeweiligen Erinnerungen festgehalten sind. Die genaue Anleitung ist im Online-Material hinterlegt. Es gehört zur Übung, immer wieder vom Arbeitsplatz zur Lebenslinie zu wechseln. Dadurch wird die Distanzierung unterstützt und über die Bewegung soll auch die Anspannung abgebaut werden. Abschließend sollen positive Vorstellung für die Zukunft erfragt werden, auch hierfür werden Blumen gelegt. Der Hinweis am Kartenende richtet sich insbesondere ein jüngere Kinder. Diese sollen auf einen höheren Punkt im Raum klettern dürfen (z.B. auf den Tisch) und von dort ein Foto aus der Vogelperspektive machen, damit sie ihren Lebensweg aus der Distanz betrachten können. Die Bildseite der Karte zeigt eine Landschaft mit einer Wiese im Vordergrund, darauf sind Blumen und diverse Felsbrocken, ein milder Gebirgszug in der Ferne ist zu sehen, der quer über das gesamte Bild läuft. Im darüber gemalten Himmel flattern zwei Schmetterlinge, rechts steht ein stabiler größer Baum. All diese Bildelemente sind verschwommen und verzerrt gestaltet wie ein Hologramm. Einzig ein Weg in Schlangenlinien, der von der unteren Bildmitte zu den entfernten Bergen führt und kleine Blumen und Steine enthält ist klar erkennbar gezeichnet und farbig gestaltet. Das ganze Bild ist wie ein verwackeltes Foto, nur der Lebensweg ist klar zu erkennen.
Die Karte 6.5 Titel: Distanzierung ist eine imaginative Methode aus der EMDR-Therapie nach Shapiro (2013), um belastende Gefühle oder Körperempfindungen zu regulieren. Ziel der Übung ist es, belastungsassoziierte Körperempfindungen zu mildern und die Selbstwirksamkeit zu stärken. Die Belastung soll zunächst beschrieben und dann von der Klientin/dem Klienten im Körper gespürt werden. Eine Form und Farbe für das unangenehme Gefühl sollen assoziiert werden. Mit der Frage: „Welche heilsame Farbe könnte dir helfen, dieses unangenehme Gefühl kleiner zu machen/aufzulösen?“ sucht die Klientin/der Klient aktiv diese Farbe aus. Die gewählte Farbe soll als Licht imaginiert werden und durch eine selbstgewählte Öffnung in den Körper einströmen. Der Lichtstrom wird gezielt zu den negativen Körperempfindungen gelenkt, um dort die symbolisch gewählte (Form und Farbe der) Belastung zu umfließen oder zu durchdringen, bis diese sich auflöst. Eine dialogische Begleitung im Tempo der Klientin/des Klienten ist durchgängig vorgesehen. Zu der verbalen Begleitung ist online Material über die Karte (QR-Code) abrufbar. Der untenstehende Hinweis betrifft Kinder und Jugendliche mit sexuellen Gewalterfahrungen, die diese Übung ggf. noch nicht bereit sind durchzuführen und sie als invasiv erleben. Hier wird auf eine Vorübung mittels einer anderen Übungskarte verwiesen, um zu prüfen, inwieweit die Lichtstromtechnik möglich ist. Bleiben die negativen Körperempfindungen bestehen soll die Übung behutsam beendet werden. Zu dieser Übung gibt es noch schriftliches Material.
Die Karte zeigt auf der Bildseite ein stehendes Mädchen in einem dämmerigen Zimmer, sie hat die Augen geschlossen und hat eine Hand auf Brustkorbmitte und die andere Hand auf den Bauch liegen. Die Öffnung, durch die das gelbe Licht in den Körper einströmen kann, ist auf Höhe des Solarplexus und das Mädchen selbst ist Oberschenkelaufwärts bis weit über den Kopf innen und außen von Lichtsträngen umgeben, die stark leuchten. Mit diesem Bild kann die Übung vor‑ oder nachbereitet werden.
Diskussion
Das Thema Trauma und traumasensible Bildung, Beratung und Therapie ist aktueller, denn je und das Set bedient damit einen wachsenden Markt von Therapeutinnen und Fachkräften, die mit traumatisierten und schwer belasteten Kindern, Jugendlichen und auch ihren Familien konfrontiert sind. Mit dem flexibel einsetzbaren Material können sie die Beratungs‑ und Therapieverläufe modellieren und passgenau gestalten. Solide Fachkompetenz und sensible Beziehungsarbeit vorausgesetzt sind wertvolle Impulse für die Praxis entstanden, die die Heilungsprozesse fundamental unterstützen helfen. Aufgrund der sorgfältigen Zusammenstellung fehlen auch notwendige, wissenschaftlich gestützte Hintergrundhinweise sowie Sicherheitsaspekte bei der Anwendung nicht. Auch in der Aus‑ und Fortbildung können die Materialien sehr gut eingesetzt werden. Die professionelle Haltung und langjährige praktische Erfahrung beider Autorinnen mit ihrem je spezifischen Behandlungsschwerpunkt sind durchgängig deutlich erkennbar. Die Fülle an spezifischen Zusatzmaterialien ist ebenfalls eine Zusammenstellung, die die hohe Achtsamkeit und Fachkompetenz der Autorinnen aufzeigt. Die Kompetenz!Box Trauma und pathogene Erinnerungen ist damit ein wertvolles methodisches Handwerkszeug. Die beidseitig ansprechend gestaltete Karten mit je einem Bild und rückseitigen Informationen sind ebenfalls klug durchdacht, Fachkräfte können sich im therapeutischen Verlauf strukturiert zurechtfinden die die Übungen in ihrem spezifischen Setting gezielt einsetzen. Fachkompetenz und Approbation vorausgesetzt sind die Übungen wertvolle Ergänzungen zum Therapieverlauf, aber auch in Beratung und Schulung finden die Karten gute Einsatzmöglichkeiten. Die Bilder auf den Karten sind altersgerecht und ansprechend für Kinder und Jugendliche gestaltet. Grafisch in einem semi-naturalistischen Stil gezeichnet und mit weichem Farbverlauf gefüllt, ermutigen sie, sich auf die dargestellten Motive einzulassen, sich damit auseinander zu setzen und dann auch eine entsprechende Übung auszuprobieren. Es wird nicht klar, ob und wie die Bilder zu den Übungen eingesetzt werden, ob sie grundsätzlich und immer gezeigt und besprochen werden, oder nur nach Bedarf und Einschätzung, aber sie bieten in jedem Fall einen möglichen, guten Einstieg und Gesprächsanlass in das Thema, das manchmal auch symbolisch etwas versteckt dargestellt ist. Das Gespräch kann möglicherweise auch ausloten inwieweit ein sicherer Rahmen und genug Stabilität und Vertrauen vorhanden sind, um die Übungen durchzuführen. Abstraktere Motivkarten regen u.a. auch zu Fragen, Vermutungen an und laden ein, sich ein Bild/eine Meinung vom Bild zu machen, eine Position dazu zu finden und in einen Austausch zu gehen. Die farbigen Markierungsstreifen der Textseiten sind grundsätzlich sehr gut und strukturierend aber die Farbverläufe der einzelnen Kapitel sind sehr blass, so dass Unterscheidungen in mehreren Fällen schwerfallen. Allerdings gibt es das Register, das die Karten kapitelweise sortiert und trennt.
Fazit
Das Kompetenzbox bietet mit 118 Methodenkarten und einem zugrundeliegenden 50-Seitigen Booklet hochqualifiziertes, strukturiertes und insgesamt anwendungsfreundliches Material in der traumasensiblen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die weiteren Downloadmaterialien zum Anhören, Anschauen oder Lesen und Bearbeiten stehen als Bereicherung und Vertiefung zu fast jeder Übung zur Verfügung. Die gesamte Kartenbox ist wissenschaftlich fundiert und stellt eine Bereicherung für Therapie und Beratung dar.
Rezension von
Svenja Rehse
M.A., Dozentin Pädagogik (Fach-/Hochschulen) und Kunsttherapie
Website
Mailformular
Es gibt 27 Rezensionen von Svenja Rehse.





